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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Man bekommt Nachrichten über Athos und Aramis

D'Artagnan war geradeswegs nach den Stallungen gegangen. Der Tag brach eben an; er erkannte sein und Porthos' Pferd, die an einer Raufe angebunden waren, doch war die Raufe leer. Da er Mitleid mit diesen armen Tieren hatte, so ging er nach einem Winkel des Stalles, wo er ein bißchen Stroh leuchten sah. Während er dieses mit dem Fuße zusammenschob, stieß er mit dem Stiefel an einen runden Körper, der, sicherlich an einem empfindlichen Teile berührt, einen Schrei ausstieß und sich auf ein Knie, erhob, indem er sich die Augen rieb. Es war Mousqueton, der sich aus Mangel an Stroh das der Pferde zurechtgemacht hatte. »Vorwärts, Mousqueton!« rief d'Artagnan, »vorwärts! auf die Reise! auf die Reise!« Inzwischen kam Porthos nut einer sehr verdrießlichen Miene herbei, und erstaunte höchlich, als er d'Artagnan so ergeben in sein Schicksal und Mousqueton beinahe lustig fand. »Ah,« sprach er, »wir haben also: Ihr Eure Stelle und ich meine Baronie!«

»Wir gehen jetzt und holen uns die Dekrete,« versetzte d'Artagnan,

»und wenn wir zurückkommen, wird sie Herr Mazarin unterschreiben.«

»Wohin gehen wir?« fragte Porthos. »Fürs erste nach Paris,« erwiderte d'Artagnan, »da ich dort einige Angelegenheiten in Ordnung bringen will.«

»Wohlan, nach Paris!« sagte Porthos. Und beide machten sich auf den Weg nach Paris. Als sie bei den Toren ankamen, erstaunten sie, in welch bedrohlicher Lage die Hauptstadt sich befand. Das Volk scharte sich um eine in Stücke gebrochene Kutsche und stieß Verwünschungen aus, indes die Personen, welche entfliehen wollten, nämlich ein Greis und zwei Frauen, Gefangene waren. Als aber d'Artagnan und Porthos Einlaß verlangten, erzeigte man ihnen jede Art von Schmeichelei. Man hielt sie für Abtrünnige der königlichen Partei und wollte sie an sich fesseln. »Was macht der König?« fragte man sie. »Er schläft.«

»Und die Spanierin?«

»Sie träumt.«

»Und der Italiener?«

»Er wacht. Haltet Euch somit fest; wenn sie fortgegangen sind, so taten sie es gewiß aus Gründen. Und da Ihr zuletzt doch die Stärkeren seid,« fuhr d'Artagnan fort, »so vergreift Euch nicht an Weibern und Greisen; lasset die Frauen gehen und haltet Euch an die wirklichen Ursachen.« Das Volk nahm diese Worte freudig auf und ließ die Damen los, welche d'Artagnan mit einem sprechenden Blicke dankten. »Nun vorwärts!« rief d'Artagnan. Sie setzten ihren Weg fort, ritten durch die Barrikaden, sprengten über die Ketten, stets drängend und gedrängt, fragend und befragt. Auf dem Platze vor dem Palais-Royal sah d'Artagnan, wie eben ein Sergeant fünf- bis sechshundert Bürger in den Waffen übte. Das war Planchet, der zu Frommen der Stadtmiliz seine Erinnerungen aus dem Regimente von Piemont nützte. Als er vor d'Artagnan vorbeischritt, erkannte er seinen vormaligen Herrn. »Guten Tag, Herr d'Artagnan!« rief Planchet mit stolzer Miene.

»Guten Tag, Herr Dulaurier!« erwiderte d'Artagnan. Planchet hielt plötzlich an und heftet große, erstaunte Augen auf d'Artagnan; das erste Glied blieb gleichfalls stehen, als es seinen Führer anhalten sah, und so machten es dann alle bis zum letzten. »Das sind doch höchst lächerliche Leute,« sprach d'Artagnan zu Porthos und ritt weiter. Fünf Minuten darauf stiegen sie ab bei dem Gasthause de la Chevrette. Die schöne Magdalena eilte d'Artagnan entgegen. »Liebe Madame Turquaine,« sprach d'Artagnan, »wenn Ihr Geld habt, so vergrabt es schnell; wenn Ihr Kostbarkeiten habt, so versteckt sie geschwind; wenn Ihr Schuldner habt, so drängt sie zur Zahlung, und wenn Ihr Gläubiger habt, so befriedigt sie nicht.«

»Weshalb?« fragte Magdalena.

»Weil Paris nicht mehr und nicht weniger als Babylon, von dem Ihr gewiß schon reden hörtet, in Asche wird verwandelt werden.«

»Und Ihr verlasset mich in einem solchen Augenblicke?«

»In diesem Augenblicke selbst,« entgegnete d´Artagnan.

»Wohin reiset Ihr?«

»O, wenn Ihr mir das zu sagen wüßtet, würdet Ihr mir einen wahrhaften Dienst erweisen.«

»O mein Gott, mein Gott!«

»Habt Ihr wohl Briefe für mich?« fragte d'Artagnan und gab seiner Wirtin ein Zeichen mit der Hand, sie könnte sich das unnütze Wehklagen ersparen.

»Es liegt einer hier, der eben angekommen ist.« Und sie reichte d'Artagnan den Brief.

»Von Athos,« rief d'Artagnan, als er die feste und große Handschrift seines Freundes erkannte.

»Ha,« sprach Porthos, »laßt ein bißchen sehen, was er schreibt.« D'Artagnan erbrach den Brief und las: »Lieber d'Artagnan! lieber du Ballon! meine Freunde! Ihr erhaltet vielleicht zum letztenmal Nachrichten von mir. Aramis und ich sind sehr unglücklich; allein Gott, unser Mut und das Andenken an unsere Freundschaft erhält uns noch aufrecht. Seid ja auf Rudolf bedacht. Ich empfehle Euch die Papiere, welche sich in Blois befinden, und habt Ihr innerhalb zwei und einem halben Monat keine Nachricht von uns, so untersucht dieselben. Umarmt den Vicomte aus ganzem Herzen im Namen Eures getreuen Freundes Athos.«

»Bei Gott, das will ich glauben, daß ich ihn umarmen werde!« rief d'Artagnan, »zumal da er sich auf unserm Wege befindet, und hat er das Unglück, unsern armen Athos zu verlieren, so wird er von diesem Tage an mein Sohn!«

»Und ich,« entgegnete Porthos, »ich setze ihn zu meinem Universalerben ein.«

»Laßt sehen,« was Athos noch weiter schreibt.«

»Solltet Ihr auf Euren Wegen einem Herrn Mordaunt begegnen, so hütet Euch vor ihm. Ich kann Euch mit meinem Briefe nicht mehr sagen.«

»Herr Mordaunt,« rief d'Artagnan betroffen.

»Herr Mordaunt – wohl, man wird sich daran erinnern,« sagte Porthos. »Allein seht, ob wir keine Nachricht von Aramis haben.«

»In der Tat,« versetzte d'Artagnan und las: »Werte Freunde, wir verhehlen Euch den Ort unseres Aufenthalts, weil wir Eure brüderliche Aufopferung kennen, und wohl wissen, daß Ihr kommen würdet, um mit uns zu sterben.«

»Donner und Wetter!« unterbrach ihn Porthos mit einem Zornesausbruch, der Mousqueton bis ans andere Ende des Zimmers taumeln ließ, »schweben sie denn in Todesgefahr?« D'Artagnan fuhr fort zu lesen: »Athos vermacht Euch Rudolf, und ich vermache Euch eine Rache. Solltet Ihr das Glück haben, Hand an einen gewissen Mordaunt zu legen, so sagt Porthos, daß er ihn in einen Winkel zerre und ihm den Hals umdrehe. Ich getraue mich nicht, in einem Briefe mehr zu sagen. Aramis.«

»Wenn es nur das ist,« sagte Porthos, »so läßt es sich leicht machen.«

»Im Gegenteil,« versetzte d'Artagnan mit düsterer Miene, »das ist unmöglich.«

»Warum denn?«

»Eben dieser Mordaunt ist es, den wir in Boulogne treffen und mit dem wir nach England übersetzen sollen.«

»Nun, wenn wir uns, statt daß wir uns diesem Herrn Mordaunt anschließen, unsern Freunden anschlössen?« fragte Porthos mit einer Miene und Bewegung, worüber sich ein Heer hätte entsetzen können.

»Ich dachte wohl schon daran,« erwiderte d'Artagnan, »allein der Brief hat weder Datum noch Postzeichen.«

»Das ist wahr,« entgegnete Porthos. Und er schritt wie ein verwirrter Mensch im Zimmer herum, gebärdete sich heftig und zog jeden Augenblick sein Schwert aus der Scheide. Was d'Artagnan betrifft, so blieb er bestürzt stehen, und die tiefste Betrübnis malte sich auf seinem Antlitze. »O, das ist unrecht,« murmelte er, »Athos beleidigt uns, er will allein sterben, das ist unrecht.« Als Mousqueton diese große Verzweiflung von seinem Winkel aus sah, fing er zu weinen an.

»Ha doch!« rief d'Artagnan, »das alles führt zu nichts. Brechen wir auf, reisen wir ab, um Rudolf zu umarmen, wie schon gesagt, vielleicht hat er Nachricht von Athos bekommen.«

»He, der Gedanke ist gut,« sprach Porthos: »wirklich, lieber d'Artagnan, ich weiß nicht, wie Ihr das macht, aber Ihr seid voll von Einfällen. Also auf, um Rudolf zu umarmen.«

»Wehe dem, der jetzt meinen Herrn schief anblicken wollte,« sagte Mousqueton; »ich gebe keinen Pfennig für seine Haut.« Man stieg zu Pferde und ritt von hinnen. Als die Freunde in die Straße Saint-Denis kamen, bemerkten sie einen großen Volksauflauf. Den Anlaß gab Herr von Beaufort, der eben aus Vendome ankam, und den der Koadjutor den entzückten Parisern vorstellte. Mit Herrn von Beaufort glaubten sie sich jetzt unüberwindlich. Die zwei Freunde bogen in eine enge Gasse ein, um dem Prinzen nicht zu begegnen, und gelangten zur Barriere Saint-Denis.

»Ist es wahr, daß Herr von Beaufort in Paris angekommen ist?« sagten die Wachen zu den zwei Reitern.

»Nichts ist so wahr wie das,« entgegnete ihnen d'Artagnan, »und der Beweis ist, daß er uns seinen Vater, Herrn Vendome, entgegenschickte, der gleichfalls ankommen wird.«

»Es lebe Herr von Beaufort!« riefen die Wachen und traten ehrfurchtsvoll zur Seite, um den Abgeordneten des großen Prinzen Raum zu lassen. Als die Reisenden einmal die Barriere im Rücken hatten, ging es viel rascher, da sie weder Müdigkeit noch Entmutigung kannten; ihre Pferde flogen und sie konnten nicht enden, von Athos und Aramis zu reden. Mousqueton ertrug alle erdenklichen Martern; doch tröstete sich der treffliche Diener mit dem Gedanken, daß seine Gebieter noch ganz andere Leiden hatten. Er betrachtete ja von nun an d'Artagnan als seinen zweiten Herrn, und gehorchte ihm sogar noch viel schneller und pünktlicher als Porthos.

Das Lager befand sich zwischen Saint-Omer und Lambe; die zwei Freunde ritten durch eine Krümmung dem Lager zu, berichteten dem Heere umständlich die Flucht des Königs und der Königin, die bis jetzt nur oberflächlich erzählt worden war. Sie fanden Rudolf in seinem Gezelte auf einem Bunde Heu liegen, aus dem sein Pferd verstohlen einige Halme aufschnappte. Der junge Mann hatte rote Augen und schien sehr bestürzt. Der Marschall von Grammont und der Graf von Guiche waren nach Paris zurückgekommen, und so stand das arme Kind ganz allein für sich da. Gleich darauf erhob Rudolf die Augen und sah die Reiter, welche ihn anstarrten, er erkannte sie und sprang ihnen mit offenen Armen entgegen.

»Ha, Ihr seid es, teure Freunde,« rief er aus. »Wollet Ihr mich etwa abholen? nehmt Ihr mich mit? Bringt Ihr mir Nachricht von meinem Vormunde?

»Habt Ihr denn eine von ihm erhalten?« fragte d'Artagnan.

»Ach nein, mein Herr,« antwortete der junge Mann, »und ich weiß wirklich nicht, was aus ihm geworden ist. O, das schmerzt mich so, daß ich darüber weinen muß.« Es rollten auch wirklich zwei große Tränen über die gebräunten Wangen des jungen Mannes. Porthos wandte sich um, damit man in seinem gutmütigen Gesichte nicht das lesen sollte, was in seinem Herzen vorging.

»Ei was!« rief d'Artagnan, der weit mehr ergriffen war, als je, »verzweifelt nicht, mein Freund, wenn Ihr keine Briefe vol dem Grafen erhalten habt, so erhielten wir ... einen ...«

»Ha, in Wahrheit?« rief Rudolf. »Ja, sogar einen beruhigenden,« versetzte d'Artagnan, als er sah, wie erfreut der junge Mann über diese Nachricht war.

»Habt Ihr ihn hier?« fragte Rudolf.

»Ja, ich hatte ihn,« entgegnete d'Artagnan und tat, als ob er ihn suchte; »halt, da muß er sein, in meiner Tasche - nicht wahr, Porthos, er spricht darin von seiner Zurückkunft?«

»Ja,« erwiderte Porthos hustend.

»O, gebt ihn –« rief der junge Mann.

»Hm, ich habe ihn noch kurz zuvor gelesen, soll ich ihn denn verloren haben? Ha, zum Teufel, meine Tasche hat ein Loch! -«

»O ja, Herr Rudolf,« versicherte Mousqueton, »der Brief war wirklich recht trostvoll! diese Herren lasen ihn mir vor, und ich weinte darüber vor Freude.«

»Ihr wißt doch wenigstens, wo er sich befindet, Herr d'Artagnan?« fragte Rudolf halb erheitert.

»O ja, gewiß, ich weiß,« stammelte d'Artagnan, »allein das ist ein Geheimnis.«

»Doch hoffe ich, nicht für mich?«

»Nein, nicht für Euch, und ich will Euch somit auch sagen, wo er ist.« Porthos stierte d'Artagnan mit seinen großen erstaunten Augen an.

»Wo ist er also, mein Herr?« fragte Rudolf mit seiner sanften, einschmeichelnden Stimme.

»Er ist in Konstantinopel!«

»Bei den Türken?« rief Rudolf, »großer Gott, was sagt Ihr da?«

»Hm, was entsetzt Ihr Euch?« entgegnete d'Artagnan; »was sind die Türken für Männer gegen den Grafen de la Fere und Herrn d'Herblah?«

»Ah, ist sein Freund bei ihm?« fragte Rudolf; »das beruhigt mich ein wenig.«

»Ob er Verstand hat dieser Teufel von d'Artagnan!« murmelte Porthos ganz entzückt über die List seines Freundes. D'Artagnan, den es schon drängte, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben sagte:

»Nun, hier sind fünfzig Pistolen, welche Euch der Herr Graf durch denselben Boten geschickt hat. Da ich vermute, daß Ihr kein Geld mehr habt, werden sie Euch erwünscht sein.«

»Ich besitze noch zwanzig Pistolen, mein Herr!«

»Nun, so nehmt sie immerhin, dann sind es siebenzig.«

»Wollet Ihr aber noch mehr ...?« sprach Porthos und fuhr mit der Hand in die Tasche.

»Dank,« entgegnete Rudolf errötend, »tausendmal Dank, mein Herr!« In diesem Moment erschien Olivain in der Ferne.

»Ha doch,« fragte d'Artagnan so laut, daß es der Bediente hörte, »seid Ihr mit Olivain zufrieden?«

»Ja, ziemlich.« Olivain stellte sich, als habe er nichts gehört und ging in das Gezelt.

»Was habt Ihr gegen diesen Schlingel?«

»Er ist gefräßig,« sagte Rudolf.

»O Herr,« seufzte Olivain, der auf diese Anklage hervortrat.

»Er stiehlt ein bißchen.«

»O, Herr, o ...«

»Und insbesondere ist er ungemein feige.«

»O, o, o, mein Herr, Sie entehren mich,« stammelte Olivain.

»Pest,« rief d'Artagnan, »wißt, Meister Olivain, daß sich Männer, wie wir sind, nicht von Feigherzigen bedienen lassen. Bestehlt Euren Herrn, nascht seine Leckerbissen und trinkt seinen Wein, seid aber, bei Gott, keine Memme oder ich stutze Euch die Ohren. Seht Herrn Mouston an und laßt Euch die ehrenvolle Wunde zeigen, die er erhalten hat, und seht, ob nicht seine ungewöhnliche Tapferkeit seinen Zügen eine Würde aufgedrückt hat.« Mousqueton war bis zum dritten Himmel entzückt, und hätte d'Artagnan umarmt, wenn er sich getraut hätte; indes nahm er sich vor, er wolle sich, wenn sich je eine Gelegenheit füge, für ihn töten lassen.

»Schickt diesen Nichtswürdigen fort, Rudolf,« versetzte d'Artagnan, »denn als Memme wird er früher oder später sich ehrlos machen.«

»Der gnädigste Herr nennt mich einen Feigherzigen,« klagte Olivain, »weil, er sich neulich mit einem Standartenträger des Regiments Grammont schlagen wollte und ich mich ihn zu begleiten weigerte.«

»Meister Olibain,« rief d'Artagnan mit Strenge, »ein Bedienter soll nie den Gehorsam verweigern.« Dann zog er ihn beiseite und sagte:

»Du hast recht getan, wenn dein Herr unrecht hatte; hier hast du einen Taler; wenn er aber je beleidigt wird, und du läßt dich nicht für ihn in Stücke hauen, so schneide ich dir die Zunge aus dem Halse und wasche dir damit das Gesicht ab. Merke dir das gut.« Olivain verneigte sich und steckte den Taler ein.

»Freund Rudolf,« sprach d'Artagnan, »nun reisen wir, ich und Herr du Ballon, als Gesandte ab. Ich kann Euch nicht sagen, zu welchem Endzweck; habt Ihr aber irgend etwas vonnöten, so schreibt an Magdalena Tiquetonne und behebt Geld auf diese Kasse wie auf die eines Wechslers, nur mit Schonung, denn ich sage Euch im voraus, daß sie nicht so sehr gefüllt ist wie die des Herrn d'Emerie.« Er umarmte sein einstweiliges Mündel und ließ ihn sodann in Porthos' Arme übergehen, die ihn vom Boden aufhoben und ein Weilchen an dem edlen Herzen des furchtbaren Riesen schwebend hielten.

»Auf!« rief nun d'Artagnan, »auf den Weg!« Sie reisten weiter nach Boulogne, wo sie gegen Abend ihre von Schweiß und Schaum bedeckten Pferde anhielten. Zehn Schritte weit von der Stelle, wo sie stille hielten, ehe sie in die Stadt hineinritten, stand ein schwarzgekleideter junger Mann, der auf jemanden zu warten schien, und der von dem Momente an, wo er sie kommen sah, die Augen nicht mehr von ihnen abwandte. D'Artagnan näherte sich ihm, und da er sah, daß ihn sein Blick nicht verließ, sprach er:

»Holla, Freund, ich lasse mich nicht gerne messen.«

»Mein Herr,« sprach der junge Mann, ohne auf d'Artagnans Anrede zu antworten, »kommt Ihr nicht von Paris?« D'Artagnan dachte, es wäre ein Neugieriger, der Nachrichten aus der Hauptstadt zu haben wünschte.

»Ja, Herr,« entgegnete er in etwas freundlicherem Tone.

»Sollt Ihr nicht im ›Wappen von England‹ logieren?«

»Ja, mein Herr.«

»Wenn das ist, so bin ich es, mit dem Ihr zu tun habt; ich bin Herr Mordaunt.«

»Mein Herr,« erwiderte d'Artagnan. »wir stellen uns zu Eurer Verfügung.«

»Nun gut, meine Herren,« sagte Mordaunt, »so reisen wir unverzüglich ab, denn heute ist der letzte Tag der Frist, welche der Kardinal von mir gefordert hat. Mein Schiff steht bereit, und wäret Ihr nicht gekommen, so war ich entschlossen, ohne Euch abzusegeln; denn der General Oliver Cromwell muß auf meine Zurückkunft schon ungeduldig warten.«

»Ah, ah!« rief d'Artagnan, »also an den General Oliver Cromwell werden wir abgeschickt.«

»Habt Ihr keinen Brief für ihn?« fragte der junge Mann. »Wohl habe ich einen Brief, von dem ich den doppelten Umschlag erst in London wegbrechen soll; da Ihr mir aber sagt, an wen er adressiert ist, so brauche ich nicht bis dahin zu warten.« D'Artagnan riß nun den Umschlag des Briefes auf. Er trug wirklich die Aufschrift: «An Herrn Oliver Cromwell, General der Truppen der englischen Nation.«

»Ha,« sprach d'Artagnan, »der Auftrag ist sonderbar.«

»Wer ist dieser Herr Oliver Cromwell?« fragte Porthos leise. »Ein vormaliger Bierbrauer,« antwortete d'Artagnan.

»Schnell, schnell,« rief Mordaunt, «laßt uns abreisen, meine Herren.«

»He doch,« entgegnete Porthos, «ohne zu Abend zu speisen? Kann denn Herr Cromwell nicht ein bißchen warten?«

»Ja, allein ich,« versetzte Mordaunt.

»Nun Ihr, was?« fragte Porthos.

»Ich habe es eilig.«

»O, wenn das Euretwegen geschieht,« sagte Porthos, »so geht mich die Sache nichts an, und ich will essen mit und ohne Eure Erlaubnis.« Der unsichere Blick des jungen Mannes entzündete sich und er schien einen Blitz schleudern zu wollen, doch faßte et sich.

»Mein Herr,« versetzte d'Artagnan, »Ihr müsset ausgehungerte Reisende entschuldigen. Überdies wird Euch unser Abendmahl nicht sehr aufhalten, wir wollen nach dem Gasthause reiten. Geht zu Fuß nach dem Hafen, wir essen ein bißchen, und werden zur selben Zeit wie Ihr dort eintreffen.«

»Was Euch beliebt, meine Herren, wenn wir nur abreisen,« erwiderte Mordaunt.

»Das ist recht schön,« murmelte Porthos.

»Der Name des Schiffes?« fragte d'Artagnan.

»Standard.«

»Wohl, in einer halben Stunde werden wir uns an Bord befinden.« Beide gaben ihren Pferden die Sporen, und ritten nach dem bezeichneten Gasthause.

»Was sagt Ihr zu diesem jungen Manne?« fragte d'Artagnan während des Reitens.

»Ich sage,« erwiderte Porthos, »daß er mir ganz und gar nicht behagt, und daß es mich gewaltig kitzelte, den Rat von Aramis zu befolgen.«

»Seid auf Eurer Hut, Porthos, dieser Mann ist ein Abgeordneter des Generals Cromwell, und wenn wir anzeigten, daß wir seinem Vertrauten den Hals umgedreht haben, so wäre das, glaube ich, zu unserem Empfange eine armselige Weise.«

»Gleichviel,« entgegnete Porthos, »ich habe stets bemerkt, daß Aramis ein guter Ratgeber war.«

»Hört,« sprach d'Artagnan, »wenn unsere Gesandtschaft zu Ende ist ...«

»Nun, dann?«

»Wenn er uns nach Frankreich zurückführt ...«

»Nun, so werden wir sehen.« Mittlerweile erreichten die zwei Freunde das Wirtshaus zu dem »Wappen von England«, wo sie mit großem Appetit zu Abend speisten, und sich dann ungesäumt nach dem Hafen begaben. Eine Brigg war schon segelfertig, und auf dem Verdecke derselben erkannten sie Mordaunt, der ungeduldig auf und nieder schritt. »Es ist unglaublich,« sprach d'Artagnan, während ihn das Boot an Bord des »Standard« führte, »es ist erstaunenswert, wie ähnlich dieser junge Mann jemandem ist, doch kann ich nicht angeben wem.« Sie kamen zur Treppe, und bald darauf waren sie eingeschifft.

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