Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
Schließen

Navigation:

D'Artagnan ist in Bedrängnis, eine alte Bekanntschaft kommt ihm zu Hilfe

D'Artagnan kehrte also ganz gedankenvoll in sein Gasthaus in der Rue Tiquetonne zurück, fühlte ein ziemlich lebhaftes Vergnügen, den Säckel des Kardinals Mazarin zu tragen, und dachte an den schönen Diamant, der einst sein eigen war und den er einen Augenblick lang am Finger des Ministers blitzen sah. Was hätte d'Artagnan gesagt, wäre es ihm bewußt gewesen, daß die Königin diesen Ring Mazarin gegeben habe, um ihm denselben wieder zurückzustellen?

Als er in die Straße Tiquetonne einbog, sah er, daß dort ein großer Aufruhr stattfinde, und diese Bewegung war in der Nähe seiner Wohnung. »O,« sprach er, »ist etwa Feuer ausgebrochen im Gasthause la Chevrette?«

Als d'Artagnan näher kam, sah er, daß der Auflauf nicht im Gasthause stattfand, sondern im benachbarten Hause. Man erhob ein lautes Geschrei, stürzte mit Fackeln hin und her, und bei diesem Fackellichte bemerkte d'Artagnan Uniformen. Er erkundigte sich, was da vorgehe. Man gab ihm zur Antwort: ein Bürger habe mit etwa zwanzig seiner Freunde einen Wagen angegriffen, der von den Garden des Herrn Kardinals begleitet war, da jedoch eine Verstärkung hinzukam, so seien die Bürger in die Flucht getrieben worden. Der Anführer des Aufstandes flüchtete sich in das Haus neben der Herberge, und jenes werde eben durchsucht.

D'Artagnan wäre als Jüngling noch dahin geeilt, wo er Uniformen sah, und hätte den Soldaten gegen die Bürger beigestanden, doch war er lange nicht mehr dieser Brausekopf; überdies trug er die hundert Pistolen des Kardinals in der Tasche, und so wagte er es nicht, sich in den Auflauf zu mengen. Er kehrte in das Gasthaus zurück, ohne weitere Fragen zu stellen. Einst wollte d'Artagnan immer alles erfahren, jetzt wußte er immer genug.

Die Wirtin – eine stattliche, noch sehr hübsche Frau, die ihrem vornehmen Gaste die Stunden abendlicher Langeweile um so ungezwungener verkürzte, als ihr Ehegemahl seit langer Zeit verschollen war – erwartete d'Artagnan bereits ungeduldig, da sie, im Falle einer Gefahr, auf seinen Schutz hoffte. Sie wollte demnach ein Gespräch mit ihm anknüpfen und ihm mitteilen, was da vorgefallen war, allein d'Artagnan überlegte, und fühlte sich somit nicht geneigt zu plaudern. Sie zeigte auf das dampfende Nachtmahl, allein d'Artagnan verlangte, daß man ihm dasselbe auf sein Zimmer bringe, und eine Bouteille alten Burgunder hinzufüge.

Die schöne Magdalena – so nannte sich die Wirtin – war zum militärischen Gehorsam abgerichtet, nämlich auf einen Wink. Diesmal geruhte d'Artagnan zu sprechen, und ward sogleich mit doppelter Eilfertigkeit bedient. D'Artagnan nahm seinen Schlüssel und ein Licht und begab sich hinauf in sein Zimmer. Um der Miete nicht Eintrag zu tun, begnügte er sich mit einem Zimmer im vierten Stockwerke. Aus Achtung für die Wahrheit müssen wir sogar sagen, daß dieses Zimmer gerade unter der Dachrinne und dem Dache lag.

Sein erstes Geschäft war, daß er in einem alten Schreibtisch, woran nur das Schloß neu war, seinen Geldsäckel einsperrte, den er nicht einmal nachzusehen brauchte, um sich Rechenschaft über die darin befindliche Summe abzulegen. Als hierauf sogleich sein Nachtmahl mit der Bouteille Wein gebracht wurde, schickte er den Aufwärter wieder fort, schloß die Türe ab und setzte sich zu Tische.

Mit Anbruch des Tages wachte er auf, sprang mit ganz militärischer Rüstigkeit aus dem Bette, und ging gedankenvoll im Zimmer auf und nieder, als er das Klirren eines Fensters hörte, das man in seinem Zimmer einschlug. Er dachte sogleich an seinen Geldsäckel, der im Schreibtische lag, und eilte hinaus. Er irrte sich nicht, es kaum ein Mann durch das Fenster.

»Ha, Unverschämter!« rief d'Artagnan, da er diesen Mann für einen Schurken hielt, und ergriff seinen Degen.

»In des Himmels Namen, mein Herr!« rief der Mann, »stecken Sie Ihre Klinge wieder in die Scheide und durchbohren Sie mich nicht, ohne mich angehört zu haben. Ich bin nichts weniger als ein Dieb. Ich bin ein redlicher, wohlbestallter Bürger mit eigenem Hause. Ich nenne mich – doch wie, irre ich nicht? – Sie sind Herr d'Artagnan!«

»Und du Planchet,« entgegnete der Leutnant.

»Zu dienen, gnädiger Herr,« sagte Planchet voll Entzücken, »wenn ich noch zu dienen imstande wäre.«

»Vielleicht,« versetzte d'Artagnan; »was läufst du denn im Monat Januar um sieben Uhr über die Dächer?«

»Sie sollen es wissen, gnädiger Herr.« erwiderte Planchet, »aber am Ende sollen Sie's vielleicht doch nicht wissen.«

»Sprich, was ist's,« fragte d'Artagnan. »Erst hänge aber eine Serviette vor das Fenster und ziehe den Vorhang zu.« Planchet gehorchte, als er fertig war, sagte d'Artagnan: »Nun?«

»Gnädiger Herr,« antwortete Planchet vorsichtig. »Vor allem sagen Sie, wie Sie mit Herrn von Rochefort stehen.«

»E, ganz gut – warum Rochefort? Du weißt ja doch, er ist jetzt einer meiner besten Freunde.«

»O, desto besser.«

»Wie steht denn aber Rochefort in Beziehung mit dieser Manier, in mein Zimmer zu gelangen?«

»Ha, das ist es, gnädiger Herr; ich will Ihnen fürs erste sagen, daß Rochefort –« Planchet hielt inne.

»Bei Gott,« versetzte d'Artagnan, »ich weiß, daß er in der Bastille ist.«

»Das heißt: er war darin,« entgegnete Planchet.

»Wie denn: er war darin?« fragte d'Artagnan. »War er etwa so glücklich und konnte entwischen?«

»O, gnädiger Herr,« sagte Planchet, »wenn Sie das Glück nennen, so geht alles, so ist alles gut! Wie mich dünkt, so ließ man gestern Herrn Rochefort aus der Bastille holen.«

»Nun, beim Himmel, ich weiß es, da ich ihn dort abholte.«

»Doch zum Glücke für ihn haben Sie ihn nicht wieder dahin zurückgeführt, denn hätte ich Sie unter der Bedeckung erkannt, gnädiger Herr, so glauben Sie mir, ich hegte für Sie noch immer zu viel Achtung –«

»Pst! so ende doch einmal, was ist denn geschehen?«

»Wohlan, es geschah, daß ein großes Murren entstand, als die Kutsche des Herrn von Rochefort mitten in der Straße la Féronnerie durch eine Gruppe Volkes fuhr und die Leute der Bedeckung rauh gegen die Bürger waren; der Gefangene hielt das für eine günstige Gelegenheit sich zu nennen und um Hilfe zu rufen. Ich war anwesend, erkannte den Namen des Grafen von Rochefort, erinnerte mich, daß er es war, durch den ich Wachtmeister im Regiment Piemont geworden bin und rief laut: er sei ein Gefangener, er sei ein Freund des Herrn Herzogs von Beaufort. Man bot Trotz, hielt die Pferde an und warf die Bedeckung nieder. Mittlerweile öffnete ich den Kutschenschlag. Herr von Rochefort stieg aus und verlor sich in der Menge. Zum Unglück zog in diesem Momente eine Runde vorüber, verband sich mit den Leibwachen und griff uns an; ich ward bedrängt, zog mich zurück nach der Seite der Straße Tiquetonne, und flüchtete mich hier in das anstoßende Haus; man umzingelte und durchsuchte dasselbe, allein vergebens. Ich fand im fünften Stock eine mitleidige Person, die mich zwischen den Tapeten versteckt hielt. Da blieb ich denn bis zum Anbruch des Tages, und in der Besorgnis, man würde vielleicht am Abend die Untersuchungen wiederholen, wagte ich mich auf die Dachrinnen, wobei ich fürs erste in irgendeinem Hause einen Eingang und auch einen Ausgang suchte, die nicht bewacht wären. Das ist meine Geschichte, und auf Ehre, gnädiger Herr, ich wäre trostlos, wenn sie Ihnen mißfiele.«

»Nicht doch,« erwiderte d'Artagnan, »ich freue mich im Gegenteile sehr, wenn Rochefort frei ist. Weißt du aber eines? Daß du nämlich gehenkt wirst, wenn du den Leuten des Königs in die Hände gerätst.«

»Bei Gott, ob ich das weiß,« versetzte Planchet; »das ist es eben, was mich selbst bekümmert, und deshalb bin ich so froh, daß ich Sie wiederfand, denn wenn Sie mich verstecken wollen, so kann es niemand so gut wie Sie.«

»Ja,« sagte d'Artagnan, »das will ich recht gern, wiewohl ich mich mit meiner Stelle gefährde, wenn es kund wird, daß ich einem Anführer Zuflucht gewährte.«

»Ach, gnädiger Herr, Sie wissen wohl, daß ich für Sie mein Leben einsetzen würde.«

»Du darfst sogar beifügen, Planchet, daß du es schon eingesetzt hast. Ich vergesse nur das, was ich vergessen muß, doch an dies will ich mich stets erinnern. Setze dich also dorthin und iß ruhig, denn ich bemerke die ausdrucksvollen Blicke, die du auf die Überreste meines Nachtmahls wirfst.«

»Ja, gnädiger Herr, denn die Speisekammer der Nachbarin war schlecht bestellt; ich habe seit gestern Mittag nichts genossen als eine Brotschnitte mit Zwetschgenmus. Wiewohl ich die Süßigkeiten zu gehöriger Zeit nicht verschmähe, so fand ich doch das Abendmahl ein bißchen gar zu leicht.«

»Armer Junge,« sprach d'Artagnan,»stärke dich also.«

»Ach, gnädiger Herr,« sagte Planchet. »Sie retten mir zweimal das Leben.«

Er setzte sich an den Tisch und begann da zu verschlingen wie in den guten Tagen der Straße Fossoyeurs. D'Artagnan ging indessen auf und nieder und dachte über die Vorteile nach, welche er in seiner gegenwärtigen Lage aus Planchet ziehen könnte. Mittlerweile arbeitete Planchet mit allen Kräften, um die verlornen Stunden wieder einzubringen. Endlich stieß er den Seufzer der Befriedigung eines hungrigen Menschen aus, womit er andeutet, er wolle jetzt, nachdem die erste und tüchtige Grundlage gelegt ist, eine kleine Pause machen.

»Sag' an,« sprach d'Artagnan, der da glaubte, nun wäre der rechte Moment gekommen, um das Verhör zu beginnen; »gehen wir der Ordnung nach, weißt du, wo Athos ist?«

»Nein, mein Herr,« entgegnete Planchet.

»Teufel! weißt du, wo Porthos ist?«

»Eben so wenig.«

»Teufel! Teufel – und Aramis?«

»Gleichfalls nicht.«

»Teufel! Teufel! Teufel!«

»Aber,« versetzte Planchet mit seiner schlauen Miene, »ich weiß, wo Bazin ist!«

»Wie, du weißt, wo Bazin ist?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Wo ist er denn?«

»In Notre-Dame.«

»Und was tut er in Notre-Dame.«

»Er ist Kirchendiener.«

»Bazin, Kirchendiener in Notre-Dame? weißt du das gewiß?«

»Ganz gewiß, ich habe ihn gesehen und mit ihm geredet.«

»Er muß wohl wissen, wo sein Herr ist.«

»Ohne Zweifel.«

D'Artagnan dachte nach, sodann nahm er seinen Mantel und seinen Degen und machte Miene fortzugehen.

»Gnädiger Herr,« rief Planchet mit kläglicher Miene, »wollen Sie mich in dieser Lage verlassen? Bedenken Sie, ich habe keine andere Hoffnung als auf Sie allein.«

»Man wird dich hier nicht suchen,« erwiderte d'Artagnan.

»Wenn man aber doch käme,« versetzte der vorsichtige Planchet, »bedenken Sie nur, daß mich die Leute des Hauses, die mich nicht eintreten gesehen, für einen Dieb halten.«

»Das ist wahr,« sprach d'Artagnan, »laß uns nachdenken. Sprichst du irgendeine Mundart?«

»Ich spreche mehr als das, gnädiger Herr, ich verstehe eine fremde Sprache, nämlich flamändisch.«

»Zum Teufel, wo hast du das gelernt?«

»In Artois, wo ich zwei Jahre im Felde stand. Hören Sie: Goeden morgen, myn heer, ik ben begeerd te weeten hoc uwe gezoudheyd bestaed.«

»Was will das sagen?«

»Guten Morgen, mein Herr; ich beeile mich, Sie um den Stand Ihrer Gesundheit zu befragen.«

»Das nennt er eine Sprache! Doch gleichviel,« sagte Artagnan. »Das kommt nach Wunsch.«

D'Artagnan trat zu der Türe, rief einen Aufwärter und befahl ihm, der schönen Magdalena zu melden, sie möge heraufkommen.

»Was tun Sie, gnädiger Herr?« sagte Planchet; »wollen Sie etwa unser Geheimnis einer Frau anvertrauen?«

»Sei unbekümmert, diese wird kein Wort verraten.«

In diesem Moment trat die Wirtin ein; sie kam mit lächelndem Gesichte, und hoffte d'Artagnan allein anzutreffen, als sie aber Planchet erblickte, trat sie betroffen einen Schritt zurück.

»Liebe Wirtin,« rief d'Artagnan, »hier stelle ich Euch Euern Herrn Bruder vor, der aus Flandern angekommen ist, und den ich für einige Tage in meine Dienste aufnehme.«

»Mein Bruder?« sagte die Wirtin noch mehr betroffen.«

»Begrüßt doch Eure Schwester, Master Peter.«

»Willkom, Zuster,« sagte Planchet. »Goeden tag, broder!« antwortete die Witwe erstaunt. »Hört, wie das kommt,« sprach d'Artagnan; »dieser Herr ist Euer Bruder, den Ihr vielleicht nicht kennt, den aber ich kenne; er kam aus Amsterdam. Kleidet ihn während meiner Abwesenheit, und wenn ich zurückkomme, das ist in einer Stunde, stellt Ihr ihn mir vor, und indem ich Euch nichts verweigern kann, so nehme ich ihn in meinen Dienst auf, wiewohl er, versteht Ihr, kein Wort französisch spricht.«

»Ich errate Eure Wünsche, und mehr bedarf ich nicht,« entgegnete Magdalena.

»Ihr seid eine schätzbare Frau, meine schöne Wirtin, und ich vertraue auf Euch.« Er gab Planchet ein Zeichen des Einverständnisses und ging fort, um sich nach Notre-Dame zu begeben.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.