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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die drei Leutnants des Generalissimus.

Wie Athos und Aramis übereingekommen und in der abgemachten Ordnung begaben sie sich von dem Gasthause »Kaiser Karl der Große« nach dem Hotel des Herzogs von Bouillon. Athos und Aramis waren nicht hundert Schritt weit gekommen, ohne daß sie von den Schildwachen an den Barrikaden angehalten wurden, die sie um das Losungswort befragten; sie gaben zur Antwort, daß sie zu Herrn von Bouillon gingen, um ihm eine wichtige Nachricht zu bringen; und so gab man ihnen bloß einen Führer mit, der unter dem Vorwande, sie zu begleiten und ihnen den Durchgang zu erleichtern, über sie zu wachen hatte. Dieser schritt ihnen voran und sang:

»Ce brave monsieur de Bouillon
Est incommode de la goutte.

(Dieser brave Herr von Bouillon
Ist gequält vom Zipperlein.)

Das war ein neues Triolett, welches aus, ich weiß nicht wie vielen Couplets bestand, worin jeder sein Teil bekam. Als man in die Nähe des Hotels von Bouillon kam, kreuzte man eine kleine Schar von drei Reitern, die alle Losungsworte von der Welt hatten, denn sie ritten ohne Führer und Eskorte, und hatten an den Barrikaden bloß mit denen, welche sie bewachten, einige Worte zu wechseln, um sie mit all der Ehrerbietung vorüber zu lassen, welche sie zweifelsohne ihrem Range schuldig waren. Bei ihrem Anblick hielten Athos und Aramis an. »O!« rief Aramis. »Graf, seht Ihr?« »Ja,« entgegnete Athos. »Was haltet Ihr von diesen drei Reitern?« »Und Ihr, Aramis?« »Nun, daß es unsere Männer sind.« »Ihr habt nicht geirrt, ich habe Herrn von Flamarens sicher erkannt.« »Und ich Herrn von Chatillon.« »Was den Reiter im braunen Mantel betrifft... .« »Es ist der Kardinal.« »In Person.« »Potz Wetter, er wagt sich so in die Nähe des Hotels von Bouillon,« versetzte Aramis. Athos lächelte, ohne zu antworten. Fünf Minuten später klopften sie an der Türe des Prinzen. An der Türe stand eine Schildwache, wie es bei Personen höheren Standes der Gebrauch ist; es war sogar ein kleiner Posten im Hofraum, gewärtig, den Befehlen des Leutnants des Prinzen von Conti Folge zu leisten. Wie es im Liede hieß, so litt der Herzog von Bouillon an der Gicht und lag im Bett; allein trotz dieses bedenklichen Übels, das ihn seit Monatsfrist, das ist seit Paris belagert wurde, abgehalten hatte, ein Pferd zu besteigen, ließ er doch zurückmelden, er sei bereit, den Herrn Grafen de la Fere und Herrn Chevalier d'Herblay zu empfangen. Die zwei Freunde wurden nun bei dem Herzoge von Bouillon eingeführt. Der Kranke lag in seinem Zimmer wohl zu Bette, jedoch umgeben von allen erdenklichen kriegerischen Rüstungen. Man erblickte an den Wänden nichts als Schwerter, Pistolen, Panzer und Gewehre, und es ließ sich erachten, sobald Herr von Bouillon die Gicht nicht mehr hätte, würde er den Feinden des Parlaments tüchtig zu schaffen geben. Nunmehr mußte er aber zu seinem großen Leidwesen, wie er sagte, das Bett hüten. »Ach, meine Herren,« rief er, »Ihr seid recht glücklich, da Ihr reiten, hierhin und dorthin gehen und für die Sache des Volkes kämpfen könnet. Allein ich bin an das Bett geheftet, wie Ihr seht. O, die Teufelsgicht!« ächzte er und verzog abermals das Gesicht. »Gnädiger Herr,« sprach Athos, »wir kommen soeben aus England an, und es war bei unserer Ankunft in Paris unsere erste Sorge, uns nach Ihrem Befinden zu erkundigen.« »Großen Dank, meine Herren, großen Dank!« entgegnete der Herzog. »Um mein Befinden steht es schlimm, wie Ihr seht ... die Teufelsgicht! Ah, Ihr kommt von England? und der König Karl befindet sich wohl, wie ich erfahren habe?« »Er ist tot, gnädigster Herr!« erwiderte Aramis. »Bah!« machte der Herzog verwundert. »Er ward durch das Parlament verurteilt und starb auf dem Schafott.« »Unmöglich!« »Er ward vor unseren Augen hingerichtet.« »Was erzählte mir denn Herr von Flamarens?« »Herr von Flamarens?« wiederholte Aramis. »Ja, er ging eben von mir weg.« Athos lächelte und fragte: »Mit zwei Begleitern.« »Ja, mit zwei Begleitern,« antwortete der Herzog; dann fügte er mit einiger Besorgnis bei: »Seid Ihr ihnen vielleicht begegnet?« »Jawohl, auf der Straße, wie ich glaube,« versetzte Athos. Er sah Aramis lächelnd an, der ihn gleichfalls mit einer etwas verwunderten Miene anblickte. »Die Teufelsgicht!« ächzte der Herzog und fühlte sich augenscheinlich unwohl. »Gnädiger Herr,« sprach Athos, »es ist wirklich Ihre ganze Aufopferung für die Pariser Sache notwendig, um so leidend, wie Sie sind, an der Spitze der Kriegsscharen zu bleiben, wobei diese Beharrlichkeit in der Tat die Bewunderung des Herrn d'Herblay wie die meinige erweckt.« »Was wollt Ihr, meine Herren? Man muß doch – und Ihr, die Ihr so wacker und ergeben seid, Ihr, denen mein werter Kamerad, der Herzog von Beaufort, die Freiheit und vielleicht auch das Leben verdankt, Ihr seid ein Beispiel davon – man muß sich wohl aufopfern für das allgemeine Beste. Ich opfere mich auch auf, wie Ihr seht, allein ich bekenne, daß meine Kräfte zu Ende gehen. Das Herz ist gesund, der Kopf ist gesund, allein die Teufelsgicht tötet mich, und ich bekenne, daß, wenn der Hof meinen Anforderungen Gerechtigkeit widerfahren läßt, ganz billigen Anforderungen, da ich bloß eine vom vorigen Kardinal mir zugesicherte Schadloshaltung will, die er mir zugesagt, als man mir mein Fürstentum Sedan wegnahm; ja, ich bekenne, wenn man mir Krongüter von gleichem Werte gibt, wenn man mich für den Nichtgenuß dieses Besitztums, seit es mir weggenommen, nämlich seit acht Jahren, entschädigt, wenn der Titel Prinz denen zugestanden wird, welche meinem Hause angehören, und wenn mein Bruder Turenne wieder sein Kommando erhält, so will ich mich sogleich auf meine Güter zurückziehen und den Hof und das Parlament sich nach Belieben ins Einvernehmen setzen lassen.« »Sie hätten auch ganz recht, gnädigster Herr,« sprach Athos. »Das ist Eure Ansicht, nicht wahr, Herr Graf de la Fère?« »Ganz und gar.« »Und auch die Eurige, Herr Chevalier d'Herblay?« »Vollkommen.« »Nun, meine Herren,« fing der Herzog wieder an, »ich bekenne Euch, daß ich diese Ansicht ganz wahrscheinlich adoptieren werde. Der Hof macht mir in diesem Augenblicke Eröffnungen, und es steht nur bei mir, drauf einzugehen. Bis jetzt habe ich sie zurückgewiesen; da mir aber Männer, wie Ihr seid, sagen, ich habe unrecht, und da mich besonders diese Teufelsgicht unfähig macht, der Pariser Sache irgendeinen Dienst zu leisten, so habe ich, meiner Treue, große Lust, Euren Rat zu befolgen und den Vorschlag einzugehen, welchen mir soeben der Herr von Châtillon getan hat.« »Gehen Sie ihn ein, Prinz, gehen Sie ihn ein,« sagte Aramis. »Meiner Treue, ja, ich bin sogar verdrießlich, daß ich ihn diesen Abend zurückgewiesen habe – doch morgen haben wir eine Zusammenkunft, und da wollen wir sehen.«

Die zwei Freunde verneigten sich vor dem Herzoge; dieser sprach zu ihnen: »Geht, meine Herren, geht, Ihr müßt von der Reise sehr erschöpft sein. Der arme König Karl! Bei allem dem aber ist er ein bißchen selber schuld, und es muß uns trösten, daß sich hierbei Frankreich keinen Vorwurf zu machen hat, und daß es zu seiner Rettung alles getan hat, was es vermochte.« »O, was das betrifft,« versetzte Aramis, »so sind wir Zeugen davon. Zumal Herr von Mazarin –« »Nun seht, es freut mich sehr, daß Ihr ihm dieses Zeugnis erteilt; es liegt etwas Gutes in dem Kardinal, und wäre er nicht Ausländer – – so würde man ihm zuletzt Gerechtigkeit widerfahren lassen. – Ach, die Teufelsgicht!« Athos und Aramis gingen fort, allein das Ächzen des Herrn von Bouillon folgte ihnen bis in das Vorgemach; dieser arme Prinz litt augenscheinlich Höllenschmerz. Als sie zu dem Straßentore kamen, sagte Aramis zu Athos: »Nun, was denkt Ihr von ihm?« »Von wem?« »Bei Gott, von Herrn von Bouillon.« »Freund, ich denke von ihm das,« erwiderte Athos, »was das Triolett unseres Führers von ihm sagt:

›Dieser brave Herr von Bouillon
Ist gequält vom Zipperlein.‹«

»Ich erwähnte somit auch nichts von dem Gegenstande, der uns herführte,« sprach Aramis. «Da habt Ihr vorsichtig gehandelt; sonst hättet Ihr ihm wieder einen Anfall verursacht. Laßt uns jetzt zu Herrn von Beaufort gehen.« Die zwei Freunde begaben sich auf den Weg nach dem Hotel Vendôme. Es schlug zehn Uhr, als sie dort ankamen. Das Hotel Vendôme war ebenso gut bewacht, und bot einen ebenso kriegerischen Anblick wie das des Herrn von Bouillon. Es befanden sich hier Schildwachen, ein Posten im Hofraum, zusammengestellte Gewehre, gesattelte, am Ringe befestigte Pferde. Zwei Reiter, welche das Hotel in dem Momente verließen, wo Athos und Aramis hineinritten, mußten, um diese durchzulassen, einen Schritt weit zurückreiten. »Ah, meine Herren!« rief Aramis, »das ist wahrhaft die Nacht der Begegnungen, und ich gestehe, daß wir uns, nachdem wir heute schon so oft zusammengetroffen sind, unglücklich fühlten, wenn wir uns morgen nicht begegnen würden.« »O, in dieser Beziehung, mein Herr,« erwiderte Châtillon – denn er war es, der eben mit Flamarens vom Herzoge von Beaufort wegritt – »könnet Ihr unbekümmert sein; wenn wir uns des Nachts antreffen, ohne uns aufzusuchen, so werden wir uns um so eher bei Tage finden, wo wir uns wirklich suchen.« »Das hoffe ich auch, mein Herr,« entgegnete Aramis. »Und ich – bin davon überzeugt,« sprach der Herzog.

Die Herren von Flamarens und von Châtillon ritten weiter und Athos und Aramis stiegen vom Pferde. Sie hatten noch kaum den Zügel der Pferde den Bedienten übergeben und ihre Mäntel ausgezogen, als ein Mann zu ihnen trat. Und, nachdem er sie ein Weilchen lang bei dem matten Schein einer Laterne angeblickt, die mitten im Hofe hing, einen Schrei der Überraschung ausstieß und in ihre Arme flog. »Graf de la Fère!« rief dieser Mann, »Chevalier d'Herblay! Wie doch, Ihr seid in Paris?« »Rochefort!« riefen zugleich die beiden Freunde. »Ja sicher; wie Ihr erfahren habt, sind wir aus Vendômois vor vier oder fünf Tagen angekommen und haben im Sinne, Herrn Mazarin etwas zu schaffen zu geben. Ich setze voraus, daß Ihr noch immer unserer Partei angehört?« »Mehr als je. – Und der Herzog?« »Er ist gegen Mazarin höchlich aufgebracht. Wißt Ihr, welches Aufsehen der liebe Herzog erregt hat? Er ist gleichsam der König in Paris und kann nicht ausgehen, ohne Gefahr zu laufen, erdrückt zu werden.« »Ah, desto besser,« sprach Aramis; »allein sagt uns, sind nicht eben die Herren von Flamarens und von Châtillon hier weggeritten?« »Ja! sie hatten eine Audienz bei dem Herzog und kamen zweifelsohne in Mazarins Namen, allein sie werden ihren Mann gefunden haben, dafür bürge ich.« »Sagt doch,« sprach Athos, »könnte man nicht die Ehre haben. Seine Hoheit zu sehen?« »Wie doch! Im Augenblicke, Ihr wißt, für Euch ist er immer zu sprechen. Folgt mir, ich maße mir die Ehre an, Euch einzuführen.« Rochefort ging voraus. Alle Türen öffneten sich vor ihm und den zwei Freunden. Sie trafen Herrn von Beaufort, als er sich eben zu Tische setzen wollte. Die tausendfachen Geschäfte des Abends verspäteten sein Mahl bis zu diesem Augenblicke, allein ungeachtet dessen hatte der Prinz kaum die zwei Namen gehört, die ihm Rochefort nannte, so erhob er sich vom Stuhle, schritt schnell den beiden Freunden entgegen und empfing sie mit den Worten: »O, bei Gott, seid mir willkommen, meine Herren! Nicht wahr, Ihr teilt meine Abendmahlzeit mit mir? Boisjoli, sage Noirmont, daß ich zwei Gäste habe. Ihr kennt Noirmont, nicht wahr, meine Herren? Er ist mein Koch, der Nachfolger von Vater Marteau, der die Euch bekannten vortrefflichen Pasteten bäckt. Boisjoli, er soll eine schicken, doch keine solche, wie er für la Ramée gebacken hat. Gott sei Dank, wir brauchen jetzt keine Strickleitern, Dolche und Knebel mehr.« »Gnädigster Herr,« sprach Athos; »bemühen Sie unsertwegen Ihren berühmten Koch nicht, wir kennen seine vielen und mannigfaltigen Talente. Mit Erlaubnis Ew. Hoheit werden wir heute abend bloß die Ehre haben, uns nach Ihrem Befinden zu erkundigen und Ihre Befehle einzuholen.« »O, meine Gesundheit ist vortrefflich, wie Ihr seht, meine Herren; eine Gesundheit, welche in Vincennes in der Gesellschaft des Herrn von Chavigny fünf Jahre lang Trotz geboten hat, ist zu allem fähig. Was meine Befehle betrifft, so gestehe ich, meiner Treue, daß ich sehr in Verlegenheit wäre, Euch welche zu erteilen, da jeder die seinigen erteilt, und ich, wenn das so fortgeht, am Ende keine mehr geben werde.« »Wirklich!« rief Athos, »ich dachte aber, daß das Parlament auf Ihre Einigung rechnete.« »O ja, unsere Einigung, da steht es gut; mit dem Herzog von Bouillon geht es noch, er hat die Gicht, kommt nicht vom Bette weg, man kann sich mit ihm verständigen, allein mit Herrn von Elboeuf und seinen Elefanten von Söhnen – – Kennt Ihr das Triolett auf Herrn von Elboeuf, meine Herrn?« »Nein, gnädigster Herr.« »Wirklich?« Der Herzog fing an zu singen:

Font rage à la Place royale.
Ils vont tous quatre piaffants
Monsieur d'Elboeuf et ses entfants
Mais sitôt qu'il faut battre aux champs.
Adieu leur humeur martiale.
Monsieur d'Elboeuf et ses enfants
Font rage à Place royale.«

(Herr d'Elboeuf und seine Söhne machen großen Lärm auf dem Place-Royale, alle vier stolzieren hochtrabend einher, wenn sie aber ins Feld ziehen sollen, dann ist ihr kriegerischer Sinn verschwunden usw.)

»So steht es aber nicht mit dem Herrn Koadjutor, wie ich hoffe«, sagte Athos. »Ja doch, mit dem Koadjutor steht es noch schlimmer. Gott bewahre uns vor solchen Unruhestiftern,, welche über ihrem Chorrock einen Panzer tragen. Wißt Ihr, was er tut?« »Nein.« »Er wirbt ein Regiment an, dem er seinen Namen gibt, das Regiment Corinth. Er ernennt Leutnants und Kapitäne wie der Marschall von Frankreich und Oberste wie der König.« »Ja,« versetzte Aramis, »allein wenn er sich schlagen soll, so bleibt er gewiß in seinem Palaste.« »O, ganz und gar nicht, da irrt Ihr, lieber d'Herblay; wenn er kämpfen soll, so tut er es auch, so zwar, daß man ihn jetzt, wo ihm der Tod seines Oheims einen Sitz im Parlamente verschaffte, unaufhörlich zwischen den Beinen hat, im Parlamente, im Rate und auf dem Kampfplatze. Der Prinz von Conti ist General dem Namen nach, und so geht alles schlecht, meine Herren, alles sehr schlecht.« »So zwar, gnädigster Herr, daß Eure Hoheit unzufrieden ist,« sprach Athos und wechselte einen Blick mit Aramis. »Unzufrieden, Graf? sagt, daß meine Hoheit entrüstet ist.« Es war nicht mehr bloß ein Blick, es war ein Blick und ein Lächeln, welches Athos und Aramis austauschten, und wären ihnen auch Châtillon und Flamarens nicht begegnet, so hätten sie es doch erraten, daß sie hier gewesen seien. Sonach sprachen sie auch kein Wort von der Anwesenheit des Herrn von Mazarin in Paris. »Gnädigster Herr,« sprach Athos, »wir sind jetzt zufrieden. Als wir um diese Stunde zu Euer Hoheit kamen, hatten wir keine andere Absicht, als einen Beweis unserer Ergebenheit abzulegen, und Ihnen zu sagen, daß wir uns zu ihrer Verfügung als die getreuesten Diener stellen.« »Als meine getreuesten Freunde, meine Herren, als meine getreuesten Freunde! Ihr habt es mir bewährt, und sollte ich mich je wieder mit dem Hofe aussöhnen, so werde ich Euch, wie ich hoffe, beweisen, daß auch ich Euer Freund geblieben bin, so wie der dieser Herren... wie Teufel heißen sie denn – d'Artagnan und Porthos?« »D'Artagnan und Porthos.« »Ah ja, so ist's. Ihr versteht mich also, also Graf de la Fère? – Ihr versteht mich, Chevalier d'Herblay? Ganz und stets der Eure!« Athos und Aramis verneigten und entfernten sich. »Lieber Athos,« sprach Aramis, »Gott vergebe mir; ich glaube, daß Ihr mich nur begleitet habt, um mir eine Lehre zu geben.« »Wartet doch, mein Lieber,« versetzte Athos, »zu dieser Bemerkung wird es Zeit sein, wenn wir den Herrn Koadjutor verlassen.« »Laßt uns nach dem erzbischöflichen Palaste gehen.« Beide begaben sich auf den Weg nach der City.

Als sich Athos und Aramis der Wiege von Paris näherten, fanden sie die Straßen überschwemmt und waren abermals genötigt, einen Kahn zu nehmen. Der erzbischöfliche Palast ragte mitten aus dem Wasser empor, und vermöge der vielen Kähne, die rings um denselben angebunden waren, hätte man glauben mögen, man befinde sich nicht in Paris, sondern in Venedig. Diese Kähne fuhren hin und her, kreuzten sich in allen Richtungen und verloren sich im Straßenlabyrinth der City, oder in der Richtung des Zeughauses, oder des Kais von Saint-Victor und steuerten wie in einem See. Von diesen Schiffen waren die einen still und geheimnisvoll, die anderen lärmend und illuminiert. Die zwei Freunde glitten unter diese Welt von Fahrzeugen und landeten gleichfalls. Das ganze Erdgeschoß des erzbischöflichen Palastes stand unter Wasser, doch wurde eine Art Treppe an die Mauern gelegt, und die ganze Veränderung, die aus der Überschwemmung hervorgegangen war, bestand darin, daß man durch die Fenster eintrat, statt durch die Tore. Auf diese Art gelangten Athos und Aramis in das Vorgemach des Koadjutors, welches voll von Bedienten war, da sich ein Dutzend Kavaliere im Wartezimmer befanden. »Mein Gott!« rief Aramis, »seht nur, Athos, will sich etwa dieser Koadjutor das Vergnügen machen, uns im Vorzimmer warten zu lassen?« Athos lächelte und sagte: »Lieber Freund, man muß die Menschen hinnehmen mit all den Unannehmlichkeiten ihrer Stellung. Der Koadjutor ist in diesem Augenblicke einer der sieben oder acht Könige, welche in Paris regieren. Er macht einen Hof.« »Ja,« versetzte Aramis, »allein wir sind leine Höflinge.« »Somit wollen wir ihm unsere Namen melden lassen, und wenn er darauf keine geziemende Antwort gibt, so werden wir ihn bei den Angelegenheiten Frankreichs oder den seinigen lassen. Es handelt sich bloß darum, daß wir einen Diener rufen und ihm eine halbe Pistole in die Hand drücken.« »Nun eben,« sagte Aramis – »ich irre mich nicht – ja – nein – dennoch – es ist Bazin, der Schlingel, er kommt.« Bazin, der in diesem Augenblicke in seinem Küsteranzug majestätisch durch das Vorgemach schritt, wandte sich mit gerunzelter Stirne, um den Unverschämten zu sehen, der ihn auf solche Weise anredete. Kaum hatte er aber Aramis erkannt, so wurde aus dem Tiger ein Lamm, er ging auf die beiden Kavaliere zu und sagte: »Wie doch, Sie sind es, Herr Chevalier? Sie, Herr Graf? Sie kommen nun in dem Augenblicke an, wo wir so sehr um Sie besorgt waren. O, wie bin ich glücklich, Sie wieder zu sehen!« »Gut, gut, Meister Bazin,« rief Aramis, »halte ein mit Glückwünschen. Wir wollen den Herrn Koadjutor sprechen, doch muß das auf der Stelle geschehen, da wir Eile haben.« »Wie, augenblicklich?« entgegnete Bazin, »ja doch; Kavaliere, wie Sie, läßt man nicht im Vorgemache warten. Nur hat er in diesem Momente eine Beratung mit einem Herrn de Bruy. »De Bruy!« riefen zugleich Athos und Aramis. »Ja, ich habe ihn angemeldet und erinnere mich ganz wohl an seinen Namen. Kennt ihn der gnädige Herr?« fügte er hinzu und wandte sich an Aramis. »Mich dünkt, daß ich ihn kenne.« »Ich könnte das nicht behaupten,« entgegnete Bazin, »denn er war so dicht in seinen Mantel gehüllt, daß ich bei aller Mühe, die ich mir gab, kein Fleckchen seines Gesichtes zu sehen vermochte. Ich will aber hingehen und Sie anmelden, vielleicht bin ich diesmal glücklicher.« »Es ist nicht vonnöten,« versetzte Aramis, »wir leisten für diesen Abend darauf Verzicht, den Herrn Koadjutor zu sehen, nicht wahr, Athos?« »Wie es Euch beliebt,« erwiderte der Graf. »Ja, er hat mit diesem Herrn von Bruy zu wichtige Geschäfte abzutun.« »Und darf ich ihm sagen, daß diese Herren nach dem erzbischöflichen Palaste gekommen sind?« »Nein,« sagte Aramis, »es ist nicht der Mühe wert. Kommt, Athos.«

Die zwei Freunde drängten sich wieder durch die Menge der Bedienten und verließen den Palast, von Bazin begleitet, der ihre Wichtigkeit durch verschwenderische Höflichkeitsbezeigungen kundgab. »Nun,« fragte Athos, als er mit Aramis im Kahne saß, »fangt Ihr an zu glauben, daß wir all dieses Leuten mit der Verhaftung des Herrn von Mazarin einen üblen Streich gespielt hätten?« »Ihr seid die leibhaftige Weisheit, Athos,« entgegnete Aramis. Was die zwei Freunde hauptsächlich überraschte, war das geringe Gewicht, welches man am Hofe von Frankreich auf die furchtbaren Ereignisse in England legte, da sie ihnen doch die Aufmerksamkeit von ganz Europa erwecken zu müssen schienen. Eine arme Witwe und eine königliche Waise ausgenommen, welche in einem Winkel des Louvre trauerten, schien auch wirklich niemand zu wissen, daß es einen König Karl I. gegeben, und daß dieser König auf einem Schafott gestorben sei. Die zwei Freunde gaben sich für den folgenden Morgen um zehn Uhr das Rendezvous, denn wiewohl es schon spät war, als sie an das Tor des Gasthauses kamen, so behauptete Aramis doch, er habe noch wichtige Besuche zu machen, und ließ Aramis allein eintreten.

Am nächsten Morgen trafen sie Schlag zehn Uhr zusammen. Athos war schon um sechs Uhr früh ausgegangen. »Nun,« fragte Athos, »habt Ihr irgendeine Nachricht erhalten?« »Keine; man sah d'Artagnan noch nirgends und Porthos zeigte sich gleichfalls nicht. Und Ihr?« »Ich weiß nichts.« »Teufel!« rief Aramis. »Wahrlich,« sprach Athos, »diese Verspätung ist nicht natürlich; sie nahmen den geradesten Weg und hätten uns folglich zuvorkommen müssen.« »Fügt noch bei,« versetzte Aramis, »daß uns d'Artagnans Schnelligkeit bekannt ist, und daß er keine Stunde verloren hätte, da er wußte, daß wir seiner harren.« »Wenn Ihr Euch noch erinnert, so hoffte er, hier am Fünften einzutreffen.« »Und wir haben bald den Neunten. Diesen Abend geht die festgesetzte Frist zu Ende.« »Was glaubt Ihr wohl zu tun,« fragte Athos, »wenn wir diesen Abend noch keine Nachricht haben?« »Bei Gott, wir reisen ab, um sie aufzusuchen.« »Wohl,« versetzte Athos. »Allein Rudolf?« fragte Aramis. Über Athos' Stirne zog eine leichte Wolke hin; er sagte: »Rudolf macht mir viel Sorge; er erhielt gestern einen Brief von dem Prinzen Condé; er ging zu ihm nach Saint-Cloud und kehrte noch nicht zurück.« »Saht Ihr Frau von Chevreuse nicht?« »Sie war nicht zu Hause; und Ihr, Aramis, mußtet zu Frau von Longueville gehen, wie ich glaube?« »Ich war schon dort.« »Nun?« »Auch sie war nicht zu Hause, doch hat sie wenigstens die Adresse ihrer neuen Wohnung zurückgelassen.« »Wo war sie denn?« »Ratet, ich wette tausend gegen eins.« »Wie sollte ich es erraten, wo um Mitternacht – denn ich setze voraus, daß Ihr zu ihr gegangen seid, als Ihr mich verließet – wie sollte ich erraten, sage ich, wo um Mitternacht die schönste und rührigste Frondeuse ist!« »Im Rathause, mein Lieber.« »Wie, im Rathause? Ist sie denn zum Stadtschultheiß erwählt?« »Nein, sie machte sich aber zur einstweiligen Königin von Paris, und da sie sich nicht getraute, sich gleich anfangs im Palais-Royal oder in den Tuilerien einzurichten, so bezog sie das Stadthaus und wird nächstens dem lieben Herzog einen Erben oder eine Erbin schenken.« »Lieber Aramis,« sagte Athos, »Ihr erwähntet mir Nichts von diesem Umstande.« »Bah, wirklich? So habe ich das vergessen. Verzeiht.« »Nun,« fragte Athos, »was wollen wir bis abends tun? Wir sind jetzt nicht stark beschäftigt, wie mich dünkt.« Ihr vergeßt, daß wir etwas ganz Zugeschnittenes fertig zu bringen haben.« »Wo denn.« »In der Richtung von Charenton hin, bei Gott; ich hoffe, dort einen gewissen Herrn von Châtillon, den ich lange schon hasse, seinem Versprechen gemäß anzutreffen.« »Und weshalb haßt Ihr ihn?« »Weil er der Bruder eines gewissen Herrn von Coligny ist.« »Ah, richtig, das hatte ich vergessen! – er hat sich die Ehre angemaßt, Euer Nebenbuhler zu sein. Er wurde ob dieser Kühnheit sehr grausam bestraft, und das sollte Euch genügen, mein Lieber.« »Ja, ich sage Euch, das genügt mir nicht, da ich rachsüchtig bin. Und dann, Athos, versteht es sich von selbst, daß Ihr ganz und gar nicht gehalten seid, mich zu begleiten.« »Geht, Ihr scherzt nur,« sprach Athos. »Wenn Ihr entschlossen seid, mich zu begleiten, mein Lieber, so ist keine Zeit zu verlieren. Die Trommel wurde gerührt, ich begegnete den Reitern, welche aufbrachen, und sah Bürger, die sich vor dem Rathause in Schlachtordnung aufstellten; man wird sich sicher in der Nähe von Charenton schlagen, wie gestern Herr von Châtillon gesagt hat.« »Ich war der Meinung,« versetzte Athos, »die Beratungen dieser Nacht hätten an den kriegerischen Anordnungen etwas geändert.« »Ja, zweifelsohne, man wird sich aber nichtsdestoweniger schlagen, geschähe es auch nur, um diese Beratungen mehr zu maskieren.«

»Die armen Leute,« sprach Athos. »die sich werden hinwürgen lassen, damit man Herrn von Bouillon Sedan zurückgebe, damit man Herrn von Beaufort den Anspruch auf die Admiralität lasse, damit der Koadjutor Kardinal werde.«

»Ei, geht, mein Lieber,« sagte Aramis. »gesteht nur ein, Ihr würdet nicht derart philosophieren, müßte nicht Euer Rudolf Anteil nehmen an all diesen Streitigkeiten.«

»Vielleicht sprecht Ihr wahr, Aramis.«

»So laßt uns also hingehen, wo man sich schlägt, das ist ein sicherer Weg, um d'Artagnan, Porthos und vielleicht auch Rudolf wiederzufinden.«

»Ach!« seufzte Athos. »Lieber Freund.« versetzte Aramis, »ich sage Euch, da wir jetzt in Paris sind, so müßt Ihr die Gewohnheit des beständigen Seufzens ablegen. Zum Kriege, bei Gott! wie im Kriege! Athos, seid Ihr denn nicht mehr Krieger? Habt Ihr Euch zum Geistlichen gemacht? Seht doch, da ziehen schöne Bürger vorüber! Bei Gott, das ist anlockend; und seht den Kapitän an, der hat fast ein militärisches Aussehen.«

»Sie kommen aus der Straße du Mouton.«

»Die Trommel an der Spitze, wie wahrhafte Soldaten; aber seht doch jenen Mann dort, wie er sich wiegt, wie er einhersteigt.«

»He!« sagte Grimaud. »Was?« fragte Athos. »Planchet, gnädiger Herr!«

»Gestern noch Leutnant,« sagte Aramis, »heute Kapitän, morgen sicher schon Oberst; dieser Mensch wird in acht Tagen Marschall von Frankreich.«

»Wir wollen ihn um einige Auskunft fragen,« sagte Athos. Die zwei Freunde traten zu Planchet, der, stolzer als je, den beiden Kavalieren zu eröffnen geruhte, daß er den Auftrag habe, sich auf dem Place-Royale mit zweihundert Mann aufzustellen, welche den Nachtrab des Pariser Heeres bildeten, um von dort nötigenfalls nach Charenton zu ziehen.« Da Athos und Aramis in derselben Richtung gingen, so begleiteten sie Planchet bis zu seinem Platze. Planchet ließ seine Mannschaft ziemlich geschickt auf dem Place-Royale manövrieren und stellte sich hinter einer langen Reihe von Bürgern auf, welche in der Straße und Vorstadt Saint-Antoine standen und das Zeichen zum Kampfe erwarteten. »Der Tag wird heiß werden,« sprach Planchet in kriegerischem Tone.

»Ja, sicher,« entgegnete Aramis, »von hier bis zum Feinde ist es aber noch weit.«

»Gnädiger Herr,« antwortete der Kapitän, »man wird die Entfernung abkürzen.« Aramis verneigte sich, wandte sich dann zu Athos und sprach: »Es behagt mir nicht, mit all diesen Leuten da auf dem Place-Royal zu kampieren; wollt Ihr nicht, daß wir weiterziehen? Wir werden die Dinge besser zu Gesicht bekommen.«

»Und dann würde Euch Herr von Châtillon nicht auf dem Place-Royale suchen, nicht wahr? So gehen wir denn weiter, Freund.«

»Habt Ihr nicht auch mit Herrn Flamarens ein paar Worte zu reden?«

»Freund,« erwiderte Athos, »ich habe einen Entschluß gefaßt, nämlich das Schwert nur noch im Falle der Not zu ziehen.«

»Seit wann das?«

»Seit ich den Dolch gezückt habe.«

»Ah, gut, noch eine Erinnerung an Herrn Mordaunt. Wahrlich, mein Lieber, es fehlte nur noch, Gewissensbisse darüber zu empfinden, daß Ihr ihn getötet habt.«

»Stille,« rief Athos und legte mit seinem ihm eigentümlichen Lächeln einen Finger auf den Mund, »reden wir nicht mehr von Mordaunt, das könnte uns Unheil bringen.«

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