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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Am Tage vor der Schlacht

Rudolf ward aus seinen düsteren Betrachtungen durch den Wirt gezogen, der rasch in das Zimmer trat, worin der eben erzählte Auftritt stattgefunden hatte, und ausrief: »Die Spanier! die Spanier!« Indes nun Herr d'Arminges Befehl gab, daß die Pferde zum Aufbruch bereitgehalten werden, gingen die zwei jungen Männer zu den höchsten Fenstern im Hause, welche die Aussicht auf die Umgebung hatten, und sahen wirklich in der Richtung gegen Mersin und Sains ein starkes Infanterie- und Kavalleriekorps heranrücken. Diesmal war es kein herumstreifender Haufen von Parteigängern mehr, sondern ein ganzes Heer. Es ließ sich somit kein anderer Entschluß fassen, als die verständigen Vorschriften des Herrn d'Arminges zu befolgen, und sich zurückzuziehen. Die jungen Männer gingen in Eile hinab. Herr d'Arminges saß schon zu Pferde. Olivain hielt die zwei Pferde der jungen Herren an der Hand, und die Lakaien des Grafen von Guiche bewachten sorgsam zwischen sich den spanischen Gefangenen, der auf einem Gaule ritt, den man für ihn kaufte. Man hatte ihm zur größeren Vorsicht die Hände gefesselt.

Die kleine Truppe ritt im Trab auf dem Wege nach Cambrin dahin, wo man den Prinzen zu treffen hoffte, allein er war seit gestern nicht mehr dort, sondern zog sich zurück nach la Basssée, da ihm eine falsche Botschaft meldete, der Feind setze über die Lys bei Estaire.

Da nun der Prinz durch diese Botschaft getäuscht war, so zog er seine Truppen in der Tat von Bethune zurück, vereinigte alle seine Streitkräfte zwischen Vieille-Chapelle und Benthie, und da er eben von einer Rekognoszierung auf der ganzen Linie mit dem Marschall von Grammont zurückgekehrt war, so setzte er sich zu Tische und befragte die Offiziere, welche an seiner Seite saßen, über die Erkundigungen, die seinem Auftrage gemäß, jeder von ihnen einzuziehen hatte, doch wußte niemand ihm bestimmte Nachrichten zu geben. Die feindliche Armee hatte sich seit achtundvierzig Stunden aus dem Gesichtsfelde verloren und schien verschwunden zu sein. Der Marschall von Grammont erbat sich mit einem Blick die Erlaubnis des Prinzen und ging hinaus. Der Prinz folgte ihm mit den Augen, und seine Blicke blieben auf die Türe geheftet, da niemand zu sprechen wagte, aus Furcht, ihn in seinen Gedanken zu stören.

Auf einmal ertönte ein dumpfer Donner; der Prinz stand schnell auf und streckte die Hand in der Richtung aus, woher der Donner kam. Er kannte recht gut diesen Donner – es war der von Kanonen. Jeder stand auf wie er. In diesem Momente ging die Türe auf. »Gnädigster Herr,« sprach der Marschall von Grammont strahlend, »wollen Ew. Hoheit zu erlauben geruhen, daß mein Sohn, der Graf von Guiche, und sein Reisegefährte, der Vicomte von Bragelonne» Ihnen Nachrichten über den Feind bringen, den wir suchen, und den sie gefunden haben?« »Wie doch, erlauben?« entgegnete der Prinz lebhaft; »ich erlaube es nicht bloß, sondern wünsche es; laß sie eintreten.«

Der Marschall führte die zwei jungen Männer heran, sie standen vor dem Prinzen. »Redet, meine Herren,« sprach der Prinz, sie begrüßend, »erst redet, und dann wollen wir uns die üblichen Komplimente machen. Das Dringlichste für uns alle ist jetzt, zu erfahren, wo der Feind steht, und was er tut. Dem Grafen von Guiche stand natürlicherweise das Wort zu; er war nicht bloß der ältere der zwei jungen Männer, sondern er wurde auch noch von seinem Vater dem Prinzen vorgestellt. Überdies kannte er den Prinzen schon seit langem, während ihn Rudolf heute zum ersten Male sah. Somit berichtete er dem Prinzen das, was sie im Wirtshause zu Mazingarde gesehen hatten.

Mittlerweile betrachtete Rudolf diesen jungen General, der sich bereits durch die Schlachten von Rocroy, Freiberg und Nördlingen so berühmt gemacht hatte. Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, welchen man seit dem Tode Heinrichs von Bourbon, seines Vaters, der Kürze wegen und nach der damaligen Gewohnheit den »Prinzen« 113 nannte, war ein junger Mann von sechsundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahren, mit einem Adlerblick, agl' occhi Grifagni, wie sich Dante ausdrückt, mit gebogener Nase, langen, geringelten Haaren, von mittlerer Größe und wohl gebaut; er besaß alle Eigenschaften eines großen Kriegers, nämlich scharfen Blick, raschen Entschluß und unglaublichen Mut, während er zugleich ein Mann voll Eleganz, Geist und Witz war.

Auf die ersten Worte des Grafen von Guiche und nach der Richtung, aus welcher der Kanonendonner dröhnte, hatte der Prinz alles verstanden. Der Feind mußte bei Saint-Venaut über die Lys gesetzt haben und gegen Lens vorgerückt sein, da er zuverlässig diese Stadt einnehmen und das Heer von Frankreich abschneiden wollte. Diese Kanonen, welche mit ihrem Donner von Zeit zu Zeit die andern überhallten, waren grobes Geschütz, und antworteten auf die spanischen und lothringischen Kanonen. Allein wie stark war dieses Heer? war es ein Korps, das nur eine Diversion bezwecken wollte? war es die ganze Armee? Das war des Prinzen letzte Frage, auf welche de Guiche unmöglich antworten konnte. Da sie jedoch die wichtigste war, so war sie auch diejenige, welche der Prinz auf das genaueste und pünktlichste beantwortet wissen wollte.

Nun überwand Rudolf das ganz natürliche Gefühl von Schüchternheit, das sich dem Prinzen gegenüber unwillkürlich seiner bemächtigt hatte, trat näher hinzu und sprach: »Würde mir Ew. Hoheit erlauben, über diesen Punkt einige Worte zu wagen, die vielleicht Ihre Verlegenheit beheben könnten?«

Der Prinz wandte sich um, und schien den jungen Mann mit einem einzigen Blick zu mustern, und lächelte, als er einen Jüngling vor sich sah, der kaum fünfzehn Jahre zählte. »Allerdings, mein Herr, redet,« sagte er, indem er seine barsche und starke Stimme milderte, als hätte er ein Frauenzimmer vor sich. »Ew. Hoheit könnte den spanischen Gefangenen anhören,« erwiderte Rudolf mit Erröten. Ihr machtet einen Spanier zum Gefangenen?« rief der Prinz.»Ja, gnädigster Herr.« »Ja, wirklich,« fiel de Guiche ein, »ich habe ihn vergessen.« »Das ist sehr natürlich, Graf,« sprach Rudolf lächelnd, »weil Ihr ihn zum Gefangenen gemacht habt.« Der alte Marschall wandte sich dankbar für dieses, seinem Sohne erteilte, Lob zu dem Vicomte, indes der Prinz sagte: »Der junge Mann hat recht; man führe den Gefangenen vor.«

Man brachte den Parteigänger. Es war einer von jenen unter Tücke und Plünderung ergrauten Condottieri, wie es damals noch einige gab, die ihr Blut an jeden verkauften, er es bezahlen wollte. Seit seiner Gefangennehmung sprach er nicht ein Wort, so daß die, welche ihn festgenommen, selbst nicht wußten, welcher Nation er angehöre. Der Prinz sah ihn voll Mißtrauen an und fragte: »Von welcher Nation bist du?« Der Gefangene antwortete einiges in einer fremden Sprache. »Ah, er scheint Spanier zu sein. Grammont, sprechen Sie spanisch?« »Meiner Treue, gnädigster Herr, sehr wenig.« »Und ich gar nichts,« sprach der Prinz lachend. »Meine Herren,« fuhr er fort, und wandte sich zu denen, die ihn umgaben, »ist jemand unter Euch, der spanisch versteht und mir als Dolmetsch dienen wollte?« »Ich, gnädigster Herr,« antwortete Rudolf. »Ah, Ihr sprecht spanisch?« »Wie ich glaube genugsam, um den Befehlen Ew. Hoheit bei dieser Gelegenheit nachzukommen.«

Der Gefangene verhielt sich während dieser ganzen Zeit gleichgültig, als hätte er ganz und gar nicht verstanden, um was es sich handelt. Da sprach zu ihm der junge Mann im reinsten Castilianisch: »Der gnädigste Herr ließ dich fragen, welcher Nation du angehörst?« »Ich bin ein Deutscher,« erwiderte der Gefangene. »Zum Teufel, was sagt er denn? fragte der Prinz, »was ist das für ein neues Kauderwelsch?« »Gnädigster Herr,« entgegnete Rudolf, »er sagt, daß er ein Deutscher sei; allein ich zweifle, denn sein Akzent ist schlecht und seine Aussprache fehlerhaft.« »Ihr sprecht somit auch deutsch?« fragte der Prinz. »Ja, gnädigster Herr,« entgegnete Rudolf. »Hinlänglich um ihn in dieser Sprache zu verhören?«»Ja, gnädigster Herr.« »Verhöret ihn also.«

Rudolf fing das Verhör an, allein der Erfolg bewährte seine Voraussicht. Der Gefangene verstand das nicht oder tat, als verstände er nicht, was Rudolf zu ihm sprach, während Rudolf wieder seine halb flamändischen, halb elsässischen Antworten falsch verstand. Indes hatte Rudolf mitten unter all diesen Bemühungen des Gefangenen, ein Verhör zu vereiteln, den natürlichen Akzent dieses Mannes ausgemittelt und sprach zu ihm auf italienisch: »Du bist kein Spanier, bist kein Deutscher, sondern ein Italiener.« Der Gefangene grinste und biß sich in die Lippen. »Ah,« rief der Prinz von Condé, »das verstehe, ich vollkommen, und da er Italiener ist, will ich das Verhör fortsetzen. Vicomte, ich danke Euch und ernenne Euch hiermit zu meinem Dolmetsch.«

Allein der Gefangene war ebensowenig geneigt, italienisch zu antworten als in den anderen Sprachen; er wollte den Fragen immer nur ausweichen. Sonach wußte er auch von nichts, weder von der Zahl der Feinde, noch von dem Namen dessen, der sie anführte, noch von dem Zuge der Armee und ihrer Absicht. »Nun gut,« sprach der Prinz, der die Ursachen dieser verstellten Unwissenheit einsah; »dieser Mann ist bei Mord und Plünderung betreten worden; er hätte sich dadurch, daß er Antwort gab, das Leben erkaufen können, da er aber nicht sprechen will, so führt ihn fort und schießt ihn tot.«

Der Gefangene wurde blaß, die zwei Soldaten, welche ihn hierher geführt hatten, faßten ihn jeder bei einem Arme und zogen ihn gegen die Türe hin, indes sich der Prinz zu dem Marschall von Grammont wandte, und den erteilten Befehl vergessen zu haben schien. Als der Gefangene bei der Türschwelle ankam, blieb er stehen: die Soldaten, welche nur ihren Befehl kannten, wollten ihn von hinnen zerren. »Einen Augenblick!« rief der Gefangene auf französisch: »gnädigster Herr! ich bin bereit zu sprechen.«

»Ah!« sprach der Prinz lachend, »wußte ich doch, daß wir an dieses Ziel kommen würden. Ich habe ein wundersames Geheimnis, um die Zungen zu lösen.«

»Allein unter der Bedingung,« sagte der Gefangene, »daß mir Ew. Hoheit das Leben zusichert.«

»Auf Edelmannswort,« sprach der Prinz. »Nun so verhören Sie mich, gnädigster Herr.«

»Wo hat das Heer über die Lys gesetzt?«

»Zwischen Saint-Venaut und Aire.«

»Wer befehligt es?«

»Der Graf von Fuenfaldagna, der General Beck und der Erzherzog in Person.«

»Wie stark ist es?«

»Es zählt achtzehntausend Mann und sechsunddreißig Kanonen.«

»Und marschiert –?«

»Gegen Lens.«

»Seht Ihr nun, meine Herren!« sprach der Prinz und wandte sich mit triumphierender Miene zu dem Marschall von Grammont und den andern Offizieren. »Ja, gnädigster Herr,« entgegnete der Marschall, »Sie haben alles das erraten, was zu erraten dem menschlichen Geiste möglich ist.«

»Ruft mir Plessis-Belliève, Villequier und d'Erlac,« sprach der Prinz, »ruft alle Truppen zurück, die jenseits der Lys stehen; sie sollen sich bereit halten, heute nacht aufzubrechen: morgen wollen wir höchstwahrscheinlich den Feind angreifen.« Dann wandte er sich zu dem Gefangenen und fuhr fort: »Führet diesen Menschen hinweg, und habt auf ihn ein sorgsames Auge. Sein Leben hängt ab von den Auskünften, die er uns erteilt hat; sind sie wahr, so soll er frei sein, sind sie falsch, so werde er erschossen.« Man brachte den Gefangenen hinweg. »Graf von Guiche,« fuhr der Prinz fort, »Ihr bleibt bei Eurem Vater, da Ihr ihn seit langer Zeit nicht gesehen habt.« – Dann wandte er sich zu Rudolf und sagte: »Mein Herr, wenn Ihr nicht allzu sehr ermüdet seid, so begleitet mich.«

»Bis ans Ende der Welt, gnädigster Herr.« rief Rudolf, da er für diesen jungen Heerführer, der ihm seines Rufes so würdig schien, eine nie gekannte Begeisterung fühlte. »Gehen wir also, mein Herr,« sprach er; »Ihr seid ein guter Ratgeber, das haben wir eben erfahren; morgen werden wir sehen, wie Ihr bei der Ausführung seid.«

Inzwischen erdröhnten bei jedem Schritte, mit dem sich die kleine Truppe Lens näherte, die Kanonen immer lauter. Der Prinz bewaffnete sich mit dem Blicke eines Geiers. Man hätte geglaubt, er besitze die Kraft, durch den Vorhang von Bäumen zu dringen, der sich vor ihm ausbreitete und den Horizont begrenzte. Endlich vernahm man den Kanonendonner so nahe, als befände man sich wirklich nicht mehr weiter als etwa eine Meile vom Schlachtfelde entfernt. In der Tat bemerkte man bei der Biegung des Weges das kleine Dorf Annay. Die Bauern waren höchlich bestürzt; das Gerücht von den Grausamkeiten der Spanier erfüllte jeden mit Entsetzen; schon hatten 5 sich die Weiber geflüchtet und nach Vitry zurückgezogen, nur einige Männer blieben noch zurück. Als sie den Prinzen erblickten, eilten sie herbei, da ihn einer aus ihnen erkannt hatte. »Ach, gnädigster Herr, kommen Sie, um all diese Räuber von Spaniern und Lothringern zu vertreiben?«

»Ja.« erwiderte der Prinz, »wenn du mein Führer sein willst.«

»Recht gern, gnädigster Herr. Wohin soll ich Ew. Hoheit führen?«

»Auf irgendeinen hochgelegenen Punkt, von wo ich Lens und seine Umgebungen überblicken kann.«

»In dieser Beziehung habe ich, was Sie bedürfen.«

»Kann ich dir trauen? Bist du ein guter Franzose?«

»Ich bin ein alter Soldat von Rocroy, gnädigster Herr.«

»Da hast du,« sprach der Prinz, indem er ihm seine Börse reichte, »das nimm für Rocroy. Willst du ein Pferd oder gehst du lieber zu Fuß?«

»Zu Fuß, gnädigster Herr, zu Fuß; ich habe stets bei der Infanterie gedient. Überdies denke ich, Ew. Hoheit auf Wegen zu führen, wo Sie wohl selbst absteigen müssen.« »Komm' also,« sprach der Prinz, »und laß uns keine Zeit verlieren. Der Landmann machte sich auf und lief vor dem Pferde des Prinzen her.

Nach Verlauf von zehn Minuten kam man zu den Ruinen eines alten Schlosses, welche den Gipfel eines Hügels krönten, von wo aus man die ganze Gegend überblickte. Kaum eine Viertelstunde entfernt, gewahrte man das aufs äußerste gebrachte Lens, und vor Lens die ganze feindliche Armee. Der Prinz übersah mit einem einzigen Blicke die ganze Strecke von Lens bis Vismy; und in einem Momente entwickelte sich in seinem Geiste der ganze Plan der Schlacht, welche am nächsten Tage Frankreich zum zweiten Male vor einer Invasion bewahren sollte. Er nahm einen Bleistift, riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb:

»Lieber Marschall! In einer Stunde wird Lens in feindlichen Händen sein. Kommt mit dem ganzen Heere zu mir. Ich werde in Vendin sein, um es seine Stellung einnehmen zu lassen. Morgen wird Lens wieder gewonnen und der Feind geschlagen sein.«

Dann wandte er sich zu Rudolf und sagte: »Geht, mein Herr, reitet, so schnell Ihr es vermöget, und bringt Herrn von Grammont diesen Brief.« Rudolf verneigte sich, nahm den Brief, stieg schnell den Berg hinab, schwang sich auf sein Pferd und sprengte von hinnen. Eine Viertelstunde darauf war er bei dem Marschall.

Ein Teil der Truppen war bereits angekommen; die anderen erwartete man mit jedem Augenblicke. Der Marschall von Grammont stellte sich an die Spitze all der Infanterie und Kavallerie, die er zur Verfügung hatte, und begab sich auf die Straße von Vendin, wahrend er den Herzog von Chatillon zurückließ, daß er die übrigen erwarte und nachführe. Die Artillerie war zum Aufbruch bereit und setzte sich in Bewegung. Es war sieben Uhr abends, als der Marschall an dem bezeichneten Orte ankam, wo ihn der Prinz bereits erwartete. Wie er es vorausgesehen, so war Lens gleich nach Rudolfs Aufbruch in die Macht der Feinde gefallen. Um neun Uhr war es finstere Nacht. Man setzte sich schweigend in Bewegung; der Prinz führte die Kolonne. Als das Heer über Annay hinausgekommen war, sah es vor sich Lens; zwei bis drei Häuser standen in Flammen, und ein dumpfes Getöse, womit sich der Todeskampf einer im Sturm eroberten Stadt kundgab, drang bis zu den Soldaten. Der Prinz wies jedem seinen Posten an; der Marschall von Grammont mußte die äußerste Linke einnehmen und sich auf Mèricourt stützen; der Herzog von Chatillon bildete das Zentrum; der Prinz, der den rechten Flügel befehligte, wollte vor Annay bleiben. Die Bewegung wurde ganz im stillen und mit der größten Pünktlichkeit ausgeführt. Um zehn Uhr hatte jeder seine Stellung eingenommen. Um halb elf Uhr besuchte der Prinz die Posten und erteilte für den nächsten Tag seine Befehle, Der Prinz teilte den Grafen von Guiche seinem Vater zu und behielt Bragelonne bei sich; allein die zwei jungen Männer wünschten, die Nacht miteinander zuzubringen, was ihnen auch zugestanden wurde. Man errichtete für sie ein Gezelt neben dem des Marschalls. Wiewohl der Tag ermüdend gewesen war, so fühlte doch weder der eine noch der andere ein Bedürfnis zum Schlafe.

Kehren wir nun für eine Weile zu unseren Freunden nach Paris zurück.

Die zweite Zusammenkunft der vormaligen Musketiere war nicht so pomphaft und bedrohlich wie die erste. Athos dachte bei seinem stets überlegenen Verstande, die Tafel sei das schnellste und sicherste Vereinigungsmittel; und in dem Momente, wo seine Freunde aus Furcht vor seiner Überlegenheit und Nüchternheit nicht von einer jener guten Mahlzeiten zu reden wagten, die sie einst im Pomme-du-Pin oder in Parpaillot eingenommen, machte er zuerst den Vorschlag, sich bei einem wohlbesetzten Tische einzufinden, wo sich jeder ohne Rückhalt seinem Charakter und Manieren überlassen sollte, um das gute Einvernehmen zu unterhalten, das ihnen einst den Namen der Unzertrennlichen gegeben habe.

Man tafelte vorzüglich und unterhielt sich mit dem Erzählen der Abenteuer jedes der vier alten Freunde, als plötzlich an die Türe geklopft wurde. »Herein!« rief Athos. »Meine Herren!« sprach der Wirt, »es ist ein Mann hier, der große Eile hat, und einen von ihnen zu sprechen wünscht.«

»Wen?« fragten die vier Freunde.

»Denjenigen, der sich Graf de la Fère nennt.«

»Das bin ich!« rief Athos.

»Und wie heißt dieser Mann?«

»Grimaud.«

»Ha,« sagte Athos erbleichend, »er kommt schon zurück? Was ist Bragelonne zugestoßen?«

»Laßt ihn eintreten.« sprach d'Artagnan. Doch Grimaud war bereits über die Treppe gestiegen und harrte auf dem Vorplatze; er stürzte in das Zimmer und verabschiedete mit einem Winke den Wirt. Der Wirt versperrte die Türe wieder; die vier Freunde waren gespannt. Grimauds Aufregung, seine Blässe, der Schweiß auf seiner Stirn, der Staub auf seinem Gewande, alles zeigte an, daß er eine wichtige und schreckenvolle Botschaft überbringe. »Meine Herren,« sprach er. »jene Frau, über die wir einst in Armentières Gericht gehalten haben, hatte ein Kind, dieses Kind ist ein Mann geworden; die Tigerin hatte ein Junges, der Tiger ist groß gewachsen und kommt zu ihnen; seien Sie auf der Hut.« Athos blickte schwermütig lächelnd auf seine Freunde, Porthos suchte sein Schwert an seiner Seite, das jedoch an der Wand hing, Aramis faßte sein Messer an, d'Artagnan richtete sich empor und rief aus: »Was willst du damit sagen?«

»Daß Myladys Sohn England verlassen hat, in Frankreich ist und nach Paris kommt, wenn er nicht schon hier ist.«

»Zum Teufel!« rief Porthos, »weißt du das gewiß?«

»Gewiß,« entgegnete Grimaud.

Ein langes Schweigen folgte. Grimaud war so atemlos und erschöpft, daß er auf einen Stuhl sank. Athos füllte ein Glas mit Champagner und reichte es ihm. »Nun denn,« sprach d'Artagnan, »wenn er auch wirklich lebt und nach Paris kommt; wir haben schon andere gesehen; er möge nur kommen.«

»Ja,« versetzte Porthos und liebkoste sein an der Wand hängendes Schwert; »er komme, wir erwarten ihn.«

»Überdies ist er nur ein Knabe,« bemerkte Aramis, Grimaud stand auf und sagte: »Ein Knabe? wissen sie, was dieser Knabe getan hat? Als Mönch vermummt, hat er die ganze Geschichte entdeckt, die ihm der Scharfrichter von Bethune reumütig bekannte; und als er von ihm alles erfahren hatte, stieß er ihm diesen Dolch ins Herz. Sehen Sie, er ist noch rot und feucht, da er erst vor dreißig Stunden aus der Wunde gezogen worden ist.« Da warf Grimaud den Dolch auf die Tafel, welchen Francis in der Wunde des Scharfrichters vergessen hatte. D'Artagnan, Porthos und Aramis standen auf und stürzten mit unwillkürlicher Bewegung auf ihre Schwerter hin. Nur Athos blieb ruhig und gedankenvoll sitzen. »Du sagst, Grimaud, er war als Mönch vermummt?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Was für ein Mensch ist er?«

»Wie der Wirt gesagt hat, ist er von meiner Größe, mager, blaß, mit lichtblauen Augen und blonden Haaren.«

»Und – hat er Rudolf gesehen?« fragte Athos. »Sie begegneten einander, und der Vicomte selber führte ihn an das Bett des Sterbenden.« Athos stand auf, ohne daß er ein Wort sprach, und holte gleichfalls sein Schwert von der Wand. »He doch, meine Herren,« rief d'Artagnan, indem er sich bemühte, zu lachen, »wißt Ihr, daß wir aussehen wie feige Weiber? Wie doch, wir, die wir mit offener Stirn Kriegsheeren entgegengezogen sind, wir beben jetzt vor einem Kinde?« »Ja,« entgegnete Athos, »allein dieses Kind kommt im Namen Gottes.« Und sie entfernten sich eilig aus dem Gasthause.

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