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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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D'Artagnan trifft zur rechten Zeit ein

D´Artagnan behob in Blois die Geldsumme, die Mazarin bei dem Wunsche, ihn wieder zu sehen, ihm für künftige Dienste zu schicken sich endlich entschlossen hatte. »Ach,« entgegnete Planchet, »wirklich, Sie sind allein für das rührige Leben geschaffen. Sehen Sie Herrn Athos an, wer sollte glauben, das sei jener kühne Abenteurer, den wir gekannt haben? Jetzt lebt er wie ein wahrer adeliger Pächter, wie ein wahrer Landedelmann. Nun, gnädiger Herr, es geht wirklich nichts über eine ruhige Existenz.« »Heuchler,« entgegnete d´Artagnan, »man sieht wohl, daß du dich Paris näherst und daß es in Paris einen Strang und einen Galgen gibt, welche deiner harren.«

Als er sich um die Ecke der Straße Montmartre wandte, sah er an einem Fenster des Wirtshauses »la Chevzette« Porthos, der in ein prunkvolles, himmelblaues, silbergesticktes Wams gekleidet war und eben mit weit geöffneten Nacken gähnte, so daß die Vorübergehenden mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Bewunderung diesen so schönen und reichen Edelmann betrachteten, der über seinen Reichtum und hohen Rang so viel Langweile zu haben schien. Übrigens waren d'Artagnan und Planchet auch von Porthos erkannt, als sie kaum um jene Straßenecke gekommen waren. »He, d'Artagnan!« rief er aus, »Gott sei gelobt, Ihr seid es.«

Porthos kam zur Schwelle des Gasthauses herab und sagte: »Ach, Freund, wie übel hier meine Pferde untergebracht sind!« »Wirklich,« rief d'Artagnan, »ich bin untröstlich wegen dieser edlen Tiere.« »Und auch mir ging es da ziemlich schlecht,« sagte Porthos, »und wäre die Wirtin nicht gewesen,« fuhr er mit selbstzufriedener Miene auf den Beinen schaukelnd fort, »die ziemlich zuvorkommend ist und einen Scherz versteht, so hätte ich mir anderweitig eine Herberge gesucht.«

Während dieser Worte hatte sich die schöne Magdalena genähert, wich aber sogleich einen Schritt zurück und wurde todesbleich.

»Ja, lieber Freund, ich begreife wohl, die Luft ist in der Straße Tiquetonne nicht so gut wie im Tale Pierrefonds, doch seid unbesorgt, Ihr sollt eine bessere einatmen.« »Wann denn?« »Meiner Treue, ich hoffe recht bald.« »Ah, desto besser.« Auf diesen Ausruf Porthos' ließ sich aus der Ecke der Türe ein schwaches und langes Ächzen vernehmen. D'Artagnan sah an der Wand den ungeheuren Wanst Mousquetons hervorkommen, während dessen Mund heimliche Klagetöne entschlüpften. »Und auch du, armer Mouston, du bist in diesem ärmlichen Wirtshause nicht am rechten Platze, nicht wahr?« fragte d'Artagnan in jenem neckenden Tone, der ebensogut Mitleid als Hohn sein konnte. »Er findet die Küche verwünschenswert,« entgegnete Porthos. »Doch wie,« sagte d'Artagnan, »warum bestellt er sich nicht selbst wie in Chantilly?« »Ach, gnädiger Herr, ich hatte hier nicht mehr wie dort die Teiche des Herrn Prinzen, um die herrlichen Karpfen zu fischen, und die Wälder Sr. Hoheit, um darin die köstlichen Rebhühner zu jagen. Was den Keller betrifft, so untersuchte ich ihn genau, fand aber wirklich nicht viel Gutes darin.« Er nahm Porthos beiseite und fuhr fort: »Lieber du Vallon, jetzt seid Ihr völlig angekleidet, und das fügt sich vortrefflich, denn ich führe Euch sogleich zum Kardinal.« , »Bah, wirklich?« entgegnete Porthos mit großen, verblüfften Augen. »Ja, mein Freund.« »Eine Vorstellung?« »Erschreckt Ihr davor?« »Nein, doch beunruhigt es mich.« »O, seid unbekümmert; Ihr habt es nicht mehr mit dem andern Kardinal zu tun, und bei dem gegenwärtigen werdet Ihr Euch von Seiner Hoheit nicht gedemütigt fühlen.« »Das ist gleichviel, d'Artagnan; Ihr begreift aber wohl, der Hof –« »Ei, mein Freund, es gibt keinen Hof mehr.« »Die Königin –« »Hm, die Königin? Beruhigt Euch, wir werden sie nicht sehen.« »Und Ihr sagt, wir werden sogleich nach dem Palais Royal gehen?« »Auf der Stelle, und damit wir nicht säumen, entlehne ich eines Eurer Pferde.« »Nach Gefallen, sie stehen alle vier zu Eurem Dienste.« »O, ich brauche für den Augenblick nur eines.« »Nehmen wir unsere Bedienten nicht mit?« »Ja, nehmt Mousqueton mit, das wird nicht schaden; Planchet aber hat seine Gründe, nicht an den Hof zu gehen.« »Warum?« »Er steht nicht gut mit Seiner Eminenz.« »Mouston,« rief Porthos, »sattle Vulcan und Bayard.« »Und ich, gnädiger Herr, soll ich den Rustaud nehmen?« »Nein, nimm ein Paradepferd, nimm Phöbus oder Superbe, wir machen eine Aufwartung.« »Ah,« rief Mousqueton, leichter atmend, »es handelt sich also nur um einen Besuch.« »Mein Gott! ja, Mouston, um nichts anderes; steck' aber jedenfalls die Pistolen in die Halfter; die meinigen findest du geladen in meinem Sattel.«

Als Porthos mit Wohlgefallen seinen alten Diener fortgehen sah, sprach er: »D'Artagnan! Ihr habt wirklich recht, Mouston genügt. Mouston nimmt sich gut aus.« D'Artagnan lächelte. »Und Ihr,« fuhr Porthos fort, »wollt Ihr Euch nicht umkleiden?« »O nein, ich bleibe so, wie ich bin.« »Doch Ihr seid ganz bedeckt mit Schweiß und Staub und Eure Stiefel sind beschmutzt.« »Dieser Reiseanzug bezeugt den Eifer, womit ich den Befehlen des Kardinals nachkomme.«

In diesem Momente kehrte Mousqueton mit den drei wohlgesattelten Pferden zurück. D'Artagnan stieg wieder auf, als hätte er sich acht Tage lang ausgeruht.«

»O,« sprach er zu Planchet, »mein langes Schwert ...«

»Ich,« versetzte Porthos, indem er auf einen kleinen Paradedegen mit vergoldetem Griff deutete, »ich trage meinen Hofdegen.«

»Nehmt doch Euer Schwert, mein Freund!«

»Weshalb?«

»Das weiß ich nicht, doch nehmt es immerhin auf mein Wort.«

»Mouston, mein Schwert!« rief Porthos. »Doch das ist ja eine völlige Kriegsausrüstung, gnädiger Herr,« sprach dieser. »Wir ziehen also ins Feld? Sagen Sie es gleich, damit ich mich danach richten könne.«

»Mouston, du weißt,« versetzte d'Artagnan, »daß bei uns Vorsichtsmaßregeln jederzeit gut sind. Du hast entweder kein gutes Gedächtnis, oder vergessen, daß wir nicht gewohnt sind, die Nächte mit Bällen und Serenaden zuzubringen.«

Als d'Artagnan in dem Vorzimmer ankam, befand er sich unter Bekannten. Es waren Musketiere der Kompagnie, welche eben die Wache versahen. Er berief den Anmelder und wies ihm den Brief des Kardinals vor, der ihm auftrug, daß er ohne eine Minute Zeitverlust zurückkommen möge. Der Anmelder verneigte sich und trat in das Gemach Seiner Eminenz. D'Artagnan wandte sich gegen Porthos um, und glaubte zu bemerken, daß ihn ein leichtes Zittern befallen habe. Er lächelte, trat näher und flüsterte ihm ins Ohr: »Guten Mutes, wackerer Freund, seid nicht eingeschüchtert; haltet Euch aufrecht wie am Tage der Bastion Saint-Gervais und verneigt Euch vor dem Kardinal nicht allzutief; das würde ihm von Euch einen kleinlichen Begriff beibringen.«

»Gut, gut,« erwiderte Porthos.

Der Türhüter erschien wieder und sagte: »Treten sie ein, meine Herren, Seine Eminenz erwartet sie.« Mazarin befand sich in seinem Kabinett vor seinem Arbeitstische. Er sah mit einem Seitenblicke d'Artagnan und Porthos eintreten, und wiewohl sein Auge bei ihrer Anmeldung gefunkelt hatte, so schien es jetzt doch teilnahmslos. »Ah, Herr Leutnant, Ihr seid es?« sprach er. »Ihr habt Euch beeilt, das ist recht; seid mir willkommen.«

»Danke, gnädigster Herr. Jetzt stehe ich Ew. Eminenz zu Befehl, gleichwie Herr du Vallon hier, mein alter Freund, der seinen Adel unter dem Namen Porthos verborgen hat.« Porthos verneigte sich vor dem Kardinal.

»Ein trefflicher Edelmann!« rief der Kardinal. Porthos bewegte den Kopf rechts und links, und die Schulter voll Würde.

»Die beste Klinge im Lande, gnädigster Herr,« versetzte d'Artagnan, »und sehr viele Menschen wissen das, die es nicht sagen, und die es nicht mehr sagen können.« Porthos verneigte sich vor d'Artagnan.

Mazarin hatte die schönen Soldaten fast eben so gern, als sie nachmals Friedrich der Große von Preußen liebte. Er bewunderte Porthos' kraftvolle Hände, seine breiten Schultern und sein festes Auge. Es dünkte ihn, als habe er das Heil des Ministeriums und des Reiches in Fleisch und Bein vor sich. Dies erinnerte ihn daran, daß die einstige Verbindung der Musketiere aus vier Individuen bestand.

»Und Eure zwei anderen Freunde?« fragte Mazarin.

Porthos öffnete den Mund in der Meinung, das wäre für ihn eine Veranlassung zu sprechen, doch d'Artagnan gab ihm einen geheimen Wink.

»Unsere anderen Freunde sind für diesen Moment verhindert und werden später eintreffen.«

Mazarin hustete ein wenig; dann fragte er: »Und da Herr du Vallon freier ist als sie, wird er gern wieder in Dienste treten?«

»Ja, gnädigster Herr, und das aus reiner Aufopferung, da Herr von Bracieux reich ist.«

»Reich?« entgegnete Mazarin, denn dieses Wort flößte ihm vorzugsweise große Achtung ein.

»Fünfzigtausend Livres Einkünfte,« sprach Porthos. Das waren seine ersten Worte.

»Aus reiner Aufopferung also,« versetzte Mazarin mit schlauem Lächeln, »aus reiner Aufopferung?«

»Setzt Ew. Gnaden vielleicht keinen großen Glauben in dieses Wort?« fragte d'Artagnan.

»Und Ihr, Herr Gascogner?« entgegnete Mazarin und stützte seine Ellbogen auf den Schreibtisch und sein Kinn in die beiden Hände.

»Ich,« erwiderte d'Artagnan, »ich glaube an reine Hingebung, wie zum Exempel an einen Taufnamen, der natürlich von einem irdischen Namen begleitet sein muß. Man ist sicher von Natur aus mehr oder weniger ergeben; doch am Ende einer Hingebung muß jederzeit etwas vorhanden sein.«

»Und was wünscht zum Beispiel Euer Freund am Ende seiner Aufopferung?«

»Nun, gnädigster Herr, mein Freund besitzt drei prachtvolle Landgüter: du Vallon bei Corbeil, de Bracieux in der Nähe von Soissons und Pierrefonds im Valois. Nun wünscht er aber, es möchte eine dieser Herrschaften zur Baronie erhoben werden.«

»Nur das?« versetzte Mazarin, dem die Augen vor Wonne strahlten, als er sah, daß er Porthos' Aufopferung belohnen könnte, ohne Geld auszugeben. »Nur das? die Sache läßt sich anordnen.«

»Ich kann Baron werden?« rief Porthos und trat einen Schritt vor. »Ich habe es Euch gesagt,« sprach d'Artagnan, ihn am Arme zurückhaltend, »und der gnädigste Herr hat es Euch wiederholt.«

»Und was, Herr d'Artagnan, ist Euer Wunsch?«

»Gnädigster Herr,« erwiderte d'Artagnan, »kommenden September werden es zwanzig Jahre, daß mich der Herr Kardinal von Richelieu zum Leutnant gemacht hat.«

»Ja, und Ihr wünschet, der Kardinal Mazarin möchte Euch zum Kapitän machen.« D'Artagnan verneigte sich.

»Nun, das alles ist nicht unmöglich. Man wird sehen, meine Herren, man wird sehen. Herr du Vallon,« fuhr Mazarin fort, »welchen Dienst ziehen Sie vor, den in der Stadt oder den im Felde?« Porthos öffnete den Mund, um zu antworten.

»Gnädigster Herr,« fiel d'Artagnan ein, »Herr du Vallon ist wie ich, er liebt den außergewöhnlichen Dienst, nämlich Unternehmungen, die man für töricht und unmöglich angesehen hätte.« Diese Gascognade mißfiel Mazarin nicht, und er begann nachzusinnen, wonach er sagte: «Ich gestehe indes, daß ich Euch kommen ließ, um Euch einen Posten an einem bestimmten Orte zuzuteilen, da ich gewisse Befürchtungen hege – nun, was ist denn das?«

Es ließ sich ein großer Lärm im Vorgemache hören und fast zu gleicher Zeit ward die Türe des Kabinetts geöffnet und ein mit Staub bedeckter Mann stürzte mit dem Ausrufe herein: »Der Herr Kardinal! Wo ist der Herr Kardinal?« Mazarin dachte, man wolle ihn umbringen und wich auf seinem Rollsessel zurück; d'Artagnan und Porthos aber traten vor und stellten sich zwischen den Ankömmling und den Kardinal. »He, mein Herr!« rief Mazarin, »was ist es denn, daß Ihr da wie in die Hallen eintretet?« »Gnädigster Herr,« sprach der Offizier, dem dieser Vorwurf galt – »zwei Worte – ich wünsche Sie schnell insgeheim zu sprechen. Ich bin Herr de Poins. Gardeoffizier im Dienste auf dem Schloßturme von Vincennes.«

Der Offizier war so blaß und erschöpft, daß Mazarin bei der Überzeugung, er würde ihm eine wichtige Botschaft überbringen, d'Artagnan und Porthos einen Wink gab, dem Boten Platz zu machen. D'Artagnan und Porthos zogen sich in einen Winkel des Kabinetts zurück.

»Redet, mein Herr, sprecht schnell, was gibt es?« sagte Magarin. »Was es gibt, gnädigster Herr?« versetzte der Bote, – »Herr von Beaufort ist aus dem Schlosse von Vincennes entflohen.« Mazarin stieß einen Schrei aus und wurde noch blässer als derjenige, der ihm diese Nachricht brachte; er sank wie vernichtet in seinen Lehnstuhl zurück und rief: »Entflohen – ha, Herr von Beaufort entflohen!«

»Ich sah ihn von der Höhe der Terrasse entrinnen.«

»Und Ihr ließet nicht auf ihn Feuer geben?«

»Er war außerhalb der Schußweite.«

»Aber was tat denn Herr von Chavigny?«

»Er war abwesend.«

»Jedoch la Ramée?«

»Man fand ihn, einen Knebel im Munde und einen Dolch neben sich, gefesselt im Zimmer des Gefangenen.«

»Doch jener Mann, welchen er als Gehilfen angenommen hatte?«

»Er war einverstanden mit dem Herzog und ist mit ihm entwischt.« Mazarin stieß ein Ächzen aus.

»Gnädigster Herr,« sprach d'Artagnan und trat einen Schritt näher.«

»Was?« fragte Mazarin. »Mich dünkt, Ew. Eminenz verliert eine kostbare Zeit.«

»Wieso?«

»Wenn Ew. Eminenz den Gefangenen verfolgen ließe, könnte man ihn vielleicht noch einholen. Frankreich ist groß und die nächste Grenze sechzig Meilen entfernt.

»Wer würde ihm nachsetzen?« rief Mazarin. »Ich, bei Gott!«

»Und würdet Ihr ihn ergreifen?«

»Weshalb denn nicht?«

»Ihr würdet den Herzog von Beaufort bewaffnet ergreifen?«

»Hieße mir Ew. Gnaden den Teufel einziehen, würde ich ihn bei den Hörnern packen und hierher schleppen.«

»Auch ich,« versetzte Porthos. »Auch Ihr?« fragte Mazarin und blickte die beiden Männer erstaunt an. »Doch der Herzog wird sich nicht ergeben ohne einen blutigen Kampf.«

»Also Kampf,« entgegnete d'Artagnan mit flammenden Augen; »es ist schon lange, daß wir uns nicht mehr schlugen, nicht wahr. Porthos?«

»Kampf!« rief Porthos. »Und Ihr hofft, ihn wieder einzuholen?«

»Ja, wenn wir bessere Pferde haben als er.«

»So nehmt, was Ihr da von Garden findet und setzet ihm nach.«

»Sie befehlen es, gnädigster Herr?«

»Ich unterzeichne es,« entgegnete Mazarin, nahm ein Papier und schrieb einige Zeilen.«

»Fügen Sie noch hinzu, gnädigster Herr, daß wir alle Pferde, die wir auf dem Wege antreffen, in Beschlag nehmen dürfen.«

»Ja, ja,« rief Mazarin, »im Dienste des Königs, nehmt und eilet.«

»Wohl, gnädigster Herr.«

»Herr du Vallon,« sprach Mazarin, »Eure Baronie sitzt mit dem Herzog von Beaufort zu Pferd«; es handelt sich nur darum, seiner habhaft zu werden. – Aber Euch, Herr d'Artagnan, verspreche ich nichts; bringt Ihr ihn jedoch lebend oder tot zurück, so mögt Ihr fordern, was Ihr wollet.«

»Auf, zu Pferde!« rief d'Artagnan und faßte die Hand des Freundes. »Ich stehe bereit,« erwiderte Porthos mit seiner erhabenen Kaltblütigkeit.

Sie stiegen sonach die große Treppe hinab, nahmen die Garden mit sich, die sie auf dem Wege trafen, und riefen: »Zu Pferde! Zu Pferde!« D'Artagnan warf an der Ecke des Friedhofes einen Mann zu Boden, ohne zu bemerken, daß dieser der Ratsherr Broussel sei; auch war der Vorfall zu unbedeutend, als daß sich so eilfertige Männer dabei aufhalten ließen; die galoppierende Schar setzte ihren Ritt fort, als wären ihre Pferde beflügelt.

Die Verfolger schlugen sofort den Weg nach Vincennes ein, und erfuhren von einem Bauern, daß ein Trupp von Reitern vor kurzer Zeit in großer Eile in der Richtung nach Vendomois galoppiert sei. D'Artagnan und Porthos spornten ihre Pferde zu schärfstem Trabe an; nach längerer Zeit entdeckte man vor sich auf der Straße eine dunkle bewegte Masse, die sich nur undeutlich vom Horizont abhob, sich jedoch bald zerteilte und in zwei Punkte auflöste, die sich rasch näherten. Es waren zwei von des Herzogs Leuten, die die Nachhut bildeten und den verdächtigen Reitern entgegenkamen. Als sie sich d'Artagnan, der vorgeritten war, auf Schußweite genähert hatten, fragten sie in barschem Ton, was man da suche. D'Artagnans Antwort: »Den Herzog von Beaufort!« war kaum verklungen, als sich auch schon ein kurzer, aber um so heftigerer Kampf entwickelte, der damit endete, daß die beiden Leute des Herzogs am Platze blieben, wahrend d'Artagnan und Porthos sich ihrer Pferde bemächtigten. Die bisher gerittenen Tiere waren dem Verenden nahe; der rasende Ritt hatte sie völlig erschöpft und eine» hatte überdies soeben eine Kugel in den Bauch bekommen. Die Verfolgung wurde nun sofort mit verdoppelter Energie wieder aufgenommen; bald hörte man das Stampfen vieler Hufe vor sich und bereitete sich auf einen heißen Kampf vor. Die Leute Beauforts erwarteten ihre Gegner mit schußbereiten Pistolen und gezogenen Degen. In dem heftigen Gefecht, das sich nun in tiefste Dunkelheit entwickelte, hatte d'Artagnan sein Pferd eingebüßt und stand mit blanker Klinge vor einem Gegner, der ebenfalls den Sattel verlassen hatte.

Wahrend des Duells, das sich nun entspann, machte d'Artagnan die Bemerkung, daß sein Gegner einen Arm hatte, der dem seinen wohl gewachsen schien; als er eben zu einem seiner gefürchteten Stöße ausholen wollte, erkannte er beim Feuerschein einer neben ihm abgeschossenen Pistole zu seinem unbeschreiblichen Schrecken, daß sein Gegner niemand anderer als Porthos sei. Dieser, der auch d'Artagnan erkannte, stieß einen Schrei der Überraschung aus und rief dann, während das Duell natürlich abgebrochen wurde, mit lauter Stimme: »Aramis, nicht schießen – das sind unsere Freunde!« Ein paar schnell erteilte Befehle beendeten den hitzigen Kampf, der nur unter des Herzogs Leuten Opfer gefordert hatte. Porthos verständigte den Herzog von dem wunderlichen Zusammentreffen und die vier Freunde traten, ein wenig beschämt und ratlos, zu einer Besprechung zusammen.

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