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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Der maskierte Mann

Wiewohl es erst vier Uhr abends war, so war es doch schon finster und der Schnee fiel dicht und eisig. Aramis kam gleichfalls nach Hause und traf Athos, wenn auch nicht ohnmächtig, doch wenigstens vernichtet. Der Graf erwachte bei den eisten Worten seines Freundes aus der Art Erstarrung, in die er versunken war.

»Nun denn,« sprach Aramis, »durch das Verhängnis überwunden.«

»Überwunden,« rief Athos. »Edler, unglücklicher König!«

»Seid Ihr denn verwundet?« fragte Aramis.

»Nein, dieses Blut ist das seinige.« Der Graf wischte sich die Stirne ab.

»Wo seid Ihr denn gewesen?«

»Wo Ihr mich verlassen habt, unter dem Schafott.« »Und habt Ihr alles gesehen?«

»Nein, doch alles gehört; Gott bewahre mich vor jeder Stunde, wie diese war. Sind nicht meine Haare weiß geworden?«

»So wißt Ihr auch, daß ich ihn nicht verlassen habe.«

»Ich hörte Eure Stimme bis zum letzten Augenblicke.«

»Hier ist der Stern, den er mir gegeben,« sagte Aramis, »und hier ist das Kreuz, welches ich aus seiner Hand empfangen; er wünschte, daß sie der Königin zugestellt werden möchten.«

»Und hier ist ein Tuch, um sie einzuwickeln,« versetzte Athos. Er nahm das Tuch aus der Tasche, welches er in das Blut des Königs getaucht hatte.

»Was hat nun mit dem armen Leichnam zu geschehen?« fragte Athos.

»Es werden ihm auf Cromwells Befehl die königlichen Ehren erwiesen werden. Wir legten die Leiche in einen bleiernen Sarg, die Ärzte beschäftigen sich damit, diese unglücklichen Überreste einzubalsamieren, und wenn das geschehen ist, wird man den König auf einem Schaugerüste aussetzen.«

»Hohn!« murmelte Athos düster.

»Königliche Ehrenbezeigungen demjenigen, welchen sie umgebracht haben!«

»Das ist ein Beweis,« versetzte Aramis, »daß der König, aber nicht das Königtum stirbt.«

»O,« entgegnete Athos, »das war leider vielleicht der letzte ritterliche König, den die Welt besessen hat.«

»Nun, Graf, verzweifelt nur nicht,« sprach eine kräftige Stimme auf der Treppe, auf welcher Porthos' schwere Tritte knarrten, »wir sind alle sterblich, meine Freunde!«

»Ihr kommt spät, lieber Porthos,« sagte der Graf de la Fere. »Was ist's aber mit d'Artagnan?« fragte Aramis; »habt Ihr ihn nicht gesehen, und ist ihm vielleicht etwas zugestoßen?«

»Wir wurden durch das Gedränge getrennt,« versetzte Porthos, »und wie viele Mühe ich mir auch gab, so konnte ich ihn doch nicht wiedersehen.« »O,« rief Athos voll Bitterkeit, »ich habe ihn gesehen, er stand in der vordersten Reihe des Volkes und hatte einen trefflichen Platz, um nichts zu verlieren, und da das Schauspiel doch sehenswürdig war, so wollte er es gewiß bis zum Schlusse sehen.«

»O, Graf de la Fere,« sprach eine ruhige, wiewohl durch die Eilfertigkeit atemlos gewordene Stimme, »seid Ihr es wirklich, der die Abwesenden verleumdet?« Dieser Vorwurf erschütterte Athos' Herz; da aber der Eindruck, welchen d'Artagnan in den vorderen Reihen des blöden grausamen Volkes auf ihn hervorgebracht hatte, ein tiefer war, so entgegnete er nur:

»Mein Freund, ich verleumde nicht. Man war hier um Euch bekümmert, und ich sagte, wo Ihr gewesen seid, Ihr habt den König Karl nicht gekannt, er war für Euch nur ein Ausländer, und Ihr waret nicht gehalten, ihn zu lieben.« Er reichte seinem Freunde unter diesen Worten die Hand, doch d'Artagnan tat, als bemerkte er Athos' Bewegung nicht, und hielt seine Hand unter dem Mantel. Athos ließ die seinige langsam niedersinken.

»O, ich bin müde,« seufzte d'Artagnan und setzte sich.

»Trinkt ein Glas Porter,« sprach Aramis, indem er vom Tische eine Bouteille nahm und ein Glas füllte, »trinkt, das wird Euch wieder stärken.« –

»Ja, laßt uns trinken,« erwiderte Athos, der, empfindlich ob der Unzufriedenheit des Gascogners, Glas an Glas mit ihm anstoßen wollte.

»Laßt uns trinken und dieses leidige Land verlassen. Ihr wisset, die Feluke erwartet uns! segeln wir noch diesen Abend ab, da wir hier nichts mehr zu tun haben.«

»Ihr habt es sehr eilig, Herr Graf,« sagte d'Artagnan.

»Dieser blutige Boden glüht unter meinen Füßen,« versetzte Athos.

»Der Schnee tut bei mir diese Wirkung nicht,« sprach der Gascogner gelassen.

»Doch, was haben wir denn da noch zu tun,« fragte Athos, »da der König tot ist?«

»Herr Graf,« erwiderte d'Artagnan nachlässig, »nun, seht Ihr denn nicht, daß Ihr in England noch etwas zu tun übrig habt?«

»Nichts, nichts,« sagte Athos, »als an höherer Güte zu zweifeln, und meine eigenen Kräfte zu verachten.«

»Nun denn,« sprach d'Artagnan, »ich, der Armselige, ich, der blutdürstige Maulaffe, der ich mich dreißig Schritt vor das Schafott hingestellt habe, um das Haupt dieses Königs, den ich nicht kenne, besser fallen zu sehen, und der mir auch gleichgültig war, ich bin einer anderen Meinung als der Herr Graf... ich bleibe.« Athos erblaßte ungemein; jeder Vorwurf seines Freundes widerhallte im Grunde seines Herzens.

»Ha, Ihr bleibt in London?« sprach Porthos zu d'Artagnan.

»Ja,« entgegnete dieser... »und Ihr?«

»Ei,« rief Porthos, vor Athos und Aramis ein bißchen verlegen, »ei, wenn Ihr bleibt, so will ich nur mit Euch gehen, da ich mit Euch gekommen bin; ich lasse Euch nicht gern allein in diesem abscheulichen Lande.«

»Dank, mein vortrefflicher Freund! Somit habe ich Euch einen kleinen Vorschlag zu tun, um gemeinsam ein Unternehmen auszuführen, wenn der Herr Graf abgereist sein wird, und wozu mir der Gedanke gekommen ist. während ich jenem Schauspiele, das Ihr kennt, zugesehen habe.«

»Welches?« fragte Porthos.

»Ich will erfahren, wer denn jener maskierte Mann ist, der sich so gefällig angeboten hatte, dem Könige den Hals abzuschneiden.«

»Ein maskierter Mann?« rief Athos.

»Ihr ließet also den Scharfrichter nicht entwischen?«

»Der Scharfrichter befindet sich noch immer im Keller,« erwiderte d'Artagnan, »wo er, wie ich glaube, einige Worte mit den Flaschen unseres Wirtes spricht. Allein Ihr erinnert mich daran.« Er ging zu der Tür und rief: »Mousqueton!«

»Gnädiger Herr,« antwortete eine Stimme, welche aus den Tiefen der Erde zu hallen schien.

»Laßt den Gefangenen frei,« sprach d'Artagnan, »es ist alles vorüber.«

»Jedoch,« sagte Athos, »wer ist denn der Ruchlose, der die Hand an seinen König gelegt hat?«

»Ein Scharfrichter aus Liebhaberei, der übrigens geschickt das Beil führt, denn wie er hoffte,« sagte Aramis, »brauchte er nur einen Streich.«

»Habt Ihr sein Antlitz nicht gesehen?« fragte Athos.

»Er trug eine Maske,« antwortete d'Artagnan.

»Doch Ihr, Aramis, die Ihr neben ihm standet?«

»Ich sah nur einen grauen Bart, der unter der Larve hervortrat.«

»Er ist somit ein Mann von einem gewissen Alter?« fragte Athos.

»O, sprach d'Artagnan, »das hat nichts zu bedeuten. Nimmt man eine Larve vor, so kann man auch einen Bart anbringen.«

»Es tut mir leid,« bemerkte Porthos, »daß ich ihm nicht nachging.«

»Nun denn, lieber Porthos,« versetzte d'Artagnan, »eben dieser Gedanke war mir aufgestiegen.« Athos erriet alles und stand auf, indem er sagte:

»Vergib mir, d'Artagnan, ich habe an Gott gezweifelt und konnte wohl auch an dir zweifeln Vergib mir, o Freund!«

»Wir wollen das nachher sehen,« erwiderte d'Artagnan mit einem halben Lächeln.

»Nun?« fragte Aramis.

»Nun denn,« antwortete d'Artagnan, »während ich den vermummten Scharfrichter ansah, ist mir, wie gesagt, der Gedanke gekommen, zu erfahren, wer er denn sei. Da wir aber daran gewöhnt sind, uns einer durch den andern zu ergänzen und zu Hilfe zu rufen, wie man seine zweite Hand der ersten zu Hilfe ruft, so blickte ich unwillkürlich umher, um zu sehen, ob Porthos nicht da sei, denn ich habe Euch neben dem König erkannt, Aramis, und von Euch, Graf, gewußt, daß Ihr unter dem Schafott sein müßt. Darum vergebe ich Euch auch,« fügte er hinzu, Athos die Hand reichend, »denn Ihr müßt dort sehr viel ausgestanden haben. Ich blickte also um mich her, und bemerkte da zu meiner Rechten einen Kopf, der gespalten gewesen, und so gut es anging, mit schwarzem Taffet zusammengeflickt war. Bei Gott, dachte ich, das ist so eine Naht nach meiner Art, und ich glaube, diesen Schädel irgendwo zusammengeflickt zu haben. Es war wirklich jener unglückliche Schotte, Parrys Bruder, an dem sich, wie Ihr wißt, Herr Groslom erlustigt hat, seine Kräfte zu versuchen, und der nur noch einen halben Kopf hatte, als wir ihn antrafen; er gab einem andern Manne zu meiner Linken Zeichen; ich wandte mich, und erkannte den ehrlichen Grimaud, der gleich mir ganz beschäftigt war, den maskierten Scharfrichter mit den Augen zu verschlingen.

»O!« rief ich ihm zu; und da diese Silbe die Abkürzung ist, deren sich der Herr Graf an den Tagen bedient, wo er mit ihm spricht, so verstand Grimaud, daß er es sei, den man rufe, und wandte sich, wie von einer Feder bewegt; er erkannte mich gleichfalls. Da streckte er den Finger nach dem verwundeten Mann aus und sagte: »He!« womit er sagen wollte: »Haben Sie gesehen?«

»Bei Gott!« erwiderte ich. Wir hatten uns vollkommen verstanden. Ich wandte mich wieder zu unserm Schotten; dieser tat gleichfalls sprechende Blicke. Kurz, alles das, wie Ihr wißt, auf sehr traurige Weise geendet. Das Volk verlor sich, der Abend brach herein; ich zog mich mit Grimaud und mit dem Schotten, dem ich gewinkt hatte, zu bleiben, in eine Ecke des Platzes zurück, und betrachtete von dort aus den Scharfrichter, der in das königliche Zimmer zurückkehrte und die Kleider wechselte, da die seinigen sicher mit Blut bespritzt waren. Sodann setzte er seinen schwarzen Hut auf den Kopf, hüllte sich in den Mantel und verschwand. Ich erriet, er würde den Palast verlassen, und eilte, mich dem Tore gegenüber aufzustellen. Fünf Minuten danach sahen wir ihn wirklich die Treppe herabkommen.«

»Ihr seid ihm nachgegangen?« rief Athos.

»Beim Himmel!« rief d'Artagnan, »doch geschah es nicht ohne Mühe. Er wandte sich jeden Augenblick um, dann waren wir genötigt, uns zu verstecken oder gleichgültige Mienen zu machen. Ich hätte ihn wohl packen und töten können, allein ich bin nicht selbstsüchtig; ich sparte Euch diesen Leckerbissen auf, Aramis und Athos, um Euch ein bißchen zu trösten. Nachdem wir eine halbe Stunde lang durch die krummsten Straßen der City gegangen waren, kamen wir endlich zu einem kleinen, einsamen Hause, worin kein Geräusch und kein Licht die Anwesenheit eines Menschen kundgab.« Grimaud holte aus seinen weiten Hosen eine Pistole hervor. »He?« rief er, indem er sie mir zeigte.

»Nein,« sprach ich und hielt ihm den Arm zurück. Wie gesagt, hatte ich meine Absichten. Der vermummte Mann hielt vor einer niedrigen Hütte an, und nahm aus seiner Tasche einen Schlüssel hervor, doch ehe er ihn in das Schlüsselloch steckte, wandte er sich, um zu sehen, ob ihm niemand folge. Ich drängte mich hinter einen Baum und Grimaud hinter einen Eckstein. Der Schotte, der sich hinter keinem Gegenstande verstecken konnte, warf sich mit dem Bauche flach auf den Boden. Zweifelsohne wähnte der Mann, den wir verfolgten, er sei in der Tat allein, denn ich hörte den Schlüssel knarren, die Türe ging auf und er verschwand.«

»Der Ruchlose!« rief Aramis. »Indes Ihr nach Hause ginget, wird er entflohen sein, und wir können ihn nicht wieder treffen.«

»Geht doch, Aramis,« sprach d'Artagnan, »Ihr haltet mich für einen andern.«

»Jedoch in Eurer Abwesenheit ...« bemerkte Athos.

»Nun,« hatte ich denn nicht Grimaud und den Schotten, daß sie während meiner Abwesenheit meine Stelle vertraten? Ehe er noch im Hause zehn Schritte weit getan hatte, war ich schon rings um das Haus herumgegangen. An jene Türe, durch welche er eingetreten war, stellte ich meinen Schotten, und gab ihm zu verstehen, falls der Mann mit der schwarzen Maske zurückkehrte, so müßte er ihm nachfolgen, wohin er immer ginge, indes Grimaud ihm selbst folgen und zurückkehren würde, um uns dort, wo wir waren, zu erwarten: Hierauf stellte ich Grimaud an den zweiten Ausgang und empfahl ihm dasselbe; und nun bin ich hier. So ist das Wild umstellt, und wer mag nun das Halali sehen?« Athos stürzte sich in die Arme d'Artagnans, der sich die Stirn abtrocknete, und sprach zu ihm: »Freund, Ihr waret wirklich zu gut, daß Ihr mir verziehen; ich hatte unrecht, hundertmal unrecht, da ich Euch kennen sollte; allein es liegt in unserm Innern etwas Böses, das beständig zweifelt.«

»Hm,« bemerkte Porthos, »war der Scharfrichter nicht vielleicht gar Herr Cromwell, der das Werk selbst vollzog, um nur sicher zu sein, daß es gut vollzogen würde?«

»Ha doch. Her Cromwell ist groß und untersetzt, und jener war mager, schlank und mehr groß als klein.«

»So war es irgendein verurteilter Soldat, dem man für diesen Preis seine Begnadigung angetragen hat, wie man es für den unglücklichen Chalais getan hat,« versetzte Athos.

»Nein, nein,« rief d'Artagnan, »es war nicht der taktmäßige Gang eines Infanteristen und auch nicht der steife Schritt eines Kavalleristen. Unser Mann hat einen schmucken Fuß, einen vortrefflichen Gang. Entweder irre ich sehr, oder wir haben es mit einem Kavalier zu tun.«

»Eine hübsche Jagd,« sprach Porthos mit einem Gelächter, daß die Fensterscheiben sich schüttelten, »bei Gott, eine hübsche Jagd!«

»Wollet Ihr immer nach abreisen, Athos?« fragte d'Artagnan. »Nein, ich bleibe,« erwiderte der Graf mit einer bedrohlichen Gebärde, welche dem, an den sie gerichtet war, nichts Gutes versprach. »Nun, die Schwerter,« rief Aramis, »die Schwerter, laßt uns keinen Augenblick versäumen.«

Die vier Freunde kleideten sich schnell wieder als Kavaliere, gürteten sich die Schwerter um, riefen Mousqueton und Blaisois herauf, und befahlen ihnen, die Zeche mit dem Wirte zu berichtigen, und zur Abreise alles bereitzuhalten, da man London wahrscheinlich noch in dieser Nacht verlassen würde. Sofort gingen die vier Freunde, in ihre Mäntel gehüllt, über alle Plätze und durch alle Straßen der bei Tag so volkreichen und in dieser Nacht so verödeten City. D'Artagnan führte sie, und suchte von Zeit zu Zeit die Kreuze wiederzuerkennen, welche er mit seinem Dolche an den Mauern gemacht hatte, allein die Nacht war so finster, daß es große Mühe erforderte, diese Spuren wieder aufzufinden. D'Artagnan hatte aber seinem Gedächtnisse jeden Eckstein, jeden Brunnen, jedes Schild so gut eingeprägt, daß er nach Verlauf einer halben Stunde mit seinen drei Begleitern vor dem einsamen Hause ankam. D'Artagnan dachte einen Augenblick lang, Parrys Bruder wäre verschwunden, doch irrte er sich; der kräftige Schotte, an seine Eisberge gewöhnt, hatte sich gegen einen Eckstein hingestreckt, und wie eine von ihrem Fußgestelle herabgeworfene Statue hatte er sich, fühllos gegen die Rauheit der Jahreszeit, mit Schnee überdecken lassen; doch stand er auf, als die vier Männer sich näherten.

»Seht,« sprach Athos, »da ist noch ein braver Diener. Bei Gott! die wackeren Leute sind nicht gar so selten, wie man glaubt. Das ermutigt.«

»Eilen wir nicht allzu sehr, unserm Schottländer Kränze zu winden,« versetzte d'Artagnan; »mich dünkt, der Schelm ist für seine eigene Rechnung hier. Ich hörte sagen, daß die Herren, welche jenseits des Tweed zur Welt kommen, gern Groll hegen. Meister Groslow mag auf seiner Hut sein, er könnte bei seiner Begegnung wohl eine schlimme Viertelstunde haben.«

Er trennte sich dann von seinen Freunden, näherte sich dem Schotten und gab sich zu erkennen. Darauf winkte er den andern, zu kommen.

»Nun?« fragte Athos auf englisch. »Es hat niemand das Haus verlassen,« antwortete Parrys Bruder. »Gut, bleibt bei diesem Manne, Porthos, und Ihr gleichfalls, Aramis. D'Artagnan wird mich zu Grimaud führen.«

Grimaud hatte sich ebenso bewegungslos wie der Schotte an eine hohle Mauer gelehnt, und sich daraus ein Schilderhaus gemacht. So wie d'Artagnan für den andern Wächter in Furcht geriet, so glaubte er einen Augenblick lang, der maskierte Mann habe das Haus verlassen, und Grimaud habe ihm nachgesetzt. Auf einmal erschien ein Kopf, und ließ ein leises Pfeifen vernehmen.

»Oh,« sprach Athos. »Ja,« antwortete Grimaud.

Sie näherten sich dem Weidenbaume.

»Nun, hat jemand das Haus verlassen?« fragte d'Artagnan. »Nein,« entgegnete Grimaud, »doch ist jemand hineingegangen.«

»Ein Mann oder eine Frau?« »Ein Mann.«

»Ah,« rief d'Artagnan, »so sind ihrer zwei.«

»Ich wollte, es wären ihrer vier,« sprach Athos, »dann würde sich wenigstens die Partie gleichstellen.«

»Vielleicht sind sie zu vier«, erwiderte d'Artagnan. »Wieso?«

»Konnten denn vor ihnen nicht andere Männer im Hause gewesen sein und auf sie gewartet haben?«

»Man kann hineinblicken,« sagte Grimaud und deutete auf ein Fenster hin, durch dessen Balken einige Lichtstrahlen flimmerten.

»Das ist richtig,« rief d'Artagnan; »laßt uns die andern berufen.«

Sie gingen um das Haus herum, und gaben Porthos und Aramis einen Wink, zu kommen. Diese eilten sogleich herbei und fragten: «Habt Ihr etwas gesehen?«

»Nein, doch werden wir sehen,« entgegnete d'Artagnan, während er auf Grimaud zeigte, der, sich an die Mauergesimse anklammernd, bereits bis zu einer Höhe von fünf bis sechs Fuß über den Boden geklettert war. Alle vier näherten sich. Grimaud kletterte immer höher hinauf, mit der Gewandtheit einer Katze, endlich erreichte er einen Haken, der bestimmt schien, die offenstehenden Balken festzuhalten, zugleich fand sein Fuß ein Gesims, das ihm eine hinlängliche Stütze zu bieten schien; denn er deutete durch ein Zeichen an, daß er sein Ziel erreicht habe. Nun legte er sein Auge an die Ritze des Ballens.

»Nun?« fragte d'Artagnan.

Grimaud zeigte seine geschlossene Hand mit nur zwei offenen Fingern.

»Rede,« sprach Athos, »man sieht deine Zeichen nicht.« »Wieviel sind ihrer?« Grimaud tat sich Gewalt an und sagte: »Zwei; der eine steht mir gegenüber, der andere kehrt mir den Rücken.«

»Gut, und wer ist der, welcher dir gegenüber steht?«

»Jener Mann, den ich eintreten sah.«

»Kennst du ihn?«

»Ich glaube, ihn zu erkennen, und irre mich nicht; dick und untersetzt.«

»Wer ist das?« fragten zugleich alle vier Freunde mit leiser Stimme.

»Der General Oliver Cromwell.« Die vier Freunde blickten einander an. »Und der andere?« fragte Athos. »Mager und schlank.«

»Das ist der Scharfrichter,« riefen zugleich Aramis und d'Artagnan.

»Ich sehe nichts als seinen Rücken,« versetzte Grimaud; »doch halt, er macht eine Bewegung, er wendet sich; wenn er seine Larve weggelegt hat, so kann ich ihn sehen – ah! ...« Und als wäre Grimaud ins Herz getroffen worden, ließ er den eisernen Haken los, warf sich zurück und brach in dumpfes Stöhnen aus. Porthos hielt ihn in seinen Armen zurück. »Hast du ihn gesehen?« fragten die vier Freunde.

»Ja,« antwortete Grimaud mit gesträubten Haaren und schweißbedeckter Stirn«.

»Den magern und schlanken Mann?« fragte d'Artagnan.

»Ja!«

»Kurz, den Scharfrichter?« fragte Aramis.

»Ja.«

»Und wer ist er?« fragte Porthos.

»Er – er!« stammelte Grimaud, leichenfahl und mit seinen bebenden Händen die Hände seines Herrn ergreifend.

»Wer denn, er?« fragte Athos.

»Mordaunt!« – rief Grimaud.

D'Artagnan, Porthos und Aramis erhoben einen Ausruf der Freude. Athos wich einen Schritt zurück, fuhr mit der Hand über seine Stirn und murmelte: »Verhängnis!«

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