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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die nächtliche Runde

Zehn Minuten darauf trabte die kleine Schar durch die Straße des Bons-Enfants hinter dem Schauspielsaale, den der Kardinal Richelieu erbaute, um darin »Mirame« aufführen zu lassen, und worin der Kardinal Mazarin, der die Musik mehr liebte als die Literatur, die ersten Opern, die in Frankreich gegeben wurden, zur Aufführung brachte. Von Zeit zu Zeit vernahm man ein Getöse vom Quartier der Hallen. Flintenschüsse dröhnten von der Seite der Straße Saint-Denis her, und manchmal fing auf einmal eine Glocke zu läuten an, welche, man wußte nicht weshalb, von der Laune des Volkes in Bewegung gesetzt ward. Als sie in der Nähe des Wachtpostens der Barriere Seigents kamen, wurden sie von der Schildwache angerufen. D'Artagnan gab Antwort, und nachdem er den Kardinal um das Losungswort gefragt hatte, ritt er dahin; das Losungswort war: Louis und Rocroy. Nach dem Austausch dieser Erkennungszeichen fragte d'Artagnan, ob Herr von Comminges den Posten befehlige. Die Schildwache zeigte ihm hierauf einen Offizier, der sich mit der Hand auf den Hals des Pferdes von demjenigen stützte, mit dem er sich eben besprach. Es war derselbe, um welchen d'Artagnan fragte.

»Dort steht Herr von Comminges,« sagte d'Artagnan, als er zu dem Kardinal zurückkehrte. Der Kardinal ritt dahin, während sich d'Artagnan bescheiden entfernt hielt; mittlerweile sah er an der Art und Weise, wie die Offiziere zu Fuß und die Offiziere zu Pferde ihre Hüte abnahmen, daß sie Seine Eminenz erkannten. »Bravo, Guitaut,« sprach der Kardinal zu dem Reiter, »ich sehe, Ihr seid noch immer munter und treu, und stets derselbe, ungeachtet Eurer vierundsechzig Jahre. Was habt Ihr zu diesem jungen Manne gesprochen?«

»Gnädigster Herr, ich sagte ihm, daß wir in einer seltsamen Zeit leben, und der heutige Tag gleiche so ganz einem jener Tage der Ligue, die ich in meinen jungen Jahren gesehen habe. Wissen Sie, daß man in der Straße Saint-Denis und Saint-Martin von nichts Geringerem sprach, als von der Errichtung von Barrikaden?«

»Und was antwortete Euch Comminges, lieber Guitaut?«

»Gnädigster Herr,« versetzte Comminges, »ich antwortete ihm: »Um eine Ligue zu bilden, fehle Ihnen nur eines, was mir aber hübsch wesentlich scheint – nämlich ein Herzog von Guise. Überdies tut man dasselbe nicht zweimal.«

Hierauf begab man sich zur Inspektion der Wache bei Quinze-Vingts. D'Artagnan ritt mitten durch die Volkshaufen, unbekümmert, als ob er selbst und sein Pferd von Erz wären; Mazarin und Guitaut besprachen sich leise; die Musketiere, welche endlich den Kardinal erkannten, folgten schweigsam nach. Man kam in die Straße Saint-Thomas du Louvre, wo der Wachposten von Quinze-Vingts stand; Guitaut berief einen Unteroffizier, daß er Bescheid gebe.

»Nun?« fragte Guitaut. »O, mein Kapitän,« entgegnete der Offizier, »auf dieser Seite steht alles gut, wenn nichts im Hotel vorgeht, wie mich dünkt.« Er deutete auf ein prächtiges Hotel, das sich bis zu dem Platz hin erstreckte, wo jetzt das Baudevilletheater steht. »In jenem Hotel?« versetzte Guitaut. »Doch das ist das Hotel Rambouillet.«

»Ich weiß es nicht, ob es das Hotel Rambouillet sei,« antwortete der Offizier, »ich weiß nur so viel, daß ich viele Leute von verdächtigem Aussehen in dasselbe treten sah.«

»Bah,« versetzte Guitaut, ein Gelächter erhebend, »das sind Poeten.«

»Nun, Guitaut,« sprach Mazarin, »du wirst doch von diesen Herren nicht so unehrerbietig reden? Weißt du nicht, daß ich in meiner Jugend auch Poet war und Verse komponierte, wie die des Herrn von Benserade sind?«

»Sie, gnädigster Herr?«

»Ja, ja; soll ich dir einige davon rezitieren?«

»Das ist mir gleichviel, Monseigneur, ich verstehe nicht italienisch.«

»Ja, aber französisch verstehst du, nicht wahr, guter und wackerer Guitaut?« erwiderte Mazarin und legte ihm huldreich die Hand auf die Schulter, »und welchen Auftrag man dir auch in dieser Sprache gäbe, so würdest du ihn vollziehen?«

»Allerdings, gnädigster Herr, wie ich es schon getan habe, vorausgesetzt, daß er mir von der Königin zukommt.«

»Ja,« versetzte Mazarin, sich in die Lippen beißend, »ich weiß, daß du ihr ganz ergeben bist.«

»Ich bin Kapitän ihrer Garden über zwanzig Jahre lang.« »Vorwärts, Herr d'Artagnan!« rief der Kardinal wieder, »von dieser Seite steht alles gut.«

D'Artagnan stellte sich wieder an die Spitze des Zuges, ohne ein Wort zu reden, und mit jenem passiven Gehorsam, der den Charakter des alten Soldaten ausmacht. Sie nahmen den Weg nach dem Hügel von Saint-Roche, wo der dritte Wachposten stand, und eilten durch die Straße Richelieu und die Straße Villedo. Diese war die verödetste, denn sie grenzte beinahe an die Wälle, und die Stadt war auf dieser Seite wenig bevölkert. »Wer befehligt diesen Posten?« fragte der Kardinal. »Villequier,« antwortete Guitaut. »Donnerwetter!« rief Mazarin, »redet allein mit ihm; Ihr wißt es, wir sind in Spannung, seit Ihr den Auftrag hattet, den Herzog von Beaufort zu verhaften; er behauptete, diese Ehre käme ihm zu als Kapitän der Garden des Königs.«

»Das weiß ich, und sagte es ihm hundertmal, daß er Unrecht hatte; der König konnte ihm hierzu den Auftrag noch nicht geben, denn der König war damals kaum vier Jahre alt.«

»Ja, Guitaut, aber ich konnte ihm denselben geben, und erteilte Euch den Vorzug.« Guitaut spornte sein Pferd, ohne zu antworten, und als er sich der Schildwache zu erkennen gab, ließ er Herrn von Villequier rufen. Dieser kam.

»Ach, Ihr seid es, Guitaut,« sprach er im Tone übler Laune, der ihm eigen war. »Den Teufel, was wollet Ihr da?«

»Ich will Euch fragen, ob es auf dieser Seite etwas Neues gibt.«

»Was zum Teufel soll es denn geben? Man ruft: »Es lebe der König!« und: »Nieder mit Mazarin!« das ist nichts Neues, an solche Ausrufungen sind wir seit länger schon gewöhnt.«

»Und Ihr macht den Chor mit,« versetzte Guitaut lachend. »Meiner Treue! ich habe manchmal große Lust dazu und finde, daß sie sehr recht haben, Guitaut. Ich möchte recht gern fünf Jahre meine Löhnung dafür hingeben, die man mir nicht bezahlt, wenn der König um fünf Jahre älter wäre.«

»Wirklich – und was geschähe, wenn der König um fünf Jahre älter wäre?«

»Wäre der König mündig, würde er sogleich seine Befehle selbst erlassen, und es liegt ein viel größeres Vergnügen darin, dem Enkel Heinrichs IV. zu gehorchen, als dem Sohne des Pietro Mazarin. Zum Teufel! für den König wollte ich mich mit Freuden töten lassen; würde ich aber für Mazarin getötet, wie es Eurem Neffen fast geschehen wäre, so gäbe es kein noch so schönes Paradies, das mich je dafür zu trösten vermöchte.«

«Gut, gut, Herr von Villequier,« sprach Mazarin; »seid unbekümmert, ich will den König von Eurer Treue in Kenntnis setzen.« Dann wandte er sich nach der Bedeckung um und fuhr fort: »Vorwärts, meine Herren, es geht alles gut, lasset uns zurückkehren ...«

Der Kardinal hatte während der ganzen Dauer dieses nächtlichen Ausfluges, das ist seit etwa einer Stunde, einen Mann geprüft und nebenbei Comminges, Guitaut und Villequier durchforscht. Jener Mann, der sich bei den Drohungen des Volkes so gleichgültig verhielt, und der bei den Scherzen des Kardinals, sowie bei denen, deren Gegenstand er gewesen war, keine Miene verändert hatte, jener Mann schien ihm ein besonderes Wesen, und für Auftritte von der Art derjenigen gestählt, in denen man sich befand, und vorzüglich derjenigen, welche eben bevorstanden. Überdies war ihm der Name d'Artagnan nicht ganz unbekannt, und obschon er erst gegen das Jahr 1634 oder 1635, das heißt sieben oder acht Jahre nach den Vorfällen, nach Frankreich kam, die wir in einer früheren Geschichte erzählt haben, so glaubte der Kardinal doch, er habe diesen Namen als den eines Mannes nennen gehört, der sich bei einer Begebenheit, die seinem Geiste nicht mehr gegenwärtig war, als ein Muster von Mut, Treue und Geschicklichkeit bewährt habe.

»Lieber Guitaut!« sprach der Kardinal, nachdem er d'Artagnan freundlich verabschiedet hatte, »Ihr habt eben gesagt, daß Ihr schon fast zwanzig Jahre lang im Dienste der Königin steht.«

»Ja, das ist auch wahr,« versetzte Guitaut.

»Nun, lieber Guitaut,« fuhr der Kardinal fort, »ich habe die Bemerkung gemacht, daß Ihr außer Eurem unbestrittenen Mute und Eurer bewährten Treue ein vortreffliches Gedächtnis besitzet.«

»Sie haben diese Bemerkung gemacht, gnädigster Herr?« versetzte der Kapitän der Garden; »das ist, Potz Wetter, um so schlimmer für mich.«

»Warum das?«

»Sicherlich, denn eines der ersten Erfordernisse für einen Hofmann ist, daß er zu vergessen weiß.«

»Ihr seid aber kein Hofmann, Guitaut! Ihr seid ein wackerer Soldat, solch ein Kapitän aus der Zeit des Königs Heinrich IV., aus der leider bald keiner mehr übrig sein wird.«

»Schwerenot, gnädigster Herr, ließen Sie mich denn kommen, um mir ein Horoskop zu stellen?«

»Nein,« entgegnete Mazarin lachend, »ich ließ Euch kommen, um Euch zu fragen, ob Ihr unsern Leutnant der Musketiere beobachtet habt.«

»Herrn d'Artagnan?«

»Ja.«

»Ich brauche ihn nicht zu beobachten, gnädigster Herr, ich kenne ihn seit länger schon.«

»Was ist es für ein Mann?«

»Hm,« versetzte Guitaut, über diese Frage erstaunt, »er ist ein Gascogner.«

»Ja, das weiß ich, allein ich wollte Euch fragen, ob er ein Mann sei, dem man Vertrauen schenken kann.«

»Herr von Tréville achtet ihn hoch, und wie Sie wissen, gehört Herr von Tréville zu den ergebensten Freunden der Königin.«

»Ich möchte wissen, ob er ein Mann ist, der seine Proben bestanden hat?«

»Verstehen Sie darunter den tapferen Soldaten, so glaube ich antworten zu dürfen: Ja. Wie ich sagen hörte, hat er bei der Belagerung von La Rochelle, im Engpasse von Suze, und bei Perpignan mehr getan, als seine Schuldigkeit.«

»Ihr wißt aber, Guitaut, wir Minister brauchen oft noch andere Männer, als bloß tapfere Soldaten. Wir brauchen geschickte Leute. Hat nicht Herr d'Artagnan zur Zeit des Kardinals an irgendeiner Intrige teilgenommen, von der das Gerücht erzählt, er habe sich sehr gewandt herausgezogen?«

Guitaut, der es wohl merkte, daß der Kardinal ihn wolle reden lassen, entgegnete ihm: »Gnädigster Herr, in dieser Beziehung muß ich Ew. Eminenz sagen, daß ich nicht weiß, was Ihnen das Gerücht bekannt gegeben hat. Was mich betrifft, so habe ich an Intrigen niemals teilgenommen, und wenn ich auch in bezug auf die Intrigen anderer bisweilen einige vertrauliche Mitteilungen erhielt, so werden es mir Ew. Eminenz erlauben, da das Geheimnis nicht mir angehört, es denen zu bewahren, die es mir anvertraut haben.« Mazarin schüttelte den Kopf und sagte: »Ach, auf mein Wort, es gibt sehr glückliche Minister, welche alles erfahren, was sie wissen wollen.«

»Monseigneur,« entgegnete Guitaut, »diese messen nicht alle Menschen mit demselben Maßstabe, und wenden sich an Krieger in bezug auf den Krieg und an Ränkemacher in bezug auf Ränke. Wenden Sie sich an irgendeinen Intriganten der Zeit, von welcher Sie reden, und Sie werden von ihm – aber gegen Bezahlung – das erfahren, was Sie zu wissen wünschen.«

»Hm, bei Gott!« rief Mazarin mit einer Grimasse, die er jedesmal machte, wenn man ihm die Geldfrage derart berührte, wie es Guitaut eben tat, »man wird bezahlen, wenn sich auf andere Weise nichts erreichen läßt.«

»Verlangt Monseigneur von mir im Ernste, daß ich einen Mann andeute, der in allen Kabalen jener Zeit verwickelt war?«

»Per Bacco!« rief Mazarin, der schon ungeduldig wurde, »ich frage ja schon seit einer Stunde nichts anderes, Starrkopf!«

»Es ist einer unter ihnen, für den ich in dieser Hinsicht bürge, wenn er überhaupt reden will.«

»Das ist meine Sache.«

»O, gnädigster Herr, es ist nicht immer so leicht, von den Leuten das herauszubringen, was sie nicht sagen wollen.«

»Bah, mit Geduld bringt man sie wohl dahin. Nun, dieser Mann?«

»Ist der Graf von Rochefort!«

»Der Graf von Rochefort?«

»Zum Unglück ist er seit vier bis fünf Jahren verschwunden, und ich weiß es nicht, was mit ihm geschehen ist.«

»Ich werde das wohl erfahren, Guitaut,« versetzte Mazarin. Und da der Kardinal in diesem Momente mit seinem Begleiter im Hofraume des Palais Royal angekommen war, so entließ er Guitaut durch einen Gruß mit der Hand, und als er einen auf- und abgehenden Offizier bemerkte, so ging er auf ihn zu.

Es war d'Artagnan, welcher dem Befehle des Kardinals gemäß wartete. D'Artagnan verbeugte sich, folgte dem Kardinal über die geheime Treppe, und befand sich alsbald wieder in dem Arbeitszimmer, von dem er ausgegangen war. Der Kardinal setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm ein Blatt Papier und schrieb darauf einige Zeilen. D'Artagnan blieb gleichgültig stehen, und harrte ohne Ungeduld, wie ohne Neugierde. Er war ein militärischer Automat geworden, und handelte oder gehorchte vielmehr, wie durch Federn in Bewegung gesetzt. Der Kardinal faltete den Brief und siegelte ihn. »Herr d'Artagnan,« sprach er, »tragt diese Depesche nach der Bastille und führt die Person hierher, von der darin die Rede ist; nehmt einen Wagen mit einer Bedeckung und bewacht sorgfältig den Gefangenen.« D'Artagnan ergriff den Brief und legte die Hand an seinen Hut.

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