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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Oheim und Neffe

Lord Winter ward an der Türe von seinem Pferde und einem Diener erwartet; er ritt nun ganz gedankenvoll seiner Wohnung zu und blickte von Zeit zu Zeit zurück, um die schweigende und dunkle Fassade des Louvre zu betrachten. Hier sah er einen Reiter gleichsam aus der Mauer hervortreten und ihm in einiger Entfernung nachfolgen; er erinnerte sich, daß er, als er das Palais-Royal verließ, einen ähnlichen Schatten bemerkt habe. Auch der Bediente des Lord Winter, der einige Schritte weit hinter ihm ritt, folgte jenem Reiter mit bekümmerten Blicken. »Tony!« rief der Edelmann und gab dem Diener einen Wink, sich zu nähern. »Hier bin ich, gnädiger Herr,« Er ritt an der Seite seines Gebieters. »Hast du jenen Mann bemerkt, der uns nachfolgt?«

»Ja, Mylord.«

»Wer ist es?«

»Das weiß ich nicht, nur folgt er Ew. Gnaden seit dem Palais-Royal, hielt am Louvre an, um Ihr Fortgehen abzuwarten, und setzte sich hier mit Ihnen aufs neue in Bewegung.«

»Das ist irgendein Kundschafter des Kardinals,« dachte de Winter bei sich; »stellen wir uns als sähen wir ihn gar nicht.

Lord Winter stieg vor seinem Gasthofe ab und begab sich in sein Zimmer, mit dem Vornehmen, den Kundschafter beobachten zu lassen, als er aber Hut und Handschuhe auf den Tisch legte, bemerkte er in einem Spiegel, der vor ihm hing, ein Gesicht, das an der Türschwelle erschien. Er wandte sich – es war Mordaunt, der vor ihm stand. Lord Winter erblaßte und blieb bewegungslos stehen; was Mordaunt betrifft, so blieb er kalt, drohend und gleich der Statue des Kommandeurs an der Türe stehen. Es trat zwischen diesen beiden Männern ein Moment eisigen Stillschweigens ein. Dann sprach de Winter: »Mein Herr, ich glaube, Euch begreiflich machen zu müssen, daß mir diese Verfolgung lästig fällt; entfernt Euch also, oder ich will rufen und Euch wie in London fortjagen lassen. Ich bin nicht Euer Oheim, ich kenne Euch gar nicht.«

»Ihr irret, mein Oheim,« entgegnete Mordaunt mit seiner rauhen und höhnischen Stimme, »diesmal werdet Ihr mich nicht fortjagen lassen, wie Ihr es in London getan, Ihr werdet das nicht wagen. Was das Leugnen unserer Verwandtschaft betrifft, so werdet Ihr Euch wohl davor hüten, da ich so manches, was ich vor einem Jahre noch nicht wußte, in Erfahrung gebracht habe.«

»Hm, was geht das mich an, was Ihr erfahren habt?« versetzte de Winter. »O, es geht Euch sehr an, mein Oheim, davon bin ich überzeugt, und Ihr werdet sogleich meiner Meinung beitreten,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, das einen Schauder durch die Adern desjenigen wallen ließ, an den es gerichtet war. »Als ich das erstemal in London zu Euch kam, so geschah es, um zu fragen, was aus meinem Vermögen geworden sei; als ich das zweitemal kam, so geschah es, um zu fragen, was denn meinen Namen befleckt habe. Diesmal komme ich zu Euch, um an Euch eine noch viel schrecklichere Frage zu richten, als jene waren, um Euch zuzurufen wie Gott dem ersten Mörder: 'Kain, was hast du aus deinem Bruder Abel gemacht?' – Mylord, was habt Ihr aus Eurer Schwester gemacht, aus Eurer Schwester, die meine Mutter war?« Lord Winter trat zurück unter dem Feuer dieser sprühenden Augen und stammelte: »Aus Eurer Mutter?«

»Ja, Mylord, aus meiner Mutter,« erwiderte der junge Mann und schüttelte den Kopf von oben nach unten. Lord Winter faßte sich mit Gewalt, und indem er sich in seine Erinnerungen vertiefte, um darin einen neuen Haß aufzusuchen, sprach er: »Forscht nach, was aus ihr geworden ist, und fragt darum die Hölle, vielleicht wird Euch die Hölle Antwort geben.«

Der junge Mann trat nun so weit ins Zimmer vor, daß er dem Lord Winter gegenüberstand, und indem Mordaunt seine Arme kreuzte, sprach er mit dumpfer Stimme und mit einem von Schmerz und Ingrimm totenfahlen Antlitz: »Ich habe den Henker von Bethune darum gefragt, und der Henker von Bethune hat mir geantwortet.« Lord Winter sank auf einen Stuhl, als hätte ihn ein Blitzstrahl getroffen, und versuchte umsonst zu antworten. »Ja, nicht wahr,« fuhr der junge Mann fort, »mit diesen Worten erklärt sich alles, mit diesem Schlüssel öffnet sich der Abgrund? Meine Mutter hatte ihren Gemahl beerbt, und Ihr habt meine Mutter umgebracht. Mein Name sicherte mir das väterliche Vermögen. Ihr habt mich meines Namens beraubt, und dann, nachdem Ihr mich meines Namens beraubt habt, habt Ihr mir mein Vermögen entzogen. Jetzt nimmt es mich nicht mehr wunder, wenn Ihr mich nicht mehr erkennt und Euch weigert, mich zu erkennen. Es ist ungereimt, denjenigen seinen Neffen zu nennen, den man auf räuberische Art arm und als Mörder zur Waise gemacht hat.«

Diese Worte brachten eine Wirkung hervor, die derjenigen, welche Mordaunt erwartete, entgegengesetzt war. Lord Winter, erinnerte sich, welch ein Ungetüm Mylady war; er richtete sich wieder ruhig und ernst empor und bewältigte durch seinen strengen Blick den verwegenen Blick des jungen Mannes, indem er zu ihm sprach: »Ihr wollt in dieses furchtbare Geheimnis dringen, mein Herr? So sei es denn, erfahrt also, wer dieses Weib gewesen, über welches Ihr heute Rechenschaft von mir fordert; dieses Weib hat aller Wahrscheinlichkeit nach meinen Bruder vergiftet, und um mich zu beerben, strebte sie auch mir nach dem Leben, wofür ich Beweise habe. Was sagt Ihr dazu?«

»Ich sage, daß sie meine Mutter gewesen.«

»Sie ließ durch einen Mann, der übrigens rechtschaffen, gut und unbescholten war, den unglücklichen Herzog von Buckingham erdolchen. Was sagt Ihr zu diesem Verbrechen, wovon ich den Beweis habe?«

»Sie war meine Mutter!«

»Als sie nach Frankreich zurückkehrte, vergiftete sie eine junge Frau in dem Kloster der Augustinerinnen zu Bethune, weil sie einen ihrer Feinde geliebt hatte. Wird Euch diese Ruchlosigkeit von der Gerechtigkeit der Strafe überzeugen? Auch von diesem Verbrechen habe ich den Beweis.«

»Sie war meine Mutter!« rief der junge Mann, und gab diesen drei Ausrufungen eine jedesmal gesteigerte Kraft. »Mit einem Worte, beladen mit Mordtaten und Lastern, allen verhaßt und noch bedrohlich wie ein blutrünstiges Pantertier, erlag sie unter den Streichen von Männern, die sie zur Verzweiflung brachte, und die ihr doch nie das geringste Leid zugefügt; sie hatte Richter gefunden, welche ihre abscheulichen Frevel hervorgerufen haben, und jener Henker, den Ihr gesehen, jener Henker, der Euch alles erzählt hat, wie Ihr vorgebt, jener Henker hat, wenn er Euch alles gestanden, auch sagen müssen, daß er vor Freude zitterte, als er an ihr die Schande und den Selbstmord seines Bruders rächte. Als ein sittenloses Mädchen, als ehebrecherische Frau, als unnatürliche Schwester, als Mörderin und Giftmischerin war sie verabscheut von allen Nationen, die sie in ihrer Mitte aufgenommen, und starb, von dem Himmel und von der Erde mit Fluch bedeckt – so war dieses Weib.«

Ein unwillkürlich starkes Schluchzen zerriß Mordaunt den Schlund und trieb ihm das Blut in das leichenfahle Antlitz; er ballte die Hände, und das Gesicht von Schweiß triefend, die Haare auf der Stirne gesträubt wie jene Hamlets, rief er aus, von Wut verzehrt: »Schweigt, sie war meine Mutter! Ihre Fehltritte, ich kenne sie nicht; ihre Freveltaten, ich kenne sie nicht: ich weiß nur so viel, daß ich eine Mutter hatte, daß fünf gegen ein Weib verbündete Männer sie auf eine nächtliche, verstohlene Art umgebracht haben. Das weiß ich, daß Ihr dabei gewesen, Herr, daß Ihr dabei gewesen, mein Oheim, und daß Ihr wie die anderen und noch lauter als die anderen gerufen habt: 'Sie muß sterben!' – Ich sage Euch also auch zur Warnung, höret wohl auf diese Worte, und prägt sie in Euer Gedächtnis auf eine Weise, daß Ihr sie niemals vergessen könnet: 'Ob dieses Mordes, der mir alles raubte, ob dieses Mordes, der mich namenlos machte, ob dieses Mordes, der mich arm, der mich verderbt, boshaft und unversöhnlich machte, will ich zuerst Rechenschaft von Euch fordern und dann von Euren Mitschuldigen, sobald ich sie werde kennen gelernt haben.'«

Den Haß in den Augen, den Schaum vor dem Munde, die Faust gezückt, hatte hier Mordaunt einen Schritt, einen furchtbar drohenden Schritt gegen Lord Winter getan. Dieser fuhr mit der Hand an seinen Degen, und sprach mit dem Lächeln eines Mannes, der seit dreißig Jahren mit dem Tode gespielt hat: »Wollet Ihr mich morden, Herr? dann will ich Euch als meinen Neffen erkennen, denn Ihr seid dann wahrhaft der Sohn Eurer Mutter.«

»Nein,« entgegnete Mordaunt, während er alle Fibern seines Gesichtes, alle Muskeln seines Leibes herabzuspannen bemüht war; »nein, ich will Euch nicht töten, wenigstens in diesem Augenblicke nicht, da ich ohne Euch die andern nicht auffinden könnte. Sobald ich sie aber kenne, so zittert; ich habe den Scharfrichter von Bethune durchbohrt, ich habe ihn ohne Erbarmen durchbohrt, und er war doch von Euch allen der mindest Schuldige.« Nach diesen Worten entfernte sich der junge Mann und stieg mit ziemlicher Ruhe die Treppe hinab, um kein Aufsehen zu erregen; dann schritt er unten an Tony vorbei, der auf das Geländer gestützt war, und nur auf einen Ruf seines Herrn harrte, um hinaufzueilen. Allein Lord Winter rief nicht; er blieb zermalmt und kraftlos mit gespannten Ohren stehen, und dann erst, als er den Hufschlag des forttrabenden Pferdes vernahm, sank er mit den Worten auf einen Stuhl: »Mein Gott, ich danke dir, daß er keinen kennt, außer mir!«

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