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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9776de94
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Der Auftrag

Mazarin wollte auf der Stelle nach Saint-Germain weiterreisen, allein die Königin erklärte, sie erwarte diejenigen Personen, welche sie bestellt hatte. Nur trug sie dem Kardinal den Platz Laportes an, den auch der Kardinal annahm und aus einer Kutsche in die andere stieg. Jenes Gerücht, daß der König in der Nacht Paris verlassen habe, war nicht grundlos; es waren zehn bis zwölf Personen seit sechs Uhr abends in das Geheimnis dieser Flucht eingeweiht, und obgleich sie noch so verschwiegen waren, so konnten sie doch ihre Voranstalten zur Abreise nicht treffen, ohne daß nicht einiges von der Sache ruchbar wurde. Überdies hatte jede dieser Personen ein paar andere, für die sie sich interessierten, und da man nicht daran zweifelte, die Königin würde Paris nur mit furchtbarem Rachegefühl verlassen, so warnte jeder seine Freunde oder Verwandten, wonach das Gerücht von dieser Abreise wie ein Lauffeuer durch die Stadt lief. Die nächste Kutsche, welche nach jener der Königin ankam, war die Kutsche des Prinzen. Darin sahen der Herr Van Conde, die Frau Prinzessin und die Frau Prinzessin-Witwe. Beide wurden mitten in der Nacht aufgeweckt und wußten nicht, um was es sich handle. In der zweiten saßen der Herzog von Orleans, die Frau Herzogin, die große Mademoiselle und der Abbé de la Riviere, der unzertrennliche Günstling und geheime Rat des Prinzen. In der dritten saßen der Herr von Longueville und der Prinz von Conti, Bruder und Schwager des Prinzen. Sie stiegen aus, gingen zu der Kutsche des Königs und der Königin und brachten Ihren Majestäten ihre Huldigung dar. Die Königin blickte bis in den Hintergrund der Kutsche, deren Schlag offen stand, und sah, daß sie leer sei. »Wo ist denn Frau von Longueville?« fragte sie. »Ja, wirklich, wo ist denn meine Schwester?« fragte der Prinz. »Madame,« erwiderte der Herzog, »Frau von Longueville befindet sich unwohl und gab mir den Auftrag, sie bei Ihrer Majestät zu entschuldigen.« Anna warf Mazarin einen raschen Blick zu und dieser antwortete ihr durch ein leichtes Nicken mit dem Kopfe. »Was sagt denn Ihr dazu?« fragte die Königin. »Ich sage: sie ist eine Geisel für die Pariser,« entgegnete der Kardinal. »Warum ist sie denn nicht gekommen?« fragte der Prinz seinen Bruder. »Still,« versetzte dieser,« sie hat sicher ihre Gründe dazu. »Sie bringt uns ins Verderben,« murmelte der Prinz. »Sie rettet uns,« sprach Conti. Obwohl die Königin mit taufend Kleinigkeiten beschäftigt war, so suchte sie doch d'Artagnan mit den Augen; allein der Gascogner hatte sich schon wieder mit seiner gewohnten Vorsicht unter die Menge gemischt. »Wir wollen die Vorhut bilden,« sprach er zu Porthos, »und in Saint-Germain gute Quartiere bestellen, denn niemand wird uns vermissen. Ich fühle mich sehr erschöpft.« ,Ich,« verfehle Porthos, »sinke wirklich um vor Schlaf. Sollte man wohl glauben, daß wir nicht den geringsten Kampf zu bestehen hatten? In der Tat, die Pariser sind sehr blöde.« »Läge der Grund nicht vielmehr in unserer Gewandtheit?« fragte d'Artagnan. »Vielleicht.« »Und wie steht es mit Eurer Faust?« »Besser. Allein glaubt Ihr, daß wir sie diesmal bekommen werden?« »Was?« »Ihr Eure Stelle und ich meinen Titel.« »Meiner Treue, ja, ich möchte fast wetten; und überdies, wenn sie nicht daran denken, will ich schon machen, daß sie daran denken.« »Ich höre die Stimme der Königin,« versetzte Porthos, »und glaube, sie wünscht zu Pferde zu steigen.« »O, sie möchte wohl, jedoch – –«

»Was?«

»Der Kardinal will es nicht. – Meine Herren,« fuhr d'Artagnan zu den beiden Musketieren gewendet fort, »begleitet die Kutsche der Königin und weicht nicht von ihrer Seite. Wir wollen Quartiere besorgen.« Und d´Artagnan sprengte mit Porthos fort gegen Saint-Germain.

»Brechen wir auf, meine Herren,« sprach die Königin. Die königliche Kutsche setzte sich in Bewegung und ihr folgten die übrigen Kutschen nebst mehr als fünfzig Reitern. Man kam ohne Ungemach in Saint-Germain an; als die Königin aus dem Wagen stieg, sah sie vor sich den Prinzen mit entblößtem Haupte stehen und warten, um ihr die Hand zu bieten. »Was ein Erwachen für die Pariser!« rief die Königin Anna, vor Freude strahlend.

»Das ist der Krieg,« sprach der Prinz.

»Wohlan, so sei es der Krieg, haben wir nicht den Sieger von Rocroy, von Nördlingen und von Lens bei uns?« Der Prinz verneigte sich zum Zeichen des Dankes.

Es war drei Uhr früh. Die Königin begab sich zuerst in das Schloß; alle folgten ihr nach, etwa zweihundert Personen hatten sie auf ihrer Flucht begleitet. »Meine Herren!« sprach die Königin freundlich, »quartiert Euch im Schlosse ein, es ist groß, und so wird es an Raum nicht fehlen.« D'Artagnan hatte sich, müde und erschöpft, eben zur Ruhe begeben, als er auch schon wieder aufgestört wurde. »Herr d'Artagnan!« ertönte es, »Herr d'Artagnan!«

»Sind Sie Herr d'Artagnan?« fragte ein Hofbeamter.

»Ja, mein Herr, was wollt Ihr von mir?«

»Ich komme, um Sie zu holen.«

»In wessen Auftrag?«

»Im Auftrage Seiner Eminenz.«

»Meldet dem gnädigen Herrn: ich will jetzt schlafen, und rate es Seiner Eminenz als Freund, dasselbe zu tun.«

»Seine Eminenz legte sich nicht und wird sich auch nicht zu Bette legen, und verlangt alsogleich nach Ihnen.«

»Zum Kuckuck!« brummte d'Artagnan, »was will er mir denn? Will er mich zum Kapitän machen? In diesem Falle vergebe ich ihm.« Der Musketier stand nun murrend auf, nahm Schwert, Hut, Pistolen und Mantel, und folgte dem Hofbedienten. »Herr d'Artagnan,« sprach der Kardinal, als er denjenigen vor sich sah, den er zu so ungelegener Zeit holen ließ, »ich habe den Eifer nicht vergessen, mit dem Ihr mir gedient habt, und will Euch einen Beweis davon geben.«

»Gut,« dachte d'Artagnan, »das fängt hübsch an.« Mazarin faßte den Musketier fest ins Auge und sah, wie sich sein Gesicht erheiterte.

»Herr d'Artagnan,« sprach er, »Ihr habt große Lust, Kapitän zu werden?«

»Ja, gnädigster Herr.«

»Und möchte Euer Freund noch immer gern Baron werden?«

»Gnädigster Herr, in diesem Moment träumt er, daß er es sei.«

»Nun,« versetzte Mazarin, indem er jenen Brief hervorholte, den er d'Artagnan schon einmal gezeigt hatte, »nehmt diese Depesche hier und bringt sie nach England.« D'Artagnan besah den Umschlag, es stand keine Adresse darauf.

«Darf ich es nicht wissen, an wen ich sie zu übergeben habe?«

»Wenn Ihr in London ankommt, so werdet Ihr es erfahren: erst in London zerreißet Ihr den doppelten Umschlag.«

»Und was habe ich für Verhaltungsbefehle?«

»Daß Ihr durchaus demjenigen gehorchet, an den der Brief gerichtet ist.« D'Artagnan war willens, neue Fragen zu stellen, allein Mazarin fuhr fort: »Ihr reiset von da nach Boulogne; im `Wappen von England´ – werdet Ihr einen jungen Edelmann, namens Mordaunt, treffen.«

»Ja, gnädigster Herr! und was soll ich tun mit diesem Edelmanne?«

»Ihm folgen, wohin er Euch führen wird.« D'Artagnan sah den Kardinal mit erstaunter Miene an.

»Nun wißt Ihr, was Ihr zu tun habt,« sprach Mazarin, »geht!«

»Geht – das sagt sich sehr leicht,« entgegnete d'Artagnan, »allein um zu gehen, braucht man Geld und ich habe keines.«

»Ah!« rief Mazarin, indem er sich hinter den Ohren kratzte, »Ihr sagt, daß Ihr kein Geld habt?«

»Nein, gnädigster Herr.«

»Allein der Diamant, den ich Euch gestern abends gegeben?«

»Ich möchte ihn gern als Andenken an Ew. Eminenz bewahren.« Mazarin seufzte. »Man lebt teuer in England, gnädigster Herr, und zumal als außerordentlicher Botschafter.«

»Hm,« entgegnete Mazarin, »das Land ist sehr nüchtern, man lebt dort ganz einfach seit der Revolution, doch gleichviel.« Er öffnete eine Lade und nahm eine Börse hervor. »Was sagt Ihr zu diesen tausend Talern?« D'Artagnans Unterlippe verlängerte sich auf übermäßige Weise. »Ich sage, gnädigster Herr, daß das wenig ist, da ich sicher nicht allein abreisen werde.«

»Ich rechnete darauf,« erwiderte Mazarin, »Herr du Ballon werde Euch begleiten, der würdige Edelmann; denn nach Euch, lieber Herr d'Artagnan, ist er zuverlässig derjenige in Frankreich, den ich vorzugsweise acht und liebe.«

»Nun, gnädigster Herr,« versetzte d'Artagnan, indem er auf die Börse zeigte, welche Mazarin nicht loslassen wollte, »wenn Sie ihn so sehr lieben und achten, so werden Sie einsehen –«

»Wohlan, seinetwegen will ich zweihundert Taler beifügen.«

»Geiziger!« murmelte d'Artagnan, dann sprach er laut: »Doch, nicht wahr, bei unsrer Rückkehr können wir, wenigstens Herr Porthos auf seine Baronie und ich auf meine Beförderung rechnen?«

«So wahr ich Mazarin heiße.«

»Kann ich mich nicht Ihrer Majestät der Königin empfehlen?« fragte d'Artagnan.

»Ihre Majestät schläft,« entgegnete Mazarin schnell, »und Ihr müßt ohne Säumnis abreisen; also geht, mein Herr.«

»Noch ein Wort, gnädigster Herr; wenn man dort kämpft, wohin ich reise, soll ich mitkämpfen?«

»Ihr sollet alles das tun, was Euch die Person befiehlt, an die ich Euch schicke,«

»Wohl, gnädigster Herr,« versetzte d'Artagnan und streckte die Hand aus, um einen Beutel in Empfang zu nehmen, »und ich empfehle mich ganz ergebenst.«

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