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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Der gute Broussel

Indes war zum Unglück für den Kardinal Mazarin, dem in diesem Momente nichts nach Wunsch ausfiel, der Ratsherr Broussel nicht zermalmt worden. Er schritt in der Tat ruhig über die Straße Saint-Honoré, als ihn das dahinbrausende Pferd d'Artagnans an die Schulter stieß und zu Boden warf. Man lief herzu, man sah diesen ächzenden Mann, man befragte ihn um seinen Namen, seine Wohnung, seinen Stand, und als er geantwortet hatte, daß er Broussel heiße, und Parlamentsrat sei, und daß er in der Gasse Saint-Landry wohne, erhob sich in dieser Menge ein Schrei, ein furchtbar bedrohlicher Schrei, der den Verwundeten ebenso erschreckte als der Orkan, der eben über ihn brauste.

»Broussel,« ward gerufen. »Broussel, unser Pater, er, der unsere Rechte beschützt; Broussel, der Freund des Volkes, getötet, von diesen Bösewichtern mit Füßen getreten! Zu Hilfe! zu den Waffen! Gewalt!«–Die Menge wuchs in einem Augenblick unermeßlich; man hielt einen Wagen an, um den armen Ratsherrn hineinzusetzen; doch als ein Mann aus dem Volke begreiflich machte, daß sich der Zustand des Verwundeten durch das Schütteln im Wagen noch verschlimmern könnte, so taten Fanatiker den Vorschlag, ihn auf den Armen zu tragen, was auch mit Begeisterung und einstimmig angenommen wurde. Gesagt, getan. Das Volk hob ihn zugleich drohend und sanft in die Höhe, und trug ihn fort gleich einem Riesen der Märchen, welcher grollt, und dabei einen Zwerg in seinen Armen liebkosend wiegt. Man erreichte nicht ohne Mühe Broussels Haus. Die Menge, welche schon lange vorher durch die Straßen wogte, ward nun an die Fenster und Türschwellen gelockt. An einem Fenster eines Hauses, zu dem eine enge Türe führte, bemerkte man eine alte Magd sich lebhaft gebärden und aus allen Kräften schreien, dann eine betagte Frau, die in Tränen schwamm. Diese zwei Personen befragten mit sichtlicher, nur auf verschiedene Weise ausgedrückter Kümmernis das Volk, doch dieses erteilte ihnen statt aller Antwort nur ein verworrenes, unverständliches Geschrei.

Als jedoch der von acht Männern getragene Ratsherr ganz blaß und mit sterbenden Augen bei seiner Wohnung ankam, und seine Gattin und seine Magd anblickte, fiel die gute Frau Broussel in Ohnmacht, und die Magd erhob die Hände zum Himmel, stürzte nach der Treppe ihrem Herrn entgegen und rief aus: »Ach, mein Gott! mein Gott!« Dann faßte sie den Ratsherrn in ihre Arme und wollte ihn bis in den ersten Stock tragen; jedoch unten an der Treppe stellte sich der Verwundete wieder auf die Beine und erklärte, er fühle sich kräftig genug, um allein hinaufzusteigen. Überdies bat er Gervaise, so hieß die Magd, sie möchte das Volk dahin bringen, daß es sich entferne; allein Gervaise hörte nicht auf ihn, sondern rief aus: »O mein armer Herr! mein liebwertester Herr!«

»Ja, meine Gute, ja, Gervaise,« murmelte Broussel, um sie zu beschwichtigen. »Beruhige dich, es wird nicht von Bedeutung sein.«

»Ich soll ruhig sein, wenn Sie zerquetscht, zermalmt und wie gerädert sind?«

»Doch nein, nein!« rief Broussel; »es ist nichts, fast nichts.«

»Nichts? und Sie sind mit Kot bedeckt! nichts? und an Ihren Haaren klebt Blut! Ach, mein Gott! mein Gott! armer Herr!«

»Sei doch stille,« sprach Broussel, »stille,«

»Blut, mein Gott, Blut!« ächzte Gervaise. »Einen Arzt, einen Chirurgen, einen Doktor!« kreischte die Menge, »der Ratsherr Broussel stirbt!«

»Mein Gott!« seufzte Broussel verzweiflungsvoll, »die Unglücklichen werden das Haus in Brand stecken!«

»Stellen Sie sich ans Fenster, lieber Herr, um sich zu zeigen,«

»Pest! das werde ich bleiben lassen,« versetzte Broussel. »Sich zu zeigen ist gut für den König. Sage ihnen, Gervaise, daß mir schon besser sei; sage ihnen, ich wolle mich nicht ans Fenster stellen, sondern zu Bette legen, und sie möchten sich entfernen.«

»Warum sollen, sie sich aber entfernen, es gereicht Ihnen ja zur Ehre, daß sie da sind.«

»Ach, siehst du denn nicht ein,« rief Broussel verzweiflungsvoll, »daß sie es dahinbringen werden, mich einziehen und henken zu lassen? Geschwind! meine Gemahlin dort fällt in eine Ohnmacht.«

»Broussel! Broussel!« heulte die Menge, »es lebe Broussel! einen Arzt für Broussel! –«

Sie erregten so viel Lärm, daß das geschah, was Broussel vorausgesehen: eine Schar Garden trieb mit ihren Büchsenkolben die sonst ziemlich widerstandslose Volksmenge auseinander; jedoch bei dem ersten Ruf: »Die Wache! die Soldaten!« kroch Broussel ganz angekleidet in sein Bett und zitterte, man möchte ihn für den Urheber dieses Tumultes halten.

Inzwischen kam ein schnell herbeigeholter Arzt, der den, im Grunde genommen, mit seinem unerwarteten Märtyrertum sehr zufriedenen Patienten untersuchte und erstaunt war, nichts Schlimmeres als ein paar leichte Quetschungen und Hautschürfungen feststellen zu können. Nachdem er Einreibungen und Umschläge verordnet hatte, trat er auf den Balkon hinaus und teilte der enthusiasmierten Menge mit, daß die Verletzungen des guten Ratsherrn Broussel nicht so schwer wären, daß man Grund zu großer Besorgnis hätte. Die Menge brach in neue Heilrufe für Broussel aus und verlor sich dann allmählich, singend und johlend, in die angrenzenden Straßen.

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