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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Zwei alte Feinde

D'Artagnan kam in der Bastille an, als es eben halb neun Uhr schlug. Er ließ sich bei dem Gouverneur anmelden, und als dieser hörte, daß er mit einem Befehl und im Namen des Ministers komme, so ging er ihm bis zur Freitreppe entgegen. Der Gouverneur der Bastille war damals Herr du Tremblay, Bruder des Kapuziners Joseph, Günstling von Richelieu, mit dem Beinamen: die graue Eminenz.

Als d'Artagnan dort ankam, um den Auftrag des Ministers zu vollziehen, empfing er ihn mit aller Artigkeit, und da er sich eben zu Tische setzen wollte, so lud er d'Artagnan ein, mit ihm zu nachtmahlen. »Ich würde das mit dem größten Vergnügen annehmen,« entgegnete d'Artagnan, »allein wenn ich nicht irre, so steht auf dem Umschlag des Briefes: sehr eilig.«

»Es ist so,« sprach Herr du Tremblay.

»Holla Major, man lasse Nr. 256 herabkommen.«

Beim Eintritt in die Bastille hörte man auf, ein Mensch zu sein, man wurde bloß eine Nummer. Es ertönte ein Glockenschlag. »Ich verlasse Sie,« sprach Herr du Tremblay zu ihm, »man ruft mich, daß ich die Wegbringung des Gefangenen unterfertigen möge. Auf Wiedersehen, Herr d'Artagnan!« Es waren keine zehn Minuten vergangen, als der Gefangene erschien. D'Artagnan machte bei seinem Anblick eine Bewegung der Überraschung, die er aber sogleich unterdrückte. Der Gefangene stieg in den Wagen, ohne daß es schien, daß er d'Artagnan erkannt habe. »Meine Herren,« sprach d'Artagnan zu den vier Musketieren, »man empfahl mir die größte Wachsamkeit für den Gefangenen, und da der Wagen an seinen Schlägen keine Schlösser hat, so will ich mich zu ihm hineinsetzen. Herr von Lillebonne, seid so gefällig und führt mein Pferd am Zügel.«

»Mit Vergnügen, mein Leutnant,« antwortete der Gebetene. D'Artagnan stieg ab, gab dem Musketier den Zügel seines Pferdes, setzte sich in die Kutsche neben den Gefangenen, und sagte mit einer Stimme, an der sich unmöglich die mindeste Gemütsbewegung erkennen ließ: »Im Trab – nach dem Palais Royal!«

Der Wagen setzte sich auf der Stelle in Bewegung, und als man unter das Torgewölbe kam, benützte d'Artagnan die dort herrschende Dunkelheit, warf sich an den Hals des Gefangenen und rief: »Rochefort! Ihr – Ihr seid es wirklich? Irre ich nicht?«

»D'Artagnan!« rief nun Rochefort voll Erstaunen.

»Ach, mein armer Freund,« fuhr d'Artagnan fort, »da ich Euch seit vier oder fünf Jahren nicht mehr sah, so hielt ich Euch für tot.«

»Meiner Treue!« entgegnete Rochefort, »mich dünkt, der Unterschied ist nicht groß zwischen einem Toten und einem Begrabenen.«

»Und wegen welcher Schuld seid Ihr in der Bastille?«

»Wollt Ihr, daß ich Euch die Wahrheit gestehe?«

»Ja.«

»Nun, ich weiß es nicht.«

»Rochefort, Ihr setzet Mißtrauen in mich.«

»Nein, so wahr ich ein Edelmann bin; denn unmöglich kann ich wegen der Ursache dort sein, die man mir zur Last legt.«

»Welche Ursache?«

»Als Nachtdieb.«

»Ihr als Nachtdieb? Ha, Ihr treibt Scherz, Rochefort.«

»Ich sehe das ein, das verlangt eine Erklärung, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»So vernehmt denn, was geschehen ist. Eines Abends, bei einem Gelage in den Tuilerien bei Reinard mit dem Herzoge d'Harcourt, Fontrailles, de Rieux und anderen, brachte der Herzog d'Harcourt in Vorschlag, auf den Pont-neuf zu gehen und Mäntel herabzureißen; wie Ihr wißt, war das eine Belustigung, welche der Herzog von Orleans sehr in die Mode brachte.«

»Waret Ihr denn verrückt – Rochefort, in Eurem Alter?«

»Nein, ich war betrunken; da mir aber das Vergnügen nicht groß schien, so schlug ich dem Chevalier de Rieux vor, lieber Zuschauer als Teilnehmer zu sein, und auf das bronzene Pferd zu steigen, um das Schauspiel vom ersten Rang aus zu sehen. Gesagt, getan. Wir waren auch mittelst der Sporen, die uns als Steigbügel dienten, im Augenblick oben, saßen vortrefflich und hatten die herrlichste Aussicht. Man hatte bereits vier oder fünf Mäntel mit unvergleichlicher Geschicklichkeit geraubt, ohne daß diejenigen, welchen man sie entriß, ein Wort zu reden wagten, als es einem mir unbekannten Kalbskopf einfiel, die Wache herbeizurufen und eine Runde Polizeisoldaten auf uns heranzuziehen. Der Herzog d'Harcourt, Fontrailles und die andern ergriffen die Flucht, dasselbe wollte de Rieux tun. Ich hielt ihn aber zurück und sprach zu ihm, man würde uns da, wo wir waren, nicht suchen. Er achtete nicht auf mich, setzte den Fuß auf den Sporen, um hinabzusteigen; der Sporen brach, er stürzte, brach ein Bein, und anstatt zu schweigen, fing er wie ein Gehenkter zu schreien an. Ich wollte gleichfalls hinabspringen, doch war es schon zu spät; ich sprang in die Arme der Büttel, welche mich nach dem Chatêl führten, wo ich ruhig einschlief, in der festen Überzeugung, daß ich morgen wieder frei sein würde. Es verfloß der folgende Tag, der zweite Tag – es vergingen acht Tage – sonach schrieb ich an den Kardinal. An demselben Tage holte man mich ab und führte mich in die Bastille, wo ich seit fünf Jahren schmachte. Glaubt Ihr wohl, es war ob des Frevels, daß ich mich hinter Heinrich IV. setzte?«

»Nein, Ihr habt recht, lieber Rochefort, deshalb kann es nicht sein, doch werdet Ihr wahrscheinlich die Ursache erfahren.«

»Ach ja, ich vergaß, Euch zu fragen, wohin Ihr mich führet.«

»Zu dem Kardinal.«

»Was will er von mir?«

»Das weiß ich nicht; ja, ich wußte es nicht einmal, daß Ihr es wäret, den ich holen mußte.«

»Unmöglich! Ihr ein Günstling?«

»Ich, ein Günstling?« rief d'Artagnan. »Ach mein armer Graf, ich bin jetzt mehr ein gascognischer Junker als damals, wo ich Euch, wie Ihr wißt, vor etwa zwanzig Jahren in Meung gesehen habe!« Und ein schwerer Seufzer folgte auf die Antwort. »Ihr kommt indes mit einem Befehle?«

»Weil ich mich zufällig im Vorgemache befand und der Kardinal sich am mich wandte, wie er an jeden anderen sich gewandt hätte; ich bin aber noch immer Leutnant bei den Musketieren, und wenn ich richtig rechne, so bin ich es schon gegen einundzwanzig Jahre lang.«

»Nun, es ist Euch doch kein Unglück begegnet, und das ist viel.«

»Dann ist Mazarin immer noch Mazarin?«

»Mehr als je, mein Lieber, und wie es heißt, ist er heimlich mit der Königin verheiratet.«

»Verheiratet?«

»So sind die Frauen,« sprach d'Artagnan wie ein Philosoph. »Die Frauen, wohl, allein die Königinnen!«

»Ach, mein Gott! in dieser Hinsicht sind die Königinnen doppelt Frauen.

»Und ist Herr von Beaufort noch immer im Gefängnis?«

»Ja, immer noch; warum?«

»Ach, weil er mir gewogen war und mich hätte befreien können.«

»Wahrscheinlich seid Ihr näher daran, frei zu werden, als er, und somit wäre es an Euch, ihn zu befreien.«

»Sodann der Krieg ...« »Er wird ausbrechen.«

»Mit Spanien?«

»Nein, mit Paris.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Hört Ihr nicht schießen?«

»Ja; nun?«

»Nun, das sind die Bürger, welche indes einzelne Schüsse abfeuern.«

»Glaubt Ihr wohl, mit Bürgern läßt sich etwas anfangen?«

»Ei ja, sie versprechen das, und wenn sie einen Anführer hätten, der diese Truppen zusammenraffte ...«

«Es ist ein Unglück, nicht frei zu sein!«

»Ach Gott! Verzweifelt nicht. Wenn Euch Mazarin holen läßt, so tut er es, weil er Euch braucht, und wenn er Euch braucht, nun, so wünsche ich Euch Glück. Mich hat schon viele Jahre lang niemand mehr gebraucht, sonach seht Ihr, wie es mit mir steht.«

»Nun, so beklagt Euch dann!«

»Hört, Rochefort, einen Vertrag ...«

»Welchen?«

»Ihr wißt, daß wir gute Freunde sind.«

»Bei Gott!«

»Wohlan, wenn Ihr wieder zu Gunst gelangt, so vergesset meiner nicht!«

»So wahr ich Rochefort heiße, doch müsset Ihr desgleichen tun.«

»Das versteht sich, darauf habt Ihr meine Hand.«

»Nun, hört, die erste Gelegenheit, die Ihr findet, von mir zu reden ...«

»Will ich von Euch reden; und Ihr?«

»Ich gleichfalls.«

»Aber sagt, soll ich auch von Euren Freunden reden?« »Von welchen Freunden?«

»Von Athos, Porthos und Aramis. Habt Ihr sie denn vergessen?«

»Beinahe.«

»Was ist denn aus ihnen geworden?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wirklich?«

»O mein Gott, ja! Wie Ihr wisset, haben wir uns getrennt; sie sind am Leben, das ist alles, was ich von ihnen weiß, da ich zuweilen indirekte Nachrichten von ihnen bekomme. Doch hole mich der Teufel, wenn ich weiß, in welchem Winkel der Welt sie sind. Nein, auf Ehre! außer Euch, Rochefort, habe ich keinen Freund mehr.«

»Und der berühmte ... wie habt Ihr doch den Diener genannt, den ich im Regiment Piemont zum Sergeanten machte?«

»Planchet.«

»Ja, richtig; und was ist aus dem berühmten Planchet geworden?«

»Nun, er hat eine Zuckerbäckerbude in der Straße Lombards erheiratet: er liebte stets das Wohlleben, so daß er Bürger von Paris wurde, und jetzt wahrscheinlich Meuterei treibt. Ihr werdet sehen, der Schurke wird früher Schöppe, als ich Kapitän werde.«

»Ei was, lieber d'Artagnan! nur ein bißchen Mut. Gerade wenn man zu unterst im Rade ist, wendet sich das Rad und erhebt uns. Euer Schicksal ändert sich vielleicht noch diesen Abend.«

»Amen!« rief d'Artagnan und ließ die Kutsche anhalten. »Was tut Ihr?« fragte Rochefort. »Was ich tue? nun, wenn wir angelangt sind, so will ich nicht, daß man mich aus Eurem Wagen steigen sehe; wir kennen einander nicht.«

»Ihr habt recht. Adieu!«

»Auf Wiedersehen. Erinnert Euch an Euer Versprechen.«

D'Artagnan schwang sich wieder auf sein Pferd und ritt an der Spitze der Bedeckung. Fünf Minuten darauf fuhr man in den Hofraum des Palais-Royal. D'Artagnan führte den Gefangenen über die große Treppe, und ließ ihn durch das Vorgemach und die Galerie gehen. An der Türe von Mazarins Kabinett wollte er ihn anmelden lassen, da legte ihm aber Rochefort die Hand auf die Schulter und sagte lächelnd: »Soll ich Euch etwas eingestehen, d'Artagnan, woran ich während des ganzen Weges dachte, als ich die Bürgergruppen betrachtete durch welche wir fuhren, und die Euch nebst Euren vier Mann mit funkelnden Augen anstierten?«

»Sagt an,« versetzte d'Artagnan. »Daß ich nur um Hilfe zu rufen gebraucht hätte, um Euch und Eure Bedeckung in die Pfanne hauen zu lassen, und daß ich sodann frei geworden wäre.«

»Und warum habt Ihr es nicht getan?« fragte d'Artagnan.

»Ei, so geht nur,« entgegnete Rochefort, »geschworene Freundschaft!«

»Ha, wäre es ein anderer gewesen als Ihr, der mich begleitete – so bürge ich.« D'Artagnan verneigte sich mit dem Kopfe.

»Laßt Herrn von Rochefort eintreten,« sprach mit Ungeduld Mazarin, als er die beiden Namen aussprechen hörte, »und ersucht Herrn d'Artagnan zu warten, da ich mit ihm noch nicht fertig bin.«

Diese Worte machten d'Artagnan ganz heiter. Wie er gesagt hatte, so war es schon lange, daß niemand seiner bedurfte, und diese Dringlichkeit Mazarins in betreff seiner Person schien ihm eine gute Vorbedeutung zu sein. Die Türen wurden wieder geschlossen. Rochefort sah Mazarin von der Seite an und erhaschte einen Blick des Ministers, der dem seinigen begegnete. Der Minister war stets derselbe, gut gekämmt, gut frisiert, gut parfümiert, und schien gar nicht so alt zu sein, wie er wirklich war. Mit Rochefort aber verhielt es sich anders, die fünf Jahre, die er im Kerker zugebracht, hatten diesen würdigen Freund Richelieus sehr gealtert; seine schwarzen Haare wurden völlig weiß und seine dunkle Hautfarbe so blaß, daß es einer Entkräftigung glich. Als ihn Mazarin erblickte, schüttelte er unmerklich den Kopf und machte eine Miene, als wollte er sagen: »Dieser Mann scheint mir nicht mehr viel wert zu sein.«

Nach einem Stillschweigen, das in der Tat wohl lange dauerte, aber Rochefort ein Jahrhundert dünkte, nahm Mazarin aus einem Aktenbündel einen offenen Brief hervor, zeigte ihn dem Edelmanne und sprach: »Ich fand da einen Brief, worin Ihr um Eure Freilassung ansucht, Herr von Rochefort! Ihr seid also im Gefängnisse?«

Bei dieser Frage bebte Rochefort und sagte: »Ich dachte aber, Ew. Eminenz wüßte das besser als irgend jemand.«

»Ich? ganz und gar nicht. Aus der Zeit des Herrn von Richelieu gibt es in der Bastille noch eine Menge Gefangene, deren Namen ich nicht einmal weiß.«

»O gnädigster Herr! mit mir verhält es sich anders. Sie kannten den meinigen, da ich auf Befehl Ew. Eminenz aus dem Chatelet nach der Bastille gebracht worden bin.«

»Das glaubt Ihr?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Ich glaube mich wirklich daran zu erinnern. Habt Ihr Euch nicht einmal geweigert, für die Königin eine Reise nach Brüssel zu unternehmen!«

»Ach, ach!« rief Rochefort, »das ist also die wahre Ursache, nach der ich fünf Jahre lang forschte? Ich Dummkopf, daß ich sie nicht fand.«

»Aber ich sagte ja nicht, daß das die Ursache Eurer Verhaftung war, verstehen wir uns wohl; ich tat diese Frage an Euch, weiter nichts. Habt Ihr Euch nicht geweigert, für die Königin nach Brüssel zu reisen, während Ihr doch bereitwillig waret, im Dienste des seligen Kardinals dahin zu gehen?«

»Eben weil ich im Dienste des seligen Kardinals dahin gereist bin, konnte ich nicht auf Befehl der Königin abermals dahin gehen. Ich bin in Brüssel zu einer schreckenvollen Zeit gewesen, nämlich zur Zeit der Verschwörung von Chalais. Ich befand mich dort, um den Briefwechsel von Chalais aufzufangen, und als man mich erkannte, wäre ich damals schon fast ermordet worden. Wie hätte ich also dahin zurückkehren sollen? Ich hätte der Königin nur geschadet, anstatt ihr zu dienen.«

»Nun seht Ihr, lieber Herr von Rochefort! wie man oft die besten Absichten falsch deutet. Die Königin sah in Eurer Weigerung nichts als einen Trotz, und beklagte sich sehr über Euch gegen den seligen Kardinal.«

Rochefort lachte verächtlich und sagte: »Eben weil ich dem Herrn Kardinal von Richelieu treu gegen die Königin gedient habe, so mußten Sie einsehen, gnädigster Herr, daß ich Ihnen jetzt, wo er gestorben, treu gegen jedermann dienen würde.«

»Ich, Herr von Rochefort!« versetzte Mazarin, »ich bin nicht wie Herr von Richelieu, der die Allgewalt ins Auge faßte; ich bin ein einfacher Minister und brauche keine Diener, da ich der der Königin bin. Ihre Majestät ist aber sehr reizbar, sie wird wohl Eure Weigerung erfahren, wird sie als eine Kriegserklärung angesehen haben, und da sie weiß, wie Ihr ein Mann von Kopf und folglich gefährlich seid, lieber Herr von Rochefort, so hat sie mir aufgetragen, ich sollte mich Euer versichern. Deshalb also saßet Ihr in der Bastille.«

»So scheint es denn, gnädiger Herr,« entgegnete Rochefort, »daß ich durch einen Irrtum in der Bastille sitze.«

»Ja, ja!« antwortete Mazarin, »gewiß, das alles läßt sich in Ordnung bringen; ihr seid ein Mann, der in gewisse Sachen eindringt, und ist er einmal eingedrungen, sie auf geschickte Weise ins Werk setzt.«

»Dieser Ansicht war auch der Herr Kardinal von Richelieu und meine Bewunderung für den großen Mann vermehrt sich noch dadurch, daß Sie so gütig sind, mir zu sagen, es sei auch die Ihrige.«

Rochefort kniff seine Lippen zusammen, um nicht zu lächeln.

»Ich komme nun zum Zwecke, ich brauche gute Freunde, treue Diener; wenn ich sage, ich brauche sie, so soll das heißen, daß die Königin ihrer bedarf. Es versteht sich von selbst, daß ich alles nur im Auftrage der Königin tue; denn ich handle nicht wie der Herr Kardinal von Richelieu, der alles nur nach eigener Laune tat. Deshalb werde ich auch nie ein so großer Mann sein wie er; dagegen bin ich aber ein guter Mann, Herr von Rochefort, und ich hoffe, Ihnen das beweisen zu können.« Rochefort kannte diese glatte Stimme, in die sich ein Zischen mengte. »Ich bin ganz geneigt, dem gnädigen Herrn zu glauben,« sprach er, »wiewohl ich meinesteils wenig Beweise von dieser Güte gehabt habe, von welcher Ew. Eminenz spricht. Vergessen Sie nicht, gnädiger Herr,« fuhr Rochefort fort, als er die Regung bemerkte, die der Minister zu unterdrücken bemüht war, »vergessen Sie nicht, daß ich fünf Jahre lang in der Bastille schmachtete, und daß nichts so sehr den Ansichten eine schiefe Richtung gibt, als wenn man die Dinge durch das Gitter eines Kerkers anblickt.«

»O, Herr von Rochefort, ich habe Euch bereits versichert, daß ich an Eurer Gefangenschaft durchaus keinen Anteil hatte. Die Königin – Zorn der Weiber und Fürstinnen, je nun das geht vorüber, wie es kam, und dann denkt man nicht mehr daran ...«

»Ich begreife recht Wohl, gnädiger Herr, daß sie nicht mehr daran denkt, da sie diese fünf Jahre im Palais-Royal unter Festlichkeiten und Schmeichlern zubrachte; aber ich, der ich sie in der Bastille zubringen mußte ...«

»Ach, mein Gott, lieber Rochefort, glaubt Ihr denn, es wohne sich so lustig im Palais-Royal? O nein, geht mir damit; ich versichere Euch, daß wir darin große Widerwärtigkeiten erlebten. Jedoch sprechen wir nichts mehr von all' dem. Ich spiele ein offenes Spiel wie immer. Saget an, Herr von Rochefort, seid Ihr einer der unsrigen?« –

»Sie werden einsehen, gnädigster Herr, daß ich nichts so sehr wünsche, jedoch mir ist alles fremd geworden. In der Bastille redet man nur mit Soldaten und Gefängniswächtern, von Politik, und Sie können sich nicht vorstellen, gnädiger Herr, wie wenig diese Leute von dem wissen, was vorgeht. Ich teile hierin immer die Ansicht des Herrn Bassompiere ... Er ist stets noch einer der siebzehn Vornehmen.«

»Er ist tot, mein Herr, und es ist ein großer Verlust,« erwiderte der Kardinal. »Er war ein getreuer Diener der Königin, und treue Männer sind selten.«

»Bei Gott, das glaube ich,« versetzte Rochefort. »Wenn Sie welche haben, so werden sie in die Bastille geschickt.«

»Doch was beweist denn die Treue?« fragte Mazarin. »Die Tat,« erwiderte Rochefort. »Ach, ja! die Tat!« wiederholte der Minister nachdenkend. »Wo finden sich aber tatkräftige Männer?«

»Ich kannte Leute, welche durch ihre Gewandtheit den Scharfblick Richelieus hundertmal täuschten, und durch ihre Tapferkeit seine Garden und seine Kundschafter schlugen.«

»Allein diese Leute, von welchen Ihr da sprechet,« versetzte Mazarin, der im Herzen darüber lächelte, daß Rochefort dahin kam, wohin er ihn bringen wollte, – »diese Leute waren dem Kardinal nicht ergeben, da sie wider ihn stritten.«

»Nein, sie würden besser belohnt worden sein, doch hatten sie das Unglück, daß sie dieser Königin, für welche Sie eben Diener suchen, ergeben waren.«

»Woher könnt Ihr aber das wissen?«

»Ich weiß das, weil jene Leute damals meine Feinde waren, weil sie gegen mich stritten, weil ich ihnen so viel Böses zufügte, als ich nur konnte, weil sie es mir wieder aus allen Kräften vergalten, weil mir einer von ihnen, mit dem ich es persönlich am meisten zu tun hatte, vor etwa sieben Jahren einen Degenstich beigebracht hat – und das war der dritte von derselben Hand – der Abschluß einer alten Rechnung.«

»Ach,« sprach Mazarin mit seltener Gutmütigkeit, »wären mir doch solche Männer bekannt! ...«

»Nun, gnädigster Herr! Einen davon haben Sie seit sechs Jahren vor Ihrer Tür, und hielten ihn sechs Jahre lang zu nichts tauglich.«

»Wen?«

»Herrn d'Artagnan!«

»Dieser Gascogner?« rief Mazarin mit einer ganz gut gespielten Befremdung. »Dieser Gascogner hat eine Königin gerettet, und Herrn von Richelieu einsehen lassen, daß er in Hinsicht auf Schlauheit, Gewandtheit und Politik nur ein Schüler sei.«

»Wirklich?«

»Wie ich die Ehre habe, Ew. Eminenz zu versichern.«

»Erzählt mir doch ein bißchen, lieber Herr Rochefort.«

»Das ist sehr schwierig, gnädigster Herr,« entgegnete der Edelmann lächelnd. »So soll er es mir selbst erzählen ....«

»Daran zweifle ich, gnädigster Herr!«

»Warum?«

»Weil das Geheimnis nicht ihm angehört, weil dieses Geheimnis das einer Königin ist, wie ich schon gesagt habe.«

»Und er allein hat ein solches Unternehmen ausgeführt?«

»Nein, gnädiger Herr! er hatte drei Freunde, drei Tapfere, die ihm behilflich waren, drei Tapfere, wie Sie eben solche suchen.«

»Und diese vier Männer, sagt Ihr, standen im Bunde?«

»So als hätten sie nur einen Mann ausgemacht, und ein Herz in der Brust getragen.«

»Wahrhaft, lieber Herr von Rochefort! Ihr stachelt meine Neugierde auf unbeschreibliche Weise. Könntet Ihr mir denn diese Geschichte nicht mitteilen?«

»Nein, doch kann ich Ihnen ein Märchen erzählen, ein wahrhaftes Feenmärchen, das kann ich versichern, gnädigster Herr!«

»O, erzählt es mir, Herr von Rochefort, ich liebe die Märchen ungemein.«

»Sie wünschen das, gnädigster Herr?« sagte Rochefort, indem er aus diesem schlauen, listigen Antlitz irgendeine Absicht zu lesen bemüht war.

»Ja!«

»Nun wohl, so vernehmen Sie. Es war einmal eine Königin – aber eine gar mächtige, die Königin eines der größten Länder der Welt, gegen die ein großer Minister sehr zürnte, weil er ihr vorher allzu gut gewesen war. Forschen Sie nicht, gnädiger Herr! Sie könnten nicht erraten, wer es war. Alles das hat sich lange vor der Zeit zugetragen, als Sie in das Land kamen, wo diese Königin regierte. Da kam ein so tapferer, reicher, wohlgebildeter Botschafter an den Hof. daß sich alle Frauen rasend in ihn verliebten, und daß sogar die Königin, zweifelsohne zum Andenken an die geschickte Art und Weise, womit er die Staatsangelegenheiten besorgte, so unbedacht war, und ihm einen gewissen, so auffallenden Schmuck schenkte, daß er nicht ersetzt werden konnte. Da nun dieser Schmuck vom Könige herrührte, so forderte der Minister diesen auf, er solle von der Fürstin verlangen, daß sie diesen Schmuck bei dem nächsten Balle unter ihre Toilette aufnehme. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, gnädigster Herr, daß es dem Minister aus zuverlässiger Quelle bekannt war, daß diesen Schmuck der Botschafter, der sehr weit her, von der anderen Seite des Meeres war, mit sich genommen habe. Die große Königin war verloren, verloren wie die Letzte ihrer Untertanen, und schien von ihrer ganzen Höhe herabzustürzen.« »Wirklich?« rief Mazarin. »Nun, gnädigster Herr! vier Männer faßten den Entschluß, sie zu retten. Diese vier Männer waren keine Prinzen oder Herzoge, sie waren nicht mächtig und nicht einmal reich, sondern vier Soldaten, die ein edles Herz, kräftige Arme und gewandte Klingen besaßen. Sie machten sich auf. Der Minister wußte von ihrer Abreise und stellte auf ihrem Wege Leute auf, um sie an der Erreichung ihres Zieles zu verhindern. Drei wurden durch die vielen Angreifer kampfunfähig gemacht; jedoch einer gelangte nach dem Hafen tötete oder verwundete die, welche sich ihm widersetzten, steuerte über das Meer und brachte der großen Königin den Schmuck zurück, die ihn dann am festgesetzten Tage an ihre Schultern heftete, was den Minister fast zum Sturze brachte. Nun, gnädiger Herr, was sagen Sie zu diesem Zuge?«

»Das ist wunderbar!« versetzte Mazarin gedankenvoll. »Nun denn, ich weiß zehn ähnliche.« Mazarin sprach nicht mehr, er dachte.

So vergingen fünf bis sechs Minuten, dann sagte Rochefort: »Gnädigster Herr, Sie haben mich nichts mehr zu fragen?« »Doch. Und Herr d'Artagnan sagt Ihr, war einer dieser vier Männer?« »Er war es, der das ganze Unternehmen leitete.« »Und wer waren die andern?« »Erlauben Sie, gnädigster Herr, daß ich es Herrn d'Artagnan anheimstelle, Ihnen ihre Namen zu nennen. Sie waren seine Freunde und nicht die meinigen; nur er hatte einigen Einfluß auf sie; mir waren Sie unter ihren wirklichen Namen nicht einmal bekannt.« »Ihr setzt in mich kein Vertrauen, Herr von Rochefort. Wohlan, so will ich durchaus offenherzig sein; ich brauche Euch, ihn. Alle! –« »Beginnen wir mit mir, gnädiger Herr, da Sie mich holen ließen und ich hier bin; dann kommt an sie die Reihe. Sie werden sich wohl nicht über meine Neugierde verwundern; wenn man fünf Jahre lang im Kerker schmachtet, möchte man doch gerne wissen, wohin man geschickt wird.« »Ihr, lieber Herr von Rochefort, Ihr sollt einen vertrauten Posten bekommen. Ihr reist nach Vincennes, wo Herr von Beaufort gefangen sitzt; Ihr werdet mir ihn mit den Augen behüten. Nun, was habt Ihr?«

»Was ich habe?« versetzte Rochefort, mit betrübter Miene den Kopf schüttelnd. »Sie bieten mir da etwas Unmögliches an.«

»Was, etwas Unmögliches? wie sollte das unmöglich sein?«

»Weil Herr von Beaufort einer meiner Freunde ist, oder vielmehr ich einer der seinigen bin. Haben Sie vergessen, gnädigster Herr, daß er bei der Königin für mich Bürge stand?«

»Herr von Beaufort ist seit dieser Zeit ein Staatsfeind.«

»Ja, gnädigster Herr, das ist möglich; da ich jedoch weder König, noch Königin, noch Minister bin, so ist er nicht mein Feind; und ich kann Ihren Antrag nicht eingehen.«

»Das nennt Ihr dann Treue? Ich wünsche Euch dazu Glück. Herr von Rochefort! Eure Treue bindet Euch nicht sehr.«

»Und dann, gnädiger Herr,« fuhr Rochefort fort, »werden Sie wohl begreifen: die Bastille verlassen und nach Vincennes gehen, hieße nur das Gefängnis wechseln.«

»Sagt nur gleich, Ihr gehört der Partei des Herrn von Beaufort an, das ist Eurerseits weit offenherziger.«

»Ich saß so lang in der Haft, gnädiger Herr, daß ich nur noch für eine Partei bin, für die freie Luft. Verwenden Sie mich zu allem andern, schicken Sie mich ins Ausland, beschäftigen Sie mich auf rührige Weise, doch wo möglich auf den Heerstraßen.«

»Lieber Herr von Rochefort,« versetzte Mazarin mit seiner scherzhaften Miene, »Euer Eifer reißt Euch fort. Ihr haltet Euch für einen jungen Mann, weil das Herz noch immer jung ist, doch würde es Euch an Kraft gebrechen. Glaubt mir also, Ihr habt jetzt Ruhe nötig!«

»Sie beschließen also nichts über mich, gnädigster Herr?«

»Im Gegenteil, ich habe schon beschlossen.«

Bernouin trat ein. »Ruft einen Hüter,« sprach er, »und bleibt bei mir,« fügte er leise bei. Ein Hüter trat ein; Mazarin schrieb einige Worte, gab sie diesem Manne und verneigte den Kopf. »Adieu, Herr von Rochefort!« sprach er. Rochefort verbeugte sich ehrerbietig und sagte: »Gnädiger Herr, ich sehe, daß man mich in die Bastille zurückführt.«

»Ihr seht gut.«

»Ich gehe dahin zurück, gnädigster Herr, doch wiederhole ich, daß Sie Unrecht haben, mich nicht zu verwenden.«

Man führte Rochefort wirklich über die kleine Treppe, anstatt durch das Vorgemach, wo d'Artagnan wartete. Er traf im Hofe seine Kutsche und seine vier Mann Bedeckung, doch den Freund suchte er vergebens. »Ach, ach,« sprach Rochefort bei sich selbst, »das verändert die Sache auf schauerliche Weise, und es wogt noch immer eine so große Volksmenge in den Straßen, je nun – dann wollen wir es versuchen, Mazarin zu beweisen, ob wir noch zu etwas anderem als zur Behütung eines Gefangenen taugen.« Er sprang mit eben so viel Leichtigkeit in den Wagen, als ob er erst fünfundzwanzig Jahre gezählt hätte.

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