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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Die Fähre der Oise

Als Rudolf seinen Beschützer aus dem Auge verlor, den er vor der königlichen Gruft zurückgelassen und noch mit den Blicken verfolgt hatte, spornte er sein Pferd an. Fürs erste, um seinen schmerzlichen Gedanken zu entkommen, und dann, um seine Gemütserschütterung vor Olivain zu bergen, da sie sich in seinen Zügen ausprägte. In Verberie befahl Rudolf, daß sich Olivain nach dem jungen Edelmann erkundige, der ihnen voraus war; man sah ihn etwa vor drei Viertelstunden vorüberreiten, allein er war, wie der Wirt aussagte, gut zu Pferde und machte einen scharfen Ritt. »Suchen wir ihn einzuholen,« sprach Rudolf zu Olivain, »er zieht zum Heere, wie wir, und kann uns ein angenehmer Gesellschafter werden.«

Es war vier Uhr nachmittag, als Rudolf in Compiègne ankam; er speiste mit gutem Appetit und erkundigte sich nach jenem jungen Edelmanne; er war, wie Rudolf, im Gasthause »zur Glocke« und »Flasche« eingekehrt, dem besten in Compiègne, und setzte seine Reise mit dem Bedeuten fort, er wolle in Royon übernachten. »Wir wollen gleichfalls in Noyon übernachten,« sagte Rudolf. »Gnädigster Herr,« entgegnete Olivain ehrerbietig, »erlauben Sie mir zu bemerken, daß wir diesen Morgen unsere Pferde schon sehr angestrengt haben. Ich denke, es wäre gut, hier zu übernachten und morgen wieder frühzeitig aufzubrechen.«

»Es ist der Wunsch des Herrn Grafen de la Fère, daß ich mich beeile,« erwiderte Rudolf, »und er will, daß ich den Prinzen am Morgen des vierten Tages eingeholt habe, reiten wir somit nach Noyon, das wird ein Tagesritt, denen ähnlich, sein, die wir von Blois nach Paris gemacht haben. Um acht Uhr können wir anlangen: dann haben die Pferde die ganze Nacht, um auszuruhen, und morgen früh um fünf Uhr begeben wir uns wieder auf den Weg.« Olivain getraute sich nicht, diesem Beschlüsse zu widerstreben, doch folgte er murrend. »Nur fort! nur fort!« murmelte er zwischen seinen Zähnen, »vergeudet Euer Feuer schon am ersten Tage, morgen werdet Ihr statt zwanzig nur zehn Meilen weit kommen, übermorgen nur fünf und in drei Tagen liegt Ihr im Bette. Da müßt Ihr Euch wohl ausrasten. Alle diese jungen Leute sind nur Großsprecher.« Man sieht, Olivain war nicht in der Schule gebildet wie die Blanchets und Grimauds. So ritt er immer weiter, und da er Olivains Bemerkungen zum Trotze den Schritt seines Pferdes mehr und mehr beschleunigte, und einen reizenden Feldweg einschlug, der zu einer Fährte führte, und die Reise, wie man ihm versicherte, um eine Meile abkürzte, so gelangte er auf den Gipfel einer Anhöhe und erblickte vor sich den Fluß. Es hielt eben eine kleine Schar Männer am Ufer, und schickte sich an überzufahren. Rudolf zweifelte nicht, daß das der junge Edelmann mit seinem Gefolge sei; er erhob einen Ruf, doch war er noch zu weit entfernt, um vernommen zu werden; nun setzte Rudolf sein Pferd, ob es auch schon müde war, in Galopp, jedoch eine Versenkung des Weges raubte ihm alsbald den Anblick der Reisenden, und als er auf eine neue Anhöhe kam, hatte die Fährte bereits das Ufer verlassen und steuerte dem jenseitigen zu.

Als Rudolf sah, daß er nicht mehr früh genug ankommen könnte, um zugleich mit den Reisenden überzuschiffen, hielt er an und wartete auf Olivain. In diesem Momente hörte man ein Geschrei, das vom Flusse zu kommen schien. Rudolf wandte sich nach der Richtung hin, woher das Schreien kam, hielt die Hand vor seine von der Sonne geblendeten Augen und rief aus: »Was sehe ich denn dort. Olivain?« Da erschallte ein zweites, noch durchdringenderes Geschrei. »O, gnädigster Herr, das Seil der Fährte ist gerissen und das Schiff gleitet ab. Doch was sehe ich im Wasser – es plätschert!« »Ha, gewiß,« rief Rudolf aus, und heftete seine Blicke auf einen Punkt des Ufers, den die Sonnenstrahlen glänzend beschienen, »es ist ein Pferd – ein Reiter!« – »Sie versinken!« schrie Olivain.

Das geschah in Wahrheit, und auch Rudolf war überzeugt, daß da ein Unglück vorging und ein Mensch ertrinke. Er ließ seinem Pferde die Zügel, setzte die Sporen ein, und vom Schmerz angestachelt, sprang das Tier, dem Raum überlassen, über eine Art Geländer, welches den Überfahrtsplatz einschloß, und stürzte in den Fluß, wobei es weithin schäumende Wellen spritzte. »O, gnädigster Herr,« rief Olivain, »was tun Sie denn? Ach, mein Gott!« Rudolf lenkte sein Pferd nach dem Gefährdeten. Übrigens war das eine Übung, mit der er schon vertraut war. Erzogen an den Ufern der Loire, ward er gleichsam in ihren Wellen gewiegt, hundertmal hatte er zu Pferd, tausendmal schwimmend an das andere Ufer gesetzt. Athos hatte ihn mit Hinblick auf die Zeit, wo er ihn zum Krieger bilden würde, an alle diese Wagnisse gewöhnt. »Ach, mein Gott!« fuhr Olivain verzweiflungsvoll fort: »was würde der Herr Graf sagen, wenn er Sie erblickte?« »Der Herr Graf machte es wie ich,« entgegnete Rudolf und trieb sein Pferd dringlich an. »Aber ich! aber ich!« stammelte Olivain, blaß und verzweifelt am Ufer auf und ab reitend, wie komme denn ich über den Fluß?« »Spring' hinein. Feiger!« rief Rudolf, und schwamm immer weiter. Dann wandte er sich gegen den Reisenden

der sich zwanzig Schritte weiter von ihm abrang und rief ihm zu: »Mut, mein Herr, Mut! man eilt Ihnen schon zu Hilfe.« Olivain ritt vor, wich zurück, ließ sein Pferd sich bäumen, ließ es sich wenden, und sprengte zuletzt von Scham gespornt in den Strom, wie es Rudolf getan, schrie aber wiederholt:»Ich bin tot, wir sind verloren!«

Inzwischen hatte sich die Fähre, von der Flut fortgerissen, schnell entfernt, und man hörte diejenigen schreien, welche sie mit sich trug. Ein Mann mit grauen Haaren warf sich aus der Fähre in den Fluß und schwamm behend auf die gefährdete Person zu; da er aber gegen den Strom schwimmen mußte, kam er nur langsam heran. Rudolf setzte seinen Weg fort, und zwar mit Erfolg, allein der Reiter und das Pferd, die er nicht aus den Augen ließ, sanken sichtlich unter. Das Pferd war nur noch mit den Nüstern über dem Wasser, und der Reiter, der im Todeskampfe die Zügel losgelassen, streckte die Hände aus und neigte den Kopf über. Eine Minute noch, und alles war verschwunden. »Mut!« schrie Rudolf, »Mut!«»Zu spät,« lallte der junge Mann, »zu spät!« Das Wasser wallte über seinen Kopf und erstickte ihm die Stimme im Munde.

Rudolf sprang von seinem Pferde, überließ ihm die Sorge für seine eigene Rettung, und war in drei bis vier Stoßen bei dem Edelmann. Er faßte das Pferd sogleich bei der Gebißkette an, und hob ihm den Kopf aus dem Wasser; nun atmete das Tier freier, und als hätte es verstanden, daß man ihm zu Hilfe komme, verdoppelte es seine Anstrengungen. Zu gleicher Zeit ergriff Rudolf eine Hand des jungen Mannes und näherte selbe der Mähne, an die er sich mit der krampfhaften Festigkeit eines untergehenden Menschen anklammerte. In der Überzeugung nun, daß der Reiter nicht mehr loslasse, kümmerte sich Rudolf nur um das Pferd, half ihm, das Wasser durchschneiden und belebte es durch Zuruf. Auf einmal stieß das Pferd auf seichten Grund und faßte Fuß im Sande.»Gerettet!« rief der Mann mit grauen Haaren, indem er gleichfalls Grund fand. »Gerettet!« stammelte unwillkürlich der Edelmann, während er die Mähne losließ, und vom Sattel herab Rudolf in die Arme glitt. Rudolf befand sich nur noch zehn Schritte weit vom Gestade, er trug den ohnmächtigen Edelmann dahin, legte ihn auf den Rasen nieder, löste die Schleifen seines Kragens und öffnete die Schnallen des Wamses. Eine Minute darauf war der Mann mit den grauen Haaren bei ihm. Endlich erreichte auch Olivain nach vielen Bekreuzungen das Ufer, und die Schiffsleute steuerten mittels eines Fahrbaumes, der sich zufällig im Schiffe befand, so gut sie konnten, an das Gestade.

Auf die Bemühungen Rudolfs und des Mannes, der den jungen Edelmann begleitete, lehrte allgemach wieder Leben zurück auf die blassen Wangen des Sterbenden, die anfangs stieren Augen öffneten sich und richteten sich alsbald auf seinen Retter. »Ha, mein Herr.« rief er aus, »Euch suchte ich, ohne Euch wäre ich des Todes, dreimal des Todes!« »Wie Ihr aber seht, mein Herr, seid Ihr wieder auferstanden,« entgegnete Rudolf, »und wir werden das alles für ein Bad hinnehmen.« »O, mein Herr, wie verpflichtet sind wir Euch!« rief der Mann mit den grauen Haaren. »Ah! Ihr seid hier, mein guter d'Arminges? nicht wahr, ich habe Euch große Angst gemacht? Allein das ist Eure Schuld; Ihr waret mein Hofmeister, warum ließet Ihr mich nicht besser im Schwimmen unterrichten.« »Ach, Herr Graf,« erwiderte der Greis, »wenn Ihnen ein Unglück begegnet wäre, so hätte ich mich nie wieder vor den Marschall gewagt.« »Wie ist denn aber die Sache zugegangen?« fragte Rudolf. »O, mein Herr, auf die einfachste Art,« erwiderte derjenige, dem man den Titel eines Grafen beigelegt hatte. Wir befanden uns etwa auf dem dritten Teil des Flusses, als das Seil der Fähre riss. Bei dem Geschrei und Tumult der Schiffsleute wurde mein Pferd scheu und sprang ins Wasser. Ich schwimme nur schlecht und getraue mich nicht, mich in die Wellen zu werfen. Statt daß ich die Bewegungen meines Pferdes unterstützt hätte, habe ich sie gelähmt, und war nahe daran, auf die schönste Weise von der Welt unterzugehen, als Ihr eben zurecht ankamet, um mich aus dem Wasser zu ziehen. Ist es Euch daher gleichfalls gefällig, mein Herr, so sei es fortan unter uns auf Leben und Tod.« »Mein Herr,« entgegnete Rudolf sich verneigend, »ich versichere, daß ich ganz Euer Diener bin.« »Ich nenne mich Graf von Guiche,« sprach der Kavalier, »mein Vater ist der Marschall von Grammont; da Ihr jetzt wißt, wer ich bin, werdet Ihr mir auch die Ehre erzeigen und sagen, wer Ihr seid.« »Ich bin der Vicomte von Bragelonne,« antwortete Rudolf mit Erröten, daß er den Vater nicht nennen konnte, wie es der Graf von Guiche getan. »Vicomte, Euer Gesicht, Eure Güte und Euer Mut fesseln mich; Ihr besitzt schon meine ganze Dankbarkeit, umarmen wir uns, ich bitte um Eure Freundschaft.« Rudolf erwiderte die Umarmung des Grafen und sagte: »Ich liebe Euch bereits aus ganzem Herzen, und bitte Euch, verfügt über mich wie über einen treuen Freund.« »Nun, Vicomte, wohin reiset Ihr?« fragte der Graf. »Zum Heere Seiner Hoheit des Prinzen.« »Auch ich,« rief der junge Mann im Tone der Freude. »O desto besser, wir werden mitsammen die erste Pistole abfeuern.« »Und nun,« sprach der Erzieher, »müssen Sie die Kleider wechseln; Ihre Diener, denen ich meine Aufträge in dem Momente gegeben, wo Sie die Fähre verlassen haben, müssen sich bereits im Gasthofe befinden. Die Wäsche und der Wein sind gewärmt. Kommen Sie.«

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