Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
Schließen

Navigation:

Der Schotte hält auf seinen Eidschwur wenig,verkauft für einen Heller seinen König

Nun müssen wir unsere Leser den »Standard« – nicht nach London, wohin d'Artagnan und Porthos zu steuern glaubten, sondern nach Durham ruhig segeln lassen, wohin Mordaunt zufolge der Briefe gehen mußte, welche er während seines Aufenthaltes in Boulogne erhalten, und müssen uns in das royalistische Lager begeben, welches sich diesseits der Tyne nahe der Stadt Newcastle befand. Dort standen zwischen zwei Flüssen, an Schottlands Grenze, jedoch auf Englands Boden, die Gezelte eines kleinen Heeres. Es war bereits Mitternacht. Männer, welche man an ihren nackten Beinen, kurzen Röcken, buntgewürfelten Plaids und an der Feder auf ihrer Mühe als Hochländer erkennen konnte, versahen sorglos die Wache. Der Mond, welcher zwischen dichtem Gewölke dahinglitt, erleuchtete auf jedem Zwischenraume seiner Bahn die Gewehrläufe der Schildwachen, und ließ kräftig die Mauern, Dächer und Türme der Stadt hervortreten, welche Karl I. den Truppen des Parlamentes übergeben hatte, während ihm Oxford und Newcastle, in der Hoffnung eines Vergleiches, noch anhingen. An dem einen Ende dieses Lagers, neben einem ungeheuren Gezelte, das voll schottischer Offiziere war, die unter dem Vorsitze ihres Anführers des Grafen von Lewen, eine Art Rat hielten, schlief ein Mann, im Kavalieranzuge, auf dem Rasen und hatte die rechte Hand auf seinem Schwerte ausgestreckt. Fünfzig Schritte weit entfernt besprach sich ein anderer Mann, gleichfalls im Kavalieranzug, mit einer schottischen Schildwache, und vermöge der Übung, die er in der englischen Sprache zu haben schien, konnte er, obwohl ein Fremder, die Antworten verstehen, die ihm der Angeredete in der Mundart von Perth erteilte. Als es in der Stadt Newcastle ein Uhr morgens schlug, wurde der Schläfer wach, und als er alle Bewegungen eines Menschen gemacht hatte, der nach einem tiefen Schlafe die Augen öffnet, sah er forschend um sich, und als er bemerkte, daß er sich allein befand, stand er auf und ging, einen Umweg machend, bei dem Kavalier vorbei, der sich mit der Schildwache unterredete. Dieser hatte ohne Zweifel seine Fragen beendigt, denn gleich darauf trennte er sich von diesem Manne, und begab sich, ohne daß es auffiel, auf denselben Weg wie der erste Kavalier, den wir vorbeikommen sahen. Der andere erwartete ihn am Wege im Schatten eines Gezeltes.

»Nun, lieber Freund,« sprach er zu ihm in reinstem Französisch, das je zwischen Rouen und Tours gesprochen worden ist, »nun, Freund, wir dürfen keine Zeit verlieren, sondern müssen dem Könige Nachricht geben.«

«Was geht denn vor?«

»Es währte zu lang, um Euch das zu sagen. Überdies werdet Ihr es sogleich erfahren. Dann kann das leiseste Wort alles verderben. Lasset uns Mylord Winter aufsuchen.« Die beiden gingen nun nach dem entgegengesetzten Ende des Lagers, da aber dieses höchstens einen Raum von fünfhundert Schlitten im Quadrate enthielt, so gelangten sie alsbald zu dem Gezelte desjenigen, den sie suchten.

»Schläft Euer Herr noch, Tomby?« fragte auf englisch einer der beiden Kavaliere einen Diener, der in einer ersten Abteilung schlief, die als Vorgemach diente.

»Nein, Herr Graf,« entgegnete der Bediente, »ich glaube nicht, es wäre denn seit kurzer Zeit, denn als er vom Könige weggegangen war, schritt er über zwei Stunden lang auf und nieder und das Geräusch seiner Schritte hat kaum erst seit zehn Minuten aufgehört. Überdies können Sie sehen« – fügte er hinzu und hob den Vorhang des Gezeltes auf. Lord Winter saß wirklich vor einer Öffnung, die als Fenster diente und die Nachtluft eindringen ließ. Die zwei Freunde traten zu Lord Winter, der, den Kopf auf die Hand gestützt, zum Himmel emporblickte; er hörte sie nicht nahen, und blieb in derselben Haltung, bis er fühlte, daß man ihm eine Hand auf die Schulter legte. Jetzt wandte er sich, erkannte Athos und Aramis, und bot ihnen die Hand.

»Habt Ihr nicht bemerkt,« sprach er zu ihnen, »welche blutrote Farbe heute der Mond hat?«

»Nein,« entgegnete Athos, »er schien mir wie gewöhnlich zu sein.«

»Seht, Chevalier,« sagte Lord Winter.

»Ich bekenne,« versetzte Aramis, »es geht mir wie dem Grafen de la Fere, ich sehe daran nichts Besonderes.«

»Lord,« sprach Athos, »wir sollen bei einer so ungewissen Lage, wie die unserige ist, die Erde untersuchen, und nicht den Himmel. Habt Ihr unsere Schotten erforscht, und seid Ihr derselben versichert?«

»Die Schotten,« fragte Lord Winter, »welche Schotten?«

»Nun, bei Gott! die unsrigen,« antwortete Athos, »jene, welchen sich der König anvertraut hat, die Schotten des Grafen von Lewen.«

»Nein,« sprach Winter, dann fuhr er fort: »Sagt mir also, seht Ihr denn nicht, wie ich, den Himmel von rötlicher Farbe umzogen?«

»Nicht im geringsten,« versicherten Arthos und Aramis.

»Sagt an,« fuhr Lord Winter fort, der sich stets mit demselben Gedanken beschäftigte, »geht denn nicht in Frankreich die Sage, daß Heinrich IV., als er am Vorabende des Tages, da er ermordet wurde, mit Bassompierre Schach spielte, auf dem Schachbrette Blutflecken sah?«

»Ja,« erwiderte Athos, »das hat mir der Marschall selbst öfter erzählt.«

»So ist es,« murmelte Lord Winter, »und tags darauf wurde Heinrich IV. umgebracht.«

»In welcher Beziehung steht aber diese Vision Heinrichs IV. zu Euch, Lord?« fragte Aramis.

»In keiner, meine Herren, und ich bin wirklich töricht, daß ich von solchen Dingen mit Euch rede, wo mir Euer Eintritt in mein Gezelt zu dieser Stunde anzeigt, daß Ihr die Überbringer irgendeiner wichtigen Botschaft seid.«

»Ja, Mylord,« versetzte Athos, »ich möchte den König sprechen.«

»Den König? allein er schläft noch.«

»Ich habe ihm wichtige Dinge mitzuteilen.«

»Läßt sich das nicht bis morgen aufschieben?«

»Er muß es sogleich erfahren, und vielleicht ist es jetzt schon zu spät.«

»Laßt uns eintreten, meine Herren,« sprach Lord Winter. Das Gezelt des Lord Winter befand sich neben dem königlichen Gezelte und eine Art Korridor setzte beide in Verbindung. Dieser Korridor war nicht von einer Schildwache, sondern von einem vertrauten Diener Karls I. bewacht, damit sich der König in dringenden Fällen sogleich mit seinem getreuen Diener beraten könne.

»Diese Herren sind mit mir,« sprach Lord Winter. Der Diener verneigte sich und ließ sie vorübergehen. Wirklich war der König in seinem schwarzen Wams, die langen Stiefel an den Füßen, den Gürtel offen und den Hut neben sich, dem unwiderstehlichen Bedürfnisse nach Schlaf nachgebend, auf einem Feldbette eingeschlummert. Die drei Männer näherten sich, und Athos, welcher vorausging, betrachtete ein Weilchen dieses edle, blasse, von langen Haaren umwallte Antlitz, das der Schweiß eines bösen Traumes befeuchtete, und welches die dicken, blauen Adern marmorierten, welche unter seinen müden Augen von Tränen angeschwollen schienen. Athos stieß einen tiefen Seufzer aus, dieser Seufzer erweckte den König, da sein Schlummer so leise war. Er öffnete die Augen, und indem er sich auf seinen Ellbogen erhob, sprach er: »Ha, seid Ihr es, Graf de la Fere?«

»Ja, Sire,« antwortete Athos.

»Ihr wacht, indes ich schlafe, und bringt mir gewiß irgendeine Nachricht.«

»Leider, Sire,« versetzte Athos, »Eure Majestät hat richtig geraten.«

»So ist die Nachricht schlimm?« sprach der König, melancholisch lächelnd.

»Ja, Sire.«

»Gleichviel, der Bote ist mir willkommen, und Ihr, dessen Ergebenheit kein Vaterland und kein Unglück kennt, Ihr, den mir Henriette zusendet, könnet bei mir nicht eintreten, ohne mir Freude zu machen; redet also mit Zuversicht, wie die Nachricht auch sei, die Ihr mir zu überbringen habt.«

»Sire, Herr Cromwell kam diese Nacht in Newcastle an.«

»Ha,« rief der König, »um mich zu schlagen?«

»Nein, Sire, um Sie zu verkaufen.«

»Was sprecht Ihr da?«

»Ich sage, Sire, das schottische Heer hat 400 000 Livres Sterling zu fordern.«

»An rückständigem Solde, ja, das weiß ich. Meine tapferen und treuen Schotten kämpfen schon fast ein Jahr lang für die Ehre.« Athos lächelte und sprach: »Nun, Sire, wenn es auch um die Ehre eine schöne Sache ist, so sind sie doch müde, für dieselbe zu kämpfen, und diese Nacht verkaufen sie Ew. Majestät für 200 000 Livres, nämlich für die Hälfte von dem, was sie zu fordern hätten.«

»Unmöglich,« rief der König, »daß die Schotten ihren König für 200 000 Livres verkaufen!«

»Die Juden haben wohl Jesum für 30 Silberlinge verkauft.«

»Wer ist denn der Judas, der diesen schimpflichen Handel geschlossen hat?«

»Der Graf von Lewen.«

»Seid Ihr des versichert, mein Herr?«

»Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren.« Der König stieß, als bräche ihm das Herz, einen tiefen Seufzer aus, und senkte den Kopf in seine Hände. Dann rief er aus: »O, die Schotten, die Schotten, welche ich meine Getreuen nannte; die Schotten, denen ich mich anvertraut, da ich doch nach Oxford hätte entfliehen können; die Schotten, meine Landsleute; die Schotten, meine Brüder! Doch, mein Herr, seid Ihr dessen ganz versichert?«

»Ich lag hinter dem Gezelte des Grafen von Lewen, lüftete die Leinwand, und konnte so alles hören, alles.«

»Und wann kommt dieser schändliche Handel zum Abschlusse?«

»Heute in der Morgenstunde. Es ist somit, wie Ew. Majestät sieht, keine Zeit zu verlieren.«

»Warum das, wo Ihr sagt, daß ich verkauft bin?«

»Um über die Tyne zu setzen, Schottland zu erreichen, und sich an Montrose anzuschließen, der Ew. Majestät nicht verkaufen wird.«

»Was aber tun in Schottland? Einen Parteikrieg führen? Ein solcher Krieg ist unwürdig eines Königs.«

»Robert Bruce ist als Beispiel da, um Sie freizusprechen, Sire.«

»Nein, nein, ich kämpfe schon allzu lang; haben sie mich verkauft, so mögen sie mich überliefern, und die ewige Schmach ihres Verrats falle auf sie zurück.«

»Sire,« entgegnete Athos, »vielleicht muß ein König auf solche Art handeln, jedoch ein Gatte und Vater darf nicht so handeln. Ich kam hierher im Namen Ihrer Gemahlin und Ihrer Tochter, und sage Ihnen im Namen Ihrer Gemahlin und Ihrer Tochter, sowie der beiden anderen Kinder, die Sie noch in London haben: bleiben Sie am Leben, Sire, Gott will es.« Der König erhob sich, schnallte seinen Gürtel wieder, nach ihm das Schwert, trocknete seine schweißbedeckte Stirne und sprach: »Nun, was habe ich zu tun?«

»Sire, haben Sie im ganzen Heere ein Regiment, auf welches Sie rechnen können?«

»Winter,« sagte der König, »glaubt Ihr an die Treue des Eurigen?«

»Sire, es sind nur Menschen, und die Menschen sind sehr schwach und schlecht geworden. Ich glaube an seine Treue, doch bürge ich nicht für sie; ich würde ihm mein Leben anvertrauen, doch nehme ich Anstand, ihm das Leben Ew. Majestät anzuvertrauen.«

»Nun,« sprach Athos, »wir drei sind, in Ermangelung eines Regimentes, treu ergebene Männer und werden genügen. Wollen Ew. Majestät zu Pferde sich in unsere Mitte begeben, so werden wir über die Tyne setzen, Schottland erreichen und gerettet sein.«

»Ist das auch Eure Ansicht, Winter?« fragte der König.

»Ja, Sire.«

»Und die Eure gleichfalls, Herr d'Herblay?«

»Ja, Sire.«

»So geschehe denn, was Ihr wollt. Winter, erteilt die Befehle.« Winter entfernte sich, mittlerweile kleidete sich der König völlig an. Als Winter wieder zurückkehrte, drangen bereits die ersten Strahlen des Tages durch die Öffnungen des Gezeltes. »Alles ist bereit, Sire,« sprach Winter.

»Und wir?« fragte Athos.

»Grimaud und Blaifois halten Euch Eure vollständig gesattelten Pferde.«

»So wollen wir denn keinen Augenblick verlieren und aufbrechen.«

»Ja, laßt uns aufbrechen.« sprach der König.

»Sire,« versetzte Aramis, »will Ew. Majestät nicht den Freunden Nachricht geben?«

»Meinen Freunden,« entgegnete Karl I., traurig den Kopf schüttelnd, »ich habe keine andern mehr, als Euch drei, einen Freund von zwanzig Jahren, der mich nie vergessen hat, zwei Freunde von acht Tagen, die ich nie vergessen werde. Kommt, meine Herren, kommt.« Der König ging aus seinem Gezelt und fand wirklich sein Pferd bereit. Er schwang sich mit jener Leichtigkeit, die ihn zum besten Reiter Europas machte, auf den Sattel, wandte sich dann zu Aramis, Athos und Lord Winter und sagte: »Nun, meine Herren, ich erwarte Euch.« Doch Athos blieb unbeweglich stehen, die Augen auf eine schwarze Linie geheftet, und die Hand ausgestreckt nach derselben, die sich am Tyne- Ufer entlang hinzog und die doppelte Länge des Lagers hatte. »Was ist das für eine Linie? Ich habe sie gestern nicht bemerkt.«

»Es ist zweifelsohne der Nebel, der sich vom Fluß erhebt,« sprach der König.

»Sire, Dünste sind nie so dicht.«

»Wahrhaft, ich sehe etwas wie rötliche Schranken,« versicherte Winter.

»Das ist der Feind, der von Newcastle kommt und uns umzingelt,« rief Athos.

»Der Feind?« wiederholte der König.

»Ja, der Feind; es ist zu spät. Sehen Sie nur, Sire, dort unter dem Sonnenstrahl gegen die Stadt hin sieht man die Eisenrippen funkeln.« So nannte man die von Cromwell gebildeten Kürassiere, die seine Garden waren. »Ha,« sprach der König, »wir werden sehen, ob mich die Schotten wirklich verraten.«

»Was wollen Sie tun, Sire?« fragte Athos.

»Ihnen Befehl geben zum Angriff, und mit ihnen hinstürzen auf die schändlichen Rebellen.« Der König spornte sein Pferd und sprengte nach dem Gezelte des Grafen von Lewen. »Laßt uns nachreiten,« sprach Athos. »Auf!« sprach Aramis. »Ist etwa der König verwundet?« fragte Lord Winter, »ich bemerke Blutmale auf dem Boden.« – Er ritt den zwei Freunden nach; Athos hielt ihn zurück und sagte: »Versammelt Euer Regiment, ich sehe im voraus, daß wir es allsogleich nötig haben.« Lord Winter wandte sich, und die zwei Freunde ritten weiter. In zwei Sekunden war der König bei dem Gezelte des kommandierenden Generals des schottischen Heeres, wo er abstieg und hineinging. Der General stand mitten unter seinen angesehensten Kriegsführern. «Der König!« riefen sie, sprangen auf und blickten sich bestürzt an.

Karl stand wirklich vor ihnen, den Hut auf dem Kopfe, die Stirne gerunzelt und die Stiefel mit der Reitgerte peitschend. »Ja, meine Herren!« rief er, »der König in Person, der König, welcher von Euch Rechenschaft von dem verlangt, was da vorgeht.«

»Was ist's denn, Sire?« fragte der Graf von Lewen. »Das ist es, mein Herr,« sprach der König, der sich von seinem Zorne hinreißen ließ, »daß der General Cromwell heute nachts in Newcastle ankam, daß Ihr es wußtet und es mir nicht gemeldet habt, daß der Feind die Stadt verläßt, um uns am Übergang über die Tyne zu verhindern; daß Eure Schildwachen diese Bewegung sehen mußten und mich nicht in Kenntnis gesetzt haben; daß Ihr mich durch einen schimpflichen Vertrag für zweimalhunderttausend Pfund Sterling an das Parlament verkauft habt, und daß ich wenigstens von diesem Vertrage Nachricht erhalten habe. Das ist es, meine Herren. Antwortet und rechtfertigt Euch, denn ich klage Euch an.«

»Sire,« stammelte der Graf von Lewen. »Sire, man wird Ew. Majestät durch einen falschen Bericht getäuscht haben.«

»Ich sah es doch mit eigenen Augen, wie sich das feindliche Heer zwischen mir und Schottland ausbreitete.« versetzte Karl, »und kann fast sagen, ich hörte mit eigenen Ohren die Bedingnisse des Handels beraten.« Die schottischen Häuptlinge blickten sich an und runzelten die Stirne. »Sire,« murmelte der Graf von Lewen, gebeugt von der Last der Scham, »wir sind bereit, jeden Beweis zu liefern, Sire.«

»Ich begehre nur einen,« versetzte der König. »Stellt das Heer in Schlachtordnung, und laßt uns gegen den Feind ziehen.«

»Das ist nicht möglich, Sire,« entgegnete der Graf. »Wie, das ist nicht möglich? was steht denn der Möglichkeit im Wege?« sprach Karl I. »Eure Majestät weiß ja, es besteht zwischen uns und dem englischen Heere ein Waffenstillstand,« erwiderte der Graf. »Wenn ein Waffenstillstand besteht, so hat ihn das englische Heer dadurch gebrochen, daß es die Stadt wider die Bedingnisse verließ, die es dort eingeschlossen hielten. Nun sage ich aber, Ihr müßt Euch mit mir durch dieses Heer schlagen, um nach Schottland zurückzukehren, und wenn Ihr es nicht tut, nun, so wählt zwischen den beiden Namen, welche Männer in den Augen anderer Männer verächtlich und häßlich machen. Ihr seid entweder Feige, oder Ihr seid Verräter.« Die Augen der Schotten flammten, und, wie das bei solchen Gelegenheiten öfter geschieht, sie gingen von der tiefsten Scham zur größten Unverschämtheit über, und zwei Häuptlinge von Clans traten zu jeder Seite des Königs und sagten: »Ja doch, wir haben gelobt, Schottland und England von demjenigen zu befreien, der seit fünfundzwanzig Jahren das Blut und das Gold von England und Schottland trinkt. Wir haben es angelobt, und halten unser Versprechen. König Karl Stuart, Ihr seid unser Gefangener.« Beide streckten zugleich die Hand aus, um den König zu ergreifen; allein, ehe noch die Spitzen ihrer Finger den König berührten, lagen beide auf dem Boden, der eine ohnmächtig, der andere tot. Athos hatte den einen mit einem Pistolenschuß niedergeschmettert, und Aramis dem andern das Schwert durch den Leib gestoßen.

Während nun der Graf von Lewen und die andern Häuptlinge, entsetzt über diesen unvermuteten Beistand, zurückwichen, der demjenigen vom Himmel zu kommen schien, den sie schon als ihren Gefangenen betrachteten, zogen Athos und Aramis den König aus dem Gezelte des Meineides, in das er so unklug getreten war; dann sprangen alle drei auf die Pferde, welche die Diener bereit hielten, und sprengten wieder im Galopp dahin auf dem Wege nach dem königlichen Gezelte. Im Vorüberreiten sahen sie Lord Winter an der Spitze seines Regiments herbeieilen. Der König gab ihm ein Zeichen, sie zu begleiten.

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.