Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
Schließen

Navigation:

Die Vaterschaft

Während jener furchtbare Auftritt bei Lord Winter stattfand, saß Athos neben dem Fenster seines Zimmers, den Ellbogen auf einen Tisch, den Kopf auf die Hand gestützt, und lauschte Rudolf, der ihm die Abenteuer seiner Reise und die umständlichen Vorfälle der Schlacht erzählte. Das schöne und edle Gesicht des Kavaliers hatte den Ausdruck einer unsäglichen Wonne bei dem Berichte dieser ersten so frischen und reinen Gemütsbewegungen, er sog wie harmonische Musik die Töne dieser jugendlichen Stimme ein, in der sich bereits tiefere Empfindungen aussprachen. Das machte ihn das vergessen, was Trauriges in der Vergangenheit lag, und was ihm die Zukunft umwölkte. Man hätte sagen mögen, die Zurückkunft dieses teuren Kindes hatte ihm sogar die Besorgnisse in Hoffnungen umgewandelt.

»Und du warst bei dieser großen Schlacht, du hast teilgenommen, Bragelonne?« fragte Athos, der alte Musketier, der in diesem Momente so glücklich war wie niemals.

»Ja, mein Herr.«

»Und sie ist heiß gewesen, sagst du?«

«Der Prinz hat elfmal in Person angegriffen.«

»Bragelonne, er ist ein großer Kriegsmann.«

»Er ist ein Held, mein Herr, ich verlor ihn keinen Augenblick aus dem Gesichte. O, mein Herr, wie schön ist es, sich Condé zu nennen und seinen Namen so zu tragen!«

»Ruhig und glänzend, nicht wahr?«

»Ruhig wie bei einer Parade, glänzend wie bei einer Festlichkeit. Wir näherten uns dem Feinde durch einen Engpaß, man hatte uns verboten, zuerst zu schießen, und so gingen wir mit gesenktem Gewehr auf die Spanier los, die eine Anhöhe einnahmen. Als wir uns ihnen auf dreißig Schritte genähert hatten, wandte sich der Prinz gegen seine Soldaten und sprach: ›Kinder, Ihr werdet eine wütende Ladung zu überstehen haben, dann aber, seid unbesorgt, habt Ihr alle diese Leute wohlfeilen Kaufes.‹ – Es herrschte ein solches Stillschweigen, daß Freunde und Feinde diese Worte vernahmen. Dann schwang er den Degen und rief: – ›Lasset die Trompeten erschallen!‹ Kurz darauf ein Krachen, als hätte sich die Hölle aufgeschlossen, und diejenigen, welche nicht getötet wurden, verspürten die Hitze der Flammen. Ich öffnete wieder die Augen und verwunderte mich, daß ich nicht getötet, oder aufs allerwenigste verwundet sei; ein Drittel der Eskadron lag auf den Boden gestreckt, verstümmelt und bluttriefend. In diesem Momente begegnete ich dem Blicke des Prinzen; ich dachte nur noch an eines, daß er mich nämlich angeblickt habe. Ich setzte beide Sporen ein und befand mich sogleich mitten unter den Reihen der Feinde.«

»Und war der Prinz mit dir zufrieden?«

»Wenigstens sagte er es, mein Herr, als er mich beauftragte, Herrn von Châtillon nach Paris zu begleiten, welcher der Königin diese Neuigkeit mit den erbeuteten Fahnen zu überbringen hatte. – Ha, mein Herr,« sprach Rudolf plötzlich, »ich erinnere mich an etwas, das ich vergessen habe, mitten unter dem Eifer, Ihnen meine Taten zu erzählen; daß ich nämlich bei Ihrer Majestät der Königin von England einen Edelmann traf, welcher, als ich Ihren Namen aussprach, ein Geschrei der Überraschung und Freude erhob; er nennt sich einen Ihrer Freunde, befragte mich um Ihre Wohnung und wird Sie besuchen.«

»Wie nennt er sich?«

»Ich getraute mich nicht, ihn zu befragen, mein Herr, allein wiewohl er sich sehr artig ausdrückt, ist er doch nach seinem Akzent zu schließen ein Engländer.«

»Ha!« rief Athos.

Und er neigte seinen Kopf, als suche er eine Erinnerung auf. Als er dann die Stirne wieder erhob, waren seine Augen überrascht von der Gegenwart eines Mannes, der vor der halbgeöffneten Türe stand und ihn mit freundlicher Miene anblickte.

»Lord Winter!« rief der Graf aus.

»Athos, mein Freund!« Und im Augenblicke hatten sich die zwei Männer umarmt; dann faßte ihn Athos an den beiden Händen, blickte ihn an und sprach: »Was ist Euch. Mylord? Ihr scheint ebenso trübselig zu sein, als ich erfreut bin?«

»Ja, lieber Freund, es ist wahr, und ich sage noch mehr, daß Euer Anblick meine Kümmernis verdoppelt.« Und de Winter blickte herum, als ob er die Einsamkeit suchte. Rudolf begriff, daß sich die zwei Freunde zu unterreden hatten und ging gelassen fort. »Solange wir allein sind,« sagte de Winter, »sprechen wir von uns. Er ist hier.«

»Wer?«

»Der Sohn der Mylady.« Athos ward abermals erschüttert durch diesen Namen, der ihn wie ein verhängnisvolles Echo verfolgt, und schwieg einen Augenblick, die Stirne gerunzelt, dann sprach er mit ruhigem Tone. »Ich weiß es.«

»Ihr wißt es?«

»Ja, Grimaud begegnete ihm zwischen Bethune und Arras, und eilte spornstreichs hierher, um mir seine Anwesenheit zu melden.«

»Grimaud kannte ihn also?«

»Nein, sondern er war am Sterbebette eines Mannes, der ihn kannte, des Scharfrichters von Bethune!« rief Lord Winter.

»Wißt Ihr das?« fragte Athos verwundert.

»Er ging diesen Augenblick von mir weg,« antwortete de Winter; »er hat mir alles gesagt. O, mein Freund, was war das für ein schrecklicher Auftritt! Warum haben wir nicht das Kind mit der Mutter vertilgt!«

»Was fürchtet Ihr?« sagte Athos, von seinem instinktartigen Schrecken, den er anfangs fühlte, sich fassend; »sind wir nicht hier, um uns zu verteidigen? Dieser junge Mann machte kaltblütig den Mord zu seinem Handwerke; er tötete den Scharfrichter von Bethune in einem Anfall von Wut, aber jetzt ist seine Rache gesättigt.« Herr de Winter lächelte traurig, schüttelte den Kopf und sagte: »Ihr kennt also dieses Blut nicht mehr?«

»Bah,« versetzte Athos, indem er gleichfalls zu lächeln versuchte, »es wird in der zweiten Generation an Grausamkeit verloren haben. Überdies, Freund, hat uns die Vorsehung gewarnt, daß wir auf unserer Hut seien. Wir vermögen da nichts weiter zu tun, als abzuwarten. So warten wir denn,; allein, wie ich anfangs sagte, reden wir von Euch. Was bringt Euch nach Paris?«

»Einige Angelegenheiten vom Wichtigkeit, welche Ihr später erfahren sollet. Allein, was hörte ich bei Ihrer Majestät der Königin von England sagen? Herr d'Artagnan ist ein Parteigänger Mazarins? Vergebt mir meine Offenheit, o Freund, ich hasse weder den Kardinal, noch tadle ich ihn, Und Eure Meinung bleibt mir jederzeit heilig. Seid Ihr etwa auch von der Partei dieses Mannes?«

»Herr d'Artagnan steht im Dienste,« entgegnete Athos, »er ist Soldat und gehorcht der eingesetzten Gewalt. Herr d'Artagnan ist nicht wohlhabend und braucht seine Stelle als Leutnant, um leben Zu können. Die Millionäre, wie Ihr, Mylord, sind gar selten in Frankreich.«

»Ach!« entgegnete de Winter, »ich bin jetzt ebenso arm und ärmer noch als er. Doch laßt uns auf Euch zurückkommen.«

»Nun, Ihr möchtet wissen, ob ich ein Mazariner bin. Nein, tausendmal nein! Vergebt mir meine Offenheit, Mylord!« Lord Winter stand auf und drückte Athos an seine Brust.

»Ich danke Euch, Graf,« sprach er, »ich danke Euch für diese erfreuliche Botschaft. Ihr seht, wie ich glücklich und entzückt bin. Ah, es freut mich, daß Ihr nicht Mazariner seid; überdies konntet Ihr auch das nicht sein. Doch vergebt mir nochmals, seid Ihr frei?«

»Was meint Ihr unter frei?«

»Ich frage Euch, ob Ihr nicht verheiratet seid?«

»Ah, was das anbelangt, nein,« entgegnete Athos lächelnd. »Weil dieser junge Mann, der so schön, so fein, so einnehmend ist...«

»Er ist ein Kind, das ich erziehe, und das nicht einmal seinen Vater kennt.«

»Recht schön, Athos, Ihr seid immer noch derselbe – großherzig und edel.«

»Sprecht, Mylord, was verlangt Ihr von mir?«

»Sind die Herren Porthos und Aramis noch immer Eure Freunde?«

»Setzt auch d'Artagnan hinzu, Mylord. Wir sind noch immer, wie einst, vier getreue Freunde; wie es sich aber darum Handelt, dem Kardinal zu dienen, oder wider ihn zu streiten, so sind wir noch zu zwei.«

»Ist Herr Aramis mit d'Artagnan?« fragte Lord Winter.

»Nein,« erwiderte Athos, »Herr Aramis tut mir die Ehre an und teilt meine Überzeugungen.«

»Könntet Ihr mich wohl mit diesem liebenswürdigen und geistvollen Freunde wieder in Verbindung bringen?«

»Allerdings, wenn es gefällig ist.«

»Hat er sich verändert?«

»Er hat sich dem geistlichen Stande gewidmet, weiter nichts.«

»Da mußte er wohl auf große Unternehmungen Verzicht leisten.«

»Im Gegenteil,« versetzte Athos lächelnd, »er war noch nie so sehr Musketier wie jetzt und Ihr werdet einen wahren Galaor finden. Wollt Ihr, daß ich ihn durch Rudolf hierher berufe?«

»Ich danke, Herr Graf, man könnte ihn vielleicht zu dieser Stunde nicht zu Hause antreffen. Da Ihr aber für ihn bürgen zu können glaubt ...«

»Wie für mich selber.«

»Könntet Ihr mir auch zusagen, ihn mir morgen um zehn Uhr auf die Louvrebrücke zu führen?«

»Ah, ah!« entgegnete Athos lächelnd, »habt Ihr ein Duell?«

»Ja, Graf, ein schönes Duell, an dem Ihr hoffentlich teilnehmen werdet.«

»Wohin gehen wir, Mylord?«

»Zu Ihrer Majestät der Königin von England, die mir den Auftrag gegeben, Graf, Euch ihr vorzustellen.«

»Kennt mich also Ihre Majestät?« »Ich kenne Euch.«

»Das ist rätselhaft,« erwiderte Athos; »allein gleichviel, habt Ihr die Auflösung zu dem Rätsel, so frage ich nicht weiter danach. Wollet Ihr mir die Ehre schenken und bei mir zu Abend speisen?«

»Ich danke, Graf,« antwortete Lord Winter, »ich bekenne, der Besuch dieses jungen Mannes raubte mir den Appetit und wird mir sicher auch den Schlaf rauben. Welches Unternehmen will er in Paris ausführen? Er kam nicht her, um mich hier zu treffen, da er von meiner Reise nichts gewußt hat. Vor diesem jungen Manne schaudert mir, in ihm liegt eine blutige Zukunft!«

»Was tut er in England?«

»Er ist einer der eifrigsten Anhänger des Oliver Cromwell.«

»Nun errate ich alles; er kommt als Abgeordneter Cromwells.«

»An wen?«

»An Mazarin, und die Königin hat richtig geraten, man ist uns zuvorgekommen. Jetzt wird mir alles klar; lebt wohl, Graf, auf morgen.«

»Allein die Nacht ist finster,« bemerkte Athos, als er Lord Winter von einer viel lebhafteren Besorgnis erschüttert sah, als er zeigen wollte, »und Ihr habt vielleicht keine Diener?«

»Ich habe Tony, der wohl gut, aber unerfahren ist.«

»Holla! Olivain, Grimaud, Blaisois! nehmt das Gewehr und ruft den Vicomte.«

Blaisois war jener große Mensch, halb Diener, halb Landmann, den wir auf dem Schlosse Bragelonne sahen, als er meldete, daß das Mittagsmahl aufgetragen sei, und dem Athos den Namen seiner Provinz beigelegt hatte. Fünf Minuten nach Erteilung jenes Auftrages erschien Rudolf. »Vicomte,« sprach Athos zu ihm, »begleitet Mylord bis zu seinem Gasthause und lasset niemand sich ihm nähern.«

»Auf morgen, Graf,« rief Lord Winter. »Ja, Mylord.«

Der kleine Zug bewegte sich nach der Straße Saint-Louis, Olivain zitternd wie Sofia bei jedem Schimmer zweideutigen Lichtes; Blaisois ziemlich fest, weil er nicht wußte, daß man in irgendeiner Gefahr schwebe, Tony links und rechts spähend, ohne ein Wort zu sprechen, da er nicht Französisch verstand. Lord Winter und Rudolf schritten nebeneinander und unterredeten sich. Grimaud, der dem Befehle Athos' zufolge die Fackel in der einen, das Gewehr in der andern Hand dem Zuge vorangeschritten war, gelangte vor das Gasthaus Lord Winters, schlug mit der Faust an das Tor, und als es geöffnet war, verneigte er sich vor Lord Winter, ohne etwas zu sprechen.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.