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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Unglück gibt Gedächtnis

Wie nun Broussel am nächsten Morgen in einer großen Kutsche seinen Einzug in Paris hielt, wo ihm sein Sohn Louvieres zur Seite saß, eilte das ganze Volk bewaffnet nach der Straße, durch welche er fuhr. Die Zurufungen: »Es lebe Broussel! Es lebe unser Vater!« ertönten von allen Seiten, und trugen den Ton an Mazarins Ohren. Von allen Seiten überbrachten die Kundschafter des Kardinals und der Königin unangenehme Botschaften, die der Minister sehr aufgeregt, die Königin aber sehr ruhig aufnahm. Die Königin schien in ihrem Geiste einen großartigen Entschluß zu nähren, und das vermehrte Mazarins Besorgnisse. Er kannte die stolze Frau und fürchtete ihre Entschlüsse. Der Koadjutor, mächtiger als der König, die Königin und der Kardinal, war in das Parlament zurückgekehrt. Auf seinen Ratschlag hatte ein Parlamentsedikt die Bürger aufgefordert, die Waffen wegzulegen und die Barrikaden niederzureißen: sie wußten nun, daß es nur einer Stunde bedürfe, um die Waffen wieder zu ergreifen, und nur einer Nacht, um die Barrikaden wieder aufzurichten. Planchet war in seine Kaufbude zurückgekehrt. Der Sieg veranlaßte eine Amnestie, sonach fürchtete sich Planchet nicht, gehenkt zu werden, und war überzeugt, daß, wenn man nur Miene machte, ihn gefangen zu nehmen, das Volk sich für ihn erheben würde, wie es für Broussel geschehen war. Rochefort hatte seine Chevauxlegers dem Chevalier d'Humieres zurückgegeben; beim Verlesen fehlten wohl zwei davon, allein der Chevalier, der von Herzen Frondeur war, wollte nichts wissen von Schadloshaltung.

Louvieres war stolz und zufrieden, er hatte sich gerächt an Mazarin, welchen er haßte, und viel zur Befreiung seines Vaters beigetragen; sein Name wurde mit Schrecken im Palais-Royal wiederholt, und er sprach lächelnd zu dem Ratsherrn, als er zu seiner Familie zurückkam: »Glaubst du wohl, Vater, wenn ich jetzt von der Königin eine Kompagnie fordern würde, sie würde mir dieselbe geben?« D'Artagnan nützte den Moment der Ruhe, um Rudolf wieder zu entlassen, welchen er während des Aufruhrs mühevoll eingeschlossen hielt, da er durchaus entweder für die eine oder die andere Partei das Schwert ziehen wollte. Rudolf machte wohl anfänglich einige Schwierigkeiten, allein d´Artagnan sprach im Namen des Grafen de la Fère. – Rudolf machte der Frau van Chevreuse einen Besuch, und brach dann auf, um sich wieder zum Heere zu begeben. Nur Rochefort fand, daß die Sache ziemlich schlecht beendigt wurde; er hatte dem Herzog von Beaufort geschrieben, zu kommen, der Herzog würde, wenn er käme, Paris ruhig antreffen. Er besuchte den Koadjutor, um ihn zu fragen, ob er nicht dem Prinzen melden sollte, daß er unterwegs anhalte, doch Gondy dachte ein Weilchen nach und sagte dann: »Lasset ihn seine Reise fortsetzen.«

»Ist also die Sache noch nicht zu Ende?« fragte Rochefort. »Wie doch, lieber Graf, wir sind ja erst beim Anfang.« »Woher glaubt Ihr das?« »Weil ich das Herz der Königin kenne; sie wird nicht geschlagen bleiben wollen.« »Hat sie irgend etwas in Bereitschaft?« »Ich hoffe das.« »Was wißt Ihr? Laßt hören.« »Ich weiß, daß sie an den Prinzen geschrieben hat, er möge in Eile vom Heere zurückkehren.« »Ah, ah!« rief Rochefort. »Ihr habt recht, man muß Herrn von Beaufort kommen lassen.«

An demselben Abend dieser Unterredung ging auch das Gerücht, der Prinz sei angekommen. Diese Neuigkeit war sehr einfach und natürlich, erregte aber dennoch ein ungeheures Aufsehen. Wie es hieß, so hatte Frau von Longueville, seine zärtliche Schwester, geplaudert, und ihm Nachrichten gegeben, wodurch unheilvolle Pläne von Seite der Königin enthüllt wurden. Noch am Abend der Ankunft des Prinzen gingen Bürger, Schöppen und Quartiervorsteher, die besser als die anderen unterrichtet waren, zu ihren Bekannten und sagten: »Warum versetzten wir den König nicht in das Stadthaus? Wir tun unrecht, daß wir ihn von unseren Feinden erziehen lassen, die ihm üble Ratschläge geben, indes er Volksgrundsätze in sich aufnehmen und das Volk lieben würde, wäre er zum Beispiel von dem Herrn Koadjutor geleitet.« Die Nacht war düster und unruhig; am nächsten Tage sah man abermals die schwarzen und die grauen Mäntel, die Patrouillen der Kaufleute und die Rotten der Bettler. Die Königin brachte die Nacht in Beratung mit dem Prinzen zu; er ward um Mitternacht in ihr Betzimmer geführt, und verließ es erst um fünf Uhr früh. Um fünf Uhr ging die Königin in das Kabinett des Kardinals, der schon aufgestanden war. Er setzte eine Antwort an Cromwell auf; es waren von den zehn Tagen, die er von Mordaunt verlangt hatte, bereits sechs verflossen.

»Bah,« sprach er,»ich ließ Cromwell wohl ein bißchen warten, allein er weiß recht gut, was Revolutionen sind, und wird mich entschuldigen.« Somit überlas er selbstgefällig den ersten Paragraph seiner Schrift; da wurde leise an die Türe gescharrt, die in Verbindung mit den Gemächern der Königin stand, daher konnte nur sie allein durch diese Tür kommen. Der Kardinal erhob sich und schloß auf. Die Königin war im Nachtanzuge, und aus ihrem Antlitze strahlte eine innere Freude. »Was ist es, Madame,« fragte Mazarin bekümmert, »Ihre Majestät hat eine ganz stolze Miene?« »Ja,« erwiderte sie stolz und frohmütig, »denn ich habe das Mittel gefunden, diese Hydra zu erwürgen.« »Ihre Majestät ist so erhaben in der Politik,« versetzte Mazarin, »ich bitte, mir dieses Mittel zu nennen.« Er versteckte das, was er schrieb, indem er den angefangenen Brief unter ein weißes Papier schob. »Sie wollen mir den König nehmen, wie Ihr wißt,« sprach die Königin. »Ja, leider, und mich henken.« »Sie werden aber den König nicht bekommen.« »Und mich nicht henken. Bennone!« »Höret. Ich will Ihnen meinen Sohn entziehen, mich selbst und Euch mit mir. Ich will dieses Ereignis, welches die Lage der Dinge von heute auf morgen ändern wird, ausgeführt wissen, ohne daß es außer Euch, mir und einer dritten Person ein anderer erfahre.« »Wer ist diese dritte Person?« »Der Prinz.« »Er ist also, wie man mir sagte, angekommen?« «Gestern abends.« »Und Ihre Majestät hat ihn gesehen?« »Ich komme von ihm.« »Und bietet er die Hände zu diesem Projekte?« »Der Rat kommt von ihm.« »Und Paris?« »Er zwingt es durch Hunger, sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.« »Es fehlt dem Projekte nicht an Großartigkeit, allein ich sehe dabei nur ein Hindernis.« »Welches?« »Die Unmöglichkeit.« »Ein sinnloses Wort – nichts ist unmöglich.« »In Entwürfen.« «In der Ausführung. Besitzen wir Geld?« »Nur wenig,« entgegnete Mazarin zitternd, da er fürchtete, die Königin möchte seine Kasse in Anspruch nehmen. »Haben wir Soldaten?« »Fünf- bis sechstausend Mann.« »Haben wir Mut?« »Viel.« »So ist die Sache abgetan. O, begreift Ihr wohl, Guilio, Paris, dieses verhaßte Paris, wie es eines Morgens aufwacht ohne König und ohne Königin, wie es umzingelt, belagert und ausgehungert ist und keine andere Zuflucht mehr hat, als sein verwirrtes Parlament und seinen hagern Koadjutor mit den Sichelbeinen.« »Schön, schön,« versetzte Mazarin; »ich begreife Wohl die Wirkung, allein ich sehe nicht das Mittel, welches dahin führt.« »Ich werde es schon finden.« »Wissen Sie wohl, daß das der Krieg ist, der glühende, blutige, unversöhnliche Bürgerkrieg?« »Ja, ja, ja, der Krieg,« erwiderte die Königin Anna. »Ich will diese aufrührerische Stadt in Asche verwandeln; ich will das Feuer im Blute auslöschen; ich will, daß ein furchtbares Schauspiel das Verbrechen und die Strafe verewige. Ich hasse, ich verabscheue Paris.« »Sachte, sachte. Sie sind da zu blutdürstig. Haben Sie wohl acht, wir sind nicht in den Zeiten der Malatesta und der Castruccio Castracani. Man würde Ihre Majestät enthaupten lassen.« »Ihr scherzet.« »Ich scherze sehr wenig, der Krieg mit einem ganzen Volke ist gefahrvoll. Blicken Sie hin auf Ihren Bruder Karl I., es steht schlimm mit ihm, sehr schlimm.« »Wir leben in Frankreich und ich bin Spanierin.« »Desto schlimmer, per Bacco, desto schlimmer. Ich wünschte, Ihre Majestät wäre Französin und ich wäre Franzose, man würde uns beide weniger hassen.« »Billigt Ihr aber meinen Vorschlag?« »Ja, wenn ich sehe, daß die Sache möglich sei.« »Sie ist es, ich versichere Euch; trefft Eure Anstalten zur Abreise.« »O, ich bin stets bereit zum Abreisen, nur reise ich bekanntlich nie – und diesmal ebensowenig als sonst.« »Kurz, wenn ich gehe, wollt Ihr gleichfalls gehen?« »Ich will es versuchen.« »Ihr tötet mich vor Ungeduld mit Euren Besorgnissen. Und wovor seid Ihr denn in Furcht?« »Vor gar vielen Dingen.« »Vor welchen denn?« Die früher heiteren Züge Mazarins verdüsterten sich und er sprach: »Anna, Sie sind nur eine Frau, und als solche können Sie, der Straflosigkeit sicher, nach Belieben die Männer beleidigen. Sie beschuldigen mich, daß ich mich fürchte; ich habe nicht so viel Furcht wie Sie, weil ich nicht entfliehe. Gegen wen schreit man denn, gegen Sie oder gegen mich? Wem will man ans Leben, mir oder Ihnen? Nun, ich, den Sie beschuldigen, furchtsam zu sein, ich biete doch dem Ungewitter Trotz, nicht mit Prahlereien, das ist meine Sache nicht, sondern ich halte stand. Machen Sie gleich mir nicht so viel Aufsehen, sondern mehr Wirkung. Sie schreien sehr laut, und erreichen doch nichts Sie reden vom Entfliehen ... .« Mazarin zuckte die Achseln, faßte die Königin an der Hand, führte sie an das Fenster und sagte: »Da sehen Sie!« »Nun?« entgegnete die Königin, durch ihren Starrsinn verblendet. »Nun, was erblicken Sie von diesem Fenster aus? Wenn ich nicht irre, sind es geharnischte Bürger mit Pickelhauben und wie zur Zeit der Ligue mit guten Musketen bewaffnet, die so scharf nach dem Fenster starren, von dem aus wir sie sehen, daß man Sie erblicken wird, wenn Sie den Vorhang zu weit öffnen. Nun gehen wir dorthin an das andere; was sehen Sie da? Mit Hellebarden bewaffnete Leute aus dem Volke, welche Ihre Türen bewachen. Aus jeder Öffnung des Palastes, wohin ich Sie immer führte, würden Sie dasselbe, erblicken; Ihre Türen sind besetzt, die Luftlöcher Ihrer Keller sind bewacht, und ich möchte dasselbe sagen, was mir jener einfältige La Ramée von Herrn von Beaufort gesagt hat: »Es wäre denn, daß Sie ein Vogel oder eine Maus sind, sonst entkommen Sie nicht.« »Er ist aber doch entschlüpft.« »Denken Sie auf dieselbe Weise davonzukommen?« »So bin ich eine Gefangene?« »Bei Gott,« erwiderte Mazarin, »ich beweise Ihnen das schon eine Stunde lang.« Mazarin nahm wieder ruhig seine Depesche vor, die er angefangen, und schrieb da weiter, wo er unterbrochen worden war. Die Königin Anna erbebte vor Zorn, erglühte ob der erlittenen Demütigung, ging rasch fort und schlug die Türe heftig hinter sich zu. Mazarin wandte nicht einmal den Kopf um.

Als die Königin in ihre Gemächer zurückkam, sank sie in einen Lehnstuhl und fing zu weinen an. Dann sprang sie, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, auf und sagte: »Ich bin gerettet! Ja, ich kenne einen Mann, der mich aus Paris wegzuführen wissen wird, einen Mann, den ich zu lange schon vergessen habe.« Sie ging rasch zu einem Tische, auf dem Tinte und Papier waren, und schickte sich an, zu schreiben.

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