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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Handwerker

Gegen Mitternacht vernahm Karl ein starkes Geräusch unter seinem Fenster, das waren die Hammerschläge und Beilhiebe, das Scharren des Brecheisens und das Knarren der Säge. Da er ganz angekleidet auf seinem Bette lag, und eben anfing einzuschlummern, so erweckte ihn dieses Getöse plötzlich, und da dieser Lärm nebst seinem materiellen Widerhalle auch ein moralisches und furchtbares Echo hatte, so bemächtigten sich seiner abermals die schrecklichen Gedanken vom gestrigen Abend. Er befand sich einsam in der Finsternis und Absonderung und hatte nicht die Kraft, die neue Qual zu ertragen, welche nicht in dem Programm seiner Hinrichtung stand, und so schickte er Parry ab, der Schildwache zu sagen, sie möchte die Arbeiter angehen, daß sie weniger stark klopfen und Mitleid mit dem letzten Schlummer desjenigen haben sollten, der vordem ihr König war. Die Schildwache wollte von ihrem Platze nicht weichen, ließ aber Parry hinaus. Nachdem nun Parry um den Palast herumgegangen war, und zu dem Fenster kam, sah er ein großes, noch unvollendetes Schafott, das mit dem Balkon, von dem man das Geländer wegbrach, gleichstand, und worüber man eben einen Behang von schwarzem Zeuge nagelte. Dieses Blutgerüst, das bis zur Fensterhöhe, das ist etwa zwanzig Fuß hoch, aufgerichtet ward, hatte zwei untere Stockwerke. Wie verhaßt auch Parry dieser Anblick war, so suchte er doch unter den acht bis zehn Arbeitern, welche diese traurige Maschine aufführten, diejenigen aus, deren Geräusch dem König am widerlichsten fallen mußte, und so bemerkte er im zweiten Stockwerke zwei Männer, welche mittels eines Brecheisens die letzten Zapfen des eisernen Ballons ausbrachen; der eine von ihnen, ein wahrhafter Koloß, versah den Dienst des antiken Widders, der darin bestand, die Mauern einzustoßen. Bei jedem Stoße seines Instrumentes zerstob der Stein in Stücke. Der andere lag auf den Knien und zog die gesprengten Steine heraus. Die waren es augenscheinlich, welche den Lärm verursachten, über den der König Klage führte. Parry stieg über die Leiter und kam zu ihnen.

»Meine Freunde,« sprach er zu ihnen, »ich bitte Euch, arbeitet doch ein bißchen leiser. Der König schläft und ist des Schlafes bedürftig.« Der Mann mit dem Brecheisen hielt in der Arbeit inne und wandte sich halb um; doch da er stand, so konnte Parry sein Gesicht in der Finsternis, welche nach der Decke hin schwärzer wurde, nicht wahrnehmen. Der Mann auf den Knien wandte sich gleichfalls um, und da sein Gesicht, welches niedriger war als das seines Kameraden, von der Laterne beschienen wurde, so konnte es Parry unterscheiden. Dieser Mann starrte ihn fest an und legte einen Finger an den Mund. Parry wich betroffen zurück.

»Es ist gut, es ist gut,« sprach der Handwerker vortrefflich englisch; »kehre zu dem Könige zurück und melde, er würde, ob er auch in dieser Nacht schlecht schlafe, doch in der nächsten desto besser schlafen.«

Diese rauhen Worte, welche buchstäblich genommen so grausam klangen, wurden von den Arbeitern an den Seiten und im unteren Stockwerke mit einem gräßlichen Jubelgeschrei aufgenommen. Parry ging fort und glaubte, nur zu träumen. Karl erwartete ihn schon voll Ungeduld. In dem Momente, da er zurückkehrte, streckte die Schildwache vorwitzig ihren Kopf durch die Türe, um zu sehen, was der König tue. Der König hatte sich im Bette auf einen Ellbogen gestützt. Parry sperrte die Türe zu, ging mit freudestrahlendem Antlitz zu dem Könige und sprach mit leiser Stimme zu ihm:

»Sire, wissen Sie, wer die Arbeiter sind, welche so viel Lärm erregen?«

»Nein,« entgegnete Karl, schwermütig den Kopf schüttelnd, »wie kann ich das wissen? Kenne ich denn diese Leute?«

»Sire,« sprach Parry noch leiser und über das Bett seines Gebieters hingeneigt, »Sire, es ist der Graf de la Fere und sein Begleiter.«

»Die mein Schafott errichten?« fragte der König erstaunt.

»Ja, und während sie es errichten, in die Mauer ein Loch brechen.«

»Still,« versetzte der König, voll Schrecken um sich blickend, »hast du sie gesehen?«

»Ich habe mit ihnen gesprochen.« Der König faltete die Hände und schlug die Augen zum Himmel auf; nach einem kurzen, innigen Gebete sprang er von seinem Bette und ging an das Fenster, wo er die Vorhänge zurückschlug. Die Schildwachen des Balkons befanden sich noch immer daselbst, und jenseits desselben war eine dunkle Fläche, auf welcher Menschen wie Gespenster vorüberwandelten. Karl konnte nichts wahrnehmen, doch fühlte er unter seinen Füßen die Erschütterung der Stöße, die seine Freunde führten, und jeder dieser Stöße widerhallte jetzt in seinem Herzen. Parry hatte sich nicht getäuscht, er hatte Athos erkannt; er war es wirklich, der mit Porthos' Hilfe ein Loch aushöhlte, worin einer der Querbalken angebracht werden sollte.

Dieses Loch setzte sich mit einer Art Windfang in Verbindung, der sich gerade unter dem Fußboden des königlichen Zimmers befand. War man einmal in dieser Höhlung, die einem Entresol sehr ähnlich war, so konnte man mit einem Brecheisen und starken Schultern, wie sie Porthos hatte, eine Decke des Fußbodens heben: der König würde sonach durch die Öffnung schlüpfen, mit seinen Rettern ein Fach des Schafotts erreichen, das ganz mit schwarzem Tuche überhangen war, gleichfalls einen Handwerkeranzug nehmen, der schon für ihn bereit lag, und ohne Aufsehen, ohne Furcht mit den vier Arbeitern hinabsteigen. Würden die Schildwachen Arbeiter sehen, die am Schafott beschäftigt waren, so würden sie dieselben ohne Verdacht vorüberlassen. Wie schon bemerkt, stand die Feluke in Bereitschaft. Dieser Plan war gut angelegt, leicht und einfach wie alle Dinge, die aus einem kühnen Entschlusse hervorgehen. Athos verwundete sich somit seine so schönen weißen und zarten Hände mit dem Herausziehen der Steine, welche Porthos aus den Fugen sprengte, und schon konnte man mit dem Kopfe unter den Verzierungen hindurch, welche die Platte des Balkons schmückten. Noch zwei Stunden, und der ganze Körper konnte hindurch. Das Loch würde vor Anbruch des Tages fertig sein und hinter einem Vorhange, welchen d'Artagnan anbringen würde, verdeckt werden. D'Artagnan gab sich für einen französischen Handwerker aus und schlug die Nägel so regelmäßig ein, als wäre er der geschickteste Tapezierer. Aramis schnitt das Überflüssige vom Zeuge ab, das bis zur Erde herabhing und hinter dem sich das Blutgerüste erhob. Die Morgenstrahlen erschienen an den Giebeln der Häuser; ein großes Feuer von Torf und Holz diente den Arbeitern, jene so kalte Nacht vom 29. zum 30. Januar zuzubringen, und alle Augenblicke unterbrachen sich die Eifrigsten in der Arbeit, um sich wieder zu wärmen. Athos und Porthos allein waren nie von ihrer Arbeit gewichen, und so war denn auch das Loch bei dem ersten Grauen des Morgens fertig. Athos kroch hindurch mit den Kleidern, welche für den König bestimmt und in schwarzes Zeug gewickelt waren; Porthos reichte ihm sein Brecheisen und d'Artagnan nagelte zum großen, aber sehr nützlichen Luxus ein Stück Zeug im Innern vor, hinter dem das Loch und derjenige, der darin war, verdeckt wurden. Athos brauchte nur noch zwei Stunden zu arbeiten, um sich dem Könige mitteilen zu können, und nach der Berechnung hatten die vier Freunde den ganzen Tag vor sich, weil man, da der Scharfrichter von London fehlte, jenen von Bristol holen mußte. D'Artagnan entfernte sich, um seinen kastanienbraunen Anzug, und Porthos, um sein rotes Wams wieder anzulegen; Aramis aber ging zu Juxon, um mit ihm, wenn es anging, zum Könige zu gelangen. Alle drei verabredeten sich mittags auf dem Platze White-Hall zu sein, um zu sehen, was da vorgehe. Ehe sich Aramis vom Schafott entfernt hatte, näherte er sich der Öffnung, worin Athos versteckt war, um ihm zu melden, er wolle Karl wiederzusehen versuchen. »Lebt also wohl und guten Mut!« rief Athos; »meldet dem König, wie die Sachen stehen, und sagt ihm, er möchte, wenn er allein ist, auf den Fußboden klopfen, damit ich in meiner Arbeit sicherer fortfahren könne. Wenn mir Parry behilflich sein könnte, im voraus die untere Platte des Kamins loszumachen, die zweifelsohne eine Marmorplatte ist, so wäre um so mehr geschehen. Ihr, Aramis, seid darauf bedacht, den König nicht zu verlassen. Redet laut, sehr laut, da man Euch von der Türe aus behorchen wird. Wenn eine Schildwache in das Innere des Zimmers kommt, so stoßt sie nieder ohne alles Bedenken; sind deren zwei, so töte Parry die eine und Ihr die andere; sind deren drei, so laßt Euch töten, doch rettet den König.«

»Seid unbekümmert,« entgegnete Aramis, »ich will zwei Dolche mitnehmen und einen davon Parry geben. Ist das alles?«

»Ja, geht nun; allein empfehlet dem König wohl an, daß er keinen falschen Edelmut übe. Indes Ihr Euch schlaget, wenn es zum Kampfe kommt, so soll er entfliehen; ist einmal die Platte über seinem Kopfe wieder zugelegt, so wird man, ob Ihr nun tot oder lebendig auf dieser Platte seid, wenigstens zehn Minuten brauchen, um das Loch aufzufinden, durch das er entschlüpft ist. Mittlerweile werden wir ferne und der König gerettet sein.«

»Es soll geschehen, wie Ihr sagt, Athos. Gebt mir Eure Hand, denn vielleicht sehen wir uns niemals wieder.« Athos schlang seinen Arm um Aramis' Nacken und küßte ihn. »Das für Euch,« sprach er; »nun, wenn ich sterbe, so meldet d'Artagnan, daß ich ihn wie meinen Sohn liebe, und umarmt ihn an, meiner Statt. Umarmt auch unseren guten, wackeren Porthos. Lebt wohl!«

»Lebt wohl!« wiederholte Aramis. »Nun bin ich ebenso überzeugt, daß der König entkommen wird, wie ich überzeugt bin, daß ich die biederste Hand, die es auf der Welt gibt, halte und drücke.« Aramis verließ Athos, stieg dann gleichfalls von dem Schafott hinab, und indem er die Arie eines Liedes zum Lobe Cromwells pfiff, gelangte er zum Gasthause. Er traf seine zwei Freunde neben einem wohltätigen Feuer am Tische sitzend, wo sie eben eine Flasche Wein tranken und ein kaltes Huhn speisten. Porthos aß, indem er sich gegen jene Parlamentsmitglieder gewaltig ereiferte, d'Artagnan aß schweigend, brütete aber dabei über den verwegensten Plänen.

Aramis berichtete ihnen alles, was abgemacht wurde: d'Artagnan billigte es durch Kopfnicken, Porthos mit der Stimme. Aramis verzehrte schnell einen Bissen, trank ein Glas Wein und wechselte den Anzug. Dann sprach er: »Nun begebe ich mich zu Seiner Ehrwürden. Ihr tragt Sorge, die Waffen instand zu setzen, Porthos, und Ihr, d'Artagnan, bewacht Euren Scharfrichter gut.«

»Seid unbekümmert, Grimaud hat Mousqueton abgelöst und er hat über ihm den Fuß.«

»Gleichviel, verdoppelt Eure Wachsamkeit und bleibt keinen Augenblick lang untätig.«

»Untätig, mein Lieber?« rief Porthos. »Ich lebe nicht, ich bin unablässig auf den Füßen und gleiche einem Tänzer. Bei Gott! wie sehr liebe ich in diesem Augenblicke Frankreich, und wie gut ist es, ein Vaterland zu haben, wenn man sich so schlecht in einem anderen Lande befindet.« Aramis schied von ihnen, wie er von Athos geschieden war, indem er sie nämlich umarmte; sodann ging er zu dem Bischof Juxon, dem er seine Bitte vortrug. Juxon willigte um so leichter ein, Aramis mitzunehmen, als er schon vorausgesehen hatte, daß er für den gewissen Fall, wo der König das Abendmahl empfangen wollte, und vorzüglich für den wahrscheinlichen Fall, wo der König eine Messe zu hören wünschte, eines Gehilfen bedürfen würde.

Der Bischof stieg in derselben Kleidung, welche Aramis tags zuvor hatte, in den Wagen, und nach ihm stieg Aramis ein, der mehr noch durch seine Blässe und Traurigkeit, als durch seinen Anzug entstellt war. Der Wagen hielt ungefähr um neun Uhr morgens am Tore von White-Hall. Es schien sich da nichts verändert zu haben; die Vorgemächer und Plätze waren voll Wachen, wie tags vorher. Zwei Schildwachen standen an der Türe des Königs, zwei andere schritten auf dem Ballon hin und her, wo auf das Schafott bereits der Block gestellt war. Der König war der Hoffnung voll, und als er Aramis wiedersah, ging diese Hoffnung in Freude über. Er umarmte Juxon und drückte Aramis die Hand. Der Bischof sprach absichtlich laut und vor jedermann mit dem Könige über ihr Gespräch vom gestrigen Abend. Der König erwiderte: »Die Worte dieser Unterredung hätten bereits ihre Früchte getragen und er wünschte sich abermals solch eine Unterredung.« Juxon wandte sich zu den Anwesenden mit der Bitte, sie möchten ihn mit dem König allein lassen. Alle gingen hinaus. Als die Türe wieder geschlossen war, sprach Aramis schnell: »Sire, Sie sind gerettet, der Scharfrichter von London ist verschwunden; sein Gehilfe hat gestern unter den Fenstern Ew. Majestät das Bein gebrochen; jener Schrei, den wir vernahmen war der seinige. Man ist das Verschwinden des Scharfrichters sicher schon gewahr geworden, doch gibt es keinen nähern Scharfrichter als in Bristol, es braucht Zeit, um ihn zu holen, und somit haben wir wenigstens Zeit bis morgen.«

»Allein der Graf de la Fère?« fragte der König. »Er ist zwei Fuß weit von Ihnen, Sire; nehmen Sie die Feuerzange und machen Sie drei Schläge, so werden Sie ihn antworten hören.« Der König nahm mit bebender Hand die Feuerzange und klopfte damit dreimal in gleichen Zwischenräumen. Allsogleich erschallten dumpfe und vorsichtige Stöße unter dem Fußboden und gaben Antwort auf das gegebene Zeichen. »Der mir da antwortet, ist also...?« »Es ist der Graf de la Fère, Sire,« entgegnete Aramis. »Er bereitet den Weg vor, durch den Ew. Majestät wird entschlüpfen können. Parry wird seinerseits die Marmorplatte emporheben und damit einen Durchgang öffnen.«

»Ich habe aber keine Werkzeuge,« bemerkte Parry. »Nehmt diesen Dolch hier,« versetzte Aramis; »nur gebt acht, daß Ihr ihn nicht allzusehr abstumpft, denn er könnte Euch wohl noch zu etwas anderem dienen, als den Stein hohl zu machen.«

»O Juxon!« sprach Karl zu dem Bischof gewendet, dessen beide Hände er ergriff, »o Juxon! achtet auf die Bitte desjenigen, der Euer König war.«

»Der es noch ist und der es immer sein wird,« erwiderte Juxon und küßte die Hand seines Fürsten. »Betet Euer Leben lang für diesen Edelmann hier, betet für den andern, welchen Ihr unter unseren Füßen hört und betet noch für zwei andere, von denen ich überzeugt bin, daß sie, wo sie auch sein mögen, für meine Rettung Sorge tragen.«

»Sire,« entgegnete Juxon, »Ihr Befehl wird vollzogen werden. Ich werde täglich, so lange ich lebe, für diese ergebenen Freunde Ew. Majestät zu Gott beten.« Athos fuhr noch eine Weile in seiner Arbeit fort, die man stets sich nähern fühlte. Auf einmal aber erschallte in der Galerie ein unvermutetes Getöse. Aramis ergriff die Feuerzange und gab das Zeichen zur Unterbrechung. Dieser Lärm drang näher; es war der von einer gewissen Anzahl gleicher und regelmäßiger Schritte. Die vier Männer verhielten sich unbeweglich und hefteten ihre Augen auf die Türe, welche langsam und auf eine feierliche Weise geöffnet wurde. Die Wachen hatten sich im Vorgemache des Königs zu beiden Seiten aufgestellt. Ein Kommissar des Parlaments, in schwarzem Anzuge und mit ernster Miene, die von böser Vorbedeutung war, trat ein, verneigte sich vor dem Könige, entrollte ein Pergament und las ihm das Urteil vor, wie man es Verurteilten zu tun pflegt, die das Schafott besteigen. »Was hat das zu bedeuten?« fragte Aramis den Bischof. Juxon machte ein Zeichen, womit er sagen wollte, er wisse in jeder Hinsicht ebensowenig wie er. »Gilt es also für heute?« fragte der König mit einer Gemütsbewegung, die nur für Juxon und Aramis bemerkbar war. »Sire,« antwortete der schwarzgekleidete Mann, »hat man Euch denn nicht benachrichtigt, daß es diesen Morgen vollzogen würde?«

»Und,« sprach der König, »ich soll wie ein gemeiner Missetäter durch die Hand des Scharfrichters von London fallen?«

»Sire,« erwiderte der Kommissar des Parlaments, »der Scharfrichter von London ist verschwunden; doch hat sich an seiner Statt ein Mann angeboten. Die Vollziehung des Urteils wird somit nur um die Zeit verzögert werden, die Ihr verlangt, um Eure geistlichen und zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.« Ein leichter Schweiß, der an Karls Haarwurzeln perlte, war die einzige Spur der Gemütsbewegung, die sich auf die Ankündigung dieser Nachricht ergab. Doch Aramis wurde leichenblaß. Sein Herz pochte nicht mehr, er schloß die Augen und stützte seine Hand auf einen Tisch. Als Karl diesen tiefen Schmerz bemerkte, schien er den eigenen zu vergessen. Er trat zu ihm, faßte ihn an der Hand und umarmte ihn, indem er mit einem freundlichen und traurigen Lächeln sagte: »Seid gefaßt, o Freund, Mut!« Doch wandte er sich zu dem Kommissar und sprach: »Mein Herr, ich bin bereit. Ihr seht, ich verlange nur zwei Dinge, welche Euch, wie ich glaube, nicht sehr verspäten werden. Das erste ist, das Abendmahl zu nehmen; das zweite, meine Kinder zu umarmen und ihnen mein letztes Lebewohl zu sagen. Wird mir das verstattet sein?«

»Ja, Sire,« antwortete der Kommissar des Parlaments. Sodann entfernte er sich. Als Aramis wieder zu sich kam, preßte er sich die Nägel in das Fleisch und erhob ein tiefes Stöhnen. »O, gnädiger Herr,« rief er, indem er Juxons Hände erfaßte, »wo ist Gott? ach, wo ist Gott?«

»Mein Sohn,« antwortete ihm der Bischof mit Festigkeit, »Ihr seht ihn nicht, weil ihn die irdischen Leidenschaften verbergen.«

»Mein Sohn,« sprach der König zu Aramis. »sei nicht trostlos. Du fragst, was Gott tut? Gott sieht auf deine treue Hingebung und auf mein Märtyrertum, und glaube mir, beiden wird ihr Lohn zuteil; somit halte dich über das, was geschieht, an die Menschen und nicht an Gott. Die Menschen sind es, welche mich zum Tode führen, die Menschen sind es, welche dir die Tränen erpressen.«

»Ja, Sire,« antwortete Aramis, «ja, Sie haben recht, ich muß die Schuld den Menschen zuschreiben und mich deshalb an sie halten.«

»Seht Euch, Juxon,« sprach der König, indem er niederkniete, »Ihr müßt mich noch anhören und ich muß doch beichten. Bleibt, o Herr,« sagte er zu Aramis, der sich zurückziehen wollte; »bleib, Parry; ich habe nichts zu sagen, was ich nicht in Gegenwart aller Welt sagen könnte, ich beklage nur, daß mich nicht alle hören können wie Ihr.« Juxon setzte sich, der König kniete vor ihm wie der demutvollste Gläubige, und fing an sein Bekenntnis abzulegen.

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