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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Edelleute

Während Mordaunt auf dem Wege nach Cromwells Gezelte war, führten d'Artagnan und Porthos ihre Gefangenen in das Haus, das ihnen in Newcastle zur Wohnung angewiesen worden war. Der Auftrag, welchen Mordaunt dem Sergeanten erteilt, war dem Gascogner keineswegs entgangen, er hatte somit auch Athos, und Aramis zugewinkt, die strengste Vorsicht zu gebrauchen. Athos und Aramis ritten sonach schweigend neben ihren Besiegern, und das fiel ihnen nicht schwer, da jeder hinlänglich mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. Wenn je ein Mensch erstaunt war, so war es Mousqueton, als er von der Türschwelle aus die vier Freunde und hinter ihnen den Sergeanten mit zehn Mann herankommen sah. Er rieb sich die Augen, da er sich nicht entschließen konnte, Athos und Aramis zu erkennen, doch endlich mußte er sich der klaren Überzeugung ergeben. Sonach wollte er sich auch in Ausrufungen ergießen, aber Porthos legte ihm Stillschweigen auf, mit einem jener Winke, die keine Erörterung erlauben. Mousqueton blieb gleichsam an der Türe kleben und wartete auf die Erklärung eines so seltsamen Vorfalls; vor allem aber machte es ihn verwirrt, daß die Freunde taten, als kenne einer den andern nicht mehr. Das Haus, in welches d'Artagnan und Porthos ihre zwei Freunde führten, war dasselbe, welches sie seit gestern bewohnten, und das ihnen von dem General Cromwell eingeräumt worden war; es bildete die Ecke einer Straße, hatte eine Art Garten und Stallungen, welche rückwärts an eine Straße stießen. Die Fenster im Erdgeschosse waren, wie es in kleinen Provinzstädten oft der Fall ist, mit Gittern versehen, und glichen so ziemlich denen eines Gefängnisses. Die zwei Freunde ließen die Gefangenen vor sich eintreten und blieben an der Schwelle stehen, nachdem sie durch Mousqueton die vier Pferde in den Stall hatten führen lassen. »Weshalb treten wir nicht mit ihnen ein?« fragte Porthos. »Weil wir vorher sehen müssen,« entgegnete d'Artagnan, »was dieser Sergeant und die acht bis zehn Mann, welche mit ihm kommen, von uns wollen.« Der Sergeant und die acht bis zehn Mann begaben sich in den kleinen Garten. D'Artagnan fragte sie, was sie wollten und weshalb sie hier seien. »Wir haben den Auftrag,« erwiderte der Sergeant, »Euch in der Bewachung Eurer Gefangenen zu unterstützen.« Es ließ sich dagegen nichts sagen, ja, es war sogar eine zarte Aufmerksamkeit, wobei man sich gegen denjenigen, der sie hatte, noch dankbar zeigen mußte. D'Artagnan dankte also dem Wachtmeister, und gab ihm eine Krone, daß er auf die Gesundheit des Generals Cromwell trinke. Der Sergeant bemerkte, daß die Puritaner nicht trinken und schob die Krone in seine Tasche. »Ha,« rief Porthos, »welch ein garstiger Tag, lieber d'Artagnan!« »Was sagt Ihr da. Porthos? Ihr nennt den Tag garstig, an dem wir unsere Freunde wiederfanden?« »Ja, bei welcher Gelegenheit aber.« «Der Umstand ist wohl mißlich,« erwiderte d'Artagnan, »jedoch wenn auch, treten wir bei ihnen ein, und suchen wir in unserer Stellung ein bißchen nach Licht.«

»Sie ist stark umdüstert,« versetzte Porthos, »und nun begreife ich, weshalb mich Aramis so dringend aufforderte, diesen häßlichen Mordaunt zu erwürgen.«

»Still!« rief d'Artagnan, »sprechet diesen Namen nicht aus.«

»Ich spreche ja doch französisch,« sagte Porthos, »und sie sind Engländer.« D'Artagnan sah Porthos mit einer Miene der Bewunderung an, die ein vernünftiger Mann den Ungeheuern jeder Art nicht versagen kann. Da ihn Porthos gleichfalls anstarrte, ohne sein Erstaunen zu begreifen, schob ihn d'Artagnan vor sich und sprach:

»Lasset uns eintreten.« Porthos trat zuerst ein, d'Artagnan folgte ihm. Dieser verschloß wieder sorgsam die Türe und drückte die zwei Freunde, einen nach dem andern, an sein Herz. Athos war höchst niedergeschlagen, Aramis blickte Porthos, hierauf d'Artagnan an, ohne etwas zu sprechen, doch war sein Blick so ausdrucksvoll, daß ihn d'Artagnan verstand.

»Ihr wollet wissen, wie es geschah, daß wir hier sind? Ach, mein Gott, das ist leicht zu erraten. Mazarin hat uns beauftragt, dem General Cromwell einen Brief zu überbringen.«

»Wie geht es Euch an der Seite Mordaunts?« fragte Athos, »dieses Mordaunt, vor dem ich Euch gewarnt habe, d'Artagnan?«

»Und den zu erwürgen ich Euch aufgefordert habe, Porthos?« fügte Aramis hinzu.

»Immer Mazarin. Cromwell schickte ihn an Mazarin; Mazarin schickte uns an Cromwell. Das ist alles verhängnisvoll.«

»Jawohl, d'Artagnan, Ihr habt recht, es ist ein Verhängnis, das uns entzweit und uns zu Grunde richtet. Reden wir also nicht mehr davon, lieber Aramis, und bereiten wir uns vor, unser Los zu ertragen.«

»Bei Gott! reden wir allerdings davon, wir sind ja ein für allemal übereingekommen, stets vereint zu bleiben, wiewohl wir uns gegenüberstehen.«

»O, ja, gegenüber,« sprach Athos lächelnd, »denn ich fragte Euch, welchem Interesse dient Ihr da? Ach, d'Artagnan, seht, wozu Euch dieser Mazarin gebraucht! Wißt Ihr, welches Verbrechen Ihr heute begangen habt? Ihr seid mitschuldig an der Gefangennehmung, an der Beschimpfung, an dem Tod des Königs.«

»O, o!« rief Porthos, »glaubt Ihr?«

»Ihr übertreibt, Athos,« versetzte d'Artagnan, »so weit sind wir nicht.«

»Ach, mein Gott! wir sind nahe daran. Weshalb verhaftet man einen König? Will man ihn wie einen Herrn verehren, so kauft man ihn nicht wie einen Sklaven. Glaubt Ihr denn, Cromwell habe ihn für zweimalhunderttausend Pfund Sterling gekauft, um ihn wieder auf den Thron zu setzen? Freund, sie werden ihn töten, seid überzeugt, und das ist noch das geringste Verbrechen, welches sie begehen können.«

»Ich will nicht sagen, nein! und am Ende ist es möglich,« versetzte d'Artagnan.

»Ich bin hier, weil ich Soldat bin, weil ich meinen Herren diene, nämlich denen, welche mir meinen Sold geben. Ich habe Gehorsam geschworen, und ich gehorche. Doch Ihr, die Ihr keinen Eid geleistet habt, weshalb seid Ihr da, und welcher Partei dient Ihr?« »Wir dienen der heiligsten Sache von der Welt.« erwiderte Athos, »der des Unglücks, des Königtums und der Religion. Ein Freund, eine Gattin, eine Tochter erzeigten uns die Ehre und sprachen unsere Hilfe an. Wir dienten ihnen auch nach unseren schwachen Kräften, und Gott wird uns den Willen in Ermangelung der Macht anrechnen. Ihr könnt auf eine andere Weise urteilen, d'Artagnan, die Sache aus einem anderen Gesichtspunkt betrachten, mein Freund! ich will Euch nicht abhalten, doch muß, ich Euch tadeln.« »O, o!« rief d'Artagnan. »Und was liegt mir zuletzt daran, ob sich Herr Cromwell, der ein Engländer ist, wider seinen König auflehnt, der ein Schotte ist? Ich bin Franzase, und das alles geht mich nichts an; weshalb wollt Ihr mich also verantwortlich machen?« «Wirklich?« sprach Porthos. »Weil alle Kavaliere Brüder sind, weil Ihr Edelmann seid, weil die Könige aller Länder die ersten unter den Adeligen sind, weil das blinde, undankbare und alberne Volk stets eine Lust daran hat, das zu erniedrigen, was über ihm steht; und Ihr, d'Artagnan, Ihr, ein Mann von altem Adel, ein Mann mit schönem Namen, ein Mann mit tapferem Schwerte, Ihr habt mitgeholfen, einen König den Bierhändlern, Schneidern und Kärrnern zu überliefern. Ach, d'Artagnan, als Soldat habt Ihr vielleicht Eure Schuldigkeit getan, doch sage ich Euch, als Edelmann seid Ihr strafbar.« »Und Ihr, Porthos,« begann der Graf wieder, als fühlte er Mitleid mit d'Artagnan, »Ihr, das beste Herz, der beste Freund, der wackerste Soldat, den ich kenne, Ihr, den seine Seele würdig gemacht hätte, an den Stufen eines Thrones geboren zu werden, und der früher oder später von einem weisen König belohnt werden wird; Ihr, mein lieber Porthos, Ihr, Edelmann durch Sitten, Denkungsart und Mut, Ihr seid ebenso schuldig wie d'Artagnan.« Porthos errötete, doch mehr vor Vergnügen als vor Betroffenheit, indes senkte er den Kopf, als wäre er sehr gedemütigt. »Ja, ja,« versetzte er, »lieber Graf, ich glaube, Ihr habt recht.« Athos stand auf, schritt auf d'Artagnan zu und sagte: »Nicht doch, mein lieber Sohn, schmollet nicht, denn alles, was ich Euch sagte, habe ich Euch, wenn auch nicht mit der Stimme, doch wenigstens mit dem Herzen eines Vaters gesagt. Glaubt mir, es wäre mir viel leichter gefallen, Euch für die Errettung meines Lebens zu danken, und kein einzig Wort von meinen Empfindungen zu erwähnen.« »Allerdings, Athos, allerdings,« erwiderte d'Artagnan, ihm gleichfalls die Hand drückend, »doch zum Teufel, Ihr habt auch Empfindungen, die nicht jeder haben kann. Wer konnte denn denken, ein bedächtiger Mann werde sein Haus, werde Frankreich, werde sein Mündel, einen jungen, liebenswürdigen Mann – denn wir sahen ihn im Lager – deshalb verlassen, um einem morschen, durchnagten Königtume zu Hilfe zu kommen, das eines Tages gleich einer alten Baracke zusammenstürzen wird? Das Gefühl, von dem Ihr redet, ist schön, wahrlich, jedoch so schön, daß es übermenschlich ist.«

»Wie dem auch sei, d'Artagnan,« versetzte Athos, ohne in die Schlinge zu gehen, die sein Freund mit gascognischer Schlauheit seiner Liebe zu Rudolf legte, »wie dem auch sei, Ihr wisset ganz wohl im Grunde Eures Herzens, was gerecht ist; allein ich habe unrecht, mit meinem Gebieter zu streiten. D'Artagnan, ich bin Euer Gefangener, behandelt mich als solchen.«

»Ha, bei Gott!« sprach d'Artagnan, »Ihr wisset recht wohl, daß Ihr nicht lange mein Gefangener sein werdet.« »Nein,« versetzte Aramis, »denn man wird uns sicher gleich denen behandeln, welche in Philipphous gemacht wurden.«

»Wie hat man sie denn behandelt?« fragte d'Artagnan.

»Ei,« entgegnete Aramis, »die eine Hälfte ist gehenkt, die andere erschossen worden.«

»Nun,« sprach d'Artagnan, »ich bürge Euch dafür, so lange noch ein Tropfen Blutes in meinen Adern rollt, sollt Ihr weder gehenkt, noch erschossen werden. Ha, sie sollen nur kommen, und überdies, Athos, seht Ihr jene Türe?«

»Nun?«

»Nun, geht durch diese Türe, wann es Tuch gefällig ist, denn von dieser Minute an seid Ihr und Aramis frei wie die Luft.«

»Daran erkenne ich Euch ganz, wackerer d'Artagnan, doch habt Ihr keine Macht mehr über uns, denn diese Türe wird bewacht, wie Ihr selber wißt,« erwiderte Athos.

»Nun, so brecht gewaltsam durch,« versetzte Porthos; »was gibt es denn – aufs höchste nur zehn Mann! –«

»Das wäre nichts für uns vier, aber zu viel für uns zwei.«

»Nein, seht, getrennt, wie wir sind, müssen wir zu Grunde gehen. Blickt auf das verhängnisvolle Beispiel hin: d'Artagnan, der Ihr so mutvoll seid, Ihr wurdet auf der Straße von Vendemois geschlagen; heute ist an uns die Reihe, an mir und Aramis. Das ist uns aber nie geschehen, so lange wir alle vier verbunden waren; lasset uns somit sterben, wie Lord Winter gestorben ist. Was mich betrifft, so erkläre ich, daß ich nur dann in eine Flucht einwillige, wenn wir alle vier entfliehen.«

»Das ist unmöglich,« antwortete d'Artagnan, »da wir unter Mazarins Befehl stehen.«

»Das weiß ich, ich will auch nicht länger in Euch dringen; meine Gründe waren wirkungslos: sie waren zweifelsohne falsch, da sie über so verständige Männer, wie Ihr seid, kein Gewicht hatten.«

»Und hätten sie übrigens auch Eindruck gemacht,« bemerkte Aramis, »so ist es doch am besten, zwei so vortreffliche Freunde, wie d'Artagnan und Porthos sind, nicht bloßzustellen. Was mich betrifft, so bin ich stolz darauf, mit Euch, Athos, den Kugeln und sogar dem Stricke entgegen zu gehen, denn Ihr erschienet mir noch nie so groß wie heute.« »Meinet Ihr etwa,« sagte d'Artagnan, »daß man Euch töten werde? und weshalb? wem liegt denn an Euerm Tode? überdies seid Ihr unser Gefangener« »Narr! dreifacher Narr!« versetzte Aramis. »Kennst du nicht Mordaunt? Nun, ich wechselte nur einen Blick mit ihm, und sah es schon, daß wir verurteilt sind.« »Die Wahrheit ist, daß es mich kränkt, ihn nicht erwürgt zu haben, wie Ihr mir sagtet, Aramis,« entgegnete Porthos. »Ha! was,« rief d'Artagnan, »was kümmert mich denn Mordaunt? Bei Gott, kommt mir dieses Ungeziefer zu nahe, so will ich es zertreten. Entfliehet also nicht, es ist unnötig, denn ich schwöre Euch, hier seid Ihr sicher.« »Hört,« sprach Athos, während er die Hand nach einem der zwei Gitterfenster ausstreckte, die das Zimmer erhellten, »Ihr werdet sogleich wissen, woran Ihr Euch zu halten habt, denn seht, er eilt herbei.« »Wer?« »Mordaunt.« Er folgte der Richtung von Athos' Hand, und sah wirklich einen Reiter im Galopp herankommen. Das war in der Tat Mordaunt. D'Artagnan verließ hastig das Zimmer. Porthos wollte ihm folgen. »Bleibt,« rief d'Artagnan, »und kommt dann erst heraus, wenn Ihr hört, daß ich mit dem Finger an die Türe poche.«

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