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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Volksbewegung

Es war ungefähr elf Uhr nachts. Gondy war noch nicht hundert Schritte weit in den Straßen von Paris gegangen, als er die seltsame Veränderung bemerkte, die da geschehen war. Die ganze Stadt schien von phantastischen Wesen bewohnt; man sah schweigende Schatten, welche das Straßenpflaster aufrissen, andere, welche Karren herbeiführten und umleerten, andere, welche Gruben auswarfen, um ganze Reiter-Kompagnien zu verschlingen. Alle diese so tätigen Leute gingen und liefen wie Dämone umher, die irgendein unbekanntes Werk vollbringen.

Gondy betrachtete diese Männer der Finsternis, diese Nachtarbeiter mit einem gewissen Schauder; er fragte sich selbst, ob er wohl, nachdem er diese unreinen Wesen aus ihren Höhlen hervorgerufen, imstande sei, sie wieder dahin zurückkehren zu lassen. Er war versucht, das Zeichen des Kreuzes zu machen, wenn ihm irgendeines dieser Geschöpfe etwas näher kam.

Er kam zu der Straße Saint-Honoré und durchschritt dieselbe, um nach der Straße Ferronnerie zu gelangen. Dort änderte sich der Anblick; es waren da Kaufleute, die von Bude zu Bude eilten. Die Türen schienen geschlossen wie die Fensterbalken, doch waren sie bloß angelehnt, so daß sie auf- und sogleich wieder zugingen, um Männer einzulassen, die sich zu fürchten schienen, das, was sie trugen, sehen zu lassen; das waren die Budeninhaber, welche Waffen besaßen und denen, welche keine hatten, davon borgten. Ein Individuum ging von Türe zu Türe, erliegend unter der Wucht von Schwertern, Büchsen, Musketen und Waffen aller Art, die es verabreichte. Der Koadjutor erkannte Planchet beim Schimmer einer Laterne. Als der Koadjutor auf den Pont Neuf kam, fand er die Brücke bewacht; ein Mann trat zu ihm und fragte:

»Wer seid Ihr? Ich erkenne Euch nicht als einen der Unsrigen.«

»Das kommt daher, weil Ihr Eure Freunde nicht kennet, lieber Louvières!« entgegnete der Koadjutor, indem er seinen Hut aufhob. Louvières erkannte ihn und verneigte sich. Gondy setzte seine Runde fort und ging bis zum Turme de Résle. Da bemerkte er eine lange Reihe von Leuten, die an den Mauern hinschlüpften. Man hätte meinen mögen, das sei eine Prozession von Gespenstern, da sie alle in weiße Mäntel gehüllt waren. Als nun alle diese Männer einen gewissen Ort erreichten, schien einer nach dem andern zu verschwinden, als wäre der Boden unter ihren Füßen eingegangen. Der letzte erhob die Augen, zweifelsohne, um sich zu überzeugen, daß er und seine Gefährten nicht belauscht worden, und ungeachtet der Dunkelheit erblickte er Gondy. Er schritt geradeswegs auf ihn los und hielt ihm die Pistole an die Kehle. »Holla, Herr von Rochefort!« rief Gondy lächelnd, »scherzen wir mit Schießgewehren nicht.« Rochefort erkannte die Stimme und sagte: »Ach, gnädiger Herr, Ihr seid es!«

»Ich selbst. Was für Leute führt Ihr da ins Eingeweide der Erde hinab?«

»Meine fünfzig Rekruten des Chevalier d'Humières, welche zu Cheveauxlegers bestimmt sind, und zu ihrer ganzen Ausrüstung weiße Mäntel bekommen haben.«

»Und wohin geht Ihr?«

»Zu einem meiner Freunde, der Bildhauer ist; wir steigen aber durch die Falltüre hinab, durch die er seinen Marmor bekommt.«

»Recht schön,« versetzte Gondy. Er drückte Rochefort die Hand, der dann gleichfalls hinabstieg und die Falltüre hinter sich zuschloß. Der Koadjutor kehrte nach Hause zurück. Es war ein Uhr morgens. Er öffnete ein Fenster und lehnte sich hinaus, um zu lauschen.

Am folgenden Morgen schien Paris bei seinem eigenen Anblick zu erschrecken. Man hätte glauben können, es sei eine belagerte Stadt. Bewaffnete Männer standen mit drohenden Blicken, die Gewehre geschultert, auf den Barrikaden; Losungsworte, Runden, Verhaftungen und sogar Gewaltschritte – das fand der Vorübergehende jeden Augenblick. Man hielt die Federhüte und die vergoldeten Degen an, um sie rufen zu lassen: »Es lebe Broussel! Nieder mit Mazarin!« Und wer es nicht tat, wurde verhöhnt, angespuckt und sogar geschlagen. Man tötete zwar noch nicht, sah aber, es fehle nicht an Lust hierzu.

Die Königin Anna und Mazarin erstaunten ungemein, als sie erwachten und ihnen gemeldet wurde, daß die Altstadt, die sie am Abend zuvor noch ganz ruhig gesehen, fieberhaft und völlig im Aufstande begriffen sei. Mazarin zuckte die Achseln und tat, als verachte er diesen Pöbel, doch wurde er sichtlich blaß und ging ganz bebend in sein Kabinett, wo er sein Gold und seine Kostbarkeiten in die Kassen verschloß und seine schönsten Diamantringe an die Finger steckte. Die Königin, ihrem eigenen Willen überlassen, war entrüstet; sie ließ den Marschall de la Meilleraie rufen und befahl ihm, daß er so viel Mannschaft nehme, als er nötig erachte, und sehe, was denn an diesem »Scherz« wäre. Der Marschall, wie gewöhnlich sehr abenteuerlich, zweifelte an nichts, da er jene hochmütige Verachtung gegen das Volk hegte, welche damals die Krieger gegen dasselbe kundgaben. Er nahm nur einhundertfünfzig Mann und wollte über die Louvre-Brücke ausrücken, doch stieß er auf Rochefort und die fünfzig Cheveauxlegers, die von mehr als fünfzehnhundert Leuten begleitet waren. Es war unmöglich, eine solche Schranke zu durchbrechen. Der Marschall machte nicht einmal den Versuch und ritt über den Kai wieder zurück.

Am Pont Neuf jedoch traf er Louvières und seine Bürger. Diesmal versuchte der Marschall einen Angriff, allein er wurde mit Büchsenschüssen empfangen, während es aus allen Fenstern Steine wie Hagel regnete. Er verlor da drei Mann. Hierauf nahm er seinen Rückzug nach dem Viertel der Hallen, allein dort traf er auf Planchet und seine Hellebardiere. Diese kehrten ihre Waffen drohend nach ihm; er wollte über alle diese Graumäntel hinwegsehen, allein die Graumäntel hielten wacker stand, und der Marschall zog sich nach der Straße Saint-Honoré zurück, nachdem er vier seiner Gardisten, die ganz einfach von der Klinge fielen, auf dem Wahlplatz zurückgelassen hatte. Der Marschall meinte, dieser Punkt wäre schlechter bewacht als die anderen, und wollte ihn gewaltsam wegnehmen. Er ließ zwanzig Mann absteigen, damit sie diese Barrikaden erstürmen und öffnen sollten. Die zwanzig Mann rückten nach diesem Fort, wo nicht allein Männer, sondern auch Weiber und Kinder unter den Waffen standen. Jene zwanzig Mann des Marschalls rückten also geradezu auf das Hindernis los; doch da, hinter den Balken, zwischen den Rädern der Karren, von der Höhe der Steine herab, entlud sich ein entsetzliches Gewehrfeuer, unter dem die Hellebardiere Planchets an der Ecke des Friedhofes des Innocents und die Bürger Louvières' an der Ecke der Münzstraße vordrangen. Der Marschall de la Meilleraie ward von drei Feuern eingeschlossen.

Der Marschall de la Meilleraie war tapfer, und beschloß also auch, da zu sterben wo er wäre. Er gab Streich um Streich zurück, wonach unter der Menge ein Wehgeheul entstand. Die besser geübten Gardisten schossen auch besser, allein die viel zahlreicheren Bürger vernichteten sie unter einem wahren Feuerorkan. Die Männer fielen rings um ihn, wie sie bei Rocroy oder Lerida hätten fallen können. Fontrailles, sein Adjutant, hatte einen zerschmetterten Arm; sein Pferd ward am Hals von einer Kugel getroffen, weshalb er, da es vor Schmerz wütend wurde, große Mühe hatte, es zu bändigen. Endlich kam es zu diesem entscheidenden Momente, wo der Tapferste den Schauder durch die Adern wallen und den Schweiß an der Stirne fühlt, als sich plötzlich die Volksmenge nach der Straße de l'Arbre Sec öffnete und ausrief: »Es lebe der Koadjutor!« indem dort Gondy erschien und ganz unbekümmert durch das Gewehrfeuer schritt. Alle sanken auf die Knie. Der Marschall erkannte ihn, eilte ihm entgegen und rief: »In des Himmels Namen! entreißt mich dieser Bedrängnis, oder ich lasse hier meine Haut und die meiner ganzen Mannschaft.« Es erhob sich ein Getöse, bei dem man den Donner des Himmels nicht gehört hätte. Gondy streckte die Hand empor und gebot Stillschweigen. Alles schwieg. Dann sprach er:

»Meine Kinder! Hier ist der Herr Marschall de la Meilleraie, an dessen Gesinnungen Ihr Euch geirrt habt, und der sich verbindlich macht, daß er, wenn er nach dem Palais-Royal zurückkehrt, in Eurem Namen von der Königin die Freilassung unseres Broussel verlangt. Herr Marschall, macht Ihr Euch hierzu verbindlich?« fügte Gondy hinzu, und wandte sich zu dem Gefragten.

»Morbleu!« rief dieser, »ich will es meinen, daß ich mich hierzu verbindlich mache; ich hoffte nicht, so wohlfeilen Preises davonzukommen.«

»Er gibt Euch sein Edelmannswort.« rief Gondy. Der Marschall hob die Hand empor zum Zeichen der Einwilligung.

»Es lebe der Koadjutor!« schrie die Menge. Einige Stimmen fügten noch bei: »Es lebe der Marschall!« Doch alle begannen wieder im Chor: »Nieder mit Mazarin!«

Wie schon gesagt, befand sich Mazarin während dieser Zeit in seinem Kabinett und ordnete seine Angelegenheiten. Er hatte d'Artagnan berufen lassen, da aber d'Artagnan nicht den Dienst hatte, so hoffte er ihn mitten unter diesem Getümmel nicht zu sehen. Indes erschien der Leutnant nach zehn Minuten doch an der Schwelle, und zwar in Begleitung Porthos', »Ah, kommt, Herr d`Artagnan, kommt!« rief der Kardinal, »und seid mir mit Eurem Freunde willkommen. Doch was geht denn vor in diesem verdammten Paris?«

»Was vorgeht, gnädigster Herr? Nichts Gutes,« erwiderte d'Artagnan kopfschüttelnd, »die Stadt ist in vollem Aufstande, und als ich eben mit Herrn du Ballon, der ganz Ihr Diener ist, durch die Straße Montorgueil ging, zwang man uns trotz meiner Uniform, und vielleicht wegen meiner Uniform, zu rufen: »Es lebe Broussel!« und soll ich es sagen, gnädigster Herr, was wir noch hätten rufen sollen?«

»Sagt, sagt es.«

»Nieder mit Mazarin! – Meiner Treu, so waren die Worte.« Mazarin lächelte, doch wurde er blaß.

»Und habt Ihr auch gerufen?« fragte er.

»Meiner Seele, nein,« erwiderte d'Artagnan, »ich war nicht bei Stimme; Herr du Ballon ist heiser und rief gleichfalls nicht. Hier, gnädigster Herr!«

»Hier, was?« fragte Mazarin.

»Betrachten Sie meinen Hut und meinen Mantel.« D'Artagnan zeigte ihm vier Löcher von Kugeln in seinem Mantel und zwei in seinem Hute. Was Porthos' Anzug betrifft, so hatte ihn ein Hellebardenstoß an der Seite aufgeschlitzt und ein Pistolenschuß seine Feder fortgerissen.

»Pest!« rief der Kardinal tiefsinnig und die zwei Freunde mit treuherziger Bewunderung anblickend, »ich hätte gerufen.«

In diesem Momente drang das Getümmel näher. Mazarin trocknete sich die Stirne und blickte um sich. Er wäre gern ans Fenster getreten, doch getraute er sich nicht. Er sagte: »Seht nach, d'Artagnan, was da unten vorgeht.« D'Artagnan trat mit seiner gewöhnlichen Ruhe an das Fenster. »Ho, ho!« rief er, »was ist das? Der Marschall de la Meilleraie kehrt ohne Hut zurück, Fontrailles trägt einen Arm in der Schlinge, verwundete Garden, ganz mit Blut bedeckte Pferde. – Doch halt, was tun denn die Schildwachen, sie schlagen an, um zu feuern.«

»Man hat ihnen Befehl gegeben, auf das Volk zu feuern,« sagte Mazarin, »wenn es sich dem Palais-Royal nähern würde.«

»Wenn sie aber schießen,« rief d'Artagnan, »so ist alles verloren.«

»Wir haben die Gitter.«

»Die Gitter – ha, die Gitter sind nur für fünf Minuten. Man wird sie aus den Fugen schütteln, verdrehen, durchbrechen. Bei Gott! Feuert nicht!« rief d'Artagnan, das Fenster öffnend. Ungeachtet dieses Zurufes, der bei dem Getöse nicht gehört werden konnte, fielen drei bis vier Musketenschüsse; darauf erfolgte ein entsetzliches Gewehrfeuer; man hörte die Kugeln an der Fassade des Palais-Royal anprallen, und eine derselben fuhr unter d'Artagnans Arm hindurch und zerschmetterte einen Spiegel, worin sich eben Porthos selbstgefällig betrachtete. »Ho, ho!« rief der Kardinal, »ein venetianischer Spiegel.«

»Ach, gnädiger Herr,« versetzte d'Artagnan, ruhig das Fenster schließend, »klagen Sie doch nicht, das verlohnt sich nicht der Mühe, denn in einer Stunde wird wahrscheinlich im Palais-Royal kein Spiegel mehr übrig sein, er sei nun von Venedig oder von Paris.«

»Was ist dann aber Euer Rat?« fragte Mazarin.

»Nun, bei Gott, Broussel herausgeben, da sie ihn verlangen. Was tun Sie auch mit einem Parlamentsrate? Das nützt nichts.«

»Und. ist das auch Euere Ansicht, Herr du Ballon, was würdet Ihr tun?«

»Ich würde Broussel herausgeben,« entgegnete Porthos.

»Kommt, meine Herren, kommt, ich will darüber mit der Königin sprechen.« Am Ausgange des Korridors hielt er an und sagte: »Nicht wahr, meine Herren, ich kann auf Euch rechnen?«

»Wir verkaufen uns nicht zweimal,« erwiderte d'Artagnan, »wir haben uns Ihnen verkauft, befehlen Sie, wir werden Folge leisten.«

»Wohlan,« rief Mazarin, »tretet in dies Zimmer und wartet.«

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