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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Wo bewiesen ist, daß die erste Regung stets die beste sei

Die drei Kavaliere begaben sich auf die, Straße nach der Normandie, diese Straße, die ihnen so wohlbekannt war, und die bei Athos und Aramis einige der bilderreichsten Erinnerungen erneuerte. Nach einer Reise von zwei Tagen und einer Nacht gelangten sie endlich bei herrlichem Wetter abends nach Boulogne, einer damals fast öden Stadt, die ganz auf der Höhe erbaut war; die sogenannte untere Stadt bestand noch nicht; Boulogne war ein furchtbar befestigter Ort. Als sie bei den Toren der Stadt ankamen, sprach Lord Winter: »Meine Herren, machen wir es hier wie in Paris; trennen wir uns, um Argwohn zu vermeiden. Ich habe ein Gasthaus, welches wenig besucht und dessen Wirt mir ergeben ist. Dort will ich einkehren, da auch dort Briefe für mich liegen müssen. Ihr kehrt im ersten Gasthofe der Stadt ein, ›beim Schwert des großen Heinrich‹ – erquickt Euch dort, und nach zwei Stunden begebt Euch an den Strand, wo unsere Barke schon warten muß.« So wurde nun die Sache abgemacht, Lord Winter setzte seinen Weg längs des äußeren Bollwerkes fort, um durch ein anderes Tor zu reiten, indes die zwei Freunde durch jenes in die Stadt ritten, vor dem sie eben waren nachdem sie etwa zweihundert Schritte zurückgelegt, kamen sie zu dem Gasthause. Athos und Aramis gingen hinab zu dem Hafen. Diese zwei Freunde erregten durch ihre staubbedeckten Kleider und durch eine gewisse ungezwungene Haltung, die stets den an das Reisen gewohnten Mann bekundet, die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger. Insbesondere fiel ihnen einer derselben auf, der schon bei ihrer Ankunft ihr Augenmerk auf sich gezogen hatte. Dieser Mann wandelte trübselig am Ufer auf und nieder, und als er sie sah, hörte er nicht auf, sie gleichfalls anzublicken, und schien große Lust zu haben, sie anzusprechen. Als nun Athos und Aramis auf dem Strande ankamen, blieben sie stehen, um ein kleines Schiff zu betrachten, das an einem Pfahle befestigt und ganz ausgestattet war, als ob es schon warte. »Das ist zweifelsohne das unsrige,« sagte Athos. »Ja, entgegnete Aramis, »und die Schaluppe, welche dort steuert, sieht ganz so aus, als wäre sie es, die uns nach unserem Ziele führen soll; wenn nur Lord Winter nicht auf sich warten läßt,« fuhr er fort. »Es ist hier nicht angenehm zu weilen, da keine einzige Dame vorbeigeht.« »Still.« sprach Athos, »man belauscht uns.«

Jener Spaziergänger, der die zwei Freunde musternd mehrmals hinter ihnen auf und ab geschritten war, war bei dem Namen Lord Winter stehen geblieben, da jedoch sein Antlitz durchaus keine Gemütsbewegung kundgab, als er diesen Namen hörte, so mochte es ebensogut aus Zufall geschehen, daß er stehenblieb. »Meine Herren,« sprach der junge Mann, indem er sie mit vieler Ungezwungenheit und Artigkeit begrüßte, »verzeihen Sie mir meine Neugierde, allein ich sehe, daß Sie von Paris kommen oder wenigstens in Boulogne fremd sind.« »Ja, mein Herr, wir kommen von Paris,« antwortete Athos mit derselben Höflichkeit. »Was steht zu Ihren Diensten?« »Wollen Sie mir doch gütigst sagen, mein Herr.« sprach der junge Mann, »ob es wahr sei, daß der Herr Kardinal Mazarin wirklich nicht mehr Minister ist.« »Diese Frage ist seltsam,« bemerkte Aramis. »Er ist es, und ist es auch nicht,« erwiderte Athos; »während ihn die eine Hälfte von Frankreich abgesetzt haben will, behauptet er sich in seiner Stelle bei der andern Hälfte durch Schlauheit und Versprechungen, und das kann, wie Sie sehen, noch lange so fortdauern.« »Also kurz, mein Herr,« sagte der Fremde, »er ist weder auf der Flucht, noch sitzt er im Gefängnis?« »Nein, mein Herr, wenigstens nicht für den Augenblick.« »Nehmen Sie meinen Dank hin für Ihre Gefälligkeit, meine Herren,« erwiderte der junge Mann und ging hinweg. »Was sagt Ihr zu diesem Auskundschafter?« fragte Aramis. »Ich sage: ›Er ist entweder ein Kleinstädter, der sich langweilt, oder ein Spion, der ausforscht.‹« »Und Ihr habt ihm so geantwortet?« »Wie hätte ich anders antworten sollen? Wie er artig war gegen mich, so war ich es gegen ihn.« »Wenn er aber ein Spion ist?« »Nun, was soll er als Spion machen? Wir leben nicht mehr in der Zeit des Kardinals Richelieu, der uns eines bloßen Verdachtes willen die Häfen sperren ließ.« »Wenn auch, so hattet Ihr Unrecht, so zu antworten, wie Ihr es tatet,« entgegnete Aramis, wahrend er dem jungen Manne nachblickte, bis er in den Dünen verschwand. »Und Ihr,« erwiderte Athos, »Ihr vergesset, daß Ihr noch weit unbedachtsamer waret, da Ihr den Namen Lord Winter aussprachet. Wißt Ihr nicht mehr, daß der junge Mann bei diesem Namen stehenblieb?« »Da hättet Ihr ihn um so mehr auffordern sollen, daß er seine Wege gehe, als er Euch anredete.« »Einen Streit?« fragte Athos. »Seit wann fürchten wir uns denn vor einem Streite?« »Ich furchte mich jedesmal vor einem Streite, wenn man mich irgendwo erwartet, und dieser Streit mich abhalten kann, einzutreffen. Soll ich Euch noch überdies etwas eingestehen? Ich war auch neugierig, diesen jungen Mann in der Nähe zu sehen.« »Weshalb?« »Ihr werdet meiner spotten, Aramis. Ihr werdet sagen, Aramis, daß ich stets dasselbe wiederhole, und mich den furchtbarsten Geisterseher heißen.« »Weshalb?« »Wem, findet Ihr, daß dieser junge Mann ähnlich sähe?« »Im Häßlichen oder im Schönen?« fragte Aramis. »Im Häßlichen, und so viel nur ein Mann einem Weibe ähnlich sehen kann.« »Ah, bei Gott!« rief Aramis, »Ihr mahnt mich daran. Nein, beim Himmel, Ihr seid doch kein Geisterseher, Freund, ich entsinne mich jetzt, ja, Ihr habet, meine Treue, recht; dieser feine und eingezogene Mund, diese Augen, die immer auf die Befehle des Verstandes und nie auf jene des Herzens zu blicken scheinen – – das ist irgendein Bastard von Mylady.« »Ihr lacht, Aramis.« »Aus Gewohnheit, weiter nicht; denn ich versichere Euch, daß ich dieser Schlange ebenso ungern wie Ihr begegnen möchte.« »Ha, dort kommt Lord Winter!« rief Athos. »Gut, jetzt fehlte nur noch eines,« sprach Aramis, »daß nämlich unsere Diener auf sich warten ließen.« »Nein,« erwiderte Athos, »ich sehe sie dort herankommen, zwanzig Schritte hinter Mylord. Ich erkenne Grimaud an seinem starren Kopfe und langen Beinen. Tony trägt unsere Karabiner.« »Wir werden uns also bei Nacht einschiffen?« fragte Aramis. »Das ist möglich,« entgegnete Athos. »Zum Teufel!« rief Aramis, »ich bin bei Tage kein großer Freund des Meeres, geschweige erst des Nachts; ich gestehe, daß ich den Schlägen der Wogen, dem Brausen des Windes und dem widerlichen Schaukeln des Schiffes die klösterliche Stille in Noisy vorziehe.« Athos lächelte auf seine traurige Weise, denn er hörte Wohl die Worte seines Freundes, dachte aber dabei an etwas anderes und schritt Lord Winter entgegen. Aramis ging ihm nach.

»Was habt Ihr denn, Mylord?« fragte Athos, »und was setzt Euch so sehr außer Atem?« »Nichts,« entgegnete Lord Winter, »nichts. Indes, als ich bei den Dünen vorbeiging, dünkte es mich – – « er wandte sich abermals um. Athos blickte Aramis an. »Doch laßt uns aufbrechen,« begann Lord Winter wieder, »laßt uns aufbrechen, das Schiff muß uns erwarten, dort liegt unser Boot vor Anker – seht Ihr es? O, ich möchte schon auf ihm sein.« Er wandte sich von neuem um. »Ah so,« sprach Aramis. «Ihr habt also etwas vergessen?« »Nein, es ist Beklommenheit.« »Er hat ihn gesehen,« flüsterte Athos leise Aramis zu. Man gelangte zu der Treppe, welche nach der Barke führte. Lord Winter ließ die Bedienten mit den Waffen und die Träger des Gepäckes zuerst hinabgehen und folgte ihnen dann nach.

In diesem Momente gewahrte Athos einen Mann, der längs des Standes hinging und seine Schritte beflügelte, als wolle er ihrer Einschiffung etwa zwanzig Schritte entfernt auf der andern Seite des Hafens beiwohnen. Er glaubte, ungeachtet der zunehmenden Dunkelheit, den jungen Mann zu erkennen, der sie angeredet hatte. »Ha!« rief er, »ha, ist es wirklich ein Spion, der sich unserer Einschiffung widersetzen will?« Da es indes für den Fall, als der Fremde diesen Entschluß gehabt hätte, zur Ausführung schon ein bißchen zu spät war, so ging Athos die Treppe hinab, ohne daß er den jungen Mann aus den Augen verlor. Dieser war, um kurz abzuschneiden, auf eine Schleuse gestiegen. »Er will sicherlich an uns,« versetzte Athos, »indes schiffen wir uns nur ein, und sind wir einmal in der offenen See, so möge er kommen.« Athos sprang in die Barke, die auch sogleich vom Ufer stieß und sich unter der Anstrengung von vier kräftigen Ruderknechten allgemach entfernte. Der junge Mann aber folgte der Barke oder eilte ihr vielmehr voraus. Er mußte zwischen der Spitze des Dammes, auf dem sich der eben angezündete Leuchtturm befand, und einem vorragenden Felsenblocke vorüber. Man sah von der Ferne, wie er diesen Fels erkletterte, um sich über dem Schiffe zu befinden, wenn es vorbeiruderte. »O seht,« sprach Aramis zu Athos, »dieser junge Mann ist in der Tat ein Spion.« »Welcher junge Mann?« fragte Lord Winter, indem er sich umwandte. »Nun jener, der uns nachfolgte, der uns ansprach und der dort auf uns wartet – seht.« Lord Winter wandte sich und folgte der Richtung von Aramis' Finger. Der Leuchtturm übergoß mit seinem Lichte die schmale Meerenge, durch die man eben steuern wollte, und den Felsen, auf dem der junge Mann mit gekreuzten Armen harrend stand. »Das ist er!« rief Lord Winter und faßte Athos am Arme. »Das ist er, ich glaube ihn wohl zu erkennen, und irrte nicht.« »Wer?« fragte Aramis. »Myladys Sohn,« entgegnete Athos. »Der Mönch!« rief Grimaud. Der junge Mann vernahm diese Worte; man hätte geglaubt, er wolle sich hinabstürzen, so sehr stand er an der äußersten Felsenspitze über das Meer geneigt. »Ja, ich bin es, mein Oheim, ich, Myladys Sohn, ich, jener vermummte Mönch, ich, der Sekretär und Freund Cromwells, und kenne sowohl Euch als Eure Begleiter.« In dieser Barke waren drei entschieden tapfere Männer, denen niemand den Mut abzusprechen gewagt hätte; dennoch fühlten sie bei dieser Stimme, bei diesem Ausdrucke und dieser Gebärde Schauder durch ihre Adern wallen. Bei Grimaud sträubten sich die Haare auf dem Haupte und der Schweiß träufelte ihm von der Stirne. »Ha,« sprach Aramis, »das ist, wie er selber sagt: der Neffe, der Mönch, der Sohn von Mylady.«

»Ja. leider!« murmelte Lord Winter. »Nun, so wartet,« sagte Aramis. Da ergriff er mit der Kaltblütigkeit, die er bei wichtigen Veranlassungen hatte, eines der zwei Gewehre, die Tony hielt, spannte es und zielte nach dem Manne auf dem Felsen, gleich dem bösen Geiste die Hand und den Blick gespannt. »Feuer!« rief Grimaud außer sich. Athos stürzte auf den Lauf der Büchse und hemmte den Schuß, der sich eben entladen sollte. »Hole Euch der Teufel!« rief Aramis; »ich faßte ihn schon so gut, und hätte ihn mitten durch die Brust geschossen.« »Es ist wohl schon genug,« murmelte Athos, »daß wir die Mutter getötet haben.« »Die Mutter war ein Scheusal und hat uns alle in uns und in denen verletzt, welche uns teuer waren.« »Ja, allein der Sohn hat uns nichts getan.«

Der junge Mann erhob ein Gelächter und rief: »Ha, ihr seid es wirklich; jetzt kenne ich euch!« Sein höhnisches Gelächter und seine drohenden Worte hallten dahin, über das vom frischen Winde fortgetragene Schiff, und verloren sich in der Unendlichkeit des Horizonts. Aramis schauderte. »Stille!« rief Athos; »sind wir denn zum Teufel keine Männer mehr?« »Doch,« entgegnete Aramis, »allein jener dort ist ein Satan. Und nun fragt den Oheim, ob ich unrecht gehabt hätte, daß ich ihn von seinem Neffen befreien wollte.«

In diesem Momente rief sie eine Stimme aus dem Schiffe an, der Lotse am Steuerruder gab Antwort und die Barke legte bei dem Schiffe an.

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