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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Straße nach der Picardie

Athos und Aramis, welche wohl in Paris sehr in Sicherheit waren, verhehlten sich die überaus großen Gefahren nicht, in die sie sich begaben, wenn sie den Fuß hinaussetzten; allein wir wissen, was die Frage nach Gefahr für solche Männer war. Überdies fühlten sie, daß die Entwicklung dieser zweiten Odyssee nahe sei, und daß es nur noch eines letzten Handstreichs bedurfte, wie man zu sagen pflegt. Die zwei Edelleute nahmen anfangs Umwege, damit sie nicht in die Hände von Mazarinern fielen, welche in Isle de France zerstreut waren, dann, damit sie den Frondeurs entgingen, welche die Normandie innehatten und welche nicht ermangelt hätten, sie vor Herrn von Longueville zu führen, auf daß er sie als Freunde oder Feinde erkenne. Als sie diesen zwei Gefahren entronnen waren, kamen sie auf der Straße von Boulogne wieder nach Abbéville, und folgten ihr Schritt für Schritt und Spur für Spur. Sie waren aber eine Weile unentschlossen; sie besuchten bereits zwei bis drei Wirtshäuser, befragten bereits zwei bis drei Wirte, ohne daß eine einzige Spur ihre Zweifel aufgeklärt oder ihre Nachforschungen geleitet hätte, als Athos mit seinen zarten Fingern auf etwas tastete, das rauh anzufühlen war. Er hob das Tischtuch auf und las die folgenden Hieroglyphen, welche mit einer Messerklinge tief in das Holz eingeschnitten waren:

Port ... – D`Art ... – 2. Februar.

»Vortrefflich!« rief Athos, während er Aramis diese Schrift zeigte; »wir wollten hier übernachten, doch das ist unnütz, wir ziehen weiter.« Somit setzten sie ihre Reise wieder fort. Es war ein höchst mühevolles und zumal sehr langweiliges Geschäft, das Athos und Aramis auf sich genommen. So gelangten sie bis Peronne. Schon waren sie wieder gewillt, umzukehren, als sie auf ihrem Ritte durch die Vorstadt, welche nach dem Stadttore führte, kamen, wo Athos auf einer weißen Mauer, welche die Ecke einer Straße bildete, die rings um den Wall lief, die Augen auf eine Zeichnung mit schwarzer Kreide richtete, welche mit der Kunstlosigkeit der ersten Versuche eines Kindes zwei Reiter im rasenden Galopp vorstellte; der eine dieser Reiter hielt in der Hand eine Tafel, auf der in spanischer Sprache geschrieben stand »Man folgt uns«.

»O!« rief Athos, »seht, das ist so klar wie der Tag. Wiewohl d'Artagnan verfolgt war, so wird er hier doch fünf Minuten angehalten haben; das beweist übrigens, daß man ihm nicht sehr nahe folgte, und vielleicht gelang es ihm, zu entrinnen.«

Aramis schüttelte den Kopf und sagte: »Wäre er entronnen, so hätten wir ihn wiedergesehen oder wenigstens von ihm sprechen gehört.«

»Ihr habt recht, Aramis; setzen wir unsern Weg fort.«

Es wäre unmöglich, die Unruhe und Ungeduld der beiden Freunde zu schildern, Athos' liebevolles und freundschaftliches Herz war beunruhigt und Aramis' reizbarer und leicht schwindelnder Kopf war voll Ungeduld. Sie sprengten somit zwei bis drei Stunden weit so rasend wie die zwei Reiter an der Mauer. Auf einmal sahen sie in einem engen, von zwei Hügeln eingeschlossenen Hohlweg die Straße durch einen ungeheuren Felsblock halb versperrt. Sein ursprünglicher Platz war an einer Seite des Abhangs angedeutet, und die Art Nische, welche er infolge des Ausbrechens zurückließ, zeigte an, daß er nicht von selbst herabrollen konnte, während wieder seine Schwere bewies, daß es, um ihn in Bewegung zu setzen, des Armes eines Enceladus oder Briareus bedurft hätte. Aramis hielt an. »O,« rief er, während er den Stein betrachtete, »an dieser Arbeit war Ajax Telamonius oder Porthos. Laßt uns doch absteigen, Herr Graf, und dieses Felsenstück untersuchen.« Beide stiegen ab; der Stein wurde augenfällig zu dem Ende herabgewälzt, um Reitern den Durchgang zu verrammeln. Er war somit anfangs quer über den Weg gelegt worden, denn stießen die Reiter auf dieses Hindernis, stiegen sie ab und wälzten es bei Seite. Die zwei Freunde untersuchten jenen Stein nach allen seinen beleuchteten Seiten, er bot nichts Auffallendes dar. Sie riefen nun Blaisois und Grimaud herbei. Zu Vier gelang es ihnen, den Fels umzuwenden. Auf der Seite, welche den Boden berührt hatte, stand geschrieben: »Acht Chevauxlegers setzen uns nach. Gelangen wir bis Compiegne, so kehren wir im »gekrönten Pfau« ein, da der Wirt zu unsern Freunden gehört.«

»Das lautet bestimmt,« sprach Athos, »und wir werden in dem einen wie in dem andern Falle erfahren, woran wir uns zu halten haben. Laßt uns somit zum »gekrönten Pfau« aufbrechen.«

»Ja,« entgegnete Aramis; »bevor wir aber abreiten, laßt unsere Pferde ein bißchen ausruhen, da sie wirklich fast erschöpft sind.« Aramis sprach wahr. Man kehrte in der nächsten Schenke ein und gab jedem Pferde ein doppeltes Maß von Hafer in Wein getränkt, gönnte ihnen drei Stunden Rast und brach dann wieder auf. Selbst die Männer waren erschöpft, doch hielt sie die Hoffnung aufrecht. Sechs Stunden darauf kamen Athos und Aramis nach Compiegne und fragten nach dem »gekrönten Pfau«. Man zeigte ihnen ein Schild, das den Gott Pan mit einer Krone auf dem Haupte darstellte. Die zwei Freunde stiegen ab, ohne bei dem Schilde zu verweilen, das Aramis zu einer andern Zeit derb getadelt hätte. Sie fanden in dem Gastwirte einen wackeren Mann, kahlköpfig und dickleibig wie ein chinesischer Magot, und fragten, ob er nicht vor kürzerer oder längerer Zeit zwei Kavaliere beherbergt, welche von Chevauxlegers verfolgt worden wären. Der Wirt holte, ohne zu antworten, aus einer Kiste eine Degenklinge hervor und sagte: »Kennen Sie das?« Athos warf nur einen Blick auf die Klinge und sprach: »Das ist d'Artagnan's Schwert.«

»Des großen oder des kleinen?« fragte der Wirt. »Des kleinen,« erwiderte Athos.

»Ich sehe, Sie sind Freunde dieser Herren.«

»Nun, was ist ihnen denn begegnet?«

»Sie kamen mit ganz erschöpften Pferden in meinem Hofraum an, und ehe sie noch Zeit hatten, das Tor abzusperren, sprengten acht Chevauxlegers, die sie verfolgten, hinter ihnen heran.«

»Acht!« rief Aramis; »es wundert mich sehr, daß sich zwei so Tapfere, wie d'Artagnan und Porthos, von acht Mann gefangen nehmen ließen.«

»Allerdings, mein Herr, und die acht Mann würden nichts ausgerichtet haben, hätten sie nicht an zwanzig Mann des königlichen italienischen Regiments, welches in dieser Stadt in Besatzung lag, herbeigerufen, wonach Ihre zwei Freunde buchstäblich durch die Zahl überwältigt wurden.«

»Gefangen genommen!« rief Athos, »und weiß man warum?«

»Nein, gnädiger Herr, man führte sie allsogleich hinweg, so daß sie nicht Zeit hatten, mir etwas zu sagen, nur fand ich, als sie schon fort waren, dieses Stück Schwert auf dem Schlachtfelde, wo ich zwei Tote und fünf bis sechs Verwundete wegschaffen half.«

»Und ist ihnen kein Leid geschehen?« fragte Aramis.

»Nein, ich glaube nicht, gnädiger Herr.«

»Gut,« versetzte Aramis, »das ist immer noch ein Trost.«

»Und wißt Ihr, wohin sie geführt wurden?« fragte Athos.

»In der Richtung von Louvres.«

»Wir lassen Blaisois und Grimaud hier.« sprach Athos, »sie sollen morgen mit den Pferden nach Paris zurückkehren, die heute auf der Straße erliegen würden, und nehmen wir die Post.«

»Wir nehmen die Post,« wiederholte Aramis. Man ließ Postpferde kommen. Mittlerweile speisten die zwei Freunde eilfertig zu Mittag, und wollten ihre Reise fortsetzen, wenn sie in Lauvres einige Auskünfte bekämen. Sie gelangten nach Louvres. Daselbst gab es kein Gasthaus; man trank hier Likör, der bereits schon damals dort bereitet wurde, und seinen Ruf bis zum heutigen Tag erhalten hat.

»Hier laßt uns einkehren,« sprach Athos, »d'Artagnan wird diese Gelegenheit nicht verabsäumt haben, nicht etwa um ein Gläschen Likör zu trinken, sondern um uns eine Weisung zurückzulassen.« Sie traten ein und begehrten zwei Gläser Likör am Jahrtische, wie es d'Artagnan und Porthos gleichfalls hatten tun müssen. Der Tisch, an dem man trank, war mit einer Zinnplatte überdeckt und auf dieser war mit der Spitze einer dicken Nadel eingegraben: »Rueil, D.«

»Sie sind in Rueil,« sprach Aramis, der diese Schrift zuerst bemerkte.

»Laßt uns also nach Rueil gehen,« versetzte Athos.

»Das heißt, uns dem Wolf in den Rachen werfen,« erwiderte Aramis.

»Wäre ich Jonas' Freund gewesen, wie ich d'Artagnan's Freund bin,« sprach Athos, »so wäre ich ihm bis in den Bauch des Walfisches gefolgt, und Ihr, Aramis, würdet dasselbe tun wie ich.«

»Gewiß, lieber Graf, ich glaube, Ihr macht mich besser, als ich bin. Wäre ich allein, so weiß ich nicht, ob ich ohne große Vorsichtsmaßregeln nach Rueil ginge; allein, wo Ihr hingeht, gehe ich gleichfalls hin.« Sie nahmen die Post und brachen auf, nach Rueil.

Athos gab, ohne es zu ahnen, Aramis den besten Rat von der Welt. Die Abgesandten des Parlaments waren eben wegen jener berühmten Konferenz angekommen, welche drei Wochen dauern und jenen hinkenden Frieden herbeiführen sollte, demzufolge der Prinz von Condo verhaftet wurde. Rueil war von Seite der Pariser mit Advokaten, Vorständen, Ratsherren und Beamten aller Art überfüllt; endlich von Seite des Hofes mit Edelleuten, Offizieren und Garden; so war es sonach mitten unter dieser Verwirrung ein Leichtes, so unbekannt zu bleiben, wie man es wünschen mochte, überdies führten sie Unterhandlungen zu einem Waffenstillstand, und in diesem Augenblicke zwei Kavaliere verhaften, ob sie auch Frondeurs der ersten Masse waren, wäre ein Eingriff in das Völkerrecht gewesen. Die zwei Freunde meinten, es wäre alle Welt mit dem Gedanken beschäftigt, der sie ???[Text fehlt] . Sie mengten sich unter die Gruppen, in der Hoffnung daß sie etwas über Porthos und d'Artagnan würden sprechen hören; allein jedermann beschäftigte sich nur mit Artikeln und Berichtigungen. Somit fuhren sie fort in ihren Nachforschungen, zogen vielfache Erkundigungen ein und ließen unter tausend Vormunden, wovon die einen sinnreicher waren als die andern, die Leute reden, bis sie zuletzt auf einen Cheveauxleger trafen, der ihnen bekannte, er habe zu der Eskorte gehört, welche d'Artagnan und Porthos von Compiègne nach Paris gebracht hatte. Ohne die Chevauxlegers hätte man nicht einmal gewußt, daß sie dort angekommen seien. Athos kam auf den Gedanken, mit der Königin zu sprechen. »Um mit der Königin zu sprechen, müßt Ihr für's erste mit dem Kardinal sprechen, und kaum werden wir mit ihm geredet haben, denkt wohl an das, was ich Euch sage, Athos, so werden wir mit unseren Freunden zusammenkommen, jedoch nicht auf die Art, wie wir es wünschten. Lasset uns in Freiheit handeln, um gut und schnell zu handeln.«

»Ich will zu der Königin gehen,« sprach Athos. »Wohlan, Freund, wenn Ihr entschlossen seid, diese Torheit zu begehn, so bitte ich, setzt mich einen Tag vorher in Kenntnis davon.«

»Warum?« Weil ich die Gelegenheit zu einem Besuche in Paris nützen will.«

»Bei wem?«

»Nun, was weiß ich! Vielleicht bei einer Frau von Longueville. Sie ist dort allmächtig und wird mir behilflich sein. Nur laßt mir Eure Verhaftung durch jemand melden, damit ich eilig wieder zurückkehre.«

»Warum wagt Ihr nicht auch mit mir die Verhaftung?« fragte Athos. »Nein, dafür danke ich.«

»Zu vier verhaftet und beisammen, wagen wir nichts mehr, denke ich. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden sind wir alle in Freiheit.«

»Mein Lieber, seit ich Châtillon getötet habe, den Liebling der Damen von Saint-Germain, erregte ich zuviel Aufsehen um meine Person, als daß ich nicht doppelt das Gefängnis fürchten müßte. Die Königin wäre imstande, bei dieser Gelegenheit auf Mazarin's Ratschläge einzugehen, und der Rat, den ihr Mazarin geben würde, wäre meine Hinrichtung.«

»Doch lieber Freund,« sprach Athos, »ich opfere mich auf, und will die Königin Anna um eine Audienz bitten.«

»Gott befohlen, Athos, ich gehe und werbe ein Heer an.«

»Und was tun?«

»Um zurückzukehren und Rueil zu belagern.«

»Wo werden wir uns wieder treffen?«

»Am Fuße des Galgens, den der Kardinal errichten läßt.« Die zwei Freunde schieden. Aramis, um nach Paris zurückzukehren, Athos, um sich durch einige Vorkehrungen einen Weg bis zur Königin zu eröffnen.

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