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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Konversation

Einige Minuten herrschte reglose Stille. Dann begann d'Artagnan von neuem: »Mein Herr, mich dünkt, daß Ihr den Anzug fast ebenso schnell wechselt, wie ich es die italienischen Schauspieler tun sah, welche der Herr Kardinal Mazarin von Bergamo kommen ließ, und zu welchen er Euch bei Eurem Aufenthalt in Frankreich sicher geführt hat, um sie anzusehen.« Mordaunt gab keine Antwort. »Ihr wäret soeben vermummt,« fuhr d'Artagnan fort, »ich will sagen, Ihr wäret als Mörder verkleidet und um – –«, »Und nun habe ich ganz das Aussehen wie ein Mann gekleidet zu sein, den man ermorden will, nicht wahr?« versetzte Mordaunt mit seiner ruhigen und abgestoßenen Stimme. »Ha, mein Herr, wie könnt Ihr das sagen, wenn Ihr Euch in Gesellschaft von Edelleuten befindet, und Ihr ein so gutes Schwert an der Seite tragt?«

»Es gibt kein so gutes Schwert, mein Herr, das vier Schwertern und vier Dolchen gleichkommen könnte, ungerechnet die Schwerter und Dolche Eurer Akolythen, die Euch an der Türe erwarten.«

»Vergebung, mein Herr, Ihr irrt; die an der Türe auf uns warten, sind keineswegs unsere Akolythen, sondern unsere Bedienten. Ich halte darauf, die Sache in ihrer strengsten Wahrheit herzustellen.« Mordaunt antwortete nur mit einem Lächeln, das sich höhnisch um seine Lippen zog. »Es handelt sich aber ganz und gar nicht um das,« begann d'Artagnan wieder, »und ich komme auf meine erste Frage wieder zurück. Ich gab mir also die Ehre, Euch zu befragen, mein Herr, warum Ihr das Äußere umgewechselt habt. Wie mir scheint, war Euch die Maske so ziemlich bequem; der graue Bart stand Euch vortrefflich, und was das Beil betrifft, mit dem Ihr einen so berühmten Streich geführt habt, so glaube ich, es stände Euch auch in diesem Augenblicke nicht übel an. Weshalb habt Ihr es denn aus der Hand gelegt?«

»Weil ich mich an den Vorfall von Armentières erinnerte, und dachte, daß ich vier Beile für eines fände, und mich zwischen vier Henkern befinden würde.«

»Mein Herr,« entgegnete d'Artagnan mit der größten Ruhe, ,obschon außerordentlich lasterhaft und verdorben, seid Ihr ungemein jung, weshalb ich mich bei Euren eitlen Reden nicht aufhalten will. Ja, eitel, denn was Ihr da in Rücksicht auf Armentières saget, hat mit der gegenwärtigen Sachlage nicht die entfernteste Ähnlichkeit. Wir konnten in der Tat Eurer Frau Mutter kein Schwert anbieten und sie ersuchen, gegen uns zu kämpfen. Es gibt aber niemanden, mein Herr, dem nicht das Recht zustände, von Euch, von einem jungen Kavalier, der den Dolch und die Pistole führt, wie wir sie Euch führen sahen, und der ein Schwert von der Größe dieses hier an der Seite trägt, die Gunst eines Zweikampfes zu fordern.«

»Ah, ah!« rief Mordaunt, »Ihr wollt also ein Duell?« Er erhob sich mit funkelnden Augen, als wäre er geneigt, der Herausforderung sogleich nachzukommen. Auch Porthos stand auf, wie er denn zu derlei Abenteuern immer bereit war.

»Vergebt, vergebt,« sprach d'Artagnan mit derselben Kaltblütigkeit; »übereilen wir uns nicht, denn jeder von uns muß wünschen, daß die Sache nach allen Regeln abgetan werde. Setzt Euch also wieder, lieber Porthos, und Ihr, Herr Mordaunt, bleibt gefälligst ruhig. Wir wollen diese Angelegenheit aufs beste schlichten, und ich will mit Euch offen sein. Bekennt, Herr Mordaunt, daß Ihr große Lust hättet, die einen oder die anderen von uns zu töten.«

»Die einen und die anderen,« erwiderte Mordaunt. »Lieber Herr Mordaunt, ich muß Euch sagen, diese Herren erwidern Eure Gesinnungen, und wären gleichfalls entzückt, Euch zu töten. Ich möchte noch mehr sagen, daß sie Euch nämlich wahrscheinlich töten werden; auf jeden Fall wird aber das nach Art ehrbarer Edelleute geschehen, und hier ist der beste Beweis, den ich Euch geben kann.« Bei diesen Worten warf d'Artagnan seinen Hut auf den Teppich, rückte seinen Stuhl zurück gegen die Mauer und winkte seinen Freunden, dasselbe zu tun, und sich vor Mordaunt mit einer ganz französischen Höflichkeit verneigend, begann er wieder: «Zu Euren Diensten, mein Herr, denn wenn Ihr nichts gegen die Ehre einzuwenden habt, die ich in Anspruch nehme, so will ich, wenn es gefällig ist, den Anfang machen. Mein Schwert ist zwar viel kürzer als das Eurige, doch wenn auch, ich hoffe, der Arm wird das Schwert ersetzen.«

»Halt!« rief Porthos hervortretend, »ich fange an, ich, ohne Wortmacherei.«

»Erlaubt, Porthos,« sprach Aramis. Athos blieb unbeweglich, man hätte ihn für eine Statue halten können, sogar sein Odem schien innezuhalten.

»Meine Herren, meine Herren!« rief d'Artagnan, »seid unbesorgt, Ihr werdet an die Reihe kommen. Blickt doch diesem Herrn in die Augen, und leset darin den seligen Haß, den wir ihm einflößen; seht, wie gewandt er die Klinge zog; bewundert, mit welcher Umsicht er rings herum sucht, ob ihm nicht etwas im Wege stände, das ihn verhindern würde, zurückzuweichen. Nun, beweiset Euch das alles nicht, daß Herr Mordaunt eine gute Klinge ist, und daß Ihr alsbald meine Stelle einnehmen werdet, wenn ich ihn anders gewähren lasse? Bleibt somit auf Eurem Platze, Athos, dessen Ruhe ich Euch nicht genug empfehlen kann, und überlaßt es mir, den Anfang zu machen, überdies,« fuhr er fort und schwang mit entsetzlicher Bewegung sein Schwert, »habe ich es mit dem Herrn persönlich zu tun und werde also beginnen. Ich fordere, ich will es!«

D'Artagnan hatte zum ersten Male dieses Wort ausgesprochen und seine Freunde angeredet. Bis dahin hatte er das bloß gedacht. Porthos trat zurück; Aramis nahm sein Schwert unter den Arm; Athos blieb unbeweglich im dunklen Winkel, worin er aber nicht ruhig saß, wie d'Artagnan sagte, sondern beklommen und schwer atmend. »Chevalier,« sprach d'Artagnan zu Aramis, »steckt Euer Schwert wieder in die Scheide, der Herr könnte Euch Absichten zumuten, die Ihr nicht habt.« Dann wandte er sich wieder zu Mordaunt und sagte: »Herr, ich erwarte Euch.«

»Und ich bewundere Euch, meine Herren. Ihr streitet Euch, wer anfangen soll, mit mir zu kämpfen, und Ihr fragt mich gar nicht über diese Sache, die mich doch ein bißchen angeht, wie ich glaube. Es ist wahr, ich hasse Euch alle, aber in verschiedenen Graden. Ich hoffe, Euch alle zu töten, doch habe ich mehr Aussicht, den Ersten zu töten, als den Zweiten, den Zweiten als den Dritten, und den Dritten als den Letzten. Somit nehme ich das Recht in Anspruch, mir den Gegner zu wählen. Verweigert Ihr mir dieses Recht, so tötet mich, ich will nicht kämpfen.« Die vier Freunde blickten sich an.

»Das ist richtig,« sprachen Porthos und Aramis, in der Hoffnung, die Wahl würde auf sie fallen. Dagegen sagten weder Athos noch d'Artagnan etwas, allein ihr Schweigen selbst war eine Einwilligung.

»Nun denn,« sprach Mordaunt, mitten unter diesem tiefen, feierlichen Stillschweigen, das in diesem geheimnisvollen Hause herrschte, «nun denn, ich erwähle zu meinem ersten Gegner denjenigen von Euch, welcher, da er sich nicht mehr für würdig hielt, den Namen Graf de la Fère zu führen, sich Athos nennen ließ.« Athos erhob sich von seinem Stuhle, als hätte ihn eine Feder emporgeschnellt; jedoch zur großen Verwunderung seiner Freunde sprach er nach einem Augenblick der Unbeweglichkeit und des Schweigens kopfschüttelnd:

»Herr Mordaunt! unter uns ist jeder Zweikampf unmöglich, erweiset einem andern die mir zugedachte Ehre.« Darauf setzte er sich wieder.

»Ha,« rief Mordaunt, »da ist schon einer, der Furcht hat.«

»Donner und Wetter!« rief d'Artagnan und sprang auf den jungen Mann zu, »wer sagte da, daß sich Athos fürchte?«

»O, laßt ihn reden, d'Artagnan,« versetzte Athos mit einem Lächeln voll Traurigkeit und Verachtung.

»Athos, ist das Euer Entschluß?« fragte der Gascogner.

»Unwiderruflich.«

»Gut, reden wir nicht mehr davon.« Dann wandte sich d'Artagnan und sprach: »Mein Herr, Ihr habt es gehört, der Graf de la Fère will Euch nicht die Ehre erweisen und sich mit Euch schlagen. Wählt einen von uns aus, der seine Stelle vertritt.«

»Wenn ich mich nicht mit ihm schlagen kann, so liegt mir wenig daran, mit wem ich mich schlage. Legt Eure Namen in den Hut und ich will mir einen durch das Los ziehen.«

»Die Idee ist gut,« versetzte d'Artagnan.

»Dieses Mittel gleicht wirklich alles aus,« bemerkte Aramis.

»Ich hätte nicht daran gedacht,« sprach Porthos, »und doch ist es ganz einfach.«

»Nun, Aramis,« rief d'Artagnan, »schreibt uns das mit jener hübschen, feinen Schrift, mit der Ihr an Marie Michon geschrieben, um ihr zu melden, die Mutter dieses Herrn wolle Mylord Buckingham umbringen lassen.«

Mordaunt ertrug diesen neuen Angriff mit Ruhe; er stand mit gekreuzten Armen und schien so gelassen, wie es ein Mensch unter solchen Umständen nur sein kann. War es nicht Mut, so war es wenigstens Stolz, der ihm sehr ähnlich ist. Aramis trat zu Cromwells Schreibtisch, riß Stücke Papier von gleicher Größe, schrieb auf das erste seinen eigenen Namen, und auf die andern die Namen seiner zwei Freunde, zeigte sie Mordaunt offen hin, welcher, ohne sie zu lesen, mit dem Kopfe nickte, und damit sagen wollte, er verlasse sich ganz auf ihn; dann rollte er sie zusammen, warf sie in einen Hut und hielt sie dem jungen Manne hin. Dieser griff mit der Hand hinein, nahm eines der drei Papiere hervor, und ließ es, ohne es zu lesen, verächtlich auf den Tisch fallen. »Ah, Schlangenbrut!« knirschte d'Artagnan, »ich würde alle meine Aussichten auf den Rang eines Kapitäns dafür hingeben, wenn auf diesem Zettel mein Name stände.« Aramis rollte das Papier auf; doch welche Ruhe und welche Kälte er auch heuchelte, man fühlte, daß ihm die Stimme vor Haß und vor Verlangen bebte. »D'Artagnan!« las er mit lauter Stimme. D'Artagnan erhob ein Freudengeschrei und sagte:

»Ha doch, es gibt also eine Gerechtigkeit im Himmel!« Dann wandte er sich zu Mordaunt und sprach: »Mein Herr, ich hoffe, Ihr habt keinen Einspruch zu tun.«

»Ganz und gar nicht, mein Herr,« entgegnete Mordaunt, zog nun gleichfalls sein Schwert und stützte dessen Spitze auf seinen Stiefel.

Von dem Momente an, wo d'Aritagnan versichert war, daß sein Wunsch erhört sei und daß ihm sein Mann nicht mehr entgehen würde, nahm er seine ganze Bedächtigkeit, seine ganze Ruhe und sogar die Langsamkeit wieder an, mit der er die Vorbereitungen zu einer ernsten Sache, Zweikampf genannt, zu machen gewohnt war. Er schlug vorsichtig seine Manschetten zurück, rieb die Sohle seines rechten Fußes auf dem Boden, und bemerkte dabei, daß Mordaunt zum zweitenmal den seltsamen Blick um sich warf, den er schon einmal im Vorbeigleiten aufgehascht hatte.

»Mein Herr,« sprach er endlich, »seid Ihr bereit?«

»Ich warte auf Euch, mein Herr,« entgegnete Mordaunt, indem er d'Artagnan mit einem Blicke anstarrte, dessen Ausdruck sich unmöglich wiedergeben ließ.

«Nun, so gebt acht, mein Herr,« sprach der Gascogner, »denn ich führe das Schwert so ziemlich gut.«

»Ich gleichfalls,« versetzte Mordaunt.

»Desto besser, das beschwichtigt mein Gewissen. Legt aus!«

»Einen Augenblick,« sprach der junge Mann; »gibt mir Euer Wort, meine Herren, daß Ihr mich nur einer nach dem andern angreifen werdet.«

»Damit du das Vergnügen hast, uns zu beleidigen, fragst du, uns deshalb, kleine Schlange?« rief Porthos.

»Rein, um ein ruhiges Gewissen zu haben, wie dieser Herr eben gesagt hat.«

»Das muß einen andern Grund haben,« murmelte d'Artagnan kopfschüttelnd und mit großer Besorgnis herumblickend.

«Auf unser Edelmannswort!« sagten zugleich Aramis und Porthos.

»In diesem Falle, meine Herren, stellt Euch in eine Ecke, wie es der Herr Graf de la Fère getan hat, welcher, wenn er auch nicht kämpfen will, wenigstens die Regeln des Kampfes zu kennen scheint, und lasset uns Raum, den wir benötigen.«

»Nun denn,« sagte Aramis.

»Das sind vielfache Umstände,« versetzte Porthos.

»Ziehet Euch zurück, meine Herren.« sagte d'Artagnan, »wir dürfen Herrn Mordaunt nicht den geringsten Vorwand lassen, sich schlecht zu benehmen, wozu er mir große Lust zu haben scheint, wenn ich so sagen darf.« Dieser Hohn prallte ab von dem gleichgültigen Gesichte Mordaunts. Porthos und Aramis stellten sich in die andere Ecke der Wand, in der Athos saß, wonach die zwei Kämpfenden die Mitte des Zimmers einnahmen, das heißt im vollen Lichte der beiden Lampen waren, welche auf Cromwells Schreibtisch standen und den Schauplatz erhellten. Es versteht sich von selbst, daß das Licht in dem Maße abnahm, als man sich von dem Mittelpunkte seiner Strahlen entfernte. »Nun, mein Herr, seid Ihr endlich bereit?« rief d'Artagnan.

»Ich bin es,« versetzte Mordaunt.

Beide traten zugleich einen Schritt vor, und durch diese einzige Bewegung waren die Schwerter gebunden.

D'Artagnan war ein zu ausgezeichneter Fechter, um sich damit zu unterhalten, daß er seinen Gegner versuchte, wie man in der Fechtkunst sagt. Er machte eine glänzende und rasche Finte; die Finte wurde von Mordaunt ausgeschlagen. »Ah, ah!« rief er mit einem zufriedenen Lächeln. Und da er eine Blöße zu bemerken glaubte, so stieß er ohne Zeitverlust eine schnelle, wie der Blitz flammende Prime. Mordaunt wich mit einer so geschlossenen Konterquart aus, daß sie den Umfang von dem Ring eines jungen Mädchens nicht überschritten hätte.

»Ich fange an zu glauben,« sagte d'Artagnan, »daß wir uns unterhalten werden.«

»Ja,« versetzte Aramis, »doch nehmt Euch während der Unterhaltung zusammen.«

»Bei Gott, mein Freund, habt acht!« sagte Porthos.

Mordaunt lächelte gleichfalls. »Ach, mein Herr,« sprach d'Artagnan, was habt Ihr doch für ein häßliches Lächeln; nicht wahr, der Teufel hat Euch so lächeln gelehrt?« Mordaunt antwortete damit, daß er d'Artagnans Schwert mit einer Kraft zu binden versuchte, welche der Gascogner in diesem Körper, der dem Anschein nach so schwächlich war, nicht zu finden vermutete; doch mittels einer ebenso gewandten Parade, als die eben ausgeführte seines Gegners war, traf er zu rechter Zeit Mordaunts Klinge, die an der seinigen niederglitt, ohne seine Brust zu berühren. Mordaunt wich schnell einen Schritt zurück.

»Ha, Ihr brecht ab,« rief d'Artagnan, »Ihr wendet Euch? Wie es beliebt, ich kann dabei noch etwas gewinnen, da ich Euer boshaftes Lachen nicht mehr sehe. Nun bin ich ganz im Schatten; um so besser. Ihr könnt Euch gar nicht denken, mein Herr, welch einen falschen Blick Ihr habt, zumal wenn Ihr Euch fürchtet. Blickt mir einmal in die Augen, und Ihr werdet etwas sehen, was Euch Euer Spiegel niemals zeigen wird, nämlich einen biederen und freien Blick.« Er drang nun wieder auf Mordaunt ein, der immer zurückwich, doch augenscheinlich aus Taktik, ohne einen Fehler zu begehen, welchen d'Artagnan nutzen konnte, ohne daß sich sein Schwert auch nur einen Augenblick lang von der Linie entfernte. Da jedoch der Kampf in einem Zimmer stattfand, und der Raum den Kämpfern fehlte, so berührte Mordaunts Fuß alsbald die Wand, gegen die er sich mit der linken Hand stützte.

»Ha,« rief d'Artagnan, »nun werdet Ihr nicht weiter zurückweichen, mein schöner Freund!« – Und indem er die Lippen zusammenpreßte und die Stirne faltete, fuhr er fort: »Meine Herren, saht Ihr je einen an die Wand gehefteten Skorpion? Nein, nun, Ihr sollet ihn sehen! –« Und in einer Sekunde führte d'Artagnan drei furchtbare Stöße gegen Mordaunt. Alle drei trafen, indem sie ihn streiften. D'Artagnan begriff nichts von dieser Gewalt. Die drei Freunde blickten sich schweratmend und mit schweißbedeckter Stirne an. Endlich trat auch d'Artagnan, da er zu nahe war, einen Schritt zurück, um einen vierten Stoß vorzubereiten oder vielmehr auszuführen; denn für d'Artagnan waren die Waffen wie die Stöße eine genaue Kombination, wobei sich alle Einzelheiten aneinander ketteten. Jedoch in dem Augenblicke, wo er ungestümer als zuvor auf seinen Gegner eindrang, in dem Augenblicke, wo er nach einer schnellen und geschlossenen Finte rasch wie der Blitz angriff, schien sich die Mauer zu spalten; Mordaunt verschwand durch die klaffende Öffnung, und d'Artagnans Schwert, gefangen zwischen den zwei Fächern, zerbrach, als wäre es von Glas gewesen. D'Artagnan wich einen Schritt zurück, die Wand schloß sich wieder.

Mordaunt hatte, während er sich verteidigte, so manövriert, daß er sich gegen die geheime Tür hindrängte, durch welche wir Cromwell fortgehen sahen. Als er da ankam, suchte er mit der linken Hand den Knopf, drückte darauf, und war dann verschwunden, wie auf der Bühne die bösen Geister verschwinden, welche die Gabe haben, durch die Wände zu dringen. Der Gascogner stieß einen tobenden Fluch aus, auf den von der anderen Seite der eisernen Wand ein wildes, ein schauervolles Lachen antwortete, so daß selbst durch die Adern des Zweiflers Aramis ein Schauder wallte.

»Zu Hilfe, meine Herren!« rief d'Artagnan, «laßt uns die Türe erbrechen!«

»Das ist der Satan in Person,« sprach Aramis, und eilte auf den Ruf seines Freundes herbei.

»Er entwischt uns, Tod und Teufel, er entwischt uns,« heulte Porthos, und stemmte seine gewaltige Schulter gegen den Verschlag, der aber, von einer geheimen Feder gehalten, nicht wankte.

»Desto besser,« murmelte Athos dumpf.

»Bei Gott, ich ahnte es,« versetzte d'Artagnan, nachdem er sich in fruchtlosen Anstrengungen erschöpft hatte, »ich ahnte es, als der Niederträchtige im Kreise herumging: ich sah einen schändlichen Kniff voraus und erriet, daß er irgend etwas im Schilde führte, allein wer konnte das vermuten?«

»Das ist ein schreckliches Unglück, das da der Satan schickt,« sagte Aramis.

»Das ist ein offenbares Glück, welches uns Gott schickt,« entgegnete Athos mit augenscheinlicher Freude.

»In der Tat,« erwiderte d'Artagnan, indem er achselzuckend die Türe verließ, welche durchaus nicht weichen wollte.

»Athos. Ihr werdet schwach. Wie könnt Ihr denn zu Leuten, wie wir sind, solche Dinge sprechen? Bei Gott, Ihr begreift also unsere Lage nicht?«

»Nun, welche Lage denn?« fragte Porthos.

»Jeder, der bei diesem Spiele da nicht tötet, der wird getötet,« entgegnete d'Artagnan.

»Sagt nun an, mein Lieber, gehört es zu Eurer Bußjeremiade, daß uns Herr Mordaunt seiner kindlichen Liebe opfert? Sagt es offen, ob das Eure Meinung ist?«

»O, d'Artagnan, mein Freund!«

»Es ist wirklich zum Erbarmen, die Dinge aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten. Der Ruchlose wird uns hunderte gepanzerte Reiter über den Hals schicken, die uns in diesem Mörser des Herrn von Cromwell wie Körner zermalmen. Vorwärts, auf den Weg! Wenn wir noch fünf Minuten verweilen, ist es um uns geschehen.«

»Ja, Ihr habt recht; hinweg!« riefen Athos und Aramis.

»Wohin gehen wir aber?« fragte Porthos.

»Nach dem Gasthause, lieber Freund, um unsere Gepäcke und Pferde zu holen, sodann von dort, wenn es Gott will, nach Frankreich, wo ich wenigstens die Bauart der Häuser kenne. Unser Schiff erwartet uns, und das ist, meiner Treue, noch ein Glück.«

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