Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
Schließen

Navigation:

Parrys Bruder

Nach Maßgabe, als sich unsere Flüchtlinge dem Hause näherten, sahen sie den Boden zerstampft, als wäre ihnen eine beträchtliche Reiterschar zuvorgekommen; vor der Türe zeigten sich die Spuren noch viel deutlicher; diese Schar, was sie auch sein mochte, hatte dort eingesprochen. »Bei Gott,« rief d'Artagnan, »die Sache ist klar, hier ist der König mit seiner Bedeckung durchgekommen.«

»Zum Teufel,« fluchte Porthos, »wenn das ist, so haben sie alles aufgezehrt.«

»Bah,« versetzte d'Artagnan, »sie haben gewiß noch ein Huhn übriggelassen.« Er sprang vom Pferde und pochte an die Türe, doch antwortete niemand. Er stieß die Türe auf, die nicht versperrt war. und sah das erste Zimmer öde und leer.

»Nun?« fragte Porthos.

»Ich sehe niemand,« entgegnete d'Artagnan.

»Ach, ach!«

»Was ist?«

»Blut.« Bei diesem Ausrufe sprangen die drei Freunde vom Pferde und traten in das erste Zimmer, allein d'Artagnan hatte bereits die Türe des zweiten aufgestoßen, und an dem Ausdrucke seiner Miene gab es sich kund, daß er etwas Ungewöhnliches erblicke. Die drei Freunde traten näher, und sahen auf dem Boden einen Mann hingestreckt und in Blut gebadet. Man sah, er wollte noch sein Bett erreichen, doch hatte er nicht mehr die Kraft, und sank zu Boden. Athos war der erste, der zu diesem Unglücklichen trat und glaubte, er bemerke an ihm noch eine Bewegung. »Nun?« fragte d'Artagnan.

»Wenn er tot ist,« versetzte Athos. »so ist das noch nicht lange her, da er noch warm ist. Doch nein, sein Herz schlägt. He, Freund! –« Der Verwundete stieß einen Seufzer aus; d'Artagnan nahm Wasser in die hohle Hand und sprengte es ihm in das Antlitz. Der Mann schlug die Augen wieder auf, machte eine Bewegung, den Kopf empor zu richten, und sank wieder zurück. Jetzt versuchte es Athos, ihn vom Boden auf seinen Schoß zu erheben, allein er bemerkte, daß die Wunde ein wenig oberhalb der Stirne war und ihm den Schädel gespaltet hatte; das Blut floß in Menge. Aramis tauchte eine Serviette in Wasser und legte sie auf die Wunde; die Frische brachte den Verwundeten wieder zu sich: er öffnete zum zweiten Male die Augen. Er starrte diese Männer erstaunt an, die ihn zu beklagen schienen und die, ihm beizustehen, bemüht waren. »Ihr seid unter Freunden,« redete ihn Athos auf Englisch an, »seid also unbekümmert, und wenn Ihr Kraft genug habt, so erzählet uns, was da geschehen ist.«

»Der König,« stammelte der Verwundete, »der König ist gefangen.«

»Habt Ihr ihn gesehen?« fragte Aramis in derselben Sprache. Der Mann antwortete nicht. »Seid ruhig,« begann Athos wieder, »wir sind getreue Diener Seiner Majestät.«

»Ist das wahr, was Ihr da sagt?« fragte der Verwundete. »Bei unserer Edelmannsehre.«

»Somit kann ich Euch alles sagen?«

»Redet.«

»Ich bin der Bruder Parrys, des Kammerdieners Seiner Majestät.« Athos und Aramis erinnerten sich, daß Lord Winter dem Bedienten diesen Namen gegeben, den sie im Korridor des königlichen Gezeltes angetroffen hatten. »Wir kennen ihn,« versetzte Athos, »er verläßt den König nie.«

»Ja, ganz richtig,« entgegnete der Verwundete. »Nun, als er den König gefangen sah, so dachte er an mich; man zog bei dem Hause vorüber, er forderte in des Königs Namen, daß man daselbst anhalte. Sein Begehren wurde erfüllt. Der König, hieß es, habe Hunger; man ließ ihn in das Zimmer treten, worin ich mich befinde, damit er da seine Mahlzeit halte, während man Wachen vor die Türen und Fenster stellte. Parry kannte dieses Zimmer, denn während Seine Majestät in Newcastle war, besuchte er mich öfter. Auch wußte er, daß in diesem Zimmer eine Falltüre sei, daß sie in den Obstgarten führe und daß man von diesem Keller aus zum Obstgarten gelangen könne. Er machte mir ein Zeichen, das ich verstand; doch ohne Zweifel erlauschten die Wächter dieses Zeichen und es machte sie argwöhnisch. Da ich nicht wußte, daß man etwas argwöhne, so hatte ich nur diesen Wunsch noch, den König zu retten. Ich ging sonach, als wollte ich Holz holen, und dachte, daß keine Zeit zu verlieren sei. Ich trat in den unterirdischen Gang, der nach dem Keller führte und womit diese Falltüre in Verbindung stand. Ich hob den Fußboden mit dem Kopfe auf, und indes Parry den Riegel vorschob, winkte ich dem Könige, mir zu folgen. Ach, er wollte nicht; es schien, als hätte er Abscheu vor der Flucht. Doch Parry bat ihn mit gefalteten Händen; auch ich flehte inständigst, er wolle eine solche Gelegenheit nicht verlieren. Endlich entschloß er sich, mir zu folgen. Zum Glücke ging ich voraus, der König kam einige Schritte hinter mir, als ich auf einmal im unterirdischen Gange sah, daß sich etwas wie ein Schatten emporrichtete. Ich wollte schreien, um den König zu warnen, hatte aber nicht mehr die Zeit. Ich fühlte einen Streich, als stürzte das Haus über mir ein, und sank in Ohnmacht nieder.« »Guter, wackerer Engländer, treuer Diener!« rief Athos. »Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich auf derselben Stelle. Ich schleppte mich bis in den Hof; der König und seine Bedeckung waren verschwunden. Es verging vielleicht eine Stunde, bis ich vom Hofe hierher gelangte; doch hier schwanden meine Kräfte und ich sank abermals in Ohnmacht.«

»Und wie fühlt Ihr Euch jetzt?«

»Sehr schlecht,« entgegnete der Verwundete.

»Können wir etwas für Euch tun?« fragte Athos.

»Helft mir auf das Bett dorthin, ich denke, das wird mich erleichtern.«

»Werdet Ihr jemand haben, der Euch pflegt?«

»Meine Gemahlin ist in Durham und wird alsbald zurückkehren. Doch Ihr selbst, wünscht Ihr nichts, bedürft Ihr nichts?«

»Wir kamen in der Absicht hierher, Euch um etwas Essen zu ersuchen.«

»Ach, sie haben alles genommen und es ist kein Stück Brot mehr im Hause übrig.«

»Hört Ihr, d'Artagnan?« versetzte Athos, »wir müssen unser Mittagmahl anderweitig suchen.«

»Mir gilt das jetzt gleich,« erwiderte d'Artagnan, »denn ich habe keinen Hunger mehr.«

»Meiner Treu', auch ich nicht,« sagte Porthos. Sie brachten den Mann auf ein Bett. Mittlerweile kehrten die Flüchtlinge in das erste Zimmer zurück und hielten hier Rat. »Nun wissen wir, woran wir uns zu halten haben,« sagte Aramis; »es war wirklich der König und seine Bedeckung, die hier durchkamen; und so müssen wir den entgegengesetzten Weg wählen. Ist das auch Eure Ansicht, Athos?« Athos gab keine Antwort, er dachte nach.

»Ja,« versetzte Porthos, »begeben wir uns auf den entgegengesetzten Weg. Folgen wir der Eskorte, so finden wir alles schon aufgezehrt und sterben vor Hunger. Wie verwünscht ist doch dieses England! Das ist das erstemal, daß ich fast nicht zu Mittag essen würde. Das Mittagmahl ist mein liebster Schmaus.«

»Was denkt Ihr, d'Artagnan?« fragte Athos: »teilt Ihr Aramis' Meinung?«

»Ganz und gar nicht,« entgegnete d'Artagnan, »meine Meinung ist gerade die entgegengesetzte.«

»Wie?« fragte Porthos erschreckt, »Ihr wollt der Eskorte folgen?«

»Nein, sondern mit ihr ziehen!« Athos' Augen strahlten vor Freude. »Mit der Eskorte reisen!« rief Aramis. »Laßt d'Artagnan reden,« sagte Athos, »Ihr wißt ja, er ist ein Mann von gutem Rate.«

»Allerdings,« versetzte d'Artagnan, »müssen wir dahin gehen, wo man uns nicht suchen wird. Nun wird man uns aber ganz und gar nicht unter den Puritanern suchen, und folglich müssen wir unter die Puritaner gehen.«

»Gut, Freund, gut,« sprach Athos, »der Rat ist vortrefflich, ich wollte ihn schon bei unserer Ankunft geben.« »Somit ist das auch Eure Meinung?« fragte Aramis. »Ja, man wird meinen, wir wollen England verlassen, und uns in den Häfen aufsuchen, inzwischen gelangen wir mit dem Könige nach London, wo wir gar nicht aufzufinden sind; mitten unter einer Million Menschen ist es leicht, sich zu verstecken, ohne die Wechselfälle der Reise zu rechnen,« fuhr Athos fort und warf einen Blick auf Aramis. »Ja,« sprach Aramis, »ich verstehe.«

»Ich,« sagte Porthos, »ich verstehe nichts, doch meinetwegen, da es d'Artagnans und Athos' Meinung ist, so muß es wohl am besten sein.«

»Aber,« rief Aramis, »werden Wir nicht dem Oberst Harrison verdächtig erscheinen?«

»Ha, bei Gott!« rief d'Artagnan, »auf ihn rechne ich eben; der Oberst Harrison ist einer von unseren Freunden; wir haben ihn zweimal bei dem General Cromwell gesehen; er weiß es, daß uns Mazarin an ihn geschickt hat, und wird uns als Brüder betrachten. Ist er überdies nicht ein Fleischerssohn? Ja, nicht so? Also Porthos wird ihm zeigen, wie man einen Ochsen mit einem Faustschlag zu Boden schmettert, und ich, wie man einen Stier niederwirft, indem man ihn bei den Hörnern packt; damit wird man sein Vertrauen gewinnen.« Athos lächelte und sagte: »D'Artagnan, Ihr seid der beste Geselle, den ich kenne; da nehmt meine Hand, mein Sohn, ich schätze mich glücklich, daß ich Euch wiederfand.« In diesem Momente trat Grimaud aus dem Zimmer. Der Verwundete war verbunden, und fühlte sich besser. Die vier Freunde beurlaubten sich von ihm, und fragten, ob er ihnen nicht irgendeinen Auftrag an seinen Bruder geben wolle. »Meldet ihm,« sprach der wackere Mann, »er möge dem König sagen, daß sie mich nicht gänzlich umgebracht haben. Wie gering ich auch sei, so bin ich doch überzeugt, daß mich Seine Majestät bedauert, und sich meinen Tod zum Vorwurfe macht.«

»Seid ruhig,« sagte d'Artagnan, »er soll es noch vor heute abend wissen.« Die kleine Schar begab sich wieder auf den Weg, wo man sich nicht irren konnte, denn der, welchen sie über die ebene einschlagen wollten, trug sichtliche Spuren. Nachdem sie zwei Stunden lang schweigend dahingeritten waren, hielt d'Artagnan, der voraus war, bei einer Wegeskrümmung an. »Ach,« rief er, »da sind unsere Leute!« Wirklich zeigte sich etwa eine halbe Stunde entfernt eine beträchtliche Reiterschar seinen Blicken. »Liebe Freunde,« sprach d'Artagnan, »übergebt Eure Schwerter Herrn Mouston, der sie Euch zu gelegener Zeit zurückstellen wird, und vergeßt nicht, daß Ihr unsere Gefangenen seid.« Dann setzte man die Pferde, die schon etwas müde waren, in Trab, und erreichte alsbald die Bedeckung. Der König an der Spitze und umgeben von einer Abteilung des Regimentes des Obersten Harrison ritt ruhig und stets würdig mit einer Art Gutmütigkeit dahin. Als er Athos und Aramis sah, von denen er, weil man ihm keine Zeit ließ, nicht einmal Abschied genommen, und es in den Blicken der zwei Kavaliere las, daß er einige Schritte weit von sich noch Freunde habe, so flog eine Röte der Freude an die blassen Wangen des Königs, wiewohl er seine Freunde für Gefangene hielt. D'Artagnan erreichte die Spitze des Zuges, und während er seine Freunde unter Porthos' Obhut ließ, ritt er geradeswegs auf Harrison zu, der ihn wirklich als denjenigen erkannte, welchen er bei Cromwell gesehen, und der ihn ebenso artig empfing, wie ein Mann von diesem Stande und diesem Charakter jemanden empfangen konnte. Was d'Artagnan voraussah, das traf ein: der Oberst hatte keinen Verdacht. Man hielt an; hier sollte der König zu Mittag speisen. Doch traf man diesmal Vorsichtsmaßregeln, damit er nicht zu entfliehen versuche. In dem großen Zimmer wurde für ihn ein kleiner Tisch und für die Offiziere ein großer Tisch gedeckt. »Speiset Ihr mit mir?« fragte Harrison d'Artagnan. »Teufel, das wäre mir ein großes Vergnügen,« entgegnete d'Artagnan, »allein ich habe meinen Freund, Herrn du Vallon, und meine zwei Gefangenen, die ich nicht verlassen kann, und die Eure Tafel überfüllen würden. Doch machen wir es besser, laßt mir einen Tisch in einem Winkel decken, und schickt mir nach Belieben von Eurer Tafel, denn wir sind widrigenfalls vom Hungertod gefährdet. Solcher Art werden wir, da wir in demselben Zimmer sind, immerhin mitsammen speisen.«

»Es sei,« antwortete Harrison. Die Sache wurde angeordnet, wie es d'Artagnan wünschte, und als er wieder zu dem Obersten zurückkehrte, traf er den König schon an seinem kleinen Tische und von Parry bedient, Harrison und seine Offiziere gemeinschaftlich um einen Tisch sitzend, und in einem Winkel die Plätze, die für ihn und seine Freunde bestimmt waren. Der Tisch, an dem die puritanischen Offiziere saßen, war rund, und geschah es aus Zufall oder aus grober Berechnung, Harrison wandte dem König den Rücken zu. Der König sah die vier Kavaliere eintreten, schien jedoch nicht auf sie zu achten. Sie setzten sich an ihren bestimmten Tisch, so zwar, daß sie niemandem den Rücken zulehrten. Sie hatten den Tisch des Königs und den der Offiziere vor Augen. »Meiner Treue, Oberst,« sprach d'Artagnan, »wir sind Euch sehr dankbar für Eure gefällige Einladung, denn ohne Euch liefen wir Gefahr, nichts zu Mittag zu bekommen, gleichwie wir kein Frühmahl hatten, und mein Freund du Vallon hier teilt meine Dankbarkeit, da er ungemein hungrig war.«

»Ich bin noch hungrig,« sagte Porthos und verneigte sich. »Und wie kam es denn,« fragte der Oberst Harrison lachend, »daß Ihr ohne Frühmahl geblieben seid?«

»Ganz einfach, Oberst,« versetzte d'Artagnan. »Ich beeilte mich, Euch einzuholen, zu diesem Ende hatte ich denselben Weg zu nehmen wie Ihr, was ein alter Quartiermeister, wie ich, nicht hätte tun dürfen, indem ich hätte wissen sollen, daß dort, wo ein gutes und tapferes Regiment, wie das Eure, durchzieht, nichts mehr zu nagen übrig bleibt. Sonach werdet Ihr auch unsere getäuschte Hoffnung begreifen, als wir bei einem kleinen, hübschen Hause ankamen, das dort am Rande des Waldes liegt, und mit dem roten Dache und grünen Balkon von fern recht einladend aussieht. Aber statt der Hühner und Schinken, die wir uns zu braten und zu rösten vorhatten, fanden wir einen armen, in seinem Blute schwimmenden Teufel ... Ach Gott, Oberst, macht demjenigen Eurer Offiziere mein Kompliment, der diesen Streich geführt hat, er war gut angebracht, so gut, daß darüber mein Freund hier, Herr du Vallon, der auch gar artige Schläge zu versehen weiß, in Verwunderung geriet.«

»Ja,« sprach Harrison lachend und die Augen auf einen Offizier an seinem Tische gerichtet, »wenn Groslow dieses Geschäft auf sich nimmt, so braucht man ihm nicht nachzusehen.«

»Ha, dieser Herr war es?« sagte d'Artagnan, sich vor dem Offizier verneigend; »ich bedauere, daß der Herr nicht französisch spricht, um ihm mein Kompliment zu machen.«

»Ich bin bereit, es zu empfangen, und es Euch zu erwidern,« entgegnete der Offizier ziemlich gut französisch, »ich lebte drei Jahre in Paris.«

»Nun, mein Herr,« sagte d'Artagnan, »ich sage Euch, daß der Schlag so gut versetzt war, daß er den Mann beinahe getötet hat.«

»Ich glaubte, ihn doch ganz getötet zu haben,« versetzte der Offizier. »Nein, es fehlte daran freilich nicht viel, doch tot ist er nicht.« D'Artagnan warf unter diesen Worten einen Blick auf Parry, der leichenfahl vor dem Könige stand, um ihm anzudeuten, daß diese Nachricht für ihn sei. Der König hörte dieser ganzen Unterredung mit einer unbeschreiblichen Beklommenheit des Herzens zu, denn er wußte nicht, was der französische Offizier beabsichtigte, und diese grausamen Umstände unter dem Scheine von Gleichgültigkeit empörten ihn. Erst bei den letzten Worten atmete er wieder freier. »Ha, zum Teufel,« fluchte Groslow, »ich dachte, es wäre mir besser gelungen, und wäre es nach dem Hause dieses Elenden nicht so weit, würde ich umkehren und ihn ganz niedermachen.«

»Ihr würdet auch Wohl daran tun,« sagte d'Artagnan, »wenn Ihr fürchtet, daß er wieder davonkommt; Ihr wißt ja, wenn die Kopfwunden nicht auf der Stelle töten, so sind sie binnen acht Tagen geheilt.« Hier warf d'Artagnan Parry einen zweiten Blick zu, auf dessen Antlitz sich ein solcher Ausdruck von Freude zeigte, daß ihm Karl lächelnd die Hand reichte. Parry verneigte sich und küßte ehrerbietig die Hand seines Gebieters. »D'Artagnan,« sprach Athos, »Ihr seid wahrlich zu gleicher Zeit ebenso gemütlich, als Ihr Eure Worte richtig zu wählen versteht. Was sagt Ihr aber zu dem Könige?«

»Seine Züge gefallen mir vollkommen,« entgegnete d'Artagnan, »sie sind zugleich edel und gutmütig.«

»Ja, doch läßt er sich fangen, und das ist nicht recht.«

»Ich habe große Lust, auf des Königs Gesundheit zu trinken,« sagte Athos.

»Dann laßt mich die Gesundheit ausbringen,« versetzte d'Artagnan.

»Tut das,« bemerkte Aramis. Porthos blickte d'Artagnan an, ganz verblüfft über die Mittel, die sein gascognischer Scharfsinn unablässig seinem Freunde darbot. D'Artagnan füllte seinen Becher an, erhob ihn und sprach zu seinen Gefährten: »Meine Herren, wenn es beliebt, so trinken wir aus die Gesundheit desjenigen, der bei der Mahlzeit den Vorsitz hat, die unseres Obersten, und er möge wissen, daß wir bis London und noch weiter ganz zu seinen Diensten sind.« Und weil d'Artagnan unter diesen Worten Harrison anblickte, so glaubte dieser, der Toast gelte ihm, stand auf und begrüßte die vier Freunde, welche, die Augen auf König Karl gerichtet, mitsammen tranken, indes auch Harrison sein Glas leerte, ohne ein Mißtrauen zu haben. Auch Karl reichte sein Glas Parry hin, der in dasselbe einige Tropfen Bier goß, denn der König war der Diät der andern unterworfen; dann setzte er das Glas an seine Lippen, und indem er die vier Freunde anblickte, trank er es voll Anstand und Erkenntlichkeit aus. »Auf, meine Herren!« rief Harrison, indem er sein Glas auf den Tisch stellte und ohne alle Rücksicht für den erlauchten Gefangenen, »auf!«

»Wo werden wir übernachten, Oberst?«

»In Tirsk,« entgegnete Harrison. »Parry,« rief der König aufstehend und zu seinem Diener gewendet, »mein Pferd, ich will nach Tirsk reiten.«

»Meiner Treue,« sprach d'Artagnan zu Athos, »Euer König hat mich wirklich für sich eingenommen und ich stehe ganz zu seinen Diensten.«

»Meint Ihr das aufrichtig, was Ihr da sagt,« versetzte Athos, »so wird er nicht bis London gelangen.«

»Wie das?«

»Ja, wir werden ihn noch zuvor entführt haben.«

»Ha, auf Ehre, Athos,« entgegnete d'Artagnan, »diesmal seid Ihr wahrlich verrückt.«

»Habt Ihr denn irgendeinen Plan in Bereitschaft? « fragte Aramis. »Hm,« erwiderte Porthos, »die Sache wäre nicht unmöglich, hätte man nur einen Plan.«

»Ich habe keinen,« antwortete Athos, »doch d'Artagnan wird einen ersinnen.« D'Artagnan zuckte die Achseln, und man brach auf.

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.