Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
Schließen

Navigation:

Der Brief Cromwells

In dem Momente, als die Königin Henriette die Karmeliterinnen verließ, um sich nach dem Palais-Royal zu begeben, stieg am Tor dieser königlichen Residenz ein Reiter vom Pferd und bedeutete die Wachen, er habe dem Kardinal Mazarin etwas von Wichtigkeit mitzuteilen. »Haben Sie einen Audienzbrief?« fragte der Türhüter, der dem Bewerber entgegenschritt. »Ich habe wohl einen, jedoch nicht von dem Kardinal von Mazarin.« »So treten Sie ein und fragen Sie nach Herrn Bernouin,« sagte der Türhüter.

War es zufällig oder hielt sich Bernouin auf seinem gewöhnlichen Posten und hörte alles, da er hinter der Türe stand. »Mein Herr,« sagte er, »ich bin es, den Sie suchen. Von wem ist der Brief, den Sie Sr. Eminenz überbringen?« »Von dem General Oliver Cromwell,« entgegnete der Ankömmling, »wollen Sie doch Sr. Eminenz diesen Namen nennen und mir dann Antwort bringen, ob sie mich empfangen will oder nicht.« Er nahm dabei die finstere und stolze Haltung an, welche den Puritanern eigen ist.

Nachdem Bernouin auf die ganze Persönlichkeit des jungen Mannes einen prüfenden Blick geworfen hatte, ging in das Kabinett des Kardinals und überbrachte ihm die Worte des Boten. »Ein Mann, der einen Brief von Oliver Cromwell bringt?« fragte Mazarin; und was ist er für ein Mensch?«

»Ein wahrhafter Engländer, gnädigster Herr, rötlich-blonde Haare, mehr rötlich als blond, graublaue Augen, mehr grau als blau, übrigens hochmütig und starr.«

»Er soll seinen Brief abgeben.«

Als nun Bernouin aus dem Kabinett wieder in das Vorgemach kam, sagte er: »Der gnädige Herr verlangt den Brief.«

»Monseigneur wird den Brief nicht ohne den Überbringer sehen,« erwiderte der junge Mann; »um Euch aber zu überzeugen, daß ich wirklich ein Schreiben bringe, so seht, da ist es.« Bernouin betrachtete das Siegel, und als er sah, daß der Brief wirklich von dem General Oliver Cromwell komme, kehrte er zu Mazarin zurück. »Füget noch bei,« sprach der junge Mann, »ich sei kein gewöhnlicher Bote, sondern ein außerordentlicher Abgesandter.« Als Bernouin in das Kabinett zurückgekehrt und wenige Sekunden darauf wieder herausgekommen war, sagte er, die Türe offen haltend: »Treten Sie ein, mein Herr!«

Der junge Mann trat an die Schwelle des Kabinetts, indem er den Brief in der einen, den Hut in der andern Hand hielt. Mazarin stand auf und sagte: »Mein Herr, Ihr habt für mich ein Beglaubigungsschreiben?«

»Monseigneur, hier ist es,« sprach der junge Mann. Mazarin nahm, erbrach und las es:

»Herr Mordaunt, einer meiner Sekretäre, wird Sr. Eminenz, dem Kardinal Mazarin in Paris dieses Einführungsschreiben überreichen; überdies überbringt er noch ein zweites, vertrauliches Schreiben für Se. Eminenz. Oliver Cromwell.

Sehr wohl, Herr Mordaunt,« sprach Mazarin, »gebt mir diesen zweiten Brief und nehmt Platz.« Der junge Mann zog ein zweites Schreiben aus der Tasche, überreichte es dem Kardinal und setzte sich. Indes überließ sich der Kardinal ganz seinen Betrachtungen und drehte den Brief, ohne ihn zu erbrechen, in seiner Hand herum; um aber den Boten irrezuleiten, fing er seiner Gewohnheit gemäß an, ihn auszufragen und war aus seinen Erfahrungen überzeugt, daß es wenigen Menschen gelang, ihm etwas zu verhehlen, wenn er zugleich fragte und forschte. »Ihr seid noch sehr jung, Herr Mordaunt,« sprach er, »für das mühevolle Geschäft eines Botschafters, bei dem oft die ältesten Diplomaten scheitern.«

»Monseigneur, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, doch irrt Ew. Eminenz, indem sie mich jung nennt. Ich bin älter als Sie, obschon ich Ihre Weisheit nicht habe « »Wieso, mein Herr?« versetzte Mazarin; »ich verstehe Euch nicht.« »Ich sage, gnädigster Herr, daß die Jahre des Leidens doppelt zählen, und daß ich zwanzig Jahre lang gelitten habe.« »Ach ja, nun verstehe ich,« sprach Mazarin, »Mangel an Vermögen. Nicht wahr, Ihr seid arm?« Dann fügte er in Gedanken hinzu: »Diese englischen Revolutionsleute sind durchwegs Schufte und Gesindel.«»Monseigneur, eines Tages sollte mir ein Vermögen von sechs Millionen zufallen, doch hat man es mir entzogen.« »Ihr seid also kein Mann aus dem Volke?« fragte Mazarin erstaunt. »Besäße ich meinen Rang, so wäre ich Lord; führte ich meinen Namen, so würden Sie einen der berühmtesten Englands hören.« »Wie nennt Ihr Euch also?« fragte Mazarin. »Ich nenne mich Mordaunt,« erwiderte der junge Mann mit einer Verneigung. Mazarin sah, der Abgesandte Cromwells wünsche sein Inkognito zu bewahren. »Ihr habt doch noch Verwandte?« »Ja, Monseigneur, ich habe noch einen.« »So unterstützt er Euch?« »Ich ging dreimal zu ihm und flehte ihn um seinen Beistand an, und dreimal ließ er mich durch seine Bedienten fortjagen.« »Ach mein Gott, lieber Herr Mordaunt,« rief Mazarin, in der Hoffnung, den jungen Mann durch erkünsteltes Mitleid in irgendeine Schlinge gehen zu lassen, »mein Gott, wie interessiert mich doch Eure Erzählung. Kennt Ihr also Eure Abkunft nicht?« »Ich weiß sie erst seit kurzer Zeit.« »Und bis zu dem Augenblicke, wo Ihr sie kennen gelernt ...?« »Habe ich mich wie ein verlassenes Kind betrachtet.« »So habt Ihr Eure Mutter nie gesehen?« »Allerdings, Monseigneur; sie kam, als ich noch Kind war, dreimal zu meiner Amme; an das letztemal, da sie kam, erinnere ich mich so lebhaft; als ob es heute gewesen wäre.« »Ihr habt ein gutes Gedächtnis,« bemerkte Mazarin. »Ach ja, Monseigneur,« entgegnete der junge Mann mit so seltsamer Betonung, daß dem Kardinal ein Schauder durch die Adern rollte. »Was ist aus Euch geworden?« »Als ich auf den Heerstraßen weinte und bettelte, nahm mich ein Priester von Kingston an, unterrichtete mich in der Religion und teilte mir all sein Wissen mit; auch half er mir in den Nachforschungen, die ich über meine Familie anstellte.« »Und diese Nachforschungen?« »Waren vergeblich; der Zufall hat alles getan.« »Habt Ihr ermittelt, was aus Eurer Mutter geworden ist?« »Ich habe erfahren, daß sie von diesem Verwandten unter Mitwirkung von vier Freunden ermordet worden sei; allein ich wußte bereits, daß mir König Karl I. den Adel und alle meine Güter weggenommen habe.« »Ah, nun begreife ich, warum Ihr Herrn Cromwell dienet. Ihr hasset den König.« «Ja, Monseigneur, ich hasse ihn,« entgegnete der junge Mann. Mazarin stutzte bei dem teuflischen Ausdruck, womit der junge Mann diese Worte aussprach; wie sich sonst die Gesichter mit Blut färben, so färbte sich das seinige mit Galle und wurde totenfahl. «Eure Geschichte, Herr Mordaunt, ist furchtbar und rührt mich ungemein; allein zum Glücke für Euch dienet Ihr einem mächtigen Herrn. Er muß Euch in Euren Nachforschungen behilflich sein, da Männern von unserer Stellung so viele Auskünfte zufließen.« »Monseigneur, einem guten Spürhunde braucht man bloß das eine Ende einer Fährte zu zeigen, so kommt er sicher an das andere.« »Wollt Ihr aber, daß ich mit diesem Verwandten rede, von dem Ihr mir gesagt habt?« fragte Mazarin, da ihm daran gelegen war, sich bei Cromwell einen Freund zu machen. »Ich danke, gnädigster Herr, ich will selbst mit ihm reden.« »Doch, sagtet Ihr nicht, daß er Euch mißhandelt habe?« »Er wird mich das nächste Mal, wenn er mich wieder sieht, besser behandeln.« »Ihr habt sonach ein Mittel, ihn zu rühren?« »Ich habe ein Mittel, mich fürchten zu lassen.«

Mazarin starrte den jungen Mann an, doch senkte er bei dem Blitze, der aus dessen Auge zuckte, den Kopf wieder, und verlegen, wie er ein solches Gespräch fortsetze, erbrach er Cromwells Brief. Wir geben ihn buchstäblich wieder:

»An Seine Eminenz, Monseigneur Kardinal Mazarin! Gnädigster Herr, ich wollte Ihre Absichten in Rücksicht der gegenwärtigen Angelegenheiten Englands kennen lernen. Die zwei Königreiche sind zu sehr benachbart, als daß sich Frankreich nicht um unsere Lage bekümmern sollte, gleich wie wir uns um jene von Frankreich bekümmern. Fast alle Engländer sind darin einig, die Gewaltherrschaft des Königs Karl und seiner Parteigänger zu bekämpfen. Da mich das allgemeine Zutrauen an die Spitze dieses Aufstandes stellte, so würdige ich besser als irgend jemand das Wesen und die Folgen davon. Ich führe nun Krieg, und stehe im Begriffe, dem Könige Karl eine entscheidende Schlacht zu liefern. Ich werde dieselbe auch gewinnen, da die Hoffnung der Nation und der Geist des Herrn mit mir ist. Wenn nun diese Schlacht gewonnen ist, so hat der König keine Hilfsquellen mehr, weder in England, noch auch in Schottland, und wird er nicht gefangen genommen oder getötet, so versucht er es, nach Frankreich überzusetzen, um dort Soldaten anzuwerben und sich wieder Geld und Waffen zu besorgen. Frankreich hat bereits die Königin Henriette aufgenommen, und, sicherlich ohne seinen Willen, einen Herd unverlöschbaren Bürgerkrieges in meinem Lande unterhalten; allein Madame Henriette ist eine Tochter Frankreichs, und ihr gebührt Frankreich Gastfreundschaft. In Bezug auf den König Karl bekommt die Frage einen andern Gesichtspunkt; würde ihn Frankreich aufnehmen und unterstützen, so würde es auch die Handlungen des englischen Volkes mißbilligen und somit England, und insbesondere der Regierung, die es zu nehmen vorhat, wesentlich schaden, so daß ein solcher Zustand geradezu schreienden Feindseligkeiten gleich wäre.

Es ist mir daher zu wissen dringend notwendig, Monseigneur, wie ich mich in bezug auf die Gesinnungen Frankreichs zu halten habe. Wiewohl dieses Reich und England im umgekehrten Sinne beherrscht werden, so nähern sich dennoch die Interessen beider mehr, als man meinen sollte. England braucht innere Ruhe, um die Vertreibung des Königs ganz zu bewerkstelligen, und Frankreich braucht Ruhe, um den Thron seines jungen Monarchen festzustellen. Auch Sie bedürfen ebensosehr, wie wir, dieses inneren Friedens, und wir sind ihm auch nahe, kraft der Energie unserer Regierung.

Ihr Hader mit dem Parlamente, Ihre auffallenden Zerwürfnisse mit den Prinzen, die heute für Sie kämpfen, morgen wider Sie streiten werden, der von dem Koadjutor, dem Präsidenten Blancmesnil und dem Rat Broussel geleitete Starrsinn des Volkes, kurz, all diese Zerrüttung, welche durch die verschiedenen Klassen des Reiches geht, muß Sie mit Kümmernis den möglichen Fall eines ausländischen Krieges ins Auge fassen lassen; denn sodann würde sich England in seiner Begeisterung über die neuen Ansichten mit Spanien vereinigen, das sich bereits um dieses Bündnis bewirbt. Da ich Ihre Vorsicht und persönliche Lage kenne, welche die gegenwärtigen Ereignisse um Sie gestalten, so dachte ich, Monseigneur, Sie würden es wohl vorziehen, Ihre Kräfte im Innern des Königreichs Frankreich zusammenzuziehen, und die neue Regierung Englands den ihrigen überlassen. Diese Neutralität besteht nur darin, den König Karl von französischem Gebiete fernzuhalten und diesen Ihrem Lande gänzlich fremden König weder mit Waffen, noch mit Gold, noch mit Truppen zu unterstützen.

Sonach ist mein Brief ein durchaus vertraulicher, darum schicke ich ihn auch durch einen Mann, der mein größtes Zutrauen hat; er geht durch ein Gefühl, welches Ew. Eminenz würdigen wird, den Maßregeln voraus, welche ich nach Maßgabe der Ereignisse nehmen werde. Oliver Cromwell dachte, er würde einem so lichten Geiste, wie der Mazarins ist, leichter Aufschlüsse beibringen, als einer Königin, welche zweifelsohne bewunderungswürdig an Festigkeit, allein zu sehr den Vorurteilen der Geburt und der höheren Gewalt ergeben ist.

Gott befohlen, Monseigneur; bekomme ich binnen vierzehn Tagen keine Antwort, so will ich meinen Brief als ungeschrieben ansehen.

Oliver Cromwell.«

»Herr Mordaunt!« rief der Kardinal mit erhobener Stimme, um gleichsam den Träumer aufzuwecken, »meine Antwort auf diesen Brief wird den General Cromwell um so mehr zufriedenstellen, als ich versichert bin, man werde nicht erfahren, daß ich sie ihm gegeben habe. Wartet somit darauf in Boulogne-sur-Mer, und versprecht mir, daß Ihr morgen abreisen werdet.« »Monseigneur, ich verspreche es,« erwiderte Mordaunt; »allein, wie viele Tage wird mich Ew. Eminenz auf diese Antwort warten lassen?« »Wenn Ihr sie in zehn Tagen noch nicht habt, so möget Ihr abreisen.« Mordaunt verneigte sich. »Das ist noch nicht alles, mein Herr,« fuhr Mazarin fort. »Eure persönlichen Schicksale rührten mich tief; überdies gibt Euch der Brief des Herrn Cromwell in meinen Augen Wichtigkeit. Sagt an, ich wiederhole es Euch, sagt mir, was ich für Euch tun kann.« Mordaunt dachte ein Weilchen nach, und nach einem augenfälligen Zögern wollte er den Mund öffnen, um zu sprechen, da trat aber Bernouin eilfertig ein, neigte sich an das Ohr des Kardinals und flüsterte ihm etwas ganz leise zu. Mazarin machte auf seinem Stuhle eine rasche Bewegung, welche dem jungen Manne nicht entging und die Mitteilung vereitelte, die er zweifelsohne zu machen gewillt war. »Nicht wahr, mein Herr, Ihr habt mich verstanden?« fragte der Kardinal. »Ich bestimme Euch Boulogne, in der Meinung, es sei Euch jede Stadt in Frankreich gleichgültig; zieht Ihr jedoch eine andere vor, so nennt sie mir; allein Ihr werdet wohl einsehen, daß, umgeben von Einflüssen, wie ich bin, denen ich nur durch Verschwiegenheit entgehe, mein Wunsch dieser sein muß, daß man Eure Anwesenheit in Paris nicht erfahre.« »Ich werde abreisen, Monseigneur,« versetzte Mordaunt und näherte sich einige Schritte der Türe, durch die er eingetreten war. »Nein, nicht durch diese Türe – mein Herr!« rief der Kardinal lebhaft, »ich bitte Euch. Geht gefälligst durch diese Galerie, wo Ihr in den Vorhof gelanget. Ich will nicht, daß man Euch fortgehen sehe, unsere Unterredung muß geheim bleiben.«

Mordaunt folgte Bernouin, welcher ihn in einen anstoßenden Saal führte, und ihn einem Türhüter empfahl, während er ihm ein Ausgangstor zeigte. Hierauf empfing Mazarin einen seiner Vertrauten, der ihm über den Zweck des Aufenthaltes der Königin Henriette in Paris Mitteilungen machte, die den Kardinal sichtlich verstimmten.

Nachdem er den Überbringer dieser Nachrichten wieder entlassen hatte, rief er nach Bernouin. Bernouin trat ein. »Man sehe nach, ob sich der junge Mann im schwarzen Anzuge und mit den kurzen Haaren, den du zuvor bei mir eingeführt hast, noch im Palaste befinde.« Bernouin trat mit Comminges wieder ein, der die Wache versah. »Monseigneur,« sprach Comminges, »als ich den jungen Mann zurückführte, nach dem Ew. Eminenz gefragt hatte, näherte er sich der Glastüre und sah da etwas voll Verwunderung an, zweifelsohne das schöne Bild Rafaels, das jener Türe gegenüberhängt; dann blieb er einen Augenblick lang tiefsinnig und stieg die Treppe hinab. Mich dünkt, ich sah ihn einen Grauschimmel besteigen und aus dem Hofraum des Palastes reiten. Doch begeben sich Ew. Eminenz nicht zu der Königin?« »Weshalb?« «Herr von Guitaut, mein Oheim, hat mir eben erzählt, Ihre Majestät habe Nachrichten von dem Heere erhalten.« »Gut, ich will schnell dahingehen.« In diesem Momente erschien Herr von Villequier und holte wirklich den Kardinal im Auftrage der Königin.

Comminges hatte richtig gesehen; Mordaunt tat, wie er berichtet hatte. Als er die mit der großen Glasgalerie parallellaufende Galerie durchschritt, erblickte er de Winter, welcher dort wartete, bis die Königin ihre Unterredung beendigt habe. Bei diesem Anblick war nun der junge Mann, nicht in Verwunderung vor dem Bilde Rafaels, sondern wie verzaubert durch den Anblick eines schrecklichen Gegenstandes plötzlich stehen geblieben; seine Pupillen erweiterten sich; ein Schauder durchwallte seinen ganzen Körper, und man hätte glauben mögen, er wolle durch die gläserne Türe brechen, die ihn von seinem Feinde trennte; denn hätte es Comminges gesehen, mit welchem Haß der junge Mann die Augen auf de Winter heftete, so würde er keinen Augenblick daran gezweifelt haben, daß dieser britische Edelmann sein Todfeind sei. Doch hielt er an. Er tat das ohne Zweifel, um zu überlegen; denn statt daß er sich von seinem ersten Gedanken hinreißen ließ, der da war, geradezu auf Lord de Winter hinzustürzen, stieg er langsam über die Treppe, verließ gesenkten Hauptes den Palast, schwang sich auf sein Pferd, ritt an die Ecke der Straße Richelieu und wartete, die Augen auf das Gitter geheftet, bis die Kutsche der Königin aus dem Palaste komme. Er hatte nicht lange zu warten, da sich die Königin nicht über eine Viertelstunde bei Mazarin aufgehalten hatte; doch kam diese Viertelstunde dem Wartenden wie ein Jahrhundert vor; endlich rollte die Karosse rasselnd durch das Gitter, und Herr de Winter, der noch immer zu Pferde war, neigte sich abermals an den Kutschenschlag, um sich mit Ihrer Majestät zu unterreden.

Die Pferde setzten sich in Trab auf dem Wege nach dem Louvre, wo sie hineinsprengten. Ehe noch die Königin das Kloster der Karmeliterinnen verlassen, sprach sie zu ihrer Tochter, sie möge in dem Palaste warten, worin sie so lange gewohnt, und den sie nur deshalb verlassen hatten, weil ihr das Elend in diesen vergoldeten Zimmern noch viel drückender schien. Mordaunt folgte dem Wagen nach, und als er ihn unter die dunkle Halle fahren sah, drängte er sich mit seinem Pferd an eine Mauer, über die sich Dunkelheit breitete, und blieb mitten unter den Verzierungen von Jean Goujon wie ein Balsrelief, das eine Reiterbüste vorstellt, stehen. Er wartete, wie er es vorher bei dem Palais-Royal getan hatte.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.