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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Karosse des Koadjutors

Anstatt daß d'Artagnan durch das Tor Saint-Honoré zurückkehrte, ging er, da er Zeit hatte, um die Stadt, und kehrte durch das Tor Richelieu zurück. Man hielt mit ihm Musterung, und als man an seinem Federhute und seinem Bortenmantel erkannte, daß er Musketieroffizier sei, so schloß man ihn ein, in der Absicht, ihn zu zwingen, daß er rufe: »Nieder mit Mazarin!« Er ward wohl ob dieser ersten Demonstration etwas beunruhigt, da er jedoch erfuhr, worum es sich handle, so rief er sein »Nieder mit Mazarin!« so vortrefflich, daß selbst die schwierigsten unter seinen Gegnern zufriedengestellt wurden. Er schritt durch die Straße Richelieu und dachte über die Art und Weise nach, wie er jetzt auch die Königin fortbringen wolle; denn sie in einem Wagen mit dem Wappen von Frankreich wegzuführen, daran durfte er gar nicht denken; sieh, da bemerkte er vor dem Hotel der Frau von Guémenée eine Equipage. Plötzlich stieg ihm ein Gedanke auf, und er rief aus: »Ha, beim Himmel, das wäre eine treffliche Kriegslist!« Er näherte sich der Kutsche, betrachtete das Wappen auf dem Schlage und die Livree des Kutschers, der auf dem Bocke saß. Diese Musterung war ihm um so leichter, als der Kutscher fest schlief. »Das ist in der Tat die Kutsche des Koadjutors,« sprach er bei sich; meiner Seele, ich fange an, zu glauben, die Vorsehung ist selber für uns..« Er stieg vorsichtig in die Kutsche, ein, zog dann an der seidenen Schnur, die mit dem kleinen Finger des Kutschers in Verbindung stand, und rief ihm zu: »Nach dem Palais-Royal!« Der Kutscher, plötzlich vom Schlafe aufgeweckt, fuhr nach dem angedeuteten Palaste, ohne zu ahnen, daß der Befehl von einem andern kam als von seinem Herrn. Der Schweizer wollte schon die Gittertore zuschließen; als er jedoch die prachtvolle Equipage sah, zweifelte er nicht daran, der Besuch sei von Wichtigkeit, und ließ den Wagen hinein, der unter der Einfahrt anhielt. Hier bemerkte der Kutscher erst, daß die Lakaien nicht hinten auf dem Wagen standen. In der Meinung, der Koadjutor habe über dieselben verfügt, sprang er von dem Bocke und öffnete den Kutschenschlag, ohne die Zügel aus der Hand zu lassen. Nun sprang d'Artagnan gleichfalls aus der Kutsche, und in dem Momente, wo der Kutscher darüber erschrak, daß er seinen Herrn nicht erkannte und einen Schritt zurückprallte, packte er ihn mit der linken Hand am Kragen und setzte ihm mit der rechten eine Pistole an die Kehle. »Versuch' nur ein Wort zu reden,« rief d'Artagnan, »so bist du des Tode«.« Der Kutscher erkannte an dem Ausdrucke« desjenigen, der ihm zurief, daß er in eine Schlinge geraten sei, und blieb stehen mit offenem Munde und starrenden Augen. Zwei Musketiere schritten im Hofe auf und nieder; d'Artagnan rief sie bei ihren Namen herbei. »Herr von Bellsére,« sprach er zu dem einen, «tut mir den Gefallen, nehmt die Zügel aus den Händen dieses wackeren Mannes, steigt auf den Bock, führt den Wagen an die Türe der geheimen Treppe und wartet dort auf mich; die Sache ist wichtig und geschieht im Dienste des Königs.« Der Musketier, welcher wohl wußte, daß sein Leutnant in bezug auf den Dienst keinen schlechten Witz zu machen gewohnt war, gehorchte ohne Widerrede, wiewohl ihm der Befehl sonderbar vorkam. Er wandte sich nun zu dem zweiten Musketier und sagte: »Herr du Berges, helft mir, diesen Mann an einen sicheren Ort zu bringen.« Der Musketier war der Meinung, sein Leutnant habe irgendeinen verkleideten Prinzen verhaftet, verneigte sich, entblößte sein Schwert und machte ein Zeichen, daß er bereit sei. D'Artagnan, von seinem Gefangenen gefolgt, hinter dem der Musketier schritt, stieg die Treppe hinauf, ging über den Vorplatz und trat in Mazarins Vorgemach. Bernouin wartete schon mit Ungeduld auf Nachrichten von seinem Gebieter. »Nun, Herr d'Artagnan?« fragte er. »Lieber Bernouin, alles geht vortrefflich; doch hört, hier ist ein Mann, den Ihr an einen sicheren Ort bringen müßt.« »Wohin, Herr d'Artagnan?« »Wohin Ihr immer wollt; nur muß der Ort, den Ihr wählt, Balken mit Schlössern und eine abgesperrte Türe haben.« »Das haben wir, mein Herr,« entgegnete Bernouin. Man führte somit den armen Kutscher in ein Kabinett, das vergitterte Fenster hatte und einem Gefängnisse sehr ähnlich war. »Nun, lieber Freund,« sagte d'Artagnan, »fordere ich Euch auf, Hut und Mantel abzulegen.« Wie sich wohl erachten läßt, so leistete der Kutscher keinen Widerstand; überdies war er so verblüfft über das, was ihm begegnete, daß er wankte und wie ein Betrunkener lallte. D'Artagnan gab alles, was jener ablegte, dem Kammerdiener unter den Arm. »Nun, Herr du Berges,« versetzte d'Artagnan, »schließt Euch mit diesem Manne so lange ein, bis Euch Herr Bernouin die Türe wieder öffnet. Dieses Wachehalten wird wohl lange dauern und wenig ergötzlich sein, das weiß ich; allein Ihr begreift wohl,« fügte er ernsthaft bei, »es ist im Dienste des Königs.« »Ich stehe zu Befehl, mein Leutnant.« erwiderte der Musketier, der wohl einsah, daß es sich um etwas Ernstes handle. »Hört,« sprach d'Artagnan, »sollte dieser Mann zu entfliehen oder zu schreien versuchen, so stoßt ihm das Schwert durch den Leib.« Der Musketier nickte mit dem Kopfe, um anzudeuten, er würde dem Befehle pünktlich nachkommen. D'Artagnan ging nun fort und nahm Bernouin mit sich.

Es schlug Mitternacht. »Führt mich in das Betzimmer der Königin,« sprach er, »meldet ihr, daß ich hier sei und legt dieses Paket mit einem gut geladenen Gewehr auf den Kutschbock des Wagens, der unten an der geheimen Treppe wartet.« Bernouin führte d'Artagnan in das Betzimmer, und hier nahm dieser ganz gedankenvoll Platz. Im Palais-Royal war alles wie sonst. Wie schon erwähnt, hatten sich um zehn Uhr alle Gäste entfernt; jene, welche mit dem Hofe entfliehen sollten, hatten das Losungswort, und jeder von ihnen ward aufgefordert, daß er sich zwischen Mitternacht und ein Uhr im Cours-la-Reine einfinde. Um zehn Uhr begab sich die Königin Anna zum König; man hatte soeben den Bruder des Königs (Monsieur) zu Bette gebracht, und der junge Ludwig, der zuletzt aufgeblieben war, unterhielt sich damit, daß er bleierne Soldaten in Schlachtordnung aufstellte, was ihm ein großes Vergnügen machte. Zwei Ehrenknaben spielten mit ihm. »Laporte,« sprach die Königin, »es dürfte Zeit sein, Seine Majestät zur Ruhe zu bringen.« Der König wollte noch aufbleiben, da er, wie er sagte, noch nicht Lust hatte, zu schlafen; allein die Königin bestand darauf. »Mußt du denn nicht morgen früh um sechs Uhr in das Bad nach Constans gehen? Ich glaube, daß du es selber gewünscht hast.«

»Sie haben recht, Madame.« entgegnete der König, »und wenn Sie so gütig sind, mich zu umarmen, will ich mich in mein Zimmer zurückziehen, Laporte, gebt Herrn Chevalier de Coislin den Leuchter.« Die Königin drückte ihre Lippen auf die weiße und glatte Stirn, die das erlauchte Kind mit einem Ernste darbot, welcher schon der Hofetikette glich. »Schlafe bald ein, Ludwig,« sprach die Königin, »denn man wird dich frühzeitig aufwecken.«

»Ich will mein möglichstes tun, Ihnen zu gehorchen, Madame,« versetzte der junge Ludwig, »doch habe ich ganz und gar keine Lust, zu schlafen.«

»Laporte,« sprach die Königin leise, «holt Seiner Majestät ein Buch, das recht langweilig ist, aber zieht Euch nicht aus.« Ludwig verlies nun das Zimmer, begleitet von dem Chevalier de Coislin, der den Leuchter trug. Den andern Ehrenknaben brachte man nach seiner Wohnung zurück. Die Königin erteilte nunmehr ihre Befehle, sie sprach von einem Schmause, welchen ihr für übermorgen der Marquis von Villequier angeboten habe, nannte die Personen, denen sie die Ehre gönnte, daran teilzunehmen, kündigte für den folgenden Morgen noch einen Besuch in Val-de-Grace an, wo sie ihre Andacht verrichten wollte, und gab ihrem ersten Kammerdiener Beringhen Befehl, sie dahin zu begleiten. Als das Nachtmahl der Damen beendet war, gab die Königin vor, das sie sehr ermüdet sei, und ging in ihr Schlafgemach. Frau von Motteville, welche an diesem Abend persönlich den Dienst hatte, folgte ihr. Die Königin begab sich zu Bette, sprach noch ein Weilchen huldreich mit ihr und entließ sie dann: In diesem Momente war es, wo d'Artagnan in der Kutsche des Koadjutors in das Palais-Royal fuhr. Einen Augenblick darauf fuhren die Ehrendamen in ihren Kutschen fort, und das Gittertor ward hinter ihnen geschlossen. Es schlug Mitternacht. Fünf Minuten darauf pochte Vernouin an das Schlafgemach der Königin, wohin er durch den geheimen Gang gegangen war. Die Königin Anna öffnete selber. Sie war schon angekleidet, sie hatte nämlich ihre Strümpfe wieder angezogen und sich in einen langen Mantel gehüllt. »Seid Ihr es, Bernouin,« fragte sie; »ist Herr d'Artagnan hier?«

»Ja, Madame, in Ihrem Betzimmer; er wartet, daß Ihre Majestät bereit sei.

»Ich bin's. Sagt nun Laporte, daß er den König wecke und ankleide; von dort geht dann zu dem Marschall von Villeroy und meldet ihm meine Abreise.« Vernouin verneigte und entfernte sich. Die Königin ging in ihr Betzimmer, das von einer Lampe aus venezianischem Glase erleuchtet wurde. Sie sah d'Artagnan, der ihrer harrte. »Ihr seid es,« sprach sie zu ihm.

»Ja, Madame.« «Seid Ihr bereit?«

»Ich bin es.«

»Und der Herr

Kardinal?«

»Er hat Paris ohne einen Unfall verlassen, und erwartet Ihre Majestät am Cours-la-Reine«

»In welchem Wagen reisen wir?«

»Ich trug schon Sorge für alles; Ihre Majestät erwartet unten eine Kutsche.«

»Wir wollen zu dem König gehen.« Der junge Ludwig war mit Ausnahme der Schuhe und des Oberrocks bereits angekleidet; er ließ ganz verwundert mit sich machen, was man wollte, und überschüttete Laporte mit Fragen, der ihm blaß zur Antwort gab: »Sire, es geschieht auf Befehl der Königin.« Die Königin trat ein, und d'Artagnan blieb an der Schwelle stehen. Als der Knabe seine Mutter sah, entwand er sich den Händen Laportes und sprang ihr entgegen. Die Königin winkte d'Artagnan, sich zu nähern. D'Artagnan gehorchte. »Mein Sohn,« sprach die Königin Anna, indem sie ihm den ruhig und mit entblößtem Kopfe dastehenden Musketier zeigte, »das ist Herr d'Artagnan, der so tapfer ist wie einer von jenen alten Rittern, deren Geschichte du dir so gern von meinen Kammerfrauen erzählen läßt. Erinnere dich genau seines Namens, und sieh ihn gut an, damit du sein Gesicht nicht vergißt, denn er wird uns heute einen wichtigen Dienst leisten.« Der junge König sah den Offizier mit seinen großen stolzen Augen an und wiederholte: »Herr d'Artagnan.«

»Ganz richtig, mein Sohn.« Der junge König erhob langsam seine kleine Hand und reichte sie dem Musketier; dieser ließ sich auf ein Knie nieder, um sie zu küssen.»Herr d'Artagnan,« wiederholte Ludwig: »gut, Madame.«

D'Artagnan ging hinab; die Kutsche stand auf ihrem Platze, der Musketier saß auf dem Bocke. D'Artagnan nahm das Paket, das er durch Bernouin auf den Bock hatte legen lassen. Wie man noch wissen wird, war das der Hut und Mantel des Kutschers von Herrn von Gondy. Er hing sich den Mantel um die Schultern und setzte den Hut auf den Kopf. Der Musketier stieg vom Bocke herab. »Mein Herr,« sagte d'Artagnan zu ihm, »sehet Euren Kameraden, der den Kutscher bewacht hat, wieder in Freiheit. Dann steigt zu Pferde, reitet in die Straße Tiquetonne zum Wirtshause de la Chevrette, holet dort mein Pferd und das des Herrn du Ballon, und sattelt und zäumt sie auf kriegsmäßige Weise; sodann verlasset Paris, die Pferde am Zügel mitführend, und verfügt Euch nach dem Cours-la-Reine. Findet Ihr daselbst niemanden mehr, so reitet weiter bis Saint-Germain – im Dienste des Königs.« Der Musketier erhob die Hand bis an den Hut und ging fort, um den erhaltenen Befehlen nachzukommen. D'Artagnan stieg auf den Bock. Er hatte eine Pistole in seinem Gürtel, ein Gewehr zu den Füßen und sein entblößtes Schwert hinter sich. Die Königin kam, und hinter ihr der König und sein Bruder, der Herzog Anjou. »Das ist ja die Kutsche des Herrn Koadjutors!« rief sie und wich einen Schritt zurück.

»Ja, Madame, doch steigen Sie frisch hinein, ich will Sie fahren.« Die Königin stieg mit einem Ausruf der Überraschung in den Wagen. Nach ihr stiegen der König und ein Bruder ein und setzten sich an ihre Seite, links und rechts.

»Kommt, Laporte!« rief die Königin.

»Wie doch, Madame, mit Ihrer Majestät in die nämliche Kutsche?«

»Heute handelt es sich nicht um königliche Hofsitte, sondern um das Heil des Königs. Steigt also ein, Laporte!« Laporte leistete Folge.

»Lasset die Vorhänge nieder,« rief d'Artagnan.

»Wird aber das nicht Mißtrauen erwecken, mein Herr?« fragte die Königin.

»Geruhe Ihre Majestät unbekümmert zu sein,« versetzte d'Artagnan, »ich habe meine Antwort schon in Bereitschaft.« Man ließ die Vorhänge herab und sprengte im Galopp durch die Straße Richelieu. Als man bei dem Tore ankam, schritt der Kommandant mit einem Dutzend Mann und einer Laterne in der Hand herbei. D'Artagnan bedeutete ihm, näher zu kommen, und sagte zum Unteroffizier: »Erkennet Ihr diese Kutsche?«

»Nein.« entgegnete dieser.

»So beseht Euch das Wappen.« Der Unteroffizier näherte seine Lampe dem Kutschenschlage und sagte:

»Es ist das des Herrn Koadjutors.«

»Still', er steht in näherer Verbindung mit Frau von Guémenée.« Der Unteroffizier fing zu lachen an und sagte:

»Öffnet das Tor, ich weiß, was das sagen will.« Der Schlagbaum knarrte in seinen Angeln, und als d'Artagnan den Weg geöffnet sah, trieb er die Pferde hurtig an, die auch rasch hinwegtrabten. Fünf Minuten darauf erreichte man die Kutsche des Kardinals.

»Mousqueton!« rief d'Artagnan, »öffnet die Vorhänge der Kutsche Ihrer Majestät.«

»Das ist er.« sprach Porthos.

»Als Kutscher!« rief Mazarin.

»Und mit des Koadjutors Wagen,« sprach die Königin.

» Corpo di Dio! Herr d'Artagnan,« rief Mazarin aus. »Ihr seid nicht mit Gold aufzuwägen.«

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