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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Konferenzen.

Mazarin ließ den Riegel einer Doppeltür springen, an deren Schwelle Athos schon ganz gewärtig stand, seinen hohen Besuch zu empfangen, den ihm Comminges angekündigt hatte. Als er Mazarin sah, verneigte er sich und sagte: »Eure Eminenz hätte nicht nötig gehabt, sich begleiten zu lassen; die Ehre, die mir zu Teil wird, ist zu groß, als daß ich sie vergesse.« »Lieber Graf,« entgegnete d'Artagnan, »Seine Eminenz hat uns auch ganz und gar nicht gewollt; ich und du Vallon bestanden vielleicht auf ungebührliche Weise darauf, da unser Verlangen, Euch zu sehen, so groß war.« Bei dieser Stimme, bei diesem höhnischen Tone, bei der so bekannten Miene, welche diese Stimme und diesen Ton begleitete, sprang Athos vor Ueberraschung in die Höhe und rief: »D'Artagnan! Porthos!« »In Person, lieber Freund.« »Was bedeutet das?« fragte der Graf. »Das hat zu bedeuten,« erwiderte Mazarin, während er wie schon früher zu lächeln versuchte, sich aber im Lächeln in die Lippen biß, »das hat zu bedeuten, daß die Rollen gewechselt sind, denn statt, daß diese Herren meine Gefangenen sind, bin ich der Gefangene dieser Herren, so daß Ihr mich gezwungen seht, hier Gesetze anzunehmen, anstatt sie zu geben. Ich warne Euch aber, meine Herren, falls Ihr mich nicht etwa umbringt, wird Euer Sieg nur kurz sein; die Reihe wird Euch treffen, man wird kommen – –« »O gnädiger Herr,« fiel d'Artagnan ein, »keine Drohung, das ist ein schlimmes Beispiel. Wir sind doch mit Ew. Eminenz so sanft und liebreich. Ja, lasset uns alle üble Laune, allen Groll bei Seite setzen, und artig mitsammen reden.« »Mir ist nichts lieber als das, meine Herren,« versetzte Mazarin; »jedoch in dem Augenblicke, wo wir über mein Lösegeld unterhandeln, will ich nicht, daß Ihr Eure Lage für besser haltet, als sie ist; während Ihr mich in der Schlinge findet, seid Ihr mit mir in ihr gefangen. Wie wollet Ihr denn von da hinaus? Seht dort die Gitter und die Türen, seht, oder erratet vielmehr die Schildwachen, welche hinter diesen Gittern und Türen stehen, die Soldaten, welche die Höfe anfüllen, und laßt uns Vergleiche machen. Hört, ich will Euch beweisen, daß ich großherzig bin.« »Wohl,« dachte d'Artagnan, »halten wir uns wacker, denn er will uns einen Streich spielen.« »Ich habe Euch Eure Freiheit angeboten,« sprach der Kardinal, »ich biete sie Euch abermals an. Wollet Ihr sie? Ehe noch eine Stunde vergeht, wird man Euch entdecken und verhaften, oder Euch zwingen, mich zu töten, was ein häßliches Verbrechen wäre und ganz unwürdig so biederer Kavaliere, wie Ihr seid.« »Lasset Ihr mich aber frei abgehen,« fuhr Mazarin fort, »und nehmt dagegen Eure Freiheit – –« »Wie sollten wir unsere Freiheit annehmen,« fiel d'Artagnan ein, »da Sie uns dieselbe, wie Sie selber sagten, fünf Minuten darauf wieder nehmen könnten? Und,« fügte er hinzu, »so wie ich Sie kenne, werden Sie uns dieselbe wieder nehmen.« »Nein, auf mein Ehrenwort – – Glaubt Ihr mir nicht?« »Ich glaube nicht – –« »Wohlan, auf mein Wort als Minister.« »Das sind Sie nicht mehr, gnädiger Herr, Sie sind Gefangener.« »So wahr ich Mazarin heiße, bin ichs, und werde es immer sein, wie ich hoffe, Herr d'Artagnan,« fuhr er fort. »Ihr habt viel Verstand, und es tut mir sehr leid, daß ich mich mit Euch entzweit habe.« »Gnädigster Herr «, söhnen wir uns aus, mir ist nichts lieber als das.« »Wohlan,« sprach Mazarin, »wenn ich Euch auf eine augenfällige, fühlbare Weise in Sicherheit setzte.« »O, das ist etwas anderes,« bemerkte Porthos. »Wie das?« fragte Athos. »Ja wie?« wiederholte d'Artagnan. »Fürs erste: nehmt Ihr es an?« fragte der Kardinal. »Teilen Sie uns Ihren Plan mit, gnädiger Herr, und wir wollen sehen.« »Bedenket wohl, daß Ihr eingesperrt, daß Ihr gefangen seid.« »Sie wissen, gnädiger Herr, daß uns immer noch eine letzte Zuflucht bleibt.« »Welche denn?« »Mitsammen sterben.« Mazarin schauderte. dann sprach er. »Hört! am Ausgang dieses Korridors ist eine Türe, zu der ich den Schlüssel habe, und diese Türe führt in den Park. Geht fort mit diesem Schlüssel. Ihr seid behend. Ihr seid stark. Ihr seid bewaffnet; wenn Ihr hundert Schritte weit von hier zur Linken wendet, so werdet Ihr die Mauer des Parkes sehen; klettert über dieselbe, und mit drei Sätzen seid Ihr auf der Heerstraße und seid frei. Nun kenne ich Euch aber zu gut, um zu wissen, daß das kein Hindernis für Eure Flucht ist, wenn Ihr angegriffen werdet.« »Ha, bei Gott, gnädiger Herr,« entgegnete d'Artagnan, »das gefällt mir, das nenne ich reden. Wo ist dieser Schlüssel, den Sie uns anzubieten so gütig sind?« »Hier ist er.« »O, gnädiger Herr,« sprach d'Artagnan, »Sie werden uns wohl selbst bis zu jener Türe führen?« »Recht gern, wenn das zu Eurer Beruhigung dient.« Mazarin. der nicht so wohlfeilen Kaufes davon zu kommen hoffte, ging freudig nach dem Korridor und öffnete die Türe. Sie führte allerdings in den Park, das bemerkten die drei Flüchtlinge schon an dem Nachtwinde, der sich im Korridor verfing, und ihnen den Schnee in das Gesicht wehte. »Teufel, Teufel!« rief d'Artagnan, »das ist eine garstige Nacht. Wir kennen die Örtlichkeit nicht, und werden uns nicht zurechtfinden. Eure Eminenz hat schon so viel getan, und ist bis hierher gegangen – – o, gnädiger Herr, noch einige Schritte – – fuhren Sie uns doch bis zur Mauer.« »Es sei,« erwiderte der Kardinal. Er ging in gerader Linie und raschen Schrittes nach der Mauer, wo alle Vier in einem Augenblicke ankamen. »Seid Ihr nun zufrieden, meine Herren?« fragte Mazarin. »Das will ich meinen; Pest! wir wären ja ungenügsam, wir drei armen Kavaliere, wenn wir uns mit einer solchen Ehre der Begleitung nicht begnügten. – – Jedoch, gnädiger Herr, Sie haben vordem bemerkt, daß wir behend, stark und bewaffnet seien?« »Ja.« »Sie irren, denn nur ich und Herr du Vallon sind bewaffnet; der Herr de la Fère ist es nicht, und sollten wir etwa auf eine Runde stoßen, so müßten wir uns verteidigen können.« »Das ist nur allzu wahr.« »Wo werden wir aber ein Schwert hernehmen?« fragte Porthos. »Der gnädige Herr wird dem Grafen das seinige borgen, da er es nicht selber braucht,« sagte d'Artagnan. »Recht gern,« erwiderte der Kardinal, »ich möchte den Herrn Grafen sogar bitten, daß er es gefälligst als Andenken von mir behalten wolle.« »Ich denke, das ist artig, Graf,« sprach d'Artagnan. »Sonach gelobe ich auch dem gnädigen Herrn, daß ich mich nie von diesem Schwerte trennen werde.« »Nun, Athos,« sprach d'Artagnan, »steigt hinauf, und macht schnell.« Athos wurde von Porthos unterstützt, der ihn wie eine Feder aufhob, und erreichte die Höhe der Mauer. »Jetzt springt, Athos.« Athos sprang und verschwand auf der andern Seite der Mauer. »Seid Ihr auf dem Boden?« fragte d'Artagnan. »Ja.« »Unversehrt?« »Ganz wohlbehalten« »Porthos, habt Acht aus den Herrn Kardinal, indes ich hinaufsteigen werde – nein, ich brauche Eure Hilfe nicht, ich werde ganz allein hinaufklettern. Habt nur Acht auf den Kardinal.« »Ich achte auf ihn, erwiderte Porthos; »nun?« »Ihr habt doch Recht, es ist schwerer, als ich dachte; leiht mir Euren Rücken, lasset aber den Herrn Kardinal nicht los.« »Ich lasse ihn nicht los.« Porthos bot d'Artagnan seinen Rücken, und dieser saß mittels dieser Stütze im Nu auf der Höhe der Mauer. Mazarin tat, als ob er lachte. »Seid Ihr oben?« fragte Porthos. »Ja, mein Freund, und nun – –« »Nun – was?« »Nun reicht mir den Herrn Kardinal, und wenn er den geringsten Schrei ausstößt, so erwürget ihn.« Mazarin wollte schreien, allein Porthos umklammerte ihn mit seinen zwei Händen, und hob ihn hinauf bis zu d'Artagnan, der ihn am Kragen anfaßte und neben sich setzte. Dann sprach er in einem bedrohlichen Tone: »Mein Herr, springen Sie sogleich zu Herrn de la Fère hinab, oder ich töte Sie, auf Edelmannswort.« »Mein Herr, mein Herr.« stammelte Mazarin, »Ihr brecht Euer Wort.« »Ich?« »Wo habe ich etwas versprochen, gnädiger Herr?« Mazarin brach in ein Stöhnen aus und sagte: »Ihr seid frei durch mich, Eure Freiheit war mein Lösegeld,« »Allerdings, allein das Lösegeld jenes unermeßlichen in der Orangerie verborgenen Schatzes, zu dem man hinabgelangt. wenn man eine geheime Feder in der Mauer drückt, durch die sich ein Kasten dreht, der im drehen eine Treppe zeigt – sollen wir davon nicht auch ein bißchen reden –? sagen Sie an, gnädigster Herr!« »Gott.« rief Mazarin fast erstickt und die Hände faltend. »Gott, ich bin ein verlorener Mann!« Ohne daß sich aber d'Artagnan an sein Wehklagen kehrte, faßte er ihn unter dem Arme, und ließ ihn sanft hinabgleiten in Athos Arme, der unten an der Mauer gewartet hatte, hierauf wandte sich d'Artagnan zu Porthos und sagte: »Ergreift meine Hand, ich halte mich an der Mauer fest.« Porthos gab sich einen Schwung, daß die Mauer zitterte und gelangte gleichfalls auf die Höhe. »Ich hatte Euch nicht recht begriffen,« sprach er, »allein jetzt begreife ich, das ist sehr unterhaltend.« »Findet Ihr das?« fragte d'Artagnan. »Desto besser. Doch damit es bis ans Ende unterhaltend bleibe, laßt uns keine Zeit verlieren.« Er sprang von der Mauer hinab. Porthos tat desgleichen. »Meine Herren,« sagte d'Artagnan, »begleitet den Herrn Kardinal, ich will das Terrain untersuchen.« Der Gascogner zog sein Schwert und schritt voran. »Nach welcher Richtung müssen wir gehen, gnädiger Herr,« sprach er, »um zur Heerstraße zu gelangen? Überlegen Sie wohl, ehe Sie antworten, denn wenn sich Ew. Eminenz irrte, so könnte das nicht bloß für uns, sondern auch noch für Sie ernste Unannehmlichkeiten haben.« »Geht längs der Mauer fort, mein Herr,« entgegnete Mazarin, »da lauft Ihr nicht Gefahr, Euch zu verirren.« Die drei Freunde verdoppelten ihre Schritte; allein schon nach einer kurzen Strecke mußten sie ihren Gang mäßigen, da ihnen der Kardinal bei all' seinem guten Willen doch nicht zu folgen vermochte.

Auf einmal stieß d'Artagnan an etwas warmes, das sich bewegte. »Ha, ein Pferd,« rief er; »meine Herren, ich habe ein Pferd gefunden!« »Ich gleichfalls,« versetzte Athos. »Und auch ich,« sprach Porthos, welcher, getreu seiner Ordre, den Kardinal noch immer am Arme hielt. »Ha, das nenne ich einen Glücksfall!« sagte d'Artagnan, »gerade in dem Augenblicke, wo sich Ew. Eminenz beklagte, zu Fuße gehen zu müssen ...« Allein in dem Momente, wo er dies sprach, senkte sich ein Pistolenlauf nach seiner Brust herab, und er hörte ernst die Worte rufen: »Nichts angerührt!« »Grimaud,« rief er aus, »Grimaud, was tust Du hier? schickt Dich etwa der Himmel hieher?« »Nein, gnädiger Herr.« antwortete der biedere Diener, »sondern Herr Aramis, der mir die Pferde zu hüten befahl.« »Ist also Aramis hier?« »Ja, gnädiger Herr, seit gestern.« »Und was tut Ihr?« »Wir haben Acht.« »Was, Aramis ist hier?« wiederholte Athos. »Sein Posten war dort an der kleinen Pforte des Schlosses.« »Seid Ihr also zahlreich?« »Wir sind unser Sechzig.« »Gebt es ihm bekannt.« »Im Augenblicke, gnädiger Herr!« Da Grimaud der Meinung war, niemand würde den Auftrag so gut ausrichten wie er, so eilte er in vollem Laufe davon, indes die Freunde seelenvergnügt warteten, um sich wieder zu vereinigen. Es gab in der ganzen Gruppe nur Herrn von Mazarin, der in einer sehr üblen Stimmung war.

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