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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Der Rächer

Alle vier traten in das Gezelt; es war noch kein Plan gefaßt, das mußte erst geschehen. Der König sank in einen Lehnstuhl und seufzte: »Ich bin verloren!«

»Nein, Sire,« entgegnete Athos, »Sie sind nur verraten!«

»Verraten, und durch die Schotten verraten, in deren Mitte ich geboren bin, die ich immer den Engländern vorgezogen habe. O, die Nichtswürdigen!«

»Sire,« versetzte Athos, »jetzt ist nicht Zeit zu Vorwürfen, sondern der Moment, zu zeigen, daß Sie König und Edelmann sind; Mut, Sire, Mut! Sie haben hier wenigstens drei Männer, die Sie nicht verraten werden, da können Sie ruhig sein. Ha, wären wir doch unser fünf!« murmelte Athos und dachte an d'Artagnan und an Porthos. »Was sagt Ihr?« fragte Karl und stand auf. »Sire, ich sage, daß es nur noch ein Mittel gibt; Mylord Winter steht so ziemlich für sein Regiment, streiten wir uns nicht über Worte; er stellt sich an die Spitze desselben, wir stellen uns Ew. Majestät zur Seite, brechen uns eine Bahn durch Cromwells Heer und erreichen Schottland.«

»Es gibt noch ein anderes Mittel,« bemerkte Aramis, »daß nämlich einer von uns den Anzug des Königs und sein Pferd nimmt. Indes man nun diesen angriffe, könnte der König vielleicht entkommen.«

»Der Rat ist gut.« sprach Athos, »und will Ew. Majestät einem von uns diese Ehre erweisen, so wollen wir dafür sehr dankbar sein.«

»Was sagt Ihr zu diesem Rate, Winter?« fragte der König, indem er voll Bewunderung auf die zwei Männer blickte, die einzig dafür besorgt waren, die Gefahren, welche ihm drohten, auf ihrem Haupte zu sammeln. »Ich denke, Sire, wenn es ein Mittel gibt, Ew. Majestät zu retten, so ist es das, welches Herr d'Herblay in Vorschlag brachte. Sonach bitte ich Ew. Majestät untertänigst, schnell die Wahl zu treffen, da keine Zeit zu verlieren ist.«

»Wenn ich es annehme, so ist es der Tod, so ist es wenigstens Gefangenschaft für denjenigen, der meine Stelle einnimmt.«

»Es ist die Ehre, seinen König gerettet zu haben!« rief Lord Winter. Der König sah seinen alten Freund mit Tränen in den Augen an, nahm das Band des heiligen Geistordens ab, welches er umhängen hatte, um den beiden Franzosen, die ihn begleiteten, Ehre zu erzeigen, und hing es Lord Winter um den Hals, der diesen schauerlichen Beweis von dem Vertrauen und der Freundschaft seines Fürsten auf den Knien empfing.«

»Das ist billig,« sprach Athos, »er dient ihm länger als wir.« Der König vernahm diese Worte und wandte sich mit tränenfeuchten Augen um; dann sprach er: »Meine Herren, wartet einen Augenblick, ich habe jedem von Euch einen Orden zu geben.« Er ging hierauf zu einem Schrank, worin seine eigenen Orden lagen, und nahm zwei Hosenband-Orden hervor. »Diese Orden können nicht für uns sein,« sprach Athos. »Weshalb nicht?« fragte Karl. »Diese Orden sind beinahe königlich, und wir sind nur schlichte Edelleute.«

»Durchgeht mit mir alle Throne des Erdballes,« versetze der König, »und zeigt mir edlere Herzen, als die Eurigen sind. Nein, meine Herren, Ihr seid nicht gerecht gegen Euch selber, allein ich bin hier, um es zu sein. Kniet nieder, Graf.« Athos kniete nieder; der König hing ihm, der Sitte gemäß, das Band von der Rechten zur Linken um, und sein Schwert erhebend, sprach er statt der gewöhnlichen Formel: »Ich schlage Euch zum Ritter, seid tapfer, getreu und bieder.« Dann wandte er sich zu Aramis und sprach: »Nun auch Ihr, Chevalier.« Dieselbe Zeremonie begann mit denselben Worten wieder, indes Lord Winter mit Beihilfe der Stallmeister seinen kupfernen Harnisch abschnallte, damit er desto mehr für den König gelten könnte. »Sire,« sprach Lord Winter, der im Angesichte einer großen Aufopferung seine ganze Kraft und seinen ganzen Mut wieder gewonnen hatte, »wir stehen bereit.« Der König blickte die drei Kavaliere an und sagte: »Ist es also vonnöten, zu entfliehen?«

»Durch ein Kriegsheer entfliehen, Sire,« sprach Athos, »heißt in allen Ländern der Welt kämpfen.«

»Somit werde ich mit dem Schwerte in der Hand sterben,« sagte Karl. »Herr Graf, Herr Chevalier, bin ich jemals wieder König –«

»Sire, Sie haben uns schon über alle Gebühr geehrt, sonach kommt die Dankbarkeit von unserer Seite. Doch lassen Sie uns keine Zeit mehr verlieren, nachdem wir bereits zuviel verloren haben.« Der König bot allen dreien zum letzten Male die Hand, vertauschte seinen Hut mit dem des Lord Winter und schritt aus dem Gezelte. Das Regiment des Lord Winter stand auf einem Hügel, der das Lager überragte; der König ritt dahin, gefolgt von seinen drei Freunden. Endlich schien das schottische Lager aufgewacht zu sein; die Mannschaft verließ ihre Gezelte und stellte sich in Reih und Glied auf. »Seht,« sprach der König, »sie bereuen vielleicht, und sind bereit, auszuziehen.«

»Wenn Sie bereuen, Sire,« entgegnete Athos, »so werden sie uns folgen.«

»Gut!« sprach der König, »was sollen wir tun?«

»Lassen Sie uns das feindliche Heer mustern,« erwiderte Athos.

Sogleich wandte die kleine Gruppe ihre Augen nach der Linie, die man im Dämmerlichte für Nebel gehalten hatte, und die sich jetzt in den Sonnenstrahlen als ein in Schlachtordnung aufgestelltes Heer darstellte. Die Luft war rein und klar, wie sie es zu dieser Morgenstunde gewöhnlich ist. Man konnte die Regimenter, die Feldzeichen, die Farbe der Uniformen und der Pferde vollkommen unterscheiden. Jetzt bemerkte man auf einer kleinen Anhöhe, ein wenig vor der feindlichen Front, einen kleinen, untersetzten und schwerfälligen Mann, der von einigen Offizieren umgeben war. Er richtete ein Fernrohr nach der Gruppe, in der sich bei König befand. »Kennt dieser Mann Ew. Majestät persönlich?« fragte Aramis. Karl lächelte und sprach: »Dieser Mann ist Cromwell.«

»Nun, ziehen Sie den Hut herab, Sire, damit er die Unterschiebung nicht bemerkt.«

»Ha,« rief Athos, »wir haben viel Zeit verloren.«

»Jetzt die Losung,« sprach der König, »dann brechen wir auf.«

»Will Sie Ew. Majestät geben?« fragte Athos. »Nein,« versetzte der König, »ich ernenne Euch zu meinem Generalleutnant.«

»Sonach hört, Mylord von Winter,« sprach Athos; »entfernen Sie sich, Sire, ich bitte; was wir da zu sprechen haben, berührt Ew. Majestät nicht.« Der König trat lächelnd drei Schritte weit zurück. »Vernehmt meinen Vorschlag,« begann Athos wieder: »Wir teilen Euer Regiment in zwei Eskadronen; Ihr stellet Euch an die Spitze der ersteren; Seine Majestät und ich an die Spitze der zweiten. Versperrt uns nichts den Durchgang, so greifen wir alle an, um die feindliche Linie zu durchbrechen, und werfen uns in die Tyne, die wir entweder bei einer Furt oder schwimmend übersetzen; stellt man uns aber irgendein Hindernis entgegen, so laßt Euch mit Eurer Mannschaft bis auf den letzten töten, und wir setzen mit dem König unsern Weg fort; haben wir einmal das Ufer erreicht, so betrifft uns das übrige, wenn Eure Eskadron das ihrige tut, wären sie auch drei Reihen dicht.«

»Zu Pferde!« rief Lord Winter. »Zu Pferde!« wiederholte Athos, »alles ist vorgesehen und ausgemacht!«

»Also auf, meine Herren,« sprach der König, »wir vereinigen uns wieder bei dem alten Feldgeschrei Frankreichs: »Montjoie et Saint-Denis!«, jetzt wird Englands Feldgeschrei von zu vielen Verrätern nachgesprochen.« Man stieg zu Pferde; der König auf das Pferd Lord Winters, Lord Winter auf das Pferd des Königs; hierauf stellte sich Lord Winter in das erste Glied der ersten Eskadron und der König, der Athos zur Rechten und Aramis zur Linken hatte, in das erste Glied der zweiten. Das gesammelte schottische Heer sah diese Vorbereitungen mit regungsloser und schweigender Scham an. Man sah, wie einige Häuptlinge aus den Reihen traten und ihre Schwerter zerbrachen. »Ha!« rief der König, »das tröstet mich, sie sind nicht alle Verräter.« In diesem Momente ertönte Lord Winters Stimme: »Vorwärts!« Die erste Eskadron brach auf, die zweite folgte und ritt den Hügel hinab. Ein Kürassieregiment von etwa gleicher Stärke entfaltete sich hinter dem Hügel und sprengte ihr im Galopp entgegen. Der König zeigte Athos und Aramis, was vorging. »Sire,« entgegnete Athos, »dieser Fall ist vorausgesehen, und tut Lord Winters Mannschaft ihre Schuldigkeit, so rettet uns diese Bewegung, statt daß sie uns Verderben bringt.« In diesem Augenblicke übertönte all das Getöse der galoppierenden und wiehernden Pferde die Stimme Lord Winters, der da rief: »Den Säbel zur Hand!« Auf diesen Befehl rauschten alle Klingen aus der Scheide und funkelten wie Blitze. »Vorwärts, meine Herren,« rief nun gleichfalls der König, berauscht von dem Lärm und dem Anblick, »vorwärts, meine Herren, und den Säbel zur Hand!« Jedoch diesem Befehl, zu dem der König das Beispiel gab, gehorchten bloß Athos und Aramis. »Wir sind verraten,« sprach der König leise. »Warten wir noch,« entgegnete Athos, »vielleicht erkannten sie nicht die Stimme Ew. Majestät, und harren auf die Befehle ihres Kommandanten.«

»Hören sie das Kommando ihres Obersten? Doch seht, seht!« rief der König, indem er sein Pferd mit einem Ruck zügelte, so daß es die Kniekehlen einbog, und den Zügel von Athos' Pferd ergriff. «Ha, ihr Feigen, ihr Elenden, ihr Verräter!« rief Lord Winter, dessen Stimme man hörte, während sich seine Mannschaft auflöste und in der Ebene zerstreute. Kaum fünfzehn Mann waren noch um ihn her gruppiert und erwarteten den Angriff der Kürassiere Cromwells. »Laßt uns sterben mit ihnen!« rief der König. »Laßt uns sterben!« wiederholten Athos und Aramis. »Zu mir die getreuen Herzen!« schrie Lord Winter. Dieser Ruf hallte bis zu den zwei Freunden, die im Galopp fortsprengten. »Keinen Pardon!« rief auf französisch eine Stimme, Lord Winters Ruf antwortend, und erschütterte alle. Was Lord Winter betrifft, so blieb er bei dein Tone dieser Stimme blaß und wie versteinert. Das war die Stimme eines Reiters, der einen herrlichen Rappen ritt und an der Spitze des englischen Regiments angriff, dem er in seiner Glut um zehn Schritt voransprengte. »Er ist es,« murmelte Lord Winter mit stieren Augen, während er sein Schwert zur Seite niederhängen ließ. »Der König, der König!« riefen mehrere Stimmen, berückt durch das blaue Band und das isabellfarbige Pferd Lord Winters – «nehmt ihn lebendig gefangen!«

»Nein, es ist der König nicht!« rief der Reiter, »laßt Euch nicht täuschen; nicht wahr, Lord Winter, Ihr seid nicht der König, nicht wahr, Ihr seid mein Oheim?« Zu gleicher Zeit richtete Mordaunt – denn er war es – seine Pistole auf Lord Winter. Der Schuß ging los, und die Kugel durchbohrte die Brust des alten Edelmannes, der im Sattel emporsprang und in Athos' Arme zurücksank, stammelnd: »Der Rächer!«

»Gedenke meiner Mutter!« heulte Mordaunt, während er, von dem wilden Galopp seines Pferdes fortgerissen, hinwegsprengte. »Schändlicher!« rief Aramis, indem er, als er dicht bei ihm vorüberkam, eine Pistole auf ihn abdrückte; doch brannte nur das Pulver auf der Pfanne ab, der Schuß ging nicht los. In diesem Momente stürzte sich das ganze Regiment auf die wenigen Männer, welche standgehalten hatten, und die beiden Franzosen wurden umzingelt und ins Gedränge gebracht. Als sich Athos überzeugt hatte, daß Lord Winter tot sei, ließ er den Leichnam los, zog sein Schwert und rief: »Vorwärts, Aramis, für Frankreichs Ehre!« Die zwei Engländer, welche den beiden Edelleuten zunächst waren, stürzten beide tödlich verwundet nieder. In diesem Momente erschallte ein furchtbares Hurra, und dreißig Klingen blitzten über ihren Köpfen. Auf einmal stürzte ein Mann mitten aus den englischen Reihen, die er niederwarf, ritt auf Athos zu, umschlang ihn mit seinen kräftigen Armen, entwand ihm das Schwert und flüsterte ihm zu: »Still, ergebt Euch, Euch mir ergeben, heißt nicht sich ergeben.« Ein Riese hatte ebenfalls Aramis an den Händen erfaßt, der sich vergeblich dem furchtbaren Druck zu entziehen bemühte, und indem er ihn fest anstarrte, rief er: »Ergebt Euch!« Aramis erhob den Kopf, Athos wandte sich um. D'Art ...« rief Athos, allein der Gascogner versperrte ihm mit der Hand den Mund. »Ich ergebe mich,« sprach Aramis und reichte Porthos sein Schwert. »Feuer, Feuer!« schrie Mordaunt, zu der Gruppe zurückkehrend, worin sich die zwei Freunde befanden. »Warum Feuer?« fragte der Oberst, »da sie sich alle ergeben haben?«

»Das ist Myladys Sohn,« sagte Athos zu d'Artagnan. »Ich habe ihn schon erkannt.«

»Das ist jener Mönch,« sprach Porthos zu Aramis. »Ich weiß das.« Zugleich fingen die Reihen an sich zu öffnen. D'Artagnan hielt den Zügel von Athos' Pferd, Porthos den von Armins' Pferd. Jeder von ihnen war bemüht, seinen Gefangenen weit von dem Wahlplatz zu entfernen. Durch diese Bewegung wurde die Stelle frei, wo Lord Winters Leiche gefallen war. Mordaunt fand sie mit dem Instinkte des Hasses wieder, und betrachtete sie, über sein Pferd geneigt, mit einem häßlichen Lächeln. Wie ruhig auch Athos war, so griff er doch an seine Halftern, worin seine Pistolen noch waren. »Was tut Ihr?« fragte d'Artagnan. »Laßt mich ihn totschießen.«

»Keine Miene, welche verraten könnte, daß Ihr mich kennt, oder wir sind alle vier verloren.« Dann wandte er sich gegen den jungen Mann und rief: «Eine gute Beute, Freund Mordaunt, eine gute Beute; ich und Herr du Ballon haben jeder unsern Mann! Ritter des Hosenbandordens, nichts weiter! –«

»Jedoch,« rief Mordaunt, blutgierige Blicke auf Athos und Aramis schleudernd, »mich dünkt, daß es Franzosen sind?«

»Meiner Treue! das weiß ich nicht!« – »Seid Ihr Franzose, mein Herr?« fragte er Athos. »Ich bin das,« entgegnete dieser ernst. »Nun, lieber Herr, so seid Ihr der Gefangene eines Landsmannes.«

»Doch der König?« fragte Athos kummervoll, »der König?« D'Artagnan drückte seinem Gefangenen kräftig die Hand und sagte: »He, wir haben den König!«

»Ja,« versetzte Aramis, »durch schimpflichen Verrat.« Porthos preßte die Faust seines Freundes und sprach lächelnd: »O, mein Herr, man führt den Krieg ebensogut mit List wie mit Gewalt; da seht nur!« In diesem Momente sah man wirklich die Eskadron, welche Karls Rückzug decken sollte, dem englischen Regiment entgegenrücken, wo sie den König umzingelten, der allein und zu Fuße einen weiten leeren Raum durchschritt. Dem Anscheine nach war der Fürst ruhig, doch sah man, was er leiden mußte, um ruhig zu erscheinen; es rann ihm der Schweiß von der Stirn, er trocknete sich diese und die Lippen mit einem Taschentuche ab, und so oft er dasselbe vom Munde wegnahm, war es mit Blut befleckt. »Da ist der Rabuchodonosor, « lief ein Kürassier Cromwells aus, ein alter Puritaner, dem die Augen bei dem Anblicke desjenigen flammten, den man einen Tyrannen nannte. »Was sagt Ihr da, Rabuchodonosor?« fragte Mordaunt mit entsetzlichem Grinsen. »Nein, es ist König Karl I.« Karl erhob die Augen nach dem Unverschämten, der da eben höhnend sprach, doch kannte er ihn nicht. Indes zwang die ruhige und erhabene Majestät seines Gesichtes Mordaunt, die Augen zu senken. »Guten Tag, meine Herren,« sprach der König zu den zwei Kavalieren, welche er, den einen in d'Artagnans, den andern in Porthos' Händen erblickte. – »Der Tag war unglücklich, allein das war, Gott sei Dank, nicht Eure Schuld. Wo ist mein alter Winter?« Die beiden Kavaliere wandten den Kopf ab und schwiegen. »Suche, wo Straffort ist,« sprach Mordaunt mit schneidender Stimme. Karl war erschüttert, der Teufel hatte ihn richtig getroffen; Straffort war sein ewiger Gewissensbiß, der Schemen seiner Tage, das Gespenst seiner Nächte. Der König starrte um sich und erblickte einen Leichnam zu seinen Füßen. Es war der Lord Winters. Karl erhob keinen Schrei und vergoß keine Träne, doch verbreitete sich eine noch stärkere Todesblässe über sein Antlitz; er setze ein Knie auf die Erde, hob den Kopf von Lord Winter empor, küßte ihn auf die Stirne, nahm ihm das Band des heiligen Geistordens wieder ab, das er ihm um den Nacken gehängt hatte, und befestigte es auf seiner Brust mit andächtiger Gebärde. »Lord Winter ist also gefallen?« fragte d'Artagnan und starrte auf den Leichnam nieder. »Ja,« entgegnete Athos, »sein Neffe hat ihn getötet.«

»Ha, so ist er der erste von uns, der aus dieser Welt schied; er war ein Tapferer, möge er ruhen in Frieden.«

»Karl Stuart,« rief nun der Oberst des englischen Regiments, auf den König zuschreitend, der seine königlichen Insignien wieder angelegt hatte,« ergebt Euch als Gefangener!«

»Oberst Thomlison,« erwiderte Karl, »der König ergibt sich nicht, nur der Mensch weicht der Gewalt.«

»Euer Schwert!« Der König zog sein Schwert und zerbrach es über seinem Knie. In diesem Momente rannte ein Pferd ohne Reiter herbei, triefend von Schaum, mit weiten Nüstern; es erkannte seinen Herrn und hielt freudig wiehernd an – das war des Königs Pferd. Der König lächelte, streichelte es mit der Hand und schwang sich gewandt in den Sattel. »Nun, meine Herren,« sprach er, »führt mich, wohin Ihr wollt.« Dann wandte er sich schnell um und fuhr fort: «Halt, mir kam vor, als ob sich Lord Winter bewegte: wenn er noch lebt, so beschwöre ich Euch bei allem, was Euch heilig ist, weicht nicht von diesem Manne!«

»O, seid unbekümmert, König Karl,« versetzte Mordaunt, »die Kugel durch, bohrte ihm das Herz.«

»Redet kein Wort, macht keine Miene, wagt keinen Blick weder für mich, noch für Porthos,« sprach d'Artagnan zu Athos und Aramis, »denn Mylady ist nicht tot, ihre Seele lebt im Leibe dieses Teufels.« Das Regiment begab sich nun auf den Weg nach der Stadt und führte seine königliche Beute mit sich; auf dem halben Wege aber überbrachte ein Adjutant des Generals Cromwell dem Obersten Thomlison den Befehl, den König nach Holdenby-House zu bringen. Zugleich brachen Eilboten nach allen Richtungen auf, um durch England und ganz Europa zu verkünden, daß König Karl Stuart Gefangener des Generals Oliver Cromwell sei. Das alles sahen die Schotten mit an, das Gewehr bei Fuß und das Schwert in der Scheide.

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