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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Abermals eine Königin, welche Hilfe anspricht

Athos ließ sogleich am Morgen Aramis in Kenntnis setzen und übergab seinen Brief Blaisois, dem einzigen Diener, der ihm geblieben war. Blaisois traf Bazin, wie er eben sein Küsterkleid anzog, da er an diesem Tage den Dienst in Notre-Dame hatte. Athos trug Blaisois auf, er möchte Aramis selbst zu sprechen suchen, Blaisois fragte nach Herrn d'Herblay und bestand ungeachtet der Versicherungen Bazins, daß er nicht zu Hause sei, so fest darauf, daß er Bazin ungemein in Zorn brachte. In diesem Momente und bei dem ungewöhnlichen Geräusch kam Aramis herbei und öffnete behutsam und halb die Türe seines Schlafgemaches. Blaisois nahm seinen Brief aus der Tasche und reichte ihn Aramis. »Vom Grafen de la Fère?« fragte Aramis, »es ist gut.« Somit kehrte er in sein Zimmer zurück, ohne daß er nach der Veranlassung dieses Lärmes gefragt hätte.

Um zehn Uhr hatte sich Athos bei gewohnter Pünktlichkeit auf der Louvrebrücke eingefunden. Hier traf er den Lord Winter, der in demselben Augenblicke ankam. Sie warteten beiläufig zehn Minuten lang. Lord Winter begann schon zu fürchten, Aramis möchte nicht kommen. »Geduld,« rief Athos, der seine Augen gegen die Straße du Bac gerichtet hielt; »Geduld, dort kommt einer, das muß Aramis sein.« Er war es in der Tat.

Wie sich wohl erraten läßt, so umarmten sich Aramis und Lord Winter aufs zärtlichste. »Wohin gehen wir?« fragte Aramis. »Schlägt man sich vielleicht? Potz Wetter, ich habe diesen Morgen kein Schwert, und muß wieder nach Hause gehen, um eines zu holen.« »Nein,« versetzte Lord Winter, »wir wollen Ihrer Majestät der Königin von England einen Besuch abstatten.« »O recht schön!« rief Aramis. »Und aus welcher Ursache machen wir diesen Besuch?« fuhr er fort, und neigte sich zu Athos' Ohr.« »Meiner Treue, das weiß ich nicht; vielleicht fordert man von uns irgendein Zeugnis.« »Wäre es etwa jener verwünschten Geschichte wegen?« fragte Aramis, »In diesem Falle läge mir wenig daran, hinzugehen, denn es geschähe, um, irgendeinen Verweis zu holen; aber seit ich deren andern gebe, mag ich selbst nicht gern welche einstecken.« »Wenn das so wäre, so würde uns Lord Winter nicht zu Ihrer Majestät führen, denn auch er hätte seinen Teil daran, da er einer der Unsrigen war.« »Ach ja, es ist wahr. So gehen wir also.«

Als sie im Louvre ankamen, schritt Lord Winter voraus; übrigens hütete nur ein Pförtner die Türe. Beim Tageslichte schienen Athos, Aramis und selbst der Engländer die auffallende Armseligkeit der Wohnung wahrzunehmen, die eine hartherzige Großmut der unglücklichen Königin einräumte. Große Säle, ganz von Möbeln entblößt, beschädigte Wände, an welchen hier und da noch beschädigte Gesimse glänzten, die der Fahrlässigkeit trotzten, Fenster, die sich nicht mehr schlossen, und worin die Scheiben fehlten; kein Teppich, keine Wachen, kein Diener, das fiel Athos schon anfangs auf und darauf machte er auch seine Begleiter aufmerksam, indem er sie mit dem Ellbogen anstieß und auf dieses Elend mit den Augen hinwies. »Mazarin wohnt besser,« bemerkte Aramis. »Mazarin ist beinahe König,« versetzte Athos, »und Madame Henriette ist beinahe nicht mehr Königin.«

Die Königin schien schon ungeduldig zu warten, denn auf die erste Bewegung, die sie in ihrem Vorgemach hörte, trat sie selber an die Schwelle, um da die Höflinge ihres Unglücks zu empfangen. »Tretet ein und seid mir willkommen, meine Herren,« sprach sie. Die Edelleute traten ein und blieben anfangs stehen, doch auf einen Wink der Königin, Platz zu nehmen, gab Athos das Beispiel des Gehorsams. Er war ernst und ruhig, Armins hingegen war entrüstet, da ihn diese königliche Not so sehr erbitterte; seine Augen forschten nach jeder bemerkbaren Spur von Dürftigkeit. »Ihr prüfet meinen Luxus,« sprach die Königin Henriette, indem sie ihren Blick trübselig herumwarf. »Madame,« versetzte Aramis, »ich bitte Ihre Majestät um Verzeihung, allein ich kann meine Entrüstung nicht verhehlen, daß die Tochter Heinrichs IV. dergestalt am Hofe Frankreichs behandelt werde.« »Ist dieser Herr kein Kavalier?« fragte die Königin Lord Winter. »Es ist der Herr d'Herblay,« erwiderte dieser. Aramis errötete und sagte: »Ich widme mich wohl dem geistlichen Stande, Madame, nichtsdestoweniger bin ich stets bereit, wieder Musketier zu werden. Da ich nicht wußte, daß mir die Ehre zuteil würde, Ihre Majestät zu sehen, so zog ich diesen Morgen das priesterliche Kleid an, darum bin ich aber nicht minder der Mann, den Ihre Majestät am getreuesten in Ihrem Dienste finden wird, was sie auch geruhen wolle, mir zu befehlen.« »Der Herr Chevalier d'Herblay,« sagte Lord Winter, »ist einer jener tapferen Musketiere Sr. Majestät des Königs Ludwigs XIII., von denen ich Ihrer Majestät erzählt habe.« Dann wandte er sich zu Athos und fuhr fort: »Dieser Herr hier ist der edle Graf de la Fère, dessen erhabener Ruf Ihrer Majestät Wohl bekannt ist.« »Meine Herren,« sprach die Königin, »ich hatte vor wenigen Jahren, Edelleute, Reichtümer und Herren um mich her versammelt, auf einen Wink meiner Hand stand mir alles das zu Diensten. Allein jetzt, blickt nur um mich, und es wird Euch wahrlich befremden, jetzt habe ich zur Ausführung eines Planes, der mir das Leben retten soll, nur Lord Winter, einen zwanzigjährigen Freund, und Euch, meine Herren, die ich zum ersten Male sehe, und die ich nur als meine Landsleute kenne.« »Es ist hinreichend.« versetzte Athos mit einer tiefen Verneigung, »wenn das Leben dreier Männer das Ihrige zu erhalten vermag.« »Dank, meine Herren, allein höret mich an,« fuhr sie fort, »ich bin nicht bloß die ärmste der Königinnen, sondern bin auch noch die unglücklichste der Mütter, die verzweiflungsvollste der Gattinnen, Meine Kinder, wenigstens zwei davon, der Herzog von York und die Prinzessin Charlotte, sind fern von mir und den Streichen von Ehrsüchtigen und Feinden ausgesetzt; der König, mein Gatte, führt in England ein so armseliges Leben, daß ich wenig sage, wenn ich Euch versichere, daß er den Tod als etwas Wünschenswertes sucht. Seht, meine Herren, hier ist der Brief, welchen er mir durch Mylord Winter geschickt hat; leset ihn.« Athos und Aramis weigerten sich. »Leset ihn,« sprach die Königin. Athos las nun mit lauter Stimme den Brief, welchen wir bereits kennen.

»Nun?« fragte Athos, als er diesen Brief gelesen. »Nun,« entgegnete die Königin, »er hat es abgeschlagen.« Die zwei Freunde tauschten ein Lächeln der Verachtung aus. »Und was haben wir jetzt zu tun?« fragte Athos. »Fühlt Ihr einiges Mitleid für so viel Unglück?« sprach die Königin bewegt. »Ich hatte die Ehre, Ihre Majestät zu fragen, was Sie wünsche, daß der Chevalier d'Herblay und ich für Ihren Dienst tun sollen, wir stehen bereit.« »Ha, mein Herr! Ihr seid wahrhaft ein edles Herz,« rief die Königin mit dankerfüllter Stimme aus, indes sie Lord Winter mit einer Miene anblickte, womit er zu sagen schien: »Habe ich nicht für sie Bürgschaft geleistet?« »Doch Ihr, mein Herr?« fragte die Königin Aramis. »Madame,« entgegnete dieser, »ich folge dem Herrn Grafen überall, wohin er geht, ohne zu fragen, und ginge er in den Tod; wenn es sich aber um den Dienst Ihrer Majestät handelt,« fügte er bei, die Königin mit der ganzen Anmut der Jugend anblickend, »so will ich dem Herrn Grafen noch voranschreiten.« »Nun denn, meine Herren,« sprach die Königin, »so hört, um welchen Dienst es sich für mich handelt: Der König befindet sich allein mit wenig Edelleuten, welche er täglich zu verlieren fürchtet, unter Schottländern, welchen er nicht traut, wiewohl er selbst Schotte ist. Nun, ich fordere vielleicht zu viel, da ich zu fordern durchaus kein Recht habe: Reiset nach England zu dem Könige, seid seine Freunde, seid seine Hüter, zieht an seiner Seite in die Schlacht, bleibt im Innern seines Hauses um ihn, wo man täglich weit gefährlichere Schlingen für ihn legt, als alle Gefahren des Krieges sind, und gegen diese Opfer, meine Herren, die Ihr mir bringen werdet, verspreche ich Euch nicht eine Belohnung, aus Furcht, dieses Wort könnte Euch verletzen, sondern ich gelobe, Euch wie eine Schwester zu lieben und Euch allem vorzuziehen, was nicht mein Gatte, was nicht meine Kinder sind – das beschwöre ich vor Gott.« »Wann sollen wir aufbrechen, Madame?« fragte Athos. »Ihr willigt also ein?« rief die Königin voll Entzücken. »Ja, Madame, nur glaube ich, Ihre Majestät tut zu viel, indem Sie uns eine Freundschaft zusichert, welche so weit über unsere Verdienste geht. Wir dienen Gott, Madame, indem wir einem so unglücklichen Fürsten und einer so tugendhaften Königin dienen. Madame, wir sind Ihrer Majestät mit Leib und Seele ergeben!« »O, meine Herren,« rief die Königin, bis zu Tränen bewegt, »das ist der erste Augenblick der Wonne und der Hoffnung, den ich seit fünf Jahren empfand. Ja, Ihr dienet Gott, und da meine Macht zu beschränkt ist, um einen solchen Dienst anzuerkennen, so wird er es Euch vergelten, er, der in meinem Heizen all dasjenige liebt, was ich an Erkenntlichkeit für ihn und für Euch empfinde. Rettet meinen Gatten, rettet den König, und obschon Euch der Lohn nicht anspornt, der Euch hienieden für diese schöne Tat zuteil werden kann, so laßt mir doch die Hoffnung des Wiedersehens, damit ich Euch selber danke. Mittlerweile bleibe ich hier. Habt Ihr an mich irgendein Anliegen? Ich bin von nun an Eure Freundin, und da Ihr meine Angelegenheiten besorgt, so muß ich mich um die Eurigen bekümmern.« »Madame,« sprach Athos, »ich habe Ihre Majestät nur um Ihre Gebete zu bitten.« »Und ich,« sagte Aramis, »ich stehe allein da auf Erden, und habe Ihrer Majestät nur zu dienen.« Die Königin bot ihnen ihre Hand zum Kusse und sprach dann leise zu Lord Winter: »Gebricht es Euch am Geld, Mylord, so säumt leinen Augenblick und zerschlagt die Schmucksachen, die ich Euch gegeben, nehmt daraus die Diamanten und verkauft sie. Ihr werdet fünfzig- bis sechzigtausend Livres dafür bekommen; gebt sie aus, wenn es vonnöten ist, und sorgt dafür, daß diese Edelleute nach Gebühr, das heißt königlich, behandelt werden.«

Die Königin hatte zwei Briefe in Bereitschaft; der eine war von ihr selbst, der andere von der Prinzessin Henriette, ihrer Tochter, geschrieben. Den einen davon übergab sie Athos, den andern Aramis, damit sie sich, falls sie ein Unfall trennte, dem Könige zu erkennen geben könnten, dann gingen sie weg. Unten an der Treppe hielt Lord Winter an und sagte: »Meine Herren, Ihr ziehet Euren Weg und ich den meinigen, um keinen Argwohn zu erregen, und heute abend um neun Uhr kommen wir bei dem Tore Saint-Denis zusammen. Die drei Edelleute drückten sich die Hand; Lord Winter bog in die Straße Saint-Honoré ein, Athos und Aramis blieben beisammen.

Als sie allein waren, sagte Aramis: »Nun, lieber Graf, was haltet Ihr von der Sache?« »Sie steht schlimm,« erwiderte Athos, sehr schlimm.« »Doch habt Ihr sie mit Enthusiasmus angenommen!« »So wie ich stets die Verteidigung eines großen Prinzips annehmen werde, lieber d'Herblay. Die Könige können nur stark sein durch den Adel, allein der Adel kann nur groß sein durch die Könige. Laßt uns also die Monarchie aufrecht erhalten, das ist, uns selbst aufrecht erhalten.« »Wir werden uns dort töten lassen,« entgegnete Aramis. »Ich hasse die Engländer, da sie grobe Biertrinker sind.« »Wäre es etwa besser, hier zu bleiben,« versetzte Athos, »und uns ein bißchen mit der Bastille oder dem Schloßturme von Vincennes dafür vertraut zu machen, daß wir zur Flucht des Herrn von Beaufort beigetragen haben? Ha, meiner Seele, Aramis, glaubt mir, wir haben nicht Ursache, es zu bedauern. Wir weichen dem Gefängnisse aus und handeln als Helden. Das ist eine leichte Wahl.« »Das ist wohl wahr, mein Lieber; aber wir müssen in jeder Hinsicht auf den ersten Punkt zurückkommen, der, ich weiß es, sehr einfältig, aber sehr nötig ist – habt Ihr Geld?« »Ungefähr hundert Pistolen, die mir mein Pächter am Tage vor meiner Abreise von Bragelonne geschickt hat. Indes muß ich davon fünfzig für Rudolf zurücklassen; ein junger Edelmann soll stets auf würdige Weise leben. Somit habe ich etwa nur noch fünfzig Pistolen. Und Ihr?« »Ich? – o ich bin überzeugt, wenn, ich alle meine Taschen umkehre und meine Schubladen öffne, daß ich nicht zehn Louisdors zu Hause finde. Zum Glück ist Lord Winter reich.« »Lord Winter ist für den Augenblick zu Grunde gerichtet, da ihm Cromwell alle Einkünfte entzieht.« »Nun wäre der Baron Porthos gut,« bemerkte Aramis. »Jetzt beklage ich d'Artagnan,« versetzte Athos. »Welch eine vollgepfropfte Börse!« »Was für ein Degen!« »Laßt sie uns anwerben.« »Das ist nicht unser Geheimnis, Aramis; glaubt mir also und lasset uns niemanden ins Vertrauen ziehen. Machten wir einen solchen Schritt, so würden wir an uns selbst zu zweifeln scheinen. Beklagen wir im Stillen, doch reden wir nichts.«

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