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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Königtum unter Herrn von Mazarin

Die Verhaftung von Athos machte gar kein Aufsehen, verursachte gar kein Ärgernis, und war beinahe unbekannt geblieben. Sie störte daher den Gang der Ereignisse durchaus nicht, und der Pariser Deputation wurde bedeutet, sie könne vor der Königin erscheinen. Die Königin empfing sie schweigend und stolz wie immer, hörte die Beschwerden und Bitten der Abgesandten an; als aber ihre Reden zu Ende waren, hätte niemand zu sagen vermocht, ob sie dieselben verstanden habe, so gleichgültig blieb das Gesicht der Königin Anna. Allein Mazarin, der bei dieser Audienz anwesend war, verstand recht gut, was die Abgeordneten wollten, nämlich einfach und unbedingt, in deutlichen und bestimmten Ausdrücken – seine Verweisung. Als nun die Reden beendigt waren, und die Königin stumm blieb, sprach Mazarin: »Meine Herren! ich will mich mit Euch verbünden, um die Königin zu bitten, daß sie den Leiden ihrer Untertanen ein Ziel setzen wolle. Ich habe zur Linderung derselben alles getan, was ich vermochte, und doch herrscht, wie Ihr sagt, allgemein die Meinung, daß sie von mir, dem armen Fremdling, herrühren, der nicht so glücklich war, den Beifall der Franzosen zu gewinnen. Man hat mich leider nicht verstanden, und das aus der einfachen Ursache, weil ich dem erhabensten Manne gefolgt bin, der noch je das Zepter der Könige von Frankreich unterstützt hat. Mich vernichten die Erinnerungen an Herrn von Richelieu. Wäre ich ehrsüchtig, würde ich gegen diese Erinnerungen fruchtlos ankämpfen; allein ich bin es nicht, und will auch den Beweis davon geben. Ich erkläre mich für überwunden; ich will tun, was das Volk begehrt. Haben die Pariser einiges Unglück gehabt, und wer hat das nicht, meine Herren, so ist Paris genugsam bestraft: es ist hinlänglich Blut geflossen, genug des Elends lastet auf einer Stadt die ihres Königs und der Gerechtigkeit beraubt ist. Ich will als einfacher Privatmann nicht die Verantwortung auf mich nehmen, daß eine Königin mit ihrem Reiche zerfalle. Da Ihr fordert, ich solle mich zurückziehen, nun denn, so will ich es tun.«

»Sonach,« flüsterte Aramis seinem Nachbar ins Ohr, »ist der Friede geschlossen und die Konferenzen sind unnötig. Man braucht nur noch Herrn Mazarin unter gutem Geleite bis an die entfernteste Grenze zu schicken und darüber zu wachen, daß er weder über diese, noch über eine andere zurückkomme.«

»Einen Augenblick, mein Herr, einen Augenblick,« sprach der Altenmann, an welchen Aramis sich gewendet hatte.

»Potz Wetter, wie Ihr schnell zu Werke geht! Man sieht es, daß Ihr ein Kriegsmann seid. Es ist noch der Punkt über Lohn und Schadloshaltung ins reine zu bringen.«

»Herr Kanzler,« sprach die Königin, zu Seguier gewendet, den wir bereits kennen, »eröffnet die Verhandlungen, die in Rueil stattfinden sollen. Der Herr Kardinal sprach von Dingen, welche mich ungemein erschütterten, darum will ich nicht umständlicher sprechen. Was das Bleiben oder Fortgehen anbelangt, weiß ich dem Herrn Kardinal zuviel Dank, als daß ich ihm nicht durchaus freien Willen lassen sollte. Der Herr Kardinal wird tun, was ihm gefällig ist.« Eine flüchtige Blässe überflog das Antlitz des Ministers. Er blickte die Königin mit Unruhe an. Ihr Gesicht schien so gleichgültig, daß er ebensowenig wie die anderen darin lesen konnte, was in ihrem Innern vorging.

»Ich bitte Euch aber,« fuhr die Königin fort, »daß die Rede so lang von dem Könige sei, bis sich der Herr Kardinal entscheidet.« Die Abgesandten verneigten und entfernten sich.

»Ha, was,« sprach die Königin, als der letzte derselben fortgegangen war, »Ihr wollt diesen Aktenwürmern und Advokaten nachgeben?«

»Madame,« entgegnete Mazarin, indem er sein Auge forschend auf die Königin heftete, »für das Glück Ihrer Majestät gibt es kein Opfer, das ich nicht darzubringen bereit wäre.« Mazarin sah sie jetzt an, wo sie allein zu sein wähnte, und nicht mehr eine ganze Welt von Feinden lauernd um sich hatte; er folgte den Gedanken auf ihrem Angesichte, wie man in klaren Seen die Wolken vorüberschweben sieht, welche, wie die Gedanken, eine Spiegelung des Himmels sind.

»Ich will somit dem Sturme weichen,« murmelte die Königin, »will den Frieden erkaufen, um in Geduld und Demut bessere Zeiten abzuwarten.« Mazarin lächelte bitter zu dieser Äußerung, welche anzeigte, daß sie den Antrag des Ministers für Ernst hielt. Anna, welche den Kopf gesenkt hatte, sah dieses Lächeln nicht; als sie jedoch bemerkte, daß auf ihre Fragen keine Antwort erfolgte, so richtete sie die Stirn wieder empor und sagte: »Nun, Kardinal, Ihr antwortet nicht, was denkt Ihr denn?«

»Madame, ich denke, daß dieser ungebührliche Edelmann, welchen wir durch Comminges verhaften ließen, auf Herrn Buckingham angespielt hat, als hätten Sie ihn ermorden lassen, auf Frau von Chevreuse, welche Sie verbannen, und auf Herrn von Beaufort, den Sie einsperren ließen. Wenn er aber auf mich angespielt hat, so geschah es, weil er nicht weiß, was ich Ihnen bin.« Die Königin Anna zitterte, wie sie zu tun pflegte, wenn man sie in ihrem Stolze verletzte, sie errötete und grub, um nicht zu antworten, ihre Nägel in ihre schönen Hände. »Er ist ein Mann von gutem Rate, von Ehre und von Geist, abgerechnet, daß er auch ein entschlossener Mann ist. Nicht wahr, Madame, Sie wissen etwas davon zu sagen? Somit will ich ihm – und das aus persönlicher Gunst – andeuten, worin er sich rücksichtlich meiner geirrt hat. Was man mir da vorschlägt, sieht wirklich fast so aus wie eine Abdankung, und eine Abdankung verdient Überlegung.«

»Eine Abdankung,« sprach Anna, »mein Herr, ich dächte, daß nur die Könige abdanken.«

»Nun denn,« antwortete Mazarin, »bin ich denn nicht beinahe König, König von Frankreich?« Das war eine jener Demütigungen, welche die Königin oft von Mazarin zu erdulden hatte, und unter denen sie jedesmal den Kopf neigte. Deshalb betrachtete die Königin Anna mit einem gewissen Schrecken die drohenden Züge des Kardinals, denen es in solchen Momenten nicht an einer gewissen Größe fehlte. »Mein Herr,« sprach sie, »habe ich nicht gesagt, und habt Ihr nicht gehört, wie ich zu diesen Leuten sagte, Ihr würdet tun, was Euch gut dünkt?«

»In diesem Falle,« entgegnete Mazarin, »muß es mir gut dünken, zu bleiben, glaube ich. Das ist nicht bloß mein Interesse, sondern ich erlaube mir auch zu sagen, daß es Ihre Rettung ist.«

»Bleibt also, mein Herr, ich wünsche nichts weiter, dann aber lasset mich nicht beleidigen.«

»Sie wollen von den Anforderungen der Aufrührer und von dem Tone sprechen, womit sie dieselben gestellt haben. O, Geduld! sie haben ein Terrain gewählt, auf dem ich ein viel geschickterer Feldherr bin als sie. Wir werden sie ganz einfach dadurch schlagen, daß wir Zeit gewinnen. Sie haben bereits Hunger; in acht Tagen geht es ihnen noch schlimmer.«

»O, mein Gott, ja, mein Herr, ich weiß, daß wir damit endigen werden; allein es handelt sich nicht bloß um sie, sie haben mir nicht die empfindlichsten Beleidigungen zugefügt.«

»Ach, ich begreife, Sie wollen von den Erinnerungen reden, welche diese drei oder vier Kavaliere unablässig hervorrufen. Wir halten sie in Gewahrsam, und sie sind strafbar genug, um sie so lang behalten zu können, wie es uns beliebt. Nur Einer ist noch außer unserer Gewalt, und bietet uns Trotz. Doch zum Teufel! wir werden auch ihn mit seinen Kameraden vereinigen können. Ich denke, daß wir schon viel Schwierigeres getan haben als das. Ich ließ zuvörderst und vorsichtshalber die zwei Widerspenstigsten in Rueil einsperren, nämlich unter meinen Augen und mir zur Hand. Der dritte wird noch heute zu ihnen stoßen.«

»So lange sie gefangen sitzen, wird das gut sein,« versetzte die Königin, »doch werden sie eines Tages frei werden.«

»Ja, wenn sie Ihre Majestät in Freiheit setzt.«

»Ha doch,« fuhr die Königin fort, auf ihre eigenen Gedanken antwortend, »so beklagt man Paris.«

»Warum?«

»Wegen der Bastille, mein Herr, die so fest und verschwiegen ist.« »Madame, mit den Konferenzen haben wir den Frieden, mit dem Frieden haben wir Paris, mit Paris besitzen wir die Bastille, und darin sollen unsere vier Großsprecher verkümmern.« Die Königin Anna runzelte leicht ihre Stirne, indes ihr Mazarin die Hand küßte, um sich zu beurlauben.

Begleitet von Mazarin und bedeckt von Comminges und einigen Soldaten, kam Athos nach Rueil, wo er im Auftrage Mazarins im Pavillon der Orangerie untergebracht wurde. Comminges zeigte sich sehr entgegenkommend und teilte Athos zu dessen Verwunderung mit, daß sich d'Artagnan im selben Hause befinde, und daß nur eine Mauer verhindere, daß die beiden Freunde einander durch die Fenster erblicken könnten. Athos bat Comminges, d'Artagnan seine Ankunft mitzuteilen und ihm auch beiläufig zu erzählen, daß Mazarin, ihn, Athos, noch am selben Abend zu besuchen, versprochen habe.

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