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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Grimaud spricht

Grimaud war allein bei dem Scharfrichter zurückgeblieben; der Wirt war fortgeeilt, um Hilfe zu holen, und die Wirtin betete. Nach einem Weilchen öffnete der Verwundete seine Augen wieder. »Hilfe!« stammelte er, «Hilfe! ach, mein Gott! finde ich denn keinen Freund mehr hienieden, der mir im Leben oder im Tode beisteht?« Er legte mit Anstrengung die Hand auf seine Brust – wo er dem Griffe des Dolches begegnete. »O,« stöhnte er wie ein Mensch, der sich erinnert, dann ließ er seinen Arm zur Seite herabgleiten. »Mut gefaßt, « rief ihm Grimaud zu, »man holt Hilfe herbei.« »Wer seid Ihr?« fragte der Verwundete und starrte Grimaud mit weit geöffneten Augen an. »Ein alter Bekannter,« entgegnete Grimaud. »Ihr?« Der Verwundete suchte sich an die Züge desjenigen zu erinnern, der so mit ihm sprach, und fragte: »Bei welcher Gelegenheit trafen wir uns denn?« »Vor zwanzig Jahren in einer Nacht. Mein Herr holte Euch in Bethune ab und führte Euch nach Armentieres.« »Nun erkenne ich Euch,« versetzte der Scharfrichter, »Ihr wäret einer von den vier Dienern.« »Ganz richtig.« »Woher kommt Ihr?« »Ich reiste die Straße vorbei und lehrte in diesem Wirtshause ein, um mein Pferd sich erfrischen zu lassen. Man sagte mir, der Scharfrichter von Bethune liege hier verwundet, als Ihr zwei Schreie ausstießet. Bei dem erste« eilten wir herbei, bei dem zweiten sprengten wir die Türe.« «Und der Mönch?« fragte der Scharfrichter, »sahet Ihr den Mönch?« »Nein, er war nicht mehr hier; er scheint durch das Fenster entflohen zu sein; hat denn er Euch verwundet?« »Ja,« entgegnete der Scharfrichter.

Grimaud machte Miene, als wollte er sich entfernen. »Was wollt Ihr tun?« fragte der Verwundete. »Man muß ihm nachsetzen.« »Davor hütet Euch wohl.« »Weshalb?« »Er hat sich gerächt, und tat wohl daran. Jetzt erst, da ich abbüße, hoffe ich auf Gottes Vergebung.« »Erklärt Euch,« sagte Grimaud. »Jene Frau, die Eure Herren und Ihr mich töten ließet.« »Mylady?« »Ja, Mylady, richtig, Ihr habt sie so genannt ...« »In welcher Beziehung steht Mylady mit dem Mönch?« «Sie war seine Mutter.« Grimaud schauderte und starrte den Sterbenden mit trüben, fast lichtlosem Augen an. »Seine Mutter?« wiederholte er. »Ja, seine Mutter.« »Kennt er also jenes Geheimnis?« »Ich hielt ihn für einen Mönch, und entdeckte es ihm.« »Unglückseliger!« rief Grimaud, dem sich schon bei dem bloßen Gedanken an die Folgen, die eine solche Entdeckung haben könne, die Haare mit Schweiß befeuchteten; »Unglückseliger, Ihr nanntet doch niemanden, wie ich hoffe?« »Ich sprach keinen Namen aus, da ich keinen kannte, ausgenommen den Geschlechtsnamen seiner Mutter, woran er sie erkannt hat; allein er weiß, daß sein Oheim unter der Zahl der Richter war.«

Nach diesen Worten sank er erschöpft zurück. Grimaud wollte ihm Hilfe leisten und streckte die Hand aus nach dem Hefte des Dolches. Rührt mich nicht an,« sprach der Scharfrichter; »wie man diesen Dolch herauszieht, muß ich sterben.« Grimaud blieb mit ausgestreckter Hand stehen, dann schlug er sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn und rief: »Ha, wenn dieser Mensch je erfährt, wer die anderen sind, so ist mein Herr verloren.« »Eilt,« rief der Scharfrichter, »eilt und warnt ihn, wenn er noch lebt; eilt, und warnet die Freunde. Seid überzeugt, mit meinem Tode entwickelt sich noch nicht jenes schreckliche Abenteuer.« »Wohin ist er gegangen?« fragte Grimaud. »Nach Paris.« »Wer hat ihn angehalten?« »Zwei junge Edelleute, die sich zu dem Heere begaben, und von denen der eine, dessen Namen ich von seinem Begleiter aussprechen hörte, sich Vicomte von Bragelonne genannt hat.« »Und dieser junge Mann führte Euch den Mönch zu?« »Ja.« Grimaud schlug die Augen zum Himmel auf und rief: »So war es denn Gottes Wille.« »Zweifelsohne,« entgegnete der Verwundete. »Dann ist es entsetzlich,« seufzte Grimaud, »und doch hat dieses Weib ihr Los verschuldet. Seid Ihr denn nicht auch dieser Ansicht?« »Im Augenblick des, Todes,« versetzte der Scharfrichter, erscheinen uns die Sünden anderer seht klein im Vergleiche zu den unsrigen.« Darauf sank er abermals erschöpft zurück und schloß die Augen.

Der Arzt war gekommen und näherte sich dem Sterbenden, der ohnmächtig schien. Wie schon gesagt, war der Dolch bis an den Griff hineingebohrt. Der Wundarzt erfaßte das Ende des Heftes; nach Maßgabe, als er an sich zog, öffnete der Verwundete mit entsetzlicher Starrheit die Augen. Als die Klinge völlig aus der Wunde gezogen, bedeckte ein rötlicher Schaum den Mund des Unglücklichen, dann spritzte in dem Momente, wo er Atem holte, ein Blutstrom aus der Mündung der Wunde empor; der Sterbende stierte mit einem eigenen Ausdruck Grimaud an, stieß ein dumpfes Röcheln aus und veratmete auf der Stelle.

Grimaud nahm nun den mit Blut übergossenen Dolch, der auf dem Boden lag. Er war anfangs gewillt, geradewegs nach Paris zurückzukehren, allein er dachte an die Besorgnisse, in die seine längere Abwesenheit Rudolf versetzen würde; er dachte, Rudolf wäre nur zwei Meilen voraus, und er könnte in einer halben Stunde bei ihm sein, wobei zum Hin- und Zurückreiten und Erklären nur eine Stunde erforderlich wäre; sonach sprengte er von hinnen, und war in zwanzig Minuten bei dem Mulet couronné, dem einzigen Gasthofe in Mazingarde. Er war bei den ersten Worten, die er mit dem Wirte wechselte, versichert, daß er den eingeholt habe, welchen er suchte.

Rudolf saß eben mit dem Grafen von Guiche und seinem Hofmeister zu Tische. Auf einmal ging die Türe auf, und Grimaud trat ein, bleich, und bedeckt mit dem Blute jenes Unglücklichen. »Grimaud, mein guter Grimaud!« rief Rudolf, »endlich bist du hier! Entschuldigt, meine Herren, er ist kein Diener, er ist ein Freund.« Er stand auf, eilte ihm entgegen und fuhr fort: »Doch was ist dir denn? Wie bleich du aussiehst – Blut! woher kommt dieses Blut?«

»Wirklich, das ist Blut,« sprach der Graf, indem er aufstand. »Bist du verwundet, mein Freund?«

»Nein, gnädiger Herr,« versetzte Grimaud, »dieses Blut ist nicht das meinige.«

»Also wessen denn?« fragte Rudolf.

»Es ist das Blut jenes Unglücklichen, den Sie im Wirtshaus zurückgelassen haben, und der in meinen Armen gestorben ist.«

»In deinen Armen – jener Mann? weißt du, wer es war?«

»Ja,« erwiderte Grimaud. »Es war der vormalige Scharfrichter von Bethune.«

»Das weiß ich.«

»Du kanntest ihn?«

»Ich kannte ihn.«

»Und er starb?«

»Ja.«

Die zwei jungen Männer blickten einander an. »Geh, Grimaud, und laß dich bedienen; schaffe an, bestelle, und wenn du dich erquickt hast, so laß uns plaudern.«

»Nein, gnädiger Herr, nein,« antwortete Grimaud, »ich kann hier keinen Augenblick verweilen, ich muß nach Paris zurückkehren.«

»Wie, du kehrest nach Paris zurück? Du irrst; Olivain geht dahin und du bleibst hier.«

»Im Gegenteil, Olivain wird bleiben, und ich reise, ich bin ausdrücklich gekommen, um es Ihnen zu melden.«

»Aus welcher Veranlassung ward das abgeändert?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Erkläre dich.«

»Ich kann mich nicht erklären.«

»Geh doch, was soll dieser Scherz?«

»Der Herr Vicomte weiß, daß ich niemals scherze.«

»Ja. allein ich weiß auch, daß der Herr Graf de la Fère zu mir sagte, du würdest bei mir bleiben, und Olivain sollte nach Paris zurückgehen. Ich werde mich an die Befehle des Herrn Grafen halten.«

»Doch nicht unter diesen Umständen, gnädiger Herr!«

»Willst du mir etwa ungehorsam werden?«

»Ja, gnädigster Herr, da es sein muß.«

»Also bestehst du darauf?«

»Ich gehe, Herr Vicomte; seien Sie glücklich.«

Grimaud verneigte sich und wandte sich der Türe zu, um fortzugehen. Rudolf war entrüstet und zugleich besorgt, stürzte ihm nach und hielt ihn am Arm zurück, während er ausrief: »Grimaud, du bleibst hier, ich will es!«

»Dann,« erwiderte Grimaud, »dann wollen Sie, daß ich den Herrn Grafen ermorden lasse.« Grimaud verneigte sich abermals und machte Miene, sich zu entfernen. »Ha, Grimaud, mein Freund!« rief der Vicomte, »du wirst nicht so fortgehen, und mich in solcher Angst lassen. Rede, Grimaud, im Namen des Himmels, rede!« Rudolf sank ganz wankend auf einen Stuhl nieder. »Ich kann Ihnen nur eins mitteilen, gnädiger Herr, denn das Geheimnis, das Sie von mir fordern, gehört nicht mir. Nicht wahr. Sie sind einem Mönche begegnet?« »Ja.« Die zwei Männer blickten sich voll Schauder an. »Sie haben ihn zu dem Verwundeten gebracht?« »Ja.« »So hatten Sie Zeit, ihn zu sehen?« »Ja.« »Und vielleicht werden Sie ihn wieder erkennen, wenn Sie ihm je noch einmal begegnen sollten?« »O ja, das schwöre ich!« rief Rudolf. »Auch ich,« sagte de Guiche. »Nun, wenn Sie diesem Menschen, der nicht Mönch ist, je wieder begegnen, wo es auch wäre, auf der Heerstraße, in der Stadt, in irgendeinem Gebäude, so setzen Sie den Fuß auf ihn und zermalmen Sie ihn ohne Mitleid, ohne Erbarmen, wie Sie es mit einer Viper, einer Schlange, einer Schleiche tun würden; treten und lassen Sie ihn nicht früher los, bis er völlig tot ist, denn so lang er lebt, bleibt mir das Leben von fünf Menschen zweifelhaft.« Und ohne daß Grimaud noch ein Wort beifügte, benützte er das Erstaunen und den Schrecken, in welche er diejenigen versetzt hatte, die ihn anhörten, um aus dem Zimmer zu eilen.

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