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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Wie Mousqueton, nachdem er der Gefahr entronnen war, gebraten zu werden, beinahe aufgegessen worden wäre

Auf den soeben mitgeteilten schrecklichen Vorfall trat in der Barke ein langes, tiefes Stillschweigen ein; der Mond, der auf ein Weilchen hervorgetreten war, als habe es Gott gewollt, das kein Umstand dieses Ereignisses vor den Augen der Zuschauer verborgen bliebe, verschwand wieder hinter den Wollen; alles kehrte in die Dunkelheit zurück. Porthos brach das Schweigen zuerst und sagte: »Ich habe schon so mancherlei gesehen, doch erschütterte mich noch nichts so sehr wie das, was ich soeben sah. Allein, wie ich auch ergriffen bin, so erkläre ich Euch doch, daß ich mich überaus glücklich fühle. Ich trage einen Zentner weniger auf der Brust und kann endlich wieder frei atmen.« Porthos atmete auch wirklich mit einem Geräusche, das dem mächtigen Spiele seiner Lunge Ehre machte. »Was mich betrifft,« versetzte Aramis, »so sage ich nicht so viel wie Ihr, Porthos; ich bin noch voll Schrecken, ja, ich bin es in dem Maße, daß ich meinen Augen nicht traue, daß ich an dem zweifle, was ich sah, daß ich rings um die Barke spähe und jeden Augenblick diesen Ruchlosen mit dem Dolche, den er im Herzen hatte, nun in der Hand wieder erscheinen zu sehen glaube.« »O, darüber bin ich beruhigt,« entgegnete Porthos, »der Stoß war gegen die sechste Rippe geführt und der Dolch drang bis an den Griff hinein. Ich mache Euch deshalb keinen Vorwurf, Athos. So muß man treffen, wenn man trifft. Auch ich lebe jetzt, ich atme und bin wohlgemut.« »Porthos,« sagte d'Artagnan, »übereilt Euch nicht in Eurem Siegesjubel; wir haben noch nie eine größere Gefahr bestanden, als in diesem Augenblicke, denn ein Mensch wird mit einem Menschen fertig, allein nicht mit einem Elemente. Jetzt sind wir aber des Nachts ohne Führer in einem zerbrechlichen Fahrzeuge auf der See; schlägt ein Windstoß das Schiff um, so sind wir alle verloren.« Mousqueton stieß einen tiefen Seufzer aus. »D'Artagnan,« sprach Athos, »Ihr seid undankbar, ja undankbar, da Ihr an der Vorsehung in dem Augenblicke zweifelt, wo sie uns so wunderbar errettet hat. Meint Ihr denn, daß sie uns, wo sie uns an der Hand leitend, so große Gefahren überstehen ließ, nachher aufgeben werde? O nein! wir fuhren mit dem Westwinde ab, der noch immer fortweht.« Athos orientierte sich über den Polarstern. »Dorthin ist das Siebengestirn, folglich ist dorthin Frankreich. Überlassen wir uns dem Winde, und so lange er nicht umschlägt, wird er uns nach den Küsten von Calais oder Boulogne treiben. Wenn die Barke umschlägt, so sind wir fünf jedenfalls stark genug und hinlänglich gute Schwimmer, um sie wieder aufzurichten, oder um uns daran zu klammern, wenn die Anstrengung fruchtlos wäre. Jetzt steuern wir aber in dem Fahrwasser aller Schiffe, welche von Dover nach Calais und von Portsmouth noch Boulogne segeln; wenn das Wasser die Spuren derselben behielte, so würden sie an der Stelle, wo wir eben sind, ein Tal ausgehöhlt haben. Sonach ist es unmöglich, daß wir mit dem Tage nicht irgendeinem Fischerkahne begegnen, der uns aufnehmen wird.« »Wenn wir aber doch keinem begegnen und der Wind nach Norden umschlägt?« »Dann ist es etwas anderes,« antwortete Athos; »wir fänden erst wieder Land an der anderen Küste des Atlantischen Ozeans.« »Das will so viel sagen, als, wir werden dann verhungern,« bemerkte Aramis. »Das ist mehr als wahrscheinlich,« versetzte der Graf de la Fère.

Auf einmal erhob Mousqueton einen Freudenschrei, während er seine mit einer Flasche ausgerüstete Hand in die Höhe schwang. »O,« sprach er, indem er Porthos die Flasche bot, »o, gnädiger Herr, wir sind gerettet; die Barke ist mit Lebensmitteln ausgestattet.« Er suchte nun lebhaft unter der Ruderbank, wo er bereits die kostbare Probe hervorgeholt hatte, und brachte allgemach ein Dutzend ähnlicher Flaschen, ein Brot und ein Stück Pökelfleisch zum Vorschein. Wir brauchen nicht anzuführen, daß auf diesen Fund wieder alle frohen Mutes wurden, Athos ausgenommen. »Beim Himmel!« rief Porthos, der schon hungrig war, wie man sich erinnern wird, als er in die Feluke stieg. »Es ist zum Erstaunen, wie hohl der Magen bei Gemütserschütterungen wird.« Er leerte mit einem Zuge eine Bouteille, und aß allein ein gutes Drittel von dem Brote und dem Pökelfleische. »Nun schlaft, meine Herren,« sprach Athos, »oder versucht es, zu schlafen; ich will wachen.«

Sonach hatte sich auch alsbald jeder voll Zuversicht zu dem Steuermann nach seiner Bequemlichkeit angelehnt und den von Athos erteilten Rat zu benützen versucht, indes er am Steuer sitzen blieb und bloß die Augen zum Himmel aufschlug, wo er zweifelsohne nicht allein den Weg nach Frankreich, sondern auch noch das Antlitz Gottes suchte, wobei er nachsann und wachte, wie er es versprochen, und das Schiff in der Richtung lenkte, die es zu nehmen hatte. Nach einigen Stunden des Schlafes wurden die Reisenden von Athos aufgeweckt. Der erste Schimmer des Tages begann, das bläuliche Meer zu bleichen, und etwa zehn Schußweiten vor sich bemerkte man eine schwarze Masse, über der sich ein dreieckiges, schmales und langes Segel, ähnlich dem Flügel einer Schwalbe, ausbreitete. »Ein Schiff!« riefen die drei Freunde mit einer Stimme, indes die Bedienten gleichfalls ihre Freude auf verschiedene Weise äußerten. Es war wirklich ein Transportschiff von Dünkirchen, das nach Boulogne steuerte. Die vier Herren nebst Blaisois und Mousqueton vereinigten ihre Stimmen zu einem Schrei, der auf der elastischen Wasserfläche erschallte, indes Grimaud, ohne zu rufen, seinen Hut auf das Ende seines Ruders steckte, um die Blicke derjenigen anzuziehen, die den Schall der Stimmen vernehmen würden. Eine Viertelstunde darauf nahm sie das Boot dieses Transportschiffes ins Schlepptau; sie setzten den Fuß auf das Verdeck des kleinen Fahrzeuges. Grimaud bot dem Patron im Namen seines Herrn zwanzig Guineen, und bei günstigem Winde betraten unsere Franzosen um neun Uhr früh den heimatlichen Boden. »Potz Element, wie fest man hier steht!« rief Porthos, während er seine breiten Füße in den Sand drückte. »Nun komme man, suche Streit mit mir, blicke mich scheel an oder reize mich, und man wird es sehen, mit wem man es zu tun hat. Morbleu, ich könnte jetzt ein ganzes Königreich herausfordern.« »Und ich,« versetzte d'Artagnan, »ich bitte Euch. Porthos, lasset, diese Herausforderung nicht so laut werden, denn mich dünkt, daß man uns hier zu scharf ins Auge faßt.« »Bei Gott,« erwiderte Porthos, »man bewundert uns.« »Nun,« entgegnete d'Artagnan, »ich versichere Euch, Porthos, daß ich darin gar keine Gegenliebe setze. Nur sehe ich Männer in dunklen Röcken, und ich bekenne, daß mich diese Röcke in unserer Lage erschrecken.« »Das sind die Zollbeamten des Hafens,« versetzte Aramis. Unter dem vorigen Kardinal, unter dem großen, hätte man auf uns mehr als auf die Waren geachtet; unter diesem aber, meine Freunde, seid ruhig, wird man mehr auf die Waren als auf uns achten.« »Ich baue nicht darauf,« sprach d'Artagnan, »und eile in die Dünen.« »Weshalb nicht in die Stadt?« versetzte Porthos; »ich würde ein gutes Gasthaus diesen garstigen Sandwüsten vorziehen, welche Gott nur für die Kaninchen erschaffen hat; zudem bin ich auch hungrig.« »Tut, was Ihr wollt, Porthos,« erwiderte d'Artagnan; »ich für meinen Teil bin überzeugt, daß für Leute in unserer Lage das freie Feld am sichersten ist.« D'Artagnan, der überzeugt war, die Stimmenmehrheit zu erhalten, verlor sich in die Dünen, ohne daß er auf Porthos' Antwort wartete Die kleine Schar folgte ihm, und verlor sich alsbald hinter den Sandhügeln, nicht ohne die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben. »Nun laßt uns Rat halten,« sagte Aramis, nachdem sie etwa eine Viertelstunde weit gegangen waren. »Nicht doch,« entgegnete d'Artagnan, »laßt uns entfliehen. Wir sind Cromwell, Mordaunt und dem Meere, also drei Abgründen entronnen, die uns verschlingen wollten; Herrn Mazarin aber werden wir nicht entrinnen.« »Ihr habt recht, d'Artagnan,« versetzte Aramis, »und meine Ansicht wäre sogar, wir sollten uns, zu größerer Sicherheit, trennen.« »Ja, ja, Aramis!« rief d'Artagnan, »trennen wir uns.«

Porthos wollte reden und gegen diesen Beschluß Einspruch tun, aber d'Artagnan drückte ihm die Hand und gab ihm zu verstehen, daß er schweigen solle. Porthos war sehr folgsam gegen diese Zeichen seines Freundes, dessen geistiges Übergewicht er mit seiner natürlichen Gutmütigkeit anerkannte. Er verschlang sonach die Worte, welche sich über seine Lippen drängen wollten. »Warum trennen wir uns denn?« fragte Athos. »Weil ich und Porthos,« entgegnete d'Artagnan, »von Herrn von Mazarin an Cromwell abgeschickt wurden, und, anstatt Cromwell zu dienen, dem Könige Karl I. gedient haben, was ganz und gar nicht dasselbe ist. Kehren wir nun mit den Herren de la Fère und d'Herblay zurück, so ist unser Verbrechen am Tage; kehren wir allein zurück, so bleibt unser Verbrechen zweifelhaft, und mit dem Zweifel kann man die Menschen weit bringen. Nun will ich aber Herrn von Mazarin Nüsse zum Aufknacken geben.« »Halt, das ist wahr,« sprach Porthos. »Ihr vergeßt,« erwiderte Athos, »daß wir Eure Gefangenen sind, daß wir durchaus nicht glauben, wir wären des Euch gegebenen Wortes entledigt, und daß, während Ihr uns als Gefangene nach Paris zurückbringt –« »In der Tat, Athos,« fiel d'Artagnan ein, »es tut mir leid, daß ein so geistvoller Mann, wie Ihr seid, stets Armseligleiten spricht, worüber ein Tertianer erröten müßte. Chevalier,« fuhr d'Artagnan fort, während er sich zu Aramis wandte, der, wiewohl er anfangs eine entgegengesetzte Meinung geäußert hatte, sich bei dem ersten Worte zu jener seines Begleiters hingeneigt zu haben schien: «Chevalier, begreift doch, daß hier, wie immer, mein argwöhnischer Charakter übertreibt. Ich und Porthos wagen nichts. Allein wenn man uns in Eurer Gegenwart etwa festnehmen wollte, nun, so würde man sieben Mann nicht ebenso wie drei Mann verhaften; die Schwerter würden blitzen, und der schlimme Handel so garstig ausfallen, daß er uns alle vier ins Verderben brächte. Ist es außerdem nicht besser, daß, falls zweien von uns ein Unglück begegnen sollte, die beiden andern in Freiheit sind, um jene aus der Klemme zu ziehen, zu kriechen, zu untergraben, kurz, in Freiheit zu sehen? Und wenn wir getrennt sind, wer weiß, ob wir nicht, Ihr von der Königin, wir von Mazarin, Vergebung erlangen, die man uns verweigern würde, wenn wir beisammen wären. Auf, Athos und Aramis, wendet Euch rechts hin; Ihr, Porthos, kommt mit mir zur linken, laßt diese Herren nach der Normandie gehen, während wir den kürzesten Weg nach Paris einschlagen.« »Doch wenn man uns auf dem Wege verhaftet,« bemerkte Aramis, »wie sollten wir uns dieses Unglück gegenseitig mitteilen?« »Nichts ist leichter als das,« erwiderte d'Artagnan; »laßt uns über eine Reiseroute übereinkommen, von der wir nicht abweichen. Ihr geht nach Saint-Valery, von da nach Dieppe, und wählt sodann die gerade Straße nach Paris; wir wollen über Abbéville, Amiens, Péronne, Compiegne und Senlis gehen und in jedem Gasthof und in jedem Hause, wo wir anhalten, werden wir mit einer Messerspitze an der Wand oder mit einem Diamant an die Fensterscheibe eine Auskunft eingraben, welche die Nachforschungen derjenigen leiten kann, welche in Freiheit sind.« »O Freund,« rief Athos, »wie sehr würde ich die Vorzüge Eures Verstandes bewundern, wenn ich nicht dabei verbliebe, die Eures Herzens zu verehren!« Er reichte d'Artagnan die Hand. »Athos,« versetzte der Gascogner achselzuckend, »hat etwa der Fuchs Genie? Nein, er weiß die Hühner zu würgen, die Jäger von der Spur abzulenken und am Tage wie des Nachts seine Wege wieder zu finden, weiter nichts. Nun, sind wir einverstanden?« »Es ist abgemacht.« »So laßt uns das Geld teilen,« sagte d'Artagnan; »wir haben etwa noch zweihundert Pistolen übrig. Was ist noch übrig, Grimaud?« »Einhundertachtzig und ein halber Louisdor, gnädiger Herr.« »Ganz wohl. – Ah, vivat, die Sonne ist da, willkommen, liebe Sonne! Obschon du nicht dieselbe bist, wie in der Gascogne, so erkenne ich dich doch, oder tue wenigstens, als ob ich dich erkennte. Willkommen! o, dich habe ich schon lange nicht gesehen!«

Nun ging's ans Abschiednehmen. Die vier Freunde warfen sich zu einer einzigen Gruppe einander in die Arme und hatten, in dieser brüderlichen Umschlingung vereinigt, in diesem Momente alle vier sicher nur eine Seele. Blaisois und Grimaud sollte Athos und Aramis folgen; für Porthos und d'Artagnan war Mousqueton hinreichend. »Potz Element, d'Artagnan,« sprach Porthos, als die beiden Gruppen sich getrennt hatten, »ich muß Euch das auf der Stelle sagen, denn ich kann gegen Euch nie etwas auf dem Herzen behalten, ich erkannte Euch bei diesem Umstände nicht wieder.« »Warum?« fragte d'Artagnan mit seinem seinen Lächeln. »Weil, wenn Athos und Aramis eine wirkliche Gefahr laufen, es nicht der Zeitpunkt ist, sie zu verlassen. Ich bekenne, daß ich schon ganz geneigt war, ihnen zu folgen, und daß ich es noch bin, sie einzuholen, trotz aller Mazarins auf der Welt.« »Porthos;« erwiderte d'Artagnan, »Ihr hättet recht, wenn das so wäre; vernehmt indes eine ganz kleine Sache, welche Euch, wie unbedeutend sie auch sein mag, auf andere Ansichten bringen wird: daß nämlich nicht diese Herren der größten Gefahr entgegengehen, sondern wir, und daß wir uns also nicht von ihnen trennen, um sie zu verlassen, sondern um sie nicht mit in die Gefahr zu verwickeln.« »Wirklich?« rief Porthos und machte vor Erstaunen große Augen. »Nun, zweifelsohne; wenn man sie festnimmt, so handelt es sich bei ihnen ganz einfach um die Bastille, wenn aber wir es werden, so handelt es sich bei uns um den Greveplatz.« »O, o!« rief Porthos, »es ist weit von hier bis zu jener Baronskrone, d'Artagnan, die Ihr mir zugesichert habt.« »Bah, nicht so weit, Porthos, wie Ihr meint; Ihr kennt doch das Sprichwort: »Jeder Weg führt nach Rom.« »Warum laufen wir aber größere Gefahr, als Athos und Aramis?« »Weil sie nichts taten, als daß sie den Befehl vollzogen, welchen sie von der Königin Henriette erhielten, und weil wir denjenigen verrieten, den wir von Mazarin empfingen, weil wir, als Boten an Cromwell abgeschickt, Parteigänger des Königs Karl wurden, und weil wir, anstatt das von Mazarin, Cromwell, Joyce, Bridge, Fairfax usw. verurteilte königliche Haupt abschlagen zu helfen, dasselbe beinahe gerettet haben.« »Meiner Treue, das ist auch wahr,« rief Porthos, »wie wollt Ihr aber, lieber Freund, daß der General Cromwell mitten unter seinen wichtigen Angelegenheiten Zeit hatte, daran zu denken ...« »Cromwell denkt an alles, Cromwell hat Zeit für alles, und folgt mir, lieber Freund, laßt uns unsere kostbare Zeit nicht verlieren. Wir werden erst dann in Sicherheit sein, wenn wir Mazarin gesehen haben, und dann ...« »Zum Teufel, was werden wir Mazarin sagen?« fragte Porthos. »Laßt nur mich machen, ich habe schon mein Plänchen; der lacht gut, der zuletzt lacht.«

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