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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Partie Landsknecht

D'Artagnan und Porthos mit ihren Schwertern, und Athos und Aramis mit den im Wams verborgenen Dolchen, begaben sich nach dem Hause, welches für diesen Abend das Gefängnis von Karl Stuart war. Die zwei letzteren folgten ihren Besiegern wie Gefangene ganz gehorsam und dem Anscheine nach entwaffnet. Als sie Groslow erblickte, sprach er: »Meiner Treue, fast hätte ich nicht mehr auf Euch gerechnet.« D'Artagnan trat zu ihm und sprach ganz leise: »Mein Herr, ich und Herr du Vallon zögerten wirklich ein Weilchen lang, hierher zu kommen.«

»Warum denn?« fragte Groslow. D'Artagnan zeigte mit den Augen auf Athos und Aramis. »Ah,« versetzte Groslow, »was liegt daran? Im Gegenteil,« fügte er lachend hinzu, »wenn sie ihren Stuart sehen wollen, so mögen sie ihn anschauen.«

»Bringen wir die Nacht in dem Zimmer des Königs zu?« fragte d'Artagnan.

»Nein, jedoch im anstoßenden Zimmer, und da die Türe offen bleibt, so ist es fast so viel, als wären wir in seinem Zimmer. Seid Ihr mit Geld ausgestattet? Ich sage Euch, heute abend bin ich gewillt, ein höllisches Spiel zu spielen.«

»Hört Ihr?« entgegnete d'Artagnan und ließ das Gold in seinen Taschen klingen. » Very good!« sprach Groslow und machte die Zimmertüre auf. »Um Euch den Weg zu zeigen, meine Herren,« sagte er und ging voraus. Die acht Wächter standen auf ihren Posten; vier befanden sich im Zimmer des Königs, zwei an der Verbindungstüre und zwei an der Türe, durch welche unsere Freunde eintraten. Bei dem Anblicke der entblößten Schwerter lächelte Athos; es war also keine bloße Schlächterei mehr, sondern ein Kampf. In dem ersten Zimmer war ein Tisch zurechtgestellt und mit einem Teppich überdeckt, worauf sich zwei brennende Kerzen, Spielkarten, zwei Becher und Würfel befanden. »Ich bitte, Platz zu nehmen, meine Herren,« sprach Groslow, »ich Stuart gegenüber, den ich so gern sehe, zumal wo er ist; Ihr, Herr d'Artagnan, mir gegenüber.« Athos wurde rot vor Zorn; d'Artagnan blickte ihn mit gerunzelter Stirne an. »So ist es recht,« sprach d'Artagnan; »Ihr, Herr Graf de la Fère, rechts von Herrn Groslow; Ihr, Herr Chevalier d'Herblay, links; Ihr, du Vallon, neben mir. Ihr wettet auf mich, und jene Herren wetten auf Herrn Groslow.« Auf diese Art hatte d'Artagnan Porthos zu seiner Linken, und sprach zu ihm mit dem Knie, Athos und Aramis sich gegenüber, und fesselte sie an seinen Blick. Bei dem Namen des Grafen de la Fère und des Chevalier d'Herblay öffnete Karl die Augen wieder, richtete unwillkürlich sein edles Haupt empor und übersah mit einem Blicke die ganze Gruppe der Spieler.

»Ihr habt mich erst gefragt, ob ich bei Mitteln wäre,« sprach d'Artagnan, und legte zwanzig Pistolen auf den Tisch. »Ja,« entgegnete Groslow. »Nun denn,« fuhr d'Artagnan fort, »jetzt sage ich Euch: bewahrt Euren Schatz wohl, lieber Herr Groslow, denn ich bürge Euch dafür, wir werden dieses Zimmer nur verlassen, indem wir Euch denselben entführen.« »O,« versetzte Groslow, »das geht nicht an, ohne daß ich ihn verteidige.« »Desto besser,« entgegnete d'Artagnan. »Eine Schlacht, lieber Kapitän, eine Schlacht! Ihr wißt, oder wißt nicht, daß es das sei, was wir wollen.«»Ach ja, das weiß ich,« erwiderte Groslow und brach in sein plumpes Lachen aus. »Ihr Franzosen sucht nur Wunden und Beulen.« Karl hatte alles gehört und alles verstanden. Eine leichte Röte überzog sein Angesicht, die Soldaten, welche ihn bewachten, sahen ihn dann seine ermüdeten Glieder ein wenig ausstrecken, und unter dem Vorwande einer allzustarken Wärme, die von einem glühenden Ofen ausging, die schottische Decke zurückwerfen, unter welcher er ganz angekleidet lag. Athos und Aramis zitterten vor Freude, als sie bemerkten, daß der König angekleidet war.

Die Spielpartie begann. An diesem Abend wandte sich das Glück auf Groslows Seite; er hielt alles und gewann jedesmal. So wanderten schon hundert Pistolen von der einen Seite des Tisches zu der andern, und Groslow war närrisch vor Freude. Porthos, der die fünfzig Pistolen, die er tags vorher gewonnen, wieder verloren hatte, und dazu auch noch dreißig eigene, war sehr übler Laune, und stieß mit dem Knie an d'Artagnan, als wollte er fragen, ob es noch nicht Zeit wäre, ein anderes Spiel anzufangen; auch Athos und Aramis blickten ihn von Zeit zu Zeit mit forschenden Augen an, allein d'Artagnan verhielt sich leidenschaftslos. Es schlug zehn Uhr: man hörte die Runde vorüberziehen. »Wie viele solche Runden macht Ihr?« fragte d'Artagnan, während er neue Pistolen aus seiner Tasche hervorholte. »Fünf,« antwortete Groslow, «alle zwei Stunden eine.« »Gut,« entgegnete d'Artagnan, »das ist vorsichtig.« Jetzt warf er auch Athos und Aramis einen Blick zu. Man hörte die Tritte der Runde sich entfernen. D'Artagnan gab auf Porthos Kniestöße zum erstenmal Antwort durch einen gleichen Stoß. Angezogen von dem Reize des Spieles und durch den Anblick des Goldes, der bei allen Menschen so mächtig wirkt, hatten sich inzwischen die Soldaten, die den Befehl hatten, im Zimmer des Königs zu bleiben, nach und nach der Tür genähert, sich auf die Zehen gestellt, um über d'Artagnans und Porthos' Schultern wegzusehen, auch die von der Türe näherten sich, und unterstützten solcherart die geheimen Wünsche der vier Freunde, die sie lieber alle bei der Hand sahen, als genötigt zu werden, sie in allen vier Winkeln des Zimmers aufsuchen. Die zwei Schildwachen an der Türe hatten ihre Schwerter noch immer entblößt, nur stützten sie dieselben auf die Spitze und sahen den Spielern zu. Athos schien stets ruhiger zu werden, je näher der Moment rückte; seine weißen aristokratischen Hände spielten mit Louisdors, und bogen sie mit ebensoviel Leichtigkeit hin und her, als ob das Gold Zinn wäre; Aramis war weniger Herr über sich selbst, und griff beständig in seinen Busen. Porthos war unmutig, daß er stets verlor, und stieß ungestüm mit dem Knie. D'Artagnan wandte sich um, blickte maschinenartig hinter sich und bemerkte, wie Parry zwischen zwei Soldaten und Karl stand, der, auf seinen Ellbogen gestützt, mit gefalteten Händen ein inbrünstiges Gebet an Gott zu richten schien. D'Artagnan erkannte, der Moment sei gekommen, jeder befinde sich auf seinem Posten, und erwarte nur noch das verabredete Signal, nämlich das Wort: Endlich. Er warf Athos und Aramis einen vorbereitenden Blick zu, und beide rückten leise ihren Stuhl zurück, um die Hand frei bewegen zu können. Er versetzte Porthos mit dem Knie einen zweiten Stoß, und dieser stand auf, als wollte er seine Beine ausstrecken, nur versicherte er sich während dieser Bewegung, daß sein Schwert leicht aus der Scheide gehe.

»Potz Element,« rief d'Artagnan, »abermals zwanzig Pistolen verloren! In Wahrheit, Kapitän Groslow; Euer Glück ist zu groß, es kann nicht so anhalten.« Damit holte er zwanzig andere Pistolen aus der Tasche. »Einen letzten Versuch, Kapitän, diese zwanzig Pistolen auf einen Wurf, auf einen einzigen, auf den letzten.« »Es gilt, zwanzig Pistolen!« rief Groslow. Und wie es üblich war, schlug er zwei Karten um, für d'Artagnan einen König und für sich ein As. »Ein König,« rief d'Artagnan; »die Vorbedeutung ist gut. Meister Groslow,« fuhr er fort, »habt acht auf den König.« In d'Artagnans Stimme lag, ungeachtet seiner Selbstbeherrschung, ein so seltsamer Ton, daß sein Mitspieler darob erbebte. Groslow schlug die Karten weiter um; kam zuerst ein As, so hatte er gewonnen, kam ein König, so hatte er verloren. Er schlug einen König um. »Endlich!« rief d'Artagnan. Bei diesem Worte erhoben sich Athos und Aramis. Porthos trat nur einen Schritt zurück. Dolche und Schwerter standen im Begriffe zu blitzen – da ging plötzlich die Türe auf und Harvison trat mit einem Manne ein, der in einen Mantel gehüllt war. Hinten diesem Manne sah man die Gewehre von fünf bis sechs Soldaten funkeln; Groslow war beschämt, daß man ihn unter Wein, Karten und Würfeln überraschte, und stand hastig auf. Doch Harvison achtete nicht auf ihn, er trat, von seinem Begleiter gefolgt, in das Zimmer des Königs und sprach: »Karl Stuart, eben erhalte ich Befehl, Euch nach London zu führen, ohne bei Tag oder bei Nacht anzuhalten. Macht Euch also auf der Stelle zum Aufbruche bereit »Von wem geht dieser Befehl aus?« »Von dem General Oliver Cromwell.« »Ja,« sprach Harvison, »und hier ist Herr Mordaunt, der ihn eben selbst überbringt und beauftragt ist, ihn vollziehen zu lassen.« »Mordaunt,« murmelten die vier Freunde und blickten sich an.

D'Artagnan raffte alles Gold auf, welches er und Porthos verloren hatten, und steckte es in seine weite Tasche; hinter ihn stellten sich Athos und Aramis. Bei dieser Bewegung wandte sich Mordaunt, erkannte sie und erhob einen Schrei grimmiger Lust. »Ich fürchte, daß wir gefangen sind,« flüsterte d'Artagnan seinen Freunden zu. »Noch nicht,« erwiderte Porthos. »Oberst, Oberst!« rief Mordaunt, »lasset dieses Zimmer einschließen, Ihr seid verraten. Diese vier Franzosen sind aus Newcastle entwischt, und wollten Zweifelsohne den König entführen. Man nehme sie fest.« »O, junger Mann,« versetzte d´Artagnan, »dieser Befehl ist leichter zu geben, als zu vollziehen.« Dann zog er sein Schwert, schlug damit ein entsetzliches Rad und fuhr fort: »Zurück, Freunde, zieht Euch zurück!« Er sprang zugleich nach der Türe, warf dort zwei Soldaten nieder, die sie bewachten, ehe sie noch Zeit hatten, ihre Gewehre zu spannen, Athos und Aramis stürzten ihm nach; Porthos bildete die Nachhut, und alle waren bereits auf der Straße, ehe die Soldaten, die Offiziere und der Oberst nur Zeit hatten, sich zu besinnen. »Feuer auf sie!« schrie Mordaunt, »Feuer!« Wirklich knallten ein paar Schüsse, hatten jedoch keine andere Wirkung, als daß sie die Flüchtlinge erhellten, die schnell um die Straßenecke bogen. Die Pferde standen an der bestimmten Stelle; die Bedienten brauchten ihren Herren nur die Zügel zuzuwerfen, und diese schwangen sich als gewandte Reiter auf die Sättel.

»Vorwärts,« rief d'Artagnan, »setzt tüchtig die Sporen ein!« So sprengten sie hinter d'Artagnan dahin, und schlugen wieder die Straße ein, welche sie bereits am Tage zurückgelegt hatten, das heißt, sie wandten sich nach Schottland. Fünfzig Schritte weit von dem letzten Haufe hielt d'Artagnan an. »Halt!« rief d'Artagnan. »Wie – halt?« versetzte Porthos, »Ihr wollt wohl sagen: in Galopp?« »Ganz und gar nicht,« erwiderte d'Artagnan, »man wird uns diesmal nachsetzen; lassen wir nur den Flecken in den Rücken kommen und sie uns nacheilen auf dem Wege nach Schottland, und sahen wir sie im Galopp vorübersprengen, so begeben wir uns auf die entgegengesetzte Straße.« Einige Schritte weit entfernt floß ein Bach, über welchen eine Brücke geschlagen war; d'Artagnan lenkte sein Pferd unter den Bogen dieser Brücke, und seine Freunde ritten ihm nach. Sie waren daselbst noch kaum zehn Minuten lang, als sie die raschen Schritte einer heransprengenden Reiterschar vernahmen. Fünf Minuten darauf brauste diese Schar über ihren Köpfen dahin, und ahnte im entferntesten nicht, daß diejenigen, welche sie suchten, nur durch die Dicke der Brückenwölbung von ihnen getrennt seien.

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