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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Oliver Cromwell

»Geht Ihr zu dem General?« sprach Mordaunt zu d'Artagnan und Porthos, »Ihr wißt wohl, daß er nach der Schlacht mit Euch zu sprechen verlangt hat.«

»Zuvörderst wollen wir unsere Gefangenen an einen sichern Ort schaffen,« sagte d'Artagnan zu Mordaunt. »Wißt Ihr wohl, mein Herr, daß von diesen Kavalieren jeder seine fünfzehnhundert Pistolen wert ist?«

»O, seid deshalb ruhig,« versetze Mordaunt, sie mit einem Auge anblickend, dessen Grausamkeit er vergebens zu unterdrücken bemüht war, »meine Reiter werden sie bewachen, werden sie, dafür stehe ich, recht gut bewachen.«

»Noch besser aber werde ich sie selbst bewachen,« entgegnete d'Artagnan; »überdies, was ist dazu erforderlich? Ein gutes Gemach mit Schildwachen, oder nur ihr Wort, daß sie keinen Versuch zur Flucht machen werden. Ich bringe das jetzt in Ordnung, dann werden wir die Ehre haben, zu dem General zu kommen und ihn um seine Aufträge für Se. Eminenz ersuchen.«

»Seid Ihr also bald abzureisen gesonnen?« fragte Mordaunt. »Unsere Sendung ist zu Ende und nichts hält uns mehr in England zurück, als der Wunsch des großen Mannes, an den wir geschickt worden sind.« Der junge Mann biß sich in die Lippen, neigte sich an das Ohr des Sergeanten und sprach zu ihm: »Geht diesen Männern nach und lasset sie nicht aus den Augen, und wenn Ihr wisset, wo sie wohnen, so kehret zurück und erwartet mich am Stadttore.« Der Sergeant machte ein Zeichen, daß er gehorchen werde. Nun schlug Mordaunt, statt daß er dem Haufen der Gefangenen folgte, welche man nach der Stadt führte, den Weg nach jenem Hügel ein, von wo aus Cromwell der Schlacht zugesehen und sein Gezelt hatte aufrichten lassen. Cromwell untersagte es, irgend jemand bis zu ihm dringen zu lassen; allein die Schildwache, welche Mordaunt als einen innigen Vertrauten des Generals kannte, war der Meinung, daß sich das Verbot auf den jungen Mann nicht beziehe. Somit schlug Mordaunt die Leinwand des Gezeltes zurück und sah Cromwell, wie er eben an einem Tische saß, den Kopf in seine Hände verborgen; überdies wandte er ihm den Rücken zu. Auch kehrte sich Cromwell nicht um, ob er nun das Geräusch, welches der Eintretende machte, gehört oder nicht gehört haben mochte. Mordaunt blieb an der Türe stehen. Nach einem kurzen Weilchen endlich erhob Cromwell seine sorgenbelastete Stirne wieder, und wandte den Kopf langsam um, als hätte er instinktartig gefühlt, daß jemand anwesend sei. »Ich habe gesagt, daß ich allein sein wolle!« rief er bei dem Anblick des jungen Mannes. »Mein Herr,« entgegnete Mordaunt, »man hat nicht gedacht, daß das Verbot auch mich anginge; wenn Ihr es aber befehlet, so bin ich bereit, mich wieder zurückzuziehen.«

»Ha, Ihr seid es, Mordaunt?« rief Cromwell, indem sich, wie durch die Kraft seines Willens, der Schleier erheiterte, der seine Augen umhüllte; »nun Ihr da seid, so ist es recht, bleibt.«

»Ich bringe Euch meine Glückwünsche.«

»Eure Glückwünsche – wozu?«

»Wegen der Gefangennehmung Karl Stuarts. Nun seid Ihr Herr über England.«

»Vor zehn Stunden war ich das viel mehr,« entgegnete Cromwell. »Wie das, General?«

»England brauchte mich, um den Tyrannen festzunehmen; nun ist der Tyrann gefangen. Habt Ihr ihn gesehen?«

»Ja, mein Herr,« antwortete Mordaunt. »Wie benimmt er sich?« Mordaunt zauderte, allein die Wahrheit schien gewaltsam über seine Lippen zu treten, und er sagte: »Ruhig und würdevoll.«

»Was hat er gesprochen?«

»Einige Abschiedsworte an seine Freunde.«

»An seine Freunde?« murmelte Cromwell.. »Somit hat er Freunde . .?« Dann fügte er laut hinzu: »Hat er sich verteidigt?«

»Nein, mein Herr; bis auf drei oder vier Männer haben ihn alle verlassen; sonach war es ihm unmöglich, «sich zu verteidigen.«

»Wem übergab er sein Schwert?«

»Er hat es nicht übergeben, sondern zerbrochen.«

»Daran hat er wohl getan; doch statt es zu zerbrechen, hätte er noch besser getan, sich seiner mit mehr Vorteil zu bedienen.« Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein. »Der Oberst des Regiments, welches die Eskorte des Königs bildete, wurde getötet, wie mir scheint?« fragte Cromwell, und faßte Mordaunt fest ins Äuge. »Ja, mein Herr.«

»Durch wen?« fragte Cromwell. »Durch mich.«

»Wie nannte er sich?«

»Lord Winter.«

»Euer Oheim!« rief Cromwell. »Mein Oheim!« versetzte Mordaunt: »Englands Verräter sind nicht aus meiner Familie.« Cromwell blickte diesen jungen Mann ein Weilchen tiefsinnig an, dann sprach er mit jener tiefen Melancholie, welche Shakespeare so schön malt: »Mordaunt, Ihr seid ein furchtbarer Diener.«

»Wenn der Herr gebietet,« versetzte Mordaunt, »so darf man über seine Befehle nicht grübeln. Abraham hat das Messer auf Isaak gezückt, und Isaak war sein Sohn.«

»Ja,« entgegnete Cromwell, »allein der Herr ließ ihn das Opfer nicht vollbringen.«

»Ich sah um mich her,« antwortete Mordaunt, »und bemerkte weder Bock noch Böcklein gefangen im Gebüsch der Ebene.« Cromwell verneigte sich und sprach: »Ihr seid stark unter den Starken, Mordaunt. – Wie haben sich denn die Franzosen gehalten?«

»Als mutvolle Männer, mein Herr,« entgegnete Mordaunt.

»Ja, ja,« murmelte Cromwell, »die Franzosen sind Kämpfer, und wirklich, wenn mein Fernrohr gut ist, so glaube ich, sie in der vordersten Reihe bemerkt zu haben.«

»Dort waren sie auch,« sagte Mordaunt.

»Indes hinter Euch,« versetzte Cromwell.

»Das war die Schuld ihrer Pferde und nicht die ihrige.« Es trat abermals ein kurzes Stillschweigen ein, dann fragte Cromwell:

»Und die Schotten?«

»Sie haben ihr Wort gehalten und sich nicht gerührt,« erwiderte Mordaunt.

»Die Nichtswürdigen!« murmelte Cromwell.

»Ihre Offiziere wünschen Euch zu sehen, mein Herr.«

»»Ich habe keine Zeit. Sind sie bezahlt worden?«

»Heute Nacht.«

»So mögen sie denn zurückkehren in ihre Berge und dort ihre Schande verbergen, wenn sie hoch genug sind; ich habe mit ihnen nichts mehr zu tun und sie nichts mehr mit mir. – Geht nun, Mordaunt.«

»Ehe ich gehe,« versetzte Mordaunt, »habe ich einige Fragen und vier Bitten an Euch zu richten, mein Herr.«

»An mich?« Mordaunt verneigte sich.

»Ich komme zu Euch, mein Held, mein Protektor, mein Vater, und ich frage Euch, o Herr, seid Ihr mit mir zufrieden?« Cromwell blickte ihn erstaunt an. Der junge Mann blieb gelassen. »Ja,« sprach Cromwell, »seit ich Euch kenne, habt Ihr nicht bloß Eure Pflicht erfüllt, sondern mehr als Eure Pflicht getan; Ihr seid ein getreuer Freund, ein geschickter Unterhändler, ein tapferer Soldat gewesen.« »Gedenkt Ihr noch, daß ich zuerst die Idee gehabt habe, mit den Schotten über den Abfall von ihrem König zu unterhandeln?«

»Ja, es ist wahr, dieser Gedanke kommt von Euch; ich habe die Verachtung der Menschen noch nicht so weit getrieben.«

»War ich nicht ein guter Botschafter in Frankreich?«

»Ja, Ihr habt von Mazarin erlangt, was ich begehrte.«

»Habe ich stets eifrig gekämpft für Euren Ruhm und Eure Interessen?«

»Vielleicht nur zu eifrig, das ist's, was ich Euch eben zum Vorwurf machte. Wohin zielt Ihr aber mit all diesen Fragen?«

»Ich will Euch sagen, Mylord, daß der Augenblick gekommen ist, wo Ihr mich mit einem Worte für alle Dienste lohnen könnt.«

»Ah,« entgegnete Oliver mit einer leichten Bewegung von Geringschätzung. »Ich vergaß, daß Eure Dienste ihren Lohn verdienen; daß Ihr mir gedient habt, und daß Euch noch nicht vergolten worden ist.«

»Das kann im Augenblicke geschehen, mein Herr, und über meine Wünsche.«

»Wieso?«

»Ich habe den Preis bei der Hand, halte ihn beinahe schon fest.«

»Was ist das für ein Preis?« fragte Cromwell. »Hat man Euch Gold geboten? Verlangt Ihr eine Ehrenstelle? Wünscht Ihr eine Statthalterschaft?«

»Werdet Ihr meine Bitte erfüllen, mein Herr?«

»Sagt erst, worin sie besteht.«

»Wenn Ihr zu mir sagtet: Mein Herr, geht und vollziehet einen Auftrag, habe ich da je gefragt, worin dieser Auftrag bestehe?«

»Wenn aber Euer Verlangen unausführbar wäre?«

»Wenn Ihr einen Wunsch hattet, und mir, ihn zu erfüllen, den Auftrag gabet, habe ich da je geantwortet: Es ist unmöglich?«

»Jedoch ein Verlangen, das Ihr mit so viel Vorbereitungen aussprechet ...«

»O, seid ruhig, mein Herr,« versetzte Mordaunt mit einem düstern Ausdrucke, »es wird Euch nicht Schaden bringen.«

»So sei es denn,« sprach Cromwell, »ich verspreche es, Euer Verlangen zu erfüllen, wofern die Sache in meiner Gewalt steht, verlangt also.«

»Mein Herr, sagte Mordaunt, »man hat diesen Morgen zwei Gefangene gemacht; ich verlange sie von Euch.«

»Haben sie also ein ansehnliches Lösegeld geboten?« fragte Cromwell.

»Im Gegenteil, mein Herr, ich halte sie für arm.«

»So sind es Freunde von Euch?«

»Ja, mein Herr, es sind Freunde von mir, teure Freunde, und ich würde mein Leben für das ihrige lassen.«

»Gut, Mordaunt,« erwiderte Cromwell, da er mit einer gewissen Regung von Freude wieder eine bessere Meinung von dem jungen Manne faßte; gut, ich gebe sie dir, und will nicht einmal wissen, wer sie sind; tue mit ihnen, was du willst.«

»Dank, mein Herr,« rief Mordaunt; »Dank! Von nun an gehört mein Leben Euch an, und wenn ich es verliere, bin ich doch noch Euer Schuldner: Dank! Ihr belohnt meine Dienste auf eine glänzende Weise.« Er ließ sich vor Cromwell auf die Knie nieder, und ungeachtet sich der puritanische General dagegen wehrte, da er sich diese fast königliche Huldigung nicht darbringen lassen wollte, oder doch tat, als ob er es nicht wollte, so ergriff er dennoch seine Hand und küßte sie.

»Was?« fragte Cromwell, ihn in dem Augenblicke zurückhaltend, wo er aufstand, »keine andere Belohnung? keine Ehrenstelle?«

»Ihr habt mir alles gegeben, was Ihr zu geben vermochtet, Mylord, und von diesem Tage an seid Ihr mir für alles übrige nichts mehr schuldig.« Mordaunt verließ das Gezelt des Generals mit einer Freude, die ihm aus dem Herzen und den Augen strömte.

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