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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Gascogner und Italiener

Mittlerweile war der Kardinal in sein Kabinett zurückgekehrt. Wie er nun allein war, öffnete er die Türe des Vorgemachs. D'Artagnan schlief ermüdet auf einer Bank. »Herr d'Artagnan!« rief er mit leiser Stimme. D'Artagnan bewegte sich nicht. »Herr d'Artagnan!« rief er lauter. D'Artagnan fuhr fort zu schlafen. Der Kardinal näherte sich ihm und berührte mit der Fingerspitze dessen Schulter. D'Artagnan regte sich jetzt, wachte auf, richtete sich schnell empor und stand wie ein Soldat unter den Waffen. »Hier bin ich!« sprach er; »wer ruft mich?«

»Ich,« entgegnete Mazarin mit der freundlichsten Stimme. »Ich bitte Ew Eminenz um Vergebung!« sagte d'Artagnan; »ich war so erschöpft ...«

»Bittet mich nicht um Vergebung, mein Herr,« fiel Mazarin ein, »denn Ihr habt Euch in meinem Dienste abgemüht.

Herr d'Artagnan,« sprach Mazarm, indem er sich setzte und sich bequem in seinem Sessel ausstreckte, »Ihr schienet mir stets ein tapferer und biederer Mann zu sein, – der Zeitpunkt ist gekommen, um Eure Talente und Eure Tüchtigkeit wohl zu verwenden.«

»Befehlen Sie, Monseigeur,« sprach er, »ich stehe bereit, Ew. Eminenz zu gehorchen.«

»Herr d'Artagnan,« fuhr Mazarin fort, »Ihr habt unter der letzten Regierung gewisse Taten verrichtet ...«

»Ew. Eminenz ist zu gütig, sich dessen zu erinnern ... Es ist wahr, ich habe im Kriege mit ziemlichem Erfolge gekämpft.«

»Ich, rede nicht von Euren Kriegstaten,« versetzte Mazarin, »denn wiewohl sie einiges Aufsehen erregten, so wurden sie doch durch Eure anderen Dienste überboten.«

D'Artagnan stellte sich verwundert. «Nun, Ihr antwortet nicht?« fragte Mazarin.

»Ich erwartete,« entgegnete d'Artagnan, »daß Monseigneur mir sagt, von welchen Taten die Rede sein.«

»Ich rede von jenem Abenteuer ... ach, Ihr wißt wohl, was ich sagen Will.«

»Ach nein, Gnädigster Herr,« antwortete d'Artagnan ganz betroffen.

»Ihr seid bescheiden, das ist um so besser; ich meine jenes Abenteuer rücksichtlich der Königin, jene Nestelstifte, jene Reise, die Ihr mit dreien Eurer Freunde unternommen habt.«

»Ha,« dachte der Gascogner, »ist das eine Schlinge! seien wir auf unserer Hut.«

Er bewaffnete seine Züge mit einer solchen Verwunderung, daß ihn Mondori und Bellerose, die zwei besten Schauspieler jener Zeit, darum beneidet hätten.

»Sehr wohl,« versetzte Mazarin lachend, »bravo! Man sagte mir mit Recht, daß Ihr der Mann wäret, den ich brauche. Sprecht, was wollet Ihr wohl für mich tun?«

»Alles, was mir Ew. Eminenz befehlen wird,« entgegnete d'Artagnan.

»Würdet Ihr das für mich tun, was Ihr vor Zeiten für eine Königin getan habt?«

»Für eine Königin, gnädigster Herr? ich verstehe nicht.«

»Versteht Ihr nicht, daß ich Euch und Eure drei Freunde brauche?«

»Welche Freunde, Monseigneur?«

»Eure drei ehemaligen Freunde.«

»Ehemals, gnädigster Herr,« versetzte d'Artagnan,»hatte ich nicht bloß drei Freunde, ich hatte deren fünfzig. Im Alter von zwanzig Jahren nennt man bald jeden seinen Freund.«

»Gut, gut, Herr Offizier,« sprach Mazarin; »die Bescheidenheit ist etwas Schönes, doch könnte es Euch reuen, wenn Ihr heute allzu bescheiden wäret.«

»Gnädigster Herr, Pythagoras ließ seine Schüler fünf Jahre lang stumm sein, um sie das Schweigen zu lehren.«

»Und Ihr, mein Herr, habt zwanzig Jahre lang geschwiegen, das heißt fünfzehn Jahre länger als ein pythagoräischer Philosoph, was mich bemerkenswert dünkt. Redet also heute, denn die Königin selbst nimmt Euch Euren Schwur ab.«

»Die Königin?« rief d'Artagnan mit einem ungeheuchelten Erstaunen.

»Ja, die Königin, und damit ich Euch beweise, daß ich in ihrem Namen spreche, befahl sie mir, Euch diesen Diamant zu zeigen, von dem sie vorgibt, daß Ihr ihn kennt, und den sie von Herrn des Essarts zurückgekauft hat.«

Hier streckte Mazarin die Hand gegen den Offizier aus, der seufzte, als er den Ring erkannte, den ihm die Königin an jenem Ballabend im Rathaufe geschenkt hatte. »Ich erkenne allerdings diesen Diamant,« sagte Artagnan, »er hat der Königin zugehört.«

»Somit sehet Ihr, daß ich in Ihrem Namen mit Euch spreche. Antwortet mir also, ohne Euch länger zu verstellen. Ich sagte es schon und wiederholte es Euch: es handelt sich um Euer Glück.«

»Meiner Treue, gnädigster Herr, ich habe es sehr Vonnöten, mein Glück zu machen. Ew. Eminenz hat mich so lange vergessen.«

»Acht Tage sind hinreichend, um das wieder gut zu machen. Verständigen wir uns, Ihr seid jetzt hier, wo aber sind Eure Freunde?«

»Monseigneur, das weiß ich nicht.«

»Wie! das wißt Ihr nicht?«

»Nein, wir sind seit lange schon getrennt, da alle drei den Dienst verlassen haben.«

»Wo werdet Ihr sie nun auffinden?«

»Überall, wo sie sind, das ist meine Sorge.«

»Gut – und Eure Bedingnisse?«

»Geld, gnädiger Herr, so viel als unsere Unternehmungen erheischen; ich erinnere mich nur zu wohl, wie oft wir aus Geldmangel verhindert wurden, und ohne diesen Diamant, den ich notgedrungen verkaufen mußte, hätten wir unser Ziel nicht erreicht.«

»Potz Wetter! Geld und viel Geld!« rief Mazarin, »wie Ihr gleich anfangt, Herr Offizier! Wißt Ihr wohl, daß sich in den königlichen Kassen kein Geld befindet?«

»Tun Sie dann wie ich, gnädigster Herr, verkaufen Sie die Krondiamanten. O, geizen wir ja nicht, mit geringen Mitteln lassen sich große Dinge schlecht ausführen.«

»Wohlan,« sprach Mazarin, »wir werden besorgt sein, Euch zufrieden zu stellen.«

»Richelieu,« dachte d'Artagnan, »hätte mir bereits fünfhundert Pistolen auf die Hand gelegt.«

»Ihr werdet also mir angehören?«

»Ja, wenn es meine Freunde wollen.«

«Kann ich aber bei ihrer Weigerung doch auf Euch rechnen?«

»Allein führte ich nie etwas Gutes aus,« versetzte d'Artagnan kopfschüttelnd.

»Sucht sie also auf.«

»Was soll ich nun sagen, um sie zum Dienste Ew. Eminenz zu bewegen?« »Ihr kennet sie besser als ich. Macht ihnen die Anträge je nach ihrem Charakter.«

»Was für Anträge soll ich machen?«

»Sie sollen mir so dienen, wie sie einst der Königin dienten, und mein Dank wird glänzend ausfallen.«

»Was haben wir zu tun?«

»Alles, indem Ihr alles ausführen zu können scheinet.«

»Hat man Vertrauen zu den Leuten, Monseigneur, und will man Vertrauen erlangen, so muß man sie besser unterweisen, als es Ew. Eminenz tut.«

»Seid unbekümmert,« entgegnete Mazarin, »ist einmal der Moment zum Handeln gekommen, so sollt Ihr meinen ganzen Willen erfahren.«

»Und bis dahin?«

»Harret und suchet Eure Freunde auf.«

»Monseigneur, sie sind vielleicht nicht in Paris, ja, wahrscheinlich nicht; und somit werde ich reisen müssen. Ich bin nur ein sehr armer Leutnant der Musketiere, und die Reisen sind kostspielig.«

»Es ist nicht meine Absicht,« versetzte Mazarin, »daß Ihr mit Prunk zu Werke geht; meine Entwürfe bedürfen der Heimlichkeit, und würden sich bei zu großem Aufsehen gefährden.«

»Auch dann, Monseigneur, kann ich mit meiner Löhnung nicht reisen, da man mir seit drei Monden rückständig ist; auch kann ich mit meinen Ersparnissen nicht reisen, da ich während meiner zweiundzwanzigjährigen Dienstzeit nur Schulden angehäuft habe.«

Mazarin versank ein Weilchen in ein tiefes Nachsinnen, als ginge in seinem Innern ein heftiger Kampf vor; sodann näherte er sich einem mit dreifachem Schlosse versperrten Schrank, nahm daraus einen Säckel hervor und wog ihn ein paarmal in der Hand, ehe er ihn d'Artagnan reichte und mit einem Seufzer zu ihm sprach: »So nehmt denn das hin, es ist für die Reise.«

»Wenn das spanische Dublonen oder auch nur Goldtaler sind,« dachte d'Artagnan, »so läßt sich noch etwas mitsammen tun.« Er verbeugte sich vor dem Kardinal und steckte den Säckel in seine weite Tasche.

»Nun, so ist es abgetan,« fuhr der Kardinal fort; »Ihr werdet Euch auf den Weg begeben?«

»Ja, gnädigster Herr.«

»Schreibt mir jeden Tag und gebt mir Nachricht von Euren Unterhandlungen.«

»Ich werde es nicht unterlassen. Monseigneur.«

»Ganz wohl – doch sagt mir die Namen Eurer Freunde.«

»Die Namen meiner Freunde?« wiederholte d'Artagnan mit einem Reste von Kümmernis.

»Ja, indes Ihr auf Euren Wegen sucht, will auch ich mich meinerseits erkundigen, und werde vielleicht etwas in Erfahrung bringen.«

»Herr Graf de la Fère – sonst Athos; Herr Duvallon – sonst Porthos, und der Herr Chevalier d'Herblay, jetzt Abbé d'Herblay – sonst Aramis.«

Der Kardinal lächelte und sprach: »Jüngere Söhne von Adeligen, die sich unter anderen Namen bei den Musketieren anwerben ließen, um ihre Familiennamen nicht bloßzustellen. Wackere Degen, doch leere Geldsäckel, man weiß das.«

»So Gott will, daß diese Degen in den Dienst Ew. Eminenz treten,« sagte d'Artagnan, »so erlaube ich mir einen Wunsch zu äußern, daß nämlich der Goldsäckel des gnädigen Herrn leicht und der ihrige schwer werde; denn mit diesen drei Männern kann Ew. Eminenz nach Belieben ganz Frankreich, ja ganz Europa in Bewegung setzen.«

»Die Gascogner,« sprach der Kardinal, .»sind im Prahlen beinahe den Italienern gleich.«

»In jedem Falle,« versetzte d'Artagnan mit einem Lächeln, dem des Kardinals ähnlich, »übertreffen sie dieselben, wenn es das Schwert betrifft.«

Darauf entfernte er sich, nachdem er einen Urlaub angesucht, der ihm auch bewilligt und vom Kardinal selbst unterfertigt wurde.

Inzwischen rieb sich der Kardinal die Hände und murmelte: »Hundert Pistolen, ja, für hundert Pistolen habe ich mir ein Geheimnis erkauft, welches Richelieu mit zwanzigtausend Talern hätte bezahlen müssen. Ungerechnet diesen Ring,« – fügte er hinzu und beliebäugelte den Diamant, welchen er behielt, statt ihn d'Artagnan zu geben – »ungerechnet diesen Ring, der mindestens einen Wert von zehntausend Livres hat.«

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