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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Zusammenkunft

An demselben Morgen befand sich d'Artagnan in Porthos' Zimmer und lag zu Bette. Diese Gewohnheit hatten die zwei Freunde seit den Unruhen angenommen. Ihre Schwerter lagen unter den Kopfkissen, die Pistolen lagen im Bereiche ihrer Hand auf dem Tische. Um sieben Uhr weckte sie ein Bedienter ohne Livree und überbrachte d'Artagnan einen Brief.

»Von wem?« fragte der Gascogner.

»Von der Königin,« entgegnete der Bediente.

»Ei,« versetzte Porthos und richtete sich im Bette auf, »was steht denn darin?«

»Freund Porthos,« rief d'Artagnan, ihm den Brief reichend, »hier ist für diesmal dein Barontitel und meine Bestallung als Kapitän. Lies nur und urteile.« Porthos streckte die Hand aus, nahm den Brief und las mit zitternder Stimme die folgenden Worte: »Die Königin will mit Herrn d'Artagnan sprechen; er möge dem Überbringer folgen.«

»Nun,« sprach Porthos, »darin sehe ich nur etwas Gewöhnliches.«

»Ich aber sehe darin recht viel Ungewöhnliches,« erwiderte d'Artagnan.

»Wenn man mich beruft, so beweist das, daß die Sachen sehr verwickelt sind. Denkt nur ein bißchen nach, welche Umwälzung muhte nicht im Geiste der Königin stattfinden, daß nach zwanzig Jahren mein Andenken wieder auf die Oberfläche kam.«

»Das ist wahr,« entgegnete Porthos.

»Schärfe dein Schwert, Baron, lade deine Pistolen, gib den Pferden Hafer, ich bürge dir, daß es vor morgen noch etwas Neues gibt und motus

»He doch, ist das nicht eine Schlinge, die man uns legt?« fragte Porthos, stets beschäftigt mit der Störung, welche seine künftige Größe anderen verursachen würde.

»Wenn es eine Schlinge ist,« erwiderte d'Artagnan, »so werde ich sie schon auswittern, sei unbesorgt. Ist Mazarin Italiener, so bin ich Gascogner.« D'Artagnan kleidete sich schnell an. Als ihm Porthos, noch immer liegend, den Mantel zuschnallte, wurde abermals an die Türe gepocht. »Herein!« rief d`Artagnan. Es trat ein Diener ein und sagte: »Ich komme von Seiner Eminenz dem Herrn Kardinal von Mazarin.« D'Artagnan blickte Porthos an.

»Ha, wie sich das verwickelt!« sprach Porthos. »Wo anfangen?«

»Das trifft sonderbar zusammen: Seine Eminenz gibt mir ein Rendezvous in einer halben Stunde.«

»Gut.«

»Mein Freund,« sagte d'Artagnan zu dem Diener gewendet, »meldet Sr. Eminenz, daß ich in einer halben Stunde dem Befehl nachkommen werde.« Der Bediente verneigte und entfernte sich. »Zum Glücke hat er den anderen nicht gesehen,« sagte d'Artagnan. »Glaubst du, sie lassen dich aus einer und derselben Ursache holen?«

»Ich glaube es nicht, ich bin dessen gewiß.«

»Also auf, d'Artagnan, schnell! Bedenke, daß dich die Königin erwartet, nach der Königin der Kardinal und nach dem Kardinal ich.« D`Artagnan rief den Diener der Königin Anna und sagte: »Hier bin ich, mein Freund, führet mich.« Der Bediente führte ihn ins Palais-Royal. Ein leichtes Geräusch störte die Stille des Betzimmers, in dem d'Artagnan wartete. Er fuhr zusammen und sah, wie eine weiße Hand die Tapete aufhob, und an ihrer Form, Weiße und Schönheit erkannte er die königliche Hand, die ihm einst zum Kusse dargereicht wurde. Die Königin trat ein. »Ihr seid es, Herr d'Artagnan,« sprach sie und richtete auf den Offizier einen Blick huldreicher Schwermut; »Ihr seid es, ich kenne Euch wohl. Seht mich an, ich bin die Königin; erkennt Ihr mich?«

»Nein, Madame,« erwiderte d'Artagnan.

»Wißt Ihr denn nicht mehr,« fuhr die Königin Anna fort, und zwar in jenem entzückenden Tone, den sie, wenn sie wollte, ihrer Stimme zu geben wußte, – »daß einstmals die Königin eines wackern und treuergebenen Kavaliers bedurfte, daß sie diesen Kavalier auch fand, und daß sie ihm, wiewohl er glauben konnte, sie habe ihn vergessen, einen Platz in ihres Herzens Grunde aufbewahrt hat?«

»Nein, Ihre Majestät, ich wußte das nicht,« versetzte der Musketier.

»Desto schlimmer, mein Herr, desto schlimmer,« sprach Anna, »wenigstens für die Königin, denn die Königin bedarf heute wieder desselben Mutes und derselben Ergebenheit.«

»Wie doch,« entgegnete d'Artagnan, »die Königin, welche von so getreuen Dienern, von so weisen Räten, kurz, von Männern umgeben ist, die durch Rang und Verdienst so hoch stehen, würdigt einen geringen Soldaten ihres Augenmerkes?«

»Was Ihr mir da von denjenigen sagt, die mich umgeben, d'Artagnan, ist vielleicht wahr,« sprach die Königin, »allein ich habe nur zu Euch allein Vertrauen. Ich weiß es wohl, Ihr gehört dem Kardinal an, jedoch gehört Ihr auch mir an, und ich nehme es auf mich, Euer Glück zu gründen. Sagt an, werdet Ihr heute dasselbe tun, was einst für die Königin jener Edelmann getan hat, den Ihr nicht kennet?«

»Ich werde alles das tun, was Ihre Majestät befiehlt,« erwiderte d'Artagnan. Die Königin dachte ein Weilchen nach, und da sie die gespannte Haltung des Musketiers sah, so sagte sie: »Ihr habt vielleicht die Ruhe gern?«

»Das weiß ich nicht, Madame, da ich mich niemals ausgeruht habe.«

»Habt Ihr Freunde?«

»Ich halte deren drei. Zwei haben Paris verlassen, und ich weiß nicht, wohin sie gereist sind. Ein einziger ist mir geblieben, wie ich aber glaube ist, er einer von denen, die den Kavalier kennen, dessen Ihre Majestät zu erwähnen geruht hat.«

»Gut,« versetzte die Königin. »Ihr und Euer Freund gelten zusammen ein Heer.«

»Was habe ich zu tun, Madame?«

»Kommt um fünf Uhr wieder, und ich will es Euch sagen. Jedoch, mein Herr, sprecht mit keiner lebenden Seele von diesem Stelldichein.«

»Nein, Madame.«

»Schwört es bei Gott!«

»Madame, ich habe noch nie mein Wort gebrochen; wenn ich sage: Nein, so ist es Nein!«

»Hat Ihre Majestät für diesen Moment für mich keinen anderen Befehl?«

»Nein, mein Herr,« entgegnete Anna, »und Ihr könnet Euch bis zu dem angegebenen Augenblicke zurückziehen.« D'Artagnan verneigte und entfernte sich. Da inzwischen die halbe Stunde verstrichen war, so ging er über die Galerie und pochte an die Türe des Kardinals; Vernouin führte ihn ein. »Gnädigster Herr,« sprach er, »ich stelle mich zu Ihren Befehlen.« D'Artagnan warf, seiner Gewohnheit gemäß, einen raschen Blick um sich und sah, daß Mazarin einen versiegelten Brief vor sich habe; nur lag derselbe mit der Aufschrift nach unten gekehrt auf dem Schreibpulte, wonach er unmöglich sehen konnte, an wen er adressiert war. »Ihr kommt von der Königin?« sagte Mazarin und faßte d'Artagnan fest ins Auge. »Ich, gnädigster Herr? Wer hat das gesagt?«

»Niemand, allein ich weiß es.«

»Ich bin in Verzweiflung, Euer Gnaden zu sagen, daß Sie im Irrtum sind,« erwiderte der Gascogner kühn, indem er an das Versprechen dachte, das er eben der Königin Anna gemacht hatte.

»Ich habe doch selbst das Vorgemach geöffnet und sah Euch von dem Ende der Galerie herankommen.«

»Das geschah, weil man mich durch die verborgene Treppe einführte.«

»Wie das?«

»Ich weiß es nicht; vielleicht hat da ein Mißverständnis stattgefunden.« Mazarin wußte, daß man d'Artagnan nicht leicht zum Geständnis dessen bringen konnte, was er verhehlen wollte; er verzichtete somit für jetzt darauf, das Geheimnis zu entdecken, das ihm der Gascogner vorenthielt. »So wollen wir denn von meinen Angelegenheiten reden,« sagte der Kardinal, »weil Ihr mir von den Eurigen nichts sagen wollt.« D'Artagnan verneigte sich. »Macht Ihr gerne Reisen?« fragte der Kardinal.

»Ich habe mein Leben auf den Heerstraßen zugebracht.«

»Hält Euch etwas in Paris zurück?«

»Mich hält nichts zurück als ein höherer Befehl.«

»Gut; hier ist ein Brief, der an seine Adresse zu gelangen hat.«

»An seine Adresse, gnädigster Herr? Es ist aber keine ersichtlich.« Die Rückseite vom Siegel war in der Tat ohne Aufschrift.

»Ich verstehe; ich habe den ersten dann wegzunehmen, wenn ich an einem bestimmten Orte angekommen bin.«

»Allerdings; nehmt also und reiset ab. Ihr habt einen Freund, du Ballon, den ich sehr liebe, nehmt ihn mit.«

»Teufel,« dachte D'Artagnan, »er weiß, daß wir gestern seine Unterredung belauschten und will uns von Paris fern haben.«

»Ihr säumt?« fragte Mazarin.

»Nein, gnädigster Herr, ich reise sogleich ab; nur wünschte ich noch ...«

»Was? sagt an.«

»Daß Ew. Eminenz zu der Königin ginge.«

»Wann?«

»Im Augenblicke.«

»Weshalb?«

»Um nur diese Worte zu sagen: »Ich schicke Herrn d'Artagnan irgend wohin und lasse ihn ungesäumt abreisen.«

»Da seht Ihr nun,« erwiderte Mazarin, »daß Ihr die Königin sahet.«

»Ich hatte bereits die Ehre, Ew. Eminenz zu sagen, es könnte da ein Mißverständnis statt- gefunden haben.«

»Was bedeutet das?« fragte Mazarin.

»Darf ich mir erlauben, Ew. Eminenz meine Bitte zu wiederholen?«

»Gut, ich will hingehen. Wartet hier auf mich.« Mazarin blickte sorgsam herum, ob er an den Schränken keinen Schlüssel vergesse, und ging dann fort. D'Artagnan gab sich zehn Minuten hindurch alle mögliche Mühe, um durch den ersten Briefumschlag das zu lesen, was aus dem zweiten geschrieben war, es gelang ihm aber nicht. Mazarin kam blaß und tiefsinnig zurück, und setzte sich an seinen Schreibtisch. D'Artagnan erforschte ihn, wie er es eben mit dem Briefe getan hatte; allein die Hülle seines Gesichtes war fast ebenso undurchdringlich wie der Briefumschlag. »Ho, ho,« murmelte der Gascogner, »er macht eine grämliche Miene. Ist es etwa meinet- wegen? Er sinnt nach. Ist es etwa, um mich nach der Bastille zu schicken? Sachte, gnädiger Herr. Bei dem ersten Worte, das Ihr davon redet, erwürge ich Euch und werde Frondeur. Man wird mich im Triumphe tragen, wie Herrn Broussel, und Athos wird mich für Frankreichs Brutus erklären. Das wäre hübsch.« So hatte der Gascogner mit seiner stets galoppierenden Phantasie schon alle die Vorteile gesehen, die er aus seiner Lage ziehen könnte. Allein Mazarin gab keinen solchen Befehl; im Gegenteil fing er an, d'Artagnan zu schmeicheln und sprach zu ihm: »Ihr hattet wohl recht, lieber d'Artagnan, Ihr könnt noch nicht abreisen.«

»Ha!« rief d'Artagnan.

»Gebt mir also gefälligst diese Depesche zurück.« D'Artagnan gehorchte, Mazarin überzeugte sich, daß das Siegel noch unverletzt sei, dann sagte er: »Ich brauche Euch diesen Abend; kommt in zwei Stunden wieder. »Gnädigster Herr,« entgegnete d'Artagnan, »in zwei Stunden habe ich ein Rendezvous, wobei ich nicht fehlen darf.« »Seid deshalb unbekümmert,« sagte Mazarin, »es ist das nämliche.« »Wohl,« dachte d'Artagnan, »ich ahnte das.« »Kommt somit um fünf Uhr wieder, und bringt den lieben Herrn du Vallon mit, laßt ihn aber im Vorgemach, da ich mit Euch allein sprechen will.« D'Artagnan verneigte sich. Währenddessen dachte er bei sich selber: »Alle beide den nämlichen Befehl – zu derselben Stunde – im Palais-Royal – o, ich errate. O, dieses Geheimnis hätte Herr von Gondy mit hunderttausend Livres bezahlt.« »Ihr besinnt Euch?« fragte Mazarin bekümmert. »Ja, ich fragte mich, ob wir bewaffnet sein sollen oder nicht?« »Vollkommen bewaffnet,« versetzte Mazarin. »Wohl, gnädigster Herr, es wird geschehen.« D'Artagnan verneigte sich, ging fort, und eilte, um seinem Freunde die schmeichelhaften Verheißungen Mazarins zu wiederholen, die Porthos in unbeschreibliches Entzücken versetzten.

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