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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Wo bewiesen wird, daß große Herzen in den schwierigsten Lagen nie den Mut, und gute Mägen nie den Appetit verlieren

Die kleine Schar sprengte, ohne daß man ein Wort wechselte oder sich umblickte, im schnellsten Galopp von hinnen, ritt durch einen kleinen Fluß, den niemand zu nennen wußte, und ließ eine Stadt zur Linken, welche, wie Athos sagte, Durham war. Endlich sah man vor sich einen kleinen Wald, gab den Pferden zum letzten Male die Sporen und schlug die Richtung dahin ein. Als sie hinter einem Vorhange von Gezweigen verschwanden, welche dicht genug waren, um sie den Blicken derjenigen zu entziehen, die ihnen nachsehen konnten, hielten sie an, um Rat zu halten. Sie übergaben ihre Pferde zwei Dienern zum Halten und stellten Grimaud als Wache aus; Nun sprach Athos zu d'Artagnan: »O, Freund, kommt fürs erste, daß ich Euch umarme. Ihr seid unser Retter, Ihr seid unser Held.«

»Athos hat recht, und ich bewundere Euch!« rief Aramis und schloß ihn gleichfalls in seine Arme. »Welche Ansprüche könntet Ihr nicht machen bei einem verständigen Herrn, bei einem scharfsichtigen Auge, bei einem Arm von Stahl, bei einer alles überwindenden Geisteskraft!«

»Jetzt,« versetzte der Gascogner, »jetzt geht das wohl, ich nehme für mich und für Porthos alles an, Umarmungen und Danksagungen; wir haben Zeit zu verlieren, fahrt fort, fahrt immerhin fort.« Die zwei Freunde wurden durch d'Artagnan an das erinnert, was sie Porthos schuldig waren, und drückten nun diesem gleichfalls die Hand. »Nun handelt es sich darum,« sprach Athos, »daß wir nicht auf gut Glück herumstreifen, sondern einen festen Plan entwerfen. Was wollen wir tun?«

»Was wir tun wollen? Bei Gott, das ist nicht schwer zu sagen.«

»Redet also, d'Artagnan.«

»Wir suchen den nächsten Seehafen zu erreichen, legen unsere Barschaft zusammen, mieten ein Schiff und steuern nach Frankreich. Was mich betrifft, so trage ich meinen letzten Sous bei. Der erste Schatz ist das Leben, und das unserige, ich muß es sagen, hängt nur an einem Faden.«

»Was sagt denn Ihr dazu, du Vallon?« fragte Athos. »Ich,« entgegnete Porthos, »ich bin ganz d'Artagnans Ansicht; dieses England ist mir widerwärtig.« »So seid Ihr fest entschlossen, es zu verlassen?« fragte Athos d'Artagnan. »Bei Gott!« rief d'Artagnan, »ich sehe nicht, was mich hier fesseln sollte.« Athos tauschte mit Aramis einen Blick aus, dann sprach er seufzend: »So geht denn, meine Freunde!«

»Wie, geht,« sprach d'Artagnan, »gehen wir, glaube ich.«

»Nein, o Freund,« sagte Athos, »wir müssen uns trennen.«

»Was trennen!« rief d'Artagnan, ganz bestürzt ob dieser unvermuteten Entgegnung. »Bah!« versetzte Porthos, »was sollen wir uns trennen, da wir wieder beisammen sind?«

»Weil Eure Sendung vollbracht ist und Ihr wieder nach Frankreich zurückkehren könnet und sogar müsset; doch die unserige ist es noch nicht.«

»Wie, Eure Sendung ist noch nicht vollbracht?« fragte d'Artagnan und blickte Athos verwunderungsvoll an. »Nein,« erwiderte Athos mit seiner sanften und zugleich so festen Stimme. »Wir kamen hierher, um den König Karl zu schützen; wir haben ihn schlecht beschützt, es bleibt uns ja noch übrig, ihn zu retten.«

»Den König zu retten!« wiederholte d'Artagnan und blickte Aramis so an, wie er Athos angeblickt hatte. Aramis nickte bloß mit dem Kopfe. D'Artagnans Züge nahmen den Ausdruck unendlichen Mitleids an; er fing an zu glauben, er habe es mit Sinnberückten zu tun. Er sagte: »Athos, Ihr habt unmöglich im Ernste gesprochen; der König befindet sich in der Mitte eines Heeres, welches ihn nach London bringt. Dieses Heer befehligt ein Fleischhauer oder der Sohn eines Fleischhauers, gleichviel, der Oberst Harrison. Wenn Se. Majestät in London ankommt, wird ihr sogleich der Prozeß gemacht werden, dafür stehe ich, denn ich hörte darüber genug aus dem Munde des Generals Oliver Cromwell, um zu wissen, woran ich bin.« Athos und Aramis tauschten einen zweiten Blick aus. »Und ist sein Prozeß gemacht,« sagte d'Artagnan, »so wird man mit der Vollziehung des Urteils nicht zögern. O, die Puritaner Pflegen rasch zu Werke zu gehen.«

»Zu welcher Strafe denkt Ihr wohl, wird man den König verurteilen?« fragte Athos. »Ich fürchte sehr, es werde die Todesstrafe sein; sie haben ihm zu viel angetan, als daß er ihnen vergeben könnte, sie haben nur ein Mittel noch, ihm nämlich das Leben zu rauben.«

»Das ist aber ein Grund mehr, um das bedrohte, erlauchte Haupt nicht zu verlassen.«

»Athos, werdet Ihr blöde?«

»Nein, mein Freund,« entgegnete der Edelmann mit Sanftmut, »allein Lord Winter hat uns in Frankreich aufgesucht und uns zur Königin Henriette geführt. Ihre Majestät erwies uns, mir und Herrn d'Herblay, die Ehre, uns um unsern Beistand für ihren Gemahl anzusprechen; wir gaben unser Wort, und unser Wort enthielt alles. Es war unsere Kraft, es war unser Verstand, es war endlich unser Leben, das wir verpfändeten, es bleibt uns noch übrig, unser Wort zu halten. Ist das auch Eure Ansicht, d'Herblay?« »Ja,« erwiderte Aramis, »wir haben es angelobt.«

»Gelingt es uns, den König zu retten,« begann Athos wieder, »so ist das schön, und sterben wir für ihn, so ist dies erhaben.«

»Ihr wisset also im voraus, daß Ihr dabei zugrunde gehen werdet?« fragte d'Artagnan.

»Wir fürchten das, und unser einziges Leid ist's, fern von Euch zu sterben.«

»Was wollt Ihr tun in einem fremden feindlichen Lande?«

»Da ich noch jung war, bereiste ich England; ich spreche englisch wie ein Engländer und auch Aramis versteht ein wenig die Sprache. Ha! wenn wir Euch hätten. Ihr Freunde, mit Euch, d'Artagnan, und mit Euch, Porthos, würden wir vier, seit zwanzig Jahren zum ersten Male wieder vereinigt, nicht bloß England, sondern den drei Königreichen Trotz bieten.«

»Und habt Ihr jener Königin versprochen,« entgegnete d'Artagnan mit Unmut, »den Tower in London zu erbrechen, hunderttausend Soldaten niederzumachen, siegreich gegen die Wünsche einer Nation und die Ehrsucht eines Mannes zu kämpfen, wenn dieser Mann Cromwell heißt? Ihr, Athos und Aramis, Ihr habt diesen Mann nicht gesehen! Nun, er ist ein Mann von Geist, der mich sehr an unsern Kardinal erinnert hat, an den andern, den großen – Ihr wisset wohl, an Richelieu. Also übertreibt Eure Verpflichtungen nicht; im Namen des Himmels, lieber Athos, opfert Euch nicht auf. Nun denn, Porthos, vereinigt Euch mit mir. Was haltet Ihr von der Sache, sagt an, redet offen!«

»Nichts Gutes,« erwiderte Porthos.

»Sprecht,« fuhr d'Artagnan fort, empfindlich darüber, daß Athos, statt auf ihn zu achten, auf eine Stimme in seinem Innern zu hören schien.

»Ihr seid bei meinem Rate niemals schlecht gefahren. Nun, so glaubt mir, Athos, Eure Sendung ist vollbracht, auf edle Weise vollbracht; kehrt also mit uns zurück nach Frankreich.«

»Freund,« versetzte Athos, «unser Entschluß ist unerschütterlich.«

»Somit habt Ihr noch irgendeinen andern Beweggrund, welchen wir nicht kennen.« Athos lächelte. »Wohlan,« rief endlich d'Artagnan entrüstet aus, »da Ihr es nicht anders wollt, so lassen wir unsere Knochen in diesem armseligen Lande, wo es immer kalt, wo das schöne Wetter Nebel, der Nebel Regen, und der Regen eine Sündflut ist, wo die Sonne dem Monde gleich und der Mond einem Milchkäse. Wahrlich, da man doch einmal sterben muß, so liegt wenig daran, ob wir hier sterben, oder anderswo.«

»Doch, lieber Freund,« sprach Athos, »bedenkt, da heißt es früher sterben.«

»Bah, ein bißchen früher oder später, darüber zu streiten verlohnt sich nicht der Mühe.«

»Wenn ich mich über etwas verwundere,« bemerkte Porthos pathetisch, »so ist es, daß es nicht schon geschehen ist.«

»O, seid unbekümmert, Porthos, das wird geschehen,« sagte d'Artagnan. »Somit ist es abgemacht,« fuhr er fort, »und wenn Porthos nichts einzuwenden hat ...«

»Ich,« versetzte Porthos, »ich tue, was Ihr wollt. Überdies finde ich das sehr hübsch, was der Graf de la Fère gesagt hat.«

»Doch Eure Zukunft, d'Artagnan? Eure Wünsche, Porthos?«

»Nun, es ist abgemacht,« entgegnete d'Artagnan; »ich finde England reizend und bleibe hier, doch nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß man mich nicht zwingt, englisch zu lernen.«

»Wohlan,« erwiderte Athos triumphierend, »jetzt, o Freund, schwöre ich Euch bei diesem Gott, der uns hört, bei meinem Namen, den ich für makellos halte, ich glaube, es walte über uns eine höhere Macht, und hoffe, wir werden alle vier Frankreich wiedersehen.«

»Es sei,« sprach d'Artagnan, »allein ich bekenne, daß ich ganz entgegengesetzter Meinung bin.«

»Der liebe d'Artagnan,« sagte Aramis, »er vertritt unter uns die Opposition der Parlamente, die stets nein sagen und bejahend handeln.«

»Wohl, die aber doch das Vaterland retten,« entgegnete Athos.

»Nun,« sprach Porthos, sich die Hände reibend, »wenn wir jetzt, wo alles abgemacht ist, auch an ein Mittagmahl denken möchten. Mich dünkt, daß wir in den verwickeltsten Lagen unseres Lebens stets zu Mittag gespeist haben.« Man beschloß, ein nahegelegenes Haus aufzusuchen, in der Hoffnung, den allgemeinen Hunger auf diese oder jene Art stillen zu können.

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