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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Scharmützel

Der Aufenthalt in Noyon währte nur kurz, jeder machte da einen tiefen Schlaf. Rudolf gab Befehl, ihn zu wecken, wenn Grimaud käme, allein Grimaud kam nicht. Die Pferde stellten sich ohne Zweifel zufrieden mit den acht Stunden völliger Ruhe in der reichlichen Streu, die man ihnen gab. Der Graf von Guiche wurde um fünf Uhr früh von Rudolf geweckt, da er zu ihm kam, um ihm einen guten Morgen zu wünschen. Man frühstückte in aller Eile, und um sechs Uhr hatte man schon wieder zwei Meilen zurückgelegt.

Die Unterhaltung des jungen Grafen war für Rudolf höchst anziehend. Rudolf war daher ein eifriger Zuhörer, der junge Graf ein unermüdlicher Erzähler. Er war in Paris erzogen, wohin Rudolf nur einmal gekommen war, an dem Hofe, welchen Rudolf nie gesehen; seine Pagenstreiche und zwei Duelle, zu denen er ungeachtet der Edikte und zumal ungeachtet seines Hofmeisters Mittel gefunden hatte, waren für Rudolf höchst merkwürdige Dinge. Sodann kam die Reihe an die Galanterien und Liebschaften. Auch in dieser Hinsicht hatte Bragelonne viel mehr zu hören als zu erzählen. Sonach hörte er zu und glaubte, durch drei bis vier ziemlich durchsichtige Abenteuer des Grafen zu ersehen, daß derselbe gleich ihm ein Geheimnis auf dein Grunde seines Herzens trage.

Die Pferde, welche jetzt mehr als tags zuvor geschont wurden, hielten um vier Uhr abends in Arras an. Man kam dem Kriegsschauplatze näher, und beschloß, in dieser Stadt bis zum nächsten Morgen zu bleiben, weil manchmal spanische Scharen während der Nacht Streifzüge bis in die Umgebungen von Arras machten. Die französische Armee stand von Pont à Marc bis Valenciennes und breitete sich bis Douai aus. Der Prinz selbst, hieß es, befand sich in Bethune. Die feindliche Armee dehnte sich von Cassel nach Courtray aus, und da sie jede Art Plünderung und Gewalttätigkeit verübte, so verließen die armen Grenzbewohner ihre einsam gelegenen Güter und flüchteten in befestigte Städte, die ihnen Schutz zusagten. Arras war voll von Flüchtlingen.

Am Morgen ging die Sage, der Prinz von Condé habe Bethune geräumt, um sich nach Corvin zurückzuziehen, doch habe er in der ersten Stadt eine Besatzung zurückgelassen. Da jedoch dieses Gerücht nur unbestimmt lautete, so beschlossen die zwei jungen Männer, ihren Weg nach Bethune fortzusetzen, wo sie unterwegs rechts einbiegen und nach Corvin gehen konnten. Dem Hofmeister des Grafen von Guiche war diese Gegend vollkommen bekannt; er schlug demnach vor, einen Feldweg zu nehmen, der in der Mitte zwischen der Straße nach Lens und jener nach Bethune dahinlief. In Ablain wollte man Erkundigungen einziehen und für Grimaud einen Reisebescheid zurücklassen.

Gegen sieben Uhr machte man sich auf den Weg. Der junge und feurige Guiche sprach zu Rudolf: »Wir sind da unser drei Herren mit drei Bedienten; die Bedienten sind wohl bewaffnet, und der Eurige kommt mir ziemlich herzhaft vor.« »Ich sah ihn noch nie am Werke,« erwiderte Rudolf, »doch ist er aus der Bretagne, und das verspricht etwas.« »Ja, ja,« entgegnete de Guiche, »und ich bin überzeugt, er werde bei Gelegenheit seinen Mann stellen. Ich selbst habe zwei verläßliche Leute, die schon bei meinem Vater im Felde standen; sonach stellen wir sechs Reiter vor. Stießen wir nun auf eine Schar Parteigänger, an Zahl der unsrigen gleich oder sogar überlegen, Rudolf! wollten wir sie da nicht angreifen?« »Allerdings, mein Herr,« versetzte der Vicomte. »Holla! Ihr jungen Herren, holla!« rief der Hofmeister, indem er sich in die Unterredung mengte, »was ist das für ein Vornehmen? Potz Element! und meine Verhaltungsvorschriften? Herr Graf, vergessen Sie darauf, daß ich den Auftrag habe, Sie unversehrt zu dem Prinzen zu bringen? Sind Sie einmal dort, so mögen Sie sich töten lassen, wenn Sie Lust dazu empfinden; allein bis dahin, sage ich Ihnen im voraus, will ich bei dem ersten Helmbusch, den ich sehe, als General des Heeres, den Rückzug gebieten, und selbst auch den Rücken wenden.« De Guiche und Rudolf sahen sich lächelnd von der Seite an.

Man kam ohne Unfall nach Ablain. Hier fragte man und erfuhr, der Prinz habe wirklich Bethune verlassen und stehe zwischen Cambrin und la Venthie. Während man nun für Grimaud stets Weisungen zurückließ, wählte man abermals einen Seitenpfad, der die kleine Truppe in einer halben Stunde an die Ufer eines Baches brachte, der in die Lys mündet.

Seit einiger Zeit bemerkte man vor sich am Horizont einen ziemlich dichten Wald; als man sich diesem Walde auf hundert Schritte genähert hatte, traf Herr d'Arminges seine gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln, und sandte die zwei Bedienten des Grafen voraus. Die Lakaien waren eben unter den Bäumen verschwunden, die zwei jungen Männer folgten ihnen mit dem Hofmeister in einer Entfernung von etwa hundert Schritten lachend und plaudernd. Olivain hielt sich rückwärts in gleicher Entfernung, als auf einmal fünf bis sechs Schüsse fielen. Der Hofmeister schrie: »Halt!« die jungen Männer gehorchten und hielten ihre Pferde an. In demselben Momente sah man die zwei Lakaien im Galopp zurücksprengen. Die zwei jungen Männer waren schon ungeduldig, die Ursache dieses Gewehrfeuers zu erfahren, und ritten den Bedienten entgegen, während der Hofmeister hinterdrein folgte. »Hat man Euch angehalten?« fragten die jungen Männer lebhaft. »Nein.« entgegneten die Diener, »wir sind wahrscheinlich gar nicht bemerkt worden; die Schüsse sind hundert Schritte weit vor uns, etwa in der dichtesten Waldpartie gefallen, und wir eilten zurück, um Verhaltungsbefehle einzuholen, »Mein Rat,« sprach Herr d'Arminges, »und nötigenfalls selbst mein Wille ist, daß wir uns zurückziehen: der Wald kann einen Hinterhalt bergen.«»Habt Ihr denn nichts gesehen?« fragte der Graf die Lakaien. »Mir schien es Wohl,« entgegnete einer von ihnen, »als sähe ich gelbgekleidete Reiter, die im Bette des Baches dahinschlichen.«»Das ists auch,« rief der Hofmeister, »wir sind unter ein spanisches Streifkorps geraten. Zurück, meine Herren! zurück! –«

Die zwei jungen Männer beratschlagten sich mit einem Seitenblick, und in diesem Momente vernahm man einen Pistolenschuß, auf den ein Hilferuf folgte, der sich zwei bis dreimal wiederholte. Die zwei jungen Männer versicherten sich durch einen letzten Wink, es sei jeder von ihnen in der Stimmung, nicht zu weichen, und da der Hofmeister sein Pferd bereits herumgeworfen hatte, so ritten jene beiden rasch vorwärts und Rudolf rief: »Zu mir, Olivain!« und der Graf de Guiche rief: »Zu mir, Urbain und Planchet!« Und ehe sich noch der Hofmeister von seinem Erstaunen erholt hatte, waren sie schon im Walde verschwunden. In dem Augenblicke, als die zwei jungen Männer ihre Pferde anspornten, faßten sie auch die Pistolen an.

Nach Verlauf von fünf Minuten befanden sie sich an der Stelle, von wo aus die Schüsse gekommen zu sein schienen. Sie zogen nun die Zügel straffer an und ritten bedachtsam vorwärts. »Stille, es sind Reiter,« sprach der Graf von Guiche. »Ja, drei zu Pferde sitzend, und drei, welche abgestiegen sind.« »Was tun sie? seht Ihr das?« »Ja, sie scheinen einen verwundeten oder toten Menschen zu berauben.« »Das ist irgendein feiger Mord,« sprach der Graf von Guiche. »Es sind jedoch Soldaten.« entgegnete Rudolf. »Ja, allein Parteigänger, Strolche.« »Packen wir sie!« rief Rudolf. »Packen wir sie « wiederholte de Guiche. »Meine Herren,« wimmerte der Hofmeister, »meine Herren, in des Himmels Namen!« Jedoch die jungen Männer hörten nichts. Sie sprengten wetteifernd von hinnen, und der Zuruf des Hofmeisters hatte keine andere Wirkung, als daß er die Spanier aufmerksam machte.

Die drei Parteigänger zu Pferde sprengten auch auf der Stell den zwei jungen Männern entgegen, indeß die drei anderen die zwei Reisenden vollends ausplünderten; denn als die jungen Männer näher kamen, bemerkten sie statt einen, zwei ausgestreckte Körper. Nun schoß de Guiche auf zehn Schritte weit zuerst, und verfehlte seinen Mann; auch der Spanier, welche auf Rudolf losritt, feuerte ab, und Rudolf empfand am linken Arm einen Schmerz, dem eines Geißelhiebes ähnlich. Er schoß auf vier Schritt weit seine Pistole ab, und der Spanier, mitten in die Brust getroffen, breitete seine Arme aus, und sank rücklings auf sein Pferd, das sich umwandte und mit ihm fortrannte. In diesem Momente sah Rudolf wie durch eine Wolke einen Gewehrlauf auf sich gerichtet. Da fiel ihm Athos' Rat ein, und er ließ das Pferd mit Blitzesschnelle sich bäumen; der Schuß knallte. Sein Pferd machte einen Seitensprung, brach auf allen vier Beinen zusammen und stürzte zu Boden, indem es Rudolfs Bein unter sich deckte und einklemmte. Der Spanier faßte sein Gewehr beim Laufe an, und wollte Rudolfs Kopf mit dem Kolben zerschmettern. Der konnte in seiner unglückseligen Lage weder sein Schwert aus der Scheide ziehen, noch die Pistole aus seiner Holster nehmen; er sah den Kolben über seinem Kopfe geschwungen, und schloß schon unwillkürlich die Augen, als de Guiche mit einem Satze auf den Spanier losstürzte und ihm die Pistole an die Kehle hielt. »Ergib dich,« rief er ihm zu, »oder du bist des Todes!« Das Gewehr entfiel den Händen des Soldaten, der sich sogleich ergab. Guiche rief einen seiner Lakaien, übergab ihm den Gefangenen zur Bewachung und befahl, ihm das Gehirn zu zerschmettern, wenn er Miene mache zu entfliehen, sprang dann von seinem Pferde und eilte zu Rudolf hin. »Meiner Seele, Herr,« sprach Rudolf lächelnd, obschon sich in seiner Blässe die unvermeidliche Erschütterung eines ersten Kampfes kundgab, »Ihr bezahlt Eure Schulden schnell, und wollet mir nicht lange verbindlich bleiben. Ohne Euch,« fuhr er mit des Grafen eigenen Worten fort, »wäre ich des Todes, dreimal des Todes.« »Da mein Feind die Flucht ergriff,« versetzte de Guiche, »so ließ er mir alle Freiheit, Euch Beistand zu leisten; doch seid Ihr schwer verwundet? Ich sehe Euch in Blut gebadet.« »Mich dünkt,« antwortete Rudolf, »daß ich etwas wie eine Schramme am Arme habe. Helft mir doch, mich unter dem Pferde hervorzuziehen, und ich hoffe, es wird mich nichts von der Fortsetzung unserer Reise abhalten.«

Herr d'Arminges und Olivain waren bereits abgestiegen und hoben das Pferd auf, das mit dem Tode kämpfte. Es gelang Rudolf, seinen Fuß aus dem Steigbügel und unter dem Pferde hervorzuziehen, und im Augenblick war er wieder auf den Beinen. »Nichts gebrochen?« fragte der Graf von Guiche. »Meiner Treue, nein, dem Himmel sei's gedankt,« sagte Rudolf. »Doch was ist aus den Unglücklichen geworden, welche von den Niederträchtigen gemeuchelt wurden?« »Wir kamen leider zu spät, sie haben sie umgebracht, und ergriffen mit ihrer Beute die Flucht; meine zwei Lakaien stehen dort bei den Leichen.« »Laßt uns untersuchen, ob sie wohl gänzlich tot sind, oder ob man ihnen noch helfen könnte,« sagte Rudolf. »Wir haben zwei Pferde gewonnen, allein ich habe das meinige verloren; nehmt das beste für Euch, und gebt mir das Eurige.« Sie näherten sich der Stelle, wo die Opfer lagen.

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