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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9776de94
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London

Als das Gestampfe der Pferde in der Ferne verhallt war, ging d'Artagnan wieder zum Ufer des kleinen Baches und durchmaß die Ebene, um sich womöglich über London zu orientieren. Seine drei Freunde folgten ihm schweigend nach, bis sie mit Hilfe eines großen Halbkreises die Stadt weit hinter sich gelassen hatten. Als sich d'Artagnan fern genug von dem Aufbruchsorte glaubte, um aus dem Galopp in den Trab überzugehen, sprach er: »Für diesmal halte ich alles für verloren, und das beste, was wir tun können, ist, daß wir nach Frankreich übersetzen. Athos, was sagt denn Ihr zu dem Vorschlag? findet Ihr nicht, daß er vernünftig ist? »Ja, teurer Freund,« entgegnete Athos, »doch habt Ihr unlängst ein mehr als vernünftiges, Ihr habt ein edles, hochherziges Wort ausgesprochen, als Ihr gesagt habt, daß wir hier sterben werden. Ich will Euch an Euer Wort mahnen.« »O,« versetzte Porthos, »der Tod ist nichts, und er soll uns auch nicht beängstigen, weil wir nicht wissen, was das ist; allein, der Gedanke einer Niederlage ist es, der mich martert. Nach der Wendung, welche die Dinge nehmen, ersehe ich, daß wir London, den Provinzen und ganz England eine Schlacht liefern müßten, und wahrlich, es kann zuletzt nicht ausbleiben, daß wir geschlagen werden.« »Wir müssen dieser großen Tragödie bis zum Schlusse beiwohnen,« sprach Athos, »und wie es auch sein möge, so werden wir England erst nach der Entwicklung verlassen. Aramis, seid Ihr meiner Ansicht?« »Vollkommen, lieber Graf! dann bekenne ich auch, es wäre mir nicht unlieb, Mordaunt wiederzutreffen; ich denke, wir hätten eine Rechnung mit ihm abzuschließen, und sind es nicht gewohnt, Länder zu verlassen, ohne Schulden dieser Art zu tilgen.« »Ah, das ist etwas anderes,« erwiderte d'Artagnan, »und dieser Grund scheint mir auch annehmbar. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich nötigenfalls ein Jahr lang in London verweilen wollte, um den fraglichen Mordaunt wieder aufzufinden. Wir müssen uns nur bei einem vertrauenswürdigen Manne einquartieren, und so, daß wir keinen Verdacht erwecken, denn in diesem Augenblicke läßt uns Herr Cromwell zuverlässig aufsuchen, und so viel ich schließen konnte, treibt Herr Cromwell keinen Scherz. Athos, ist Euch in der ganzen Stadt ein Gasthaus bekannt, wo man ein reinliches Bett, anständiges Rostbeef und Wein findet, dem nicht Hopfen und Wachholder zugesetzt sind?« »Ich denke, Euch dienen zu können,« antwortete Athos. »Lord Winter hat uns zu einem Mann geführt, von dem er sagte, er war einst Spanier und nun ein durch die Guineen seiner Landsleute neutralisierter Engländer. Was sagt Ihr, Aramis? »Nun, mir kommt der Plan, bei Signor Perez einzukehren, ganz vernünftig vor; ich trete ihm also meinerseits bei. Wir wollen das Andenken des armen Lord Winter beschwören, den er so hoch zu verehren schien; wir wollen ihm sagen, daß wir Zeugen dessen zu sein wünschen, was da vorgeht; wir wollen jeder täglich eine Guinee bei ihm verzehren, und so glaube ich, daß wir mittels all dieser Vorsichtsmaßregeln ganz ruhig bei ihm sein können» »Aramis, Ihr vergeßt jedoch eine Vorsichtsmaßregel, welche sogar ziemlich wichtig ist.« »Welche denn?« «Auf die, die Kleider zu wechseln.« »Bah,« rief Porthos, »was sollen wir die Kleider wechseln, da es uns in diesen hier so behaglich ist?« »Damit wir nicht erkannt werden,« antwortete d'Artagnan. »Unsere Kleider haben einen Schnitt und eine fast uniformartige Farbe, die den Frenchman auf den ersten Blick erraten läßt. Da ich aber für den Schnitt meines Rockes und die Farbe meiner Beinkleider nicht derart eingenommen bin, daß ich mich ihnen zuliebe der Gefahr aussetzen wollte, in Tyburn gehenkt zu werden, oder eine Fahrt nach Indien zu machen, so will ich mir einen kastanienbraunen Anzug kaufen. Ich habe ja bemerkt, wie versessen die albernen Puritaner auf derlei Farben sind.« »Werdet Ihr aber Euren Mann wieder auffinden?« fragte Aramis. »O gewiß, er wohnte in der Straße Green-Hall, Betfords Tavern; überdies wollte ich mit verbundenen Augen durch die City wandern.« »Ich wünschte schon dort zu sein,« versetzte d'Artagnan, »und ich glaube, um vor Tagesanbruch nach London zu kommen, müßten wir unsere Pferde halb zu Tode reiten.« »So laßt uns denn vorwärts eilen,« sprach Athos, »denn wenn meine Berechnung nicht fehlgeht» so sind wir kaum acht bis zehn Meilen weit davon entfernt.« Die Freunde spornten ihre Renner und kamen auch wirklich gegen fünf Uhr früh an. Ein Wachtposten hielt sie bei dem Tore an, durch das sie einritten, und Athos antwortete ganz gut englisch: sie seien vom Obersten Harrison ausgeschickt um seinem Kollegen, Herrn Bridge, die nahe Ankunft des Königs zu melden. Diese Antwort verursachte einige Fragen über die Gefangennehmung des Königs, und Athos gab so bestimmte und genaue Einzelheiten an, daß, wenn die Torwachen irgend einen Verdacht gehabt hätten, derselbe gänzlich verschwunden wäre. Sonach wurde den vier Freunden der Eintritt mit allen möglichen puritanischen Glückwünschen geöffnet.

Athos hatte wahr gesprochen; er ritt unmittelbar nach Betfords Tavern, und der Wirt, welcher ihn sogleich wiedererkannte, war höchlich erfreut, als er ihn mit einer so zahlreichen und hübschen Gesellschaft zurückkehren sah, so daß er auf der Stelle die schönsten Zimmer zurechtrichten ließ. Wiewohl der Tag noch nicht angebrochen war, so hatten doch unsere vier Freunde die Stadt ganz in Aufruhr angetroffen. Wie man sich erinnern wird, so war der Vorschlag von seiten Porthos', einstimmig angenommen worden. Man beschäftigte sich sofort mit seiner Ausführung. Der Wirt ließ alle Arten von Kleidern herbeischaffen, als wollte er selbst seine ganze Garderobe neu instand setzen. Athos wählte für sich einen schwarzen Anzug, der ihm das Aussehen eines ehrsamen Bürgers gab; Aramis, der sein Schwert nicht ablegen wollte, nahm eine dunkelgrüne Kleidung von militärischem Zuschnitt; Porthos fand sein Gefallen an einem roten Wams und grünen Beinkleidern; d'Artagnan, der sich die Farbe im voraus bestimmt hatte, brauchte sich nur noch mit der Schattierung zu befassen, und unter dem kastanienbraunen Anzug, der ihn angelockt hatte, sah er so ziemlich aus wie ein Zuckerhändler, der sich in Ruhestand versetzt hat. »Nun lasset uns zur Hauptsache schreiten,« sprach d'Artagnan, »und uns die Haare abschneiden, damit uns der Pöbel nicht verspotte. Weil wir keine Edelleute mehr sind durch das Schwert, so lasset uns Puritaner sein durch die Frisur. Das ist der wichtigste Punkt, wie Ihr wißt, der den Covenanter vom Edelmann unterscheidet.« Bei diesem hochwichtigen Punkte fand d'Artagnan, daß Aramis sehr widerspenstig war; er wollte durchaus sein Haar behalten, welches sehr schön war und worauf er alle Sorgfalt verwendete, so daß ihn Athos, dem alles gleichgültig war, hierzu das Beispiel geben mußte. Porthos überantwortete ohne Widerrede seinen Kopf Mousqueton, der ihm sein dickes starkes Haar mit voller Schere stutzte; d'Artagnan schnitt sich selbst einen Phantasiekopf, bei einer Denkmünze aus der Zeit Franz' I. oder Karls IX. so ziemlich ähnlich war.

Die vier Freunde hatten sich noch nicht seit zwei Stunden unter die Volksmenge gemischt, als ein großes Geschrei und eine ungestüme Bewegung die Ankunft des Königs verkündeten. Man hatte ihm eine Kutsche entgegengeschickt, und der riesige Porthos, der mit seinem Kopfe die Köpfe aller anderen überragte, meldete von ferne schon, er sehe die königliche Kutsche herankommen; d'Artagnan stellte sich auf die Fußspitzen, indes Athos und Aramis lauschten, da sie die allgemeine Stimmung zu erforschen suchten; sie erkannten Harrison an dem einen und Mordaunt an dem andern Schlage des Wagens. Das Volk aber, dessen Stimmung Athos und Aramis prüften, drückte sich mit großem Unwillen aus. Athos kehrte verzweiflungsvoll zurück. Als er am folgenden Morgen durch sein Fenster sah, welches auf einen sehr bevölkerten Teil der City ging, so hörte er eben die Parlamentsbill ausrufen, welche den Exkönig Karl I. des Verrats und Mißbrauchs der Gewalt beschuldigte und vor den Richterstuhl berief. D'Artagnan befand sich bei ihm, Aramis war in eine Landkarte und Porthos in die letzten Genüsse eines kräftigen Frühstückes vertieft.

»Das Parlament?« rief Athos; »unmöglich konnte das Parlament eine solche Bill erlassen.« »Hört,« sprach d'Artagnan, »ich verstehe wenig englisch, da aber das Englische nur ein schlecht ausgesprochenes Französisch ist, so hört, was ich verstehe: Parliaments bill, und das will sagen: Parlamentsbill, oder Gott soll mich verdammen, wie man hier spricht.« In diesem Momente trat der Wirt ein. Athos winkte, zu ihm zu kommen. »Hat wirklich das Parlament diese Bill erlassen?« fragte Athos auf englisch. »Ja, Mylord, das reine Parlament.« »Wie, das reine Parlament? gibt es also zwei Parlamente?« »Mein Freund,« fiel d'Artagnan ein, »da ich nicht englisch kann, während wir aber alle spanisch sprechen, so erweiset mit den Gefallen und teilt Euch in dieser Sprache mit, welche die Eurige ist, und die Ihr folglich mit Vergnügen reden müßt, wenn sich Gelegenheit trifft.« »Ah, schön!« rief Aramis. Porthos hatte, wie schon bemerkt, seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Rippe gerichtet, und sich damit beschäftigt, sie von ihrer fleischigen Hülle loszumachen. »Sie fragten also?« sprach der Wirt auf spanisch. »Ich habe gefragt,« entgegnete Athos in derselben Sprache, »ob es denn zwei Parlamente gebe, ein reines und ein unreines?« »O, wie seltsam das ist!« rief Porthos, während er langsam den Kopf erhob und seine Freunde erstaunt anblickte, »jetzt verstehe ich also englisch, da ich verstehe, was Ihr redet.« »Nun, weil wir spanisch reden, Freund,« erwiderte Athos mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit. »Ha, zum Teufel!« rief Porthos, »das ist mir leid das hätte für mich eine Sprache mehr ausgemacht.« »Sennor,« fing der Wirt wieder an, »wenn ich sage, das reine Parlament, so nenne ich dasjenige, welches der Oberst Bridge gereinigt hat.« »Ach, wirklich!« versetzte d'Artagnan, »Die Leute sind hier ungemein erfinderisch, und bei meiner Zurückkunft nach Frankreich muß ich dieses Mittel dem Herrn von Mazarin und dem Herrn Koadjutor mitteilen. Der eine wird im Namen des Hofes, der andere im Namen des Volkes reinigen, so daß es gar kein Parlament geben wird.« »Wer ist denn der Oberst Bridge?« fragte Aramis, »und wie hat er es angefangen, daß er das Parlament reinigte?« »Der Oberst Bridge,« entgegnete der Spanier, »war einst Kärrner, ein Mann von Kopf, der, während er seinen Karren führte, die Bemerkung gemacht hat, daß es, wenn ein Stein auf seinem Wege lag, viel kürzer sei, den Stein wegzunehmen, als zu versuchen, das Rad darüberrollen zu lassen. Da haben ihn aber aus den zweihundertundeinundfünfzig Mitgliedern, die das Parlament ausmachten, hunderteinundneunzig gehindert, indem sie seinen politischen Karren hätten umstürzen können. Er nahm sie so wie ehemals die Steine, und warf sie aus dem Parlamentssaale.« »Das ist hübsch,« rief d'Artagnan, welcher, wie er selbst ein Mann von Geist war, überall den Geist schätzte, wo er ihn antraf. »Und waren alle diese Vertriebenen Stuarts Anhänger?« fragte Athos. »Zweifelsohne, Sennor, und Sie werden begreifen, daß sie den König würden gerettet haben.« »Bei Gott!« sprach Porthos majestätisch, »da sie die Majorität bildeten.«

»Und glaubt Ihr,« fragte Aramis, »er wird vor einem solchen Gerichtshöfe erscheinen wollen?« »Das wird er wohl müssen,« erwiderte der Spanier: »versuchte er es, sich zu weigern, so würde ihn das Volk dazu nötigen.« »Dank, Meister Perez,« sagte Athos; »nun bin ich hinlänglich unterrichtet.« »Fangt Ihr doch endlich an zu glauben, Athos, daß die Sache verloren ist?« sprach d'Artagnan, »und daß wir mit den Harrisons, Joyces, Bridges und Cromwells nie auf gleicher Höhe stehen werden?« »Der König wird frei werden vor dem Gerichtshof,« sagte Athos, »eben das Stillschweigen seiner Parteigänger zeigt ein Komplott an.« D'Artagnan zuckte die Achseln. »Wenn sie aber ihren König zu verurteilen wagen,« sprach Aramis, »so werden sie ihn zur Verbannung oder zum Kerker verurteilen, das ist alles.« D'Artagnan pfiff ungläubig seine kleine Arie. »Das werden wir schon sehen,« sagte Athos, »denn wie ich voraussetze, werden wir den Sitzungen beiwohnen.« »Da werden Sie nicht lange warten dürfen,« bemerkte der Wirt, »denn sie nehmen morgen schon den Anfang.« »Ah!« rief Athos; »sonach war der Prozeß schon eingeleitet, ehe man noch den König gefangen hatte?« »Man hat ihn ohne Zweifel an dem Tage begonnen, wo er erkauft worden ist.« sagte d'Artagnan. »Ihr wißt wohl,« versetzte Aramis, »es war unser Freund Modaunt, welcher den Handel, wo nicht abgeschlossen, doch wenigstens eingeleitet hat.« »Ihr wißt,« sprach d'Artagnan, »daß ich diesen Herrn Mordaunt umbringe, wo er mir immer in die Hände fallen mag.« »Ei pfui, solch einen Nichtswürdigen!« rief Athos. »O, eben deshalb bringe ich ihn um, weil er ein Nichtswürdiger ist,« entgegnete d'Artagnan. »O, lieber Freund, ich befolge Euren Willen stets derart, daß Ihr auch gegen den meinigen nachsichtig sein könnt; übrigens mag Euch das für diesmal gefallen oder nicht gefallen, ich erkläre Euch, daß dieser Mordaunt nur durch mich sterben werde.«

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