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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9776de94
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Ein Abenteuer der Marie Michon

Um dieselbe Zeit kamen zwei Männer zu Pferde mit einem Bedienten nach Paris und ritten durch die Faubourg Saint-Marcel. Diese beiden Männer waren der Graf de la Fère und der Vicomte von Bragelonne. Die zwei Reisenden hielten in der Straße du Vieux-Colombier bei dem Gasthause »zum grünen Fuchs« an. Athos kannte dieses Wirtshaus schon seit langer Zeit. Er war dort mit seinen Freunden hundertmal zusammengekommen, doch waren seit zwanzig Jahren, von den Wirtsleuten an, gar mannigfaltige Veränderungen darin vorgegangen. Die Reisenden übergaben ihre Pferde den Aufwärtern, und da die Tiere von edler Rasse waren, so empfahlen sie ihnen dafür die größte Sorgfalt: sie sollten denselben nur Stroh und Hafer geben und ihnen die Brust und die Beine mit warmem Wein waschen, da sie an diesem Tage zwanzig Stunden zurückgelegt hatten. Nachdem sie sich also vorerst mit ihren Pferden beschäftigt hatten, wie es wahrhafte Reiter tun sollen, so begehrten sie für sich zwei Zimmer. »Rudolf, du wirst deinen Anzug ordnen«, sagte Athos; »ich will dich jemand vorstellen.«

»Heute noch, Herr Graf?« fragte der junge Mann.

»In einer halben Stunde.« Der junge Mann machte eine Verbeugung.

»Höre,« sprach Athos, »pflege dich gut, Rudolf, ich will, daß man dich schön finden möge.«

»Herr Graf,« versetzte der junge Mann lächelnd, »ich hoffe doch, es handle sich nicht um eine Heirat. Sie wissen, was ich Louise zugesagt habe.« Nun lächelte auch Athos und sagte: »Nein, sei unbesorgt, wiewohl ich dir eine Frau vorstellen werde.«

»Eine Frau?« fragte Rudolf.

»Ja, und ich wünsche sogar, du möchtest sie liebgewinnen.«

Der junge Mann blickte mit einer gewissen Angst auf Athos, aber bei dessen Lächeln beruhigte er sich bald wieder. »Wie alt ist sie?« fragte der Vicomte von Bragelonne.

»Lieber Rudolf,« entgegnete Athos, »merke dir ein für allemal, daß man eine solche Frage niemals stellt. Kannst du auf dem Gesicht einer Frau ihr Alter lesen, so ist es unnötig, sie darum zu befragen; und kannst du es nicht mehr, so ist es indiskret.«

»Und ist sie schön?«

»Sie hat vor sechzehn Jahren nicht bloß als die hübscheste, sondern auch als die anmutvollste Frau in Frankreich gegolten.«

Diese Antwort beschwichtigte den Vicomte gänzlich. Athos konnte keine Absichten haben mit ihm und einer Frau, welche ein Jahr vorher, als er geboren wurde, für die hübscheste und einnehmendste Frau in Frankreich gegolten hatte. Er begab sich somit auf sein Zimmer und fing an mit jener Gefallsucht, welche der Jugend so gut steht Athos Auftrag zu vollziehen, sich nämlich so schön als möglich aufzuputzen, und das war mit dem ein leichtes, was die Natur hierzu beigetragen hatte. Als er wieder erschien, empfing ihn Athos mit jenem väterlichen Lächeln, mit welchem er sonst d´Artagnan empfangen hatte, doch enthielt es für Rudolf einen Ausdruck von noch größerer Zärtlichkeit.

»Nun,« murmelte er, »wenn sie auf ihn nicht stolz ist, so ist sie schwer zufriedenzustellen.«

Es war drei Uhr nachmittag, das heißt, die für Besuche geeignete Stunde. Die zwei Reisenden gingen in das prunkvolle Hotel, über dem das Wappen von Luhnes emporragte.

»Da ist es«, sprach Athos. Er trat in das Hotel mit dem festen und sichern Schritt, welcher dem Schweizer anzeigte, daß der Eintretende hierzu auch berechtigt sei. Er stieg über die Freitreppe, wandte sich an einen in glänzender Livree dastehenden Bedienten, fragte ihn, ob die Frau Herzogin von Chevreuse zu sprechen wäre, und ob sie den Herrn Grafen de la Fere empfangen könnte. Ein Weilchen darauf kehrte der Lakai zurück und meldete: »Wiewohl die Frau Herzogin von Chevreuse nicht die Ehre habe, den Herrn Grafen de la Fère zu kennen, so bitte sie doch gefälligst, eintreten zu wollen.« Athos folgte dem Lakai, der ihn durch eine lange Reihe von Gemächern führte und endlich vor einer verschlossenen Türe anhielt. Man war da in einem Salon. Athos gab dem Vicomte von Bragelonne einen Wink, daß er da, wo er eben sei, verweile. Der Lakai öffnete und meldete den Herrn Grafen de la Fère.

Frau von Chevreuse, deren wir in unserer Geschichte: »Die drei Musketiere«, so oft gedacht haben, ohne daß wir je Gelegenheit fanden, sie auftreten zu lassen, galt noch jetzt für eine sehr schöne Frau. Und wirklich, obschon sie um diese Zeit schon vierundvierzig bis fünfundvierzig Jahre zählte, so schien sie doch kaum achtunddreißig bis neununddreißig alt zu sein; sie hatte noch immer ihre schönen blonden Haare, ihre großen, strahlenden und geistvollen Augen, welche die Intrige so oftmals geöffnet, die Liebe so oftmals geschlossen hatte, und ihren nymphenartigen Wuchs, vermöge dessen man sie, von rückwärts anblickend, noch für ein junges Mädchen hielt, welches mit der Königin Anna über einen Graben setzte, durch welchen Sprung die Krone Frankreichs im Jahre 1623 eines Erben beraubt worden war. Außerdem war sie noch immer jenes flüchtige Geschöpf, das ihren Liebschaften ein solches Gepräge von Originalität verlieh, daß dieselben sozusagen eine Berühmtheit für ihre Familien wurden.

Sie befand sich in einem kleinen Boudoir, dessen Fenster in den Garten gingen. Dieses Boudoir war nach der Mode, die Frau von Rambouillet angegeben hatte, als sie ihr Hotel erbaut, mit einer Art blauen Damasts mit Rosen und Goldlaub behangen. Eine Frau in dem Alter der Frau von Chevreuse bewies damit, daß sie sich in einem solchen Gemache aufhielt, eine große Gefallsucht, zumal wie sie es in diesem Augenblicke war, denn sie lag hingestreckt auf einem langen Stuhl, den Kopf an die Tapete angelehnt. In der Hand hielt sie ein halbgeöffnetes Buch und hatte ein Kissen, diesen Arm, der das Buch hielt, darauf zu stützen.

Als der Diener die Meldung machte, erhob sie sich ein wenig und streckte neugierig den Kopf vor. Athos trat ein. Die ganze Persönlichkeit desjenigen, der eben der Frau von Chevreuse unter einem völlig unbekannten Namen gemeldet wurde, hatte solch einen hochedlen Anstand, daß sie sich halb aufrichtete und ihm höflich einen Wink gab, sich neben ihr auf einen Stuhl zu setzen. Athos verneigte sich und gehorchte. Der Lakai machte Miene, sich zu entfernen, doch gab ihm Athos einen Wink, der ihn zurückhielt. »Gnädige Frau,« sprach er zu der Herzogin, »ich war so kühn, in Ihr Hotel zu kommen, ohne daß Sie mich kennen; doch war ich so glücklich, vorgelassen zu werden. Jetzt habe ich um eine Unterredung von einer halben Stunde zu bitten.«

»Ich gestehe sie Ihnen zu, Herr Graf«, erwiderte Frau von Chevreuse mit ihrem anmutvollsten Lächeln.

»Das ist aber noch nicht alles, gnädigste Frau. Oh, ich verlange viel, ich weiß es! Die Unterredung, um welche ich Sie bitte, ist eine Unterredung unter vier Augen, bei der ich durchaus nicht gern unterbrochen werden mochte.«

»Ich bin jetzt für niemanden zu Hause«, sagte die Herzogin zu dem Bedienten. »Geht.« Der Bediente entfernte sich.

Es trat ein augenblickliches Stillschweigen ein, indes die zwei Personen, die sich auf den ersten Blick dafür erkannten, daß sie von hoher Geburt seien, sich gegenseitig musterten, ohne daß die eine oder die andere dabei in Verlegenheit geriet. Die Herzogin non Chevreuse brach zuerst das Schweigen. »Nun, Herr Graf,« sprach sie lächelnd, »Sie sehen wohl, daß ich ungeduldig warte.«

»Und ich, gnädige Frau,« entgegnete Athos, »ich betrachte mit Bewunderung.«

»Sie müssen mich entschuldigen, Herr Graf,« sprach Frau von Chevreuse, »denn ich wünsche sehnlichst zu wissen, mit wem ich spreche. Sie sind ein Hofmann, das ist ausgemacht, und doch habe ich Sie noch nie bei Hofe gesehen. Kommen Sie etwa von der Bastille?«

»Nein, gnädige Frau,« entgegnete Athos lächelnd, »allein ich befinde mich vielleicht auf dem Wege dahin.«

»Ach, für diesen Fall,« sprach sie lebhaft in jenem heiteren Tone, der ihr so viel Reiz verlieh, »sagen Sie mir schnell, Herr Graf, wer Sie sind, und machen Sie sich dann auf den Weg, denn ich bin bereits derart bloßgestellt, daß ich mich noch mehr bloßzustellen, nicht nötig habe.«

»Wer ich bin, gnädigste Frau? Man meldete Ihnen doch meinen Namen: Graf de la Fire. Sie haben diesen Namen nie gekannt. Einst führte ich einen anderen, den Sie vielleicht gekannt, aber sicher schon vergessen haben.«

»Nennen Sie ihn jedenfalls, Herr Graf.«

»Einst«, entgegnete der Graf de la Fere, »nannte ich mich Athos.«

Frau von Chevreuse öffnete weit ihre großen, erstaunten Augen. Es zeigte sich klar, daß dieser Name, wie ihr der Graf sagte, in ihrem Gedächtnisse nicht ganz verwischt war, wiewohl er sich darin unter andere Erinnerungen aus früherer Zeit sehr vermengt hatte. »Athos?« sprach sie – »warten Sie doch!« ... Sie drückte ihre zwei Hände gegen ihre Stirn, um gleichsam die tausend flüchtigen Ideen, die sie in sich barg, für einen Moment auf einen Punkt zusammenzudrängen, um sie in ihrem glänzenden und bunten Schwarme deutlicher zu überschauen.

»Wollen Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen Beistand leiste?« fragte Athos lächelnd.

»Jawohl«, sprach die Herzogin, die des Nachsinnens schon müde war, »Sie werden mir damit einen Gefallen tun.«

»Jener Athos war mit drei jungen Musketieren befreundet, welche d'Artagnan, Porthos und ...«

»Aramis hießen«, fuhr die Herzogin lebhaft fort.

»Und Aramis – ganz richtig«, versetzte Athos; »also haben Sie diese Namen doch nicht gänzlich aus dem Gedächtnis verloren?«

»Nein,« erwiderte sie, »nein. Armer Aramis! Er war ein liebenswürdiger, artiger und verschwiegener Edelmann, der hübsche Verse machte; doch glaube ich, hat er sich nicht zum Guten gewendet.«

»Er hat sich entschlossen, Abbé zu werden.«

»Ah, wirklich?« entgegnete Frau von Chevreuse, nachlässig mit dem Fächer spielend. »Nun, ich danke Ihnen, Herr Graf.«

»Wofür, gnädigste Frau?«

»Daß Sie mir wieder diese Erinnerung erweckten, welche unter die angenehmsten meiner Jugend gehört.«

»Erlauben Sie mir,« sagte Athos, »eine zweite zu erwecken.«

»Die sich an diese hier knüpft?«

»Ja und nein.«

»Meiner Treu,« versetzte Frau von Chebreuse, »reden Sie immerhin; mit einem Manne, wie Sie sind, wage ich alles.«

Athos machte eine Verbeugung. »Aramis war mit einer jungen Linnenhändlerin von Tours befreundet. – Ja, eine Base von ihm, namens Marie Michon.«

»Ah, ich kenne sie«, sprach Frau von Chevreus«; »es ist dieselbe, an welche er während der Belagerung von la Rochelle geschrieben hat, um sie von einem Komplott, das sich gegen den armen Buckingham gebildet hatte, in Kenntnis zu setzen.«

»Ganz richtig«, erwiderte Athos. »Wollen Sie mir gütigst erlauben, von ihr zu sprechen?«

Frau von Chevreuse blickte Athos an und sagte: »Ja, wenn Sie mir anders nicht zu viel Schlimmes von ihr sagen.«

»Ich wäre undankbar,« entgegnete Athos, »und ich betrachte den Undank nicht bloß als ein Vergehen oder eine Sünde, sondern als ein Verbrechen, was noch viel schlimmer ist.«

»Sie undankbar gegen Marie Michon, Herr Graf?« fragte Frau von Chevreuse und suchte in Athos' Augen zu lesen. »Wie wäre es denn möglich, da Sie dieselbe nie persönlich gekannt haben?«

»Nun, wer weiß, gnädigste Frau«, antwortete Athos. »Es gibt ein Volkssprichwort, welches lautet: ›Nur die Berge kommen nie zusammen –‹ und die Volkssprichwörter sind oft ungemein triftig.«

»Oh, fahren Sie fort, Herr Graf, fahren Sie fort,« sprach Frau von Chevreuse lebhaft, »denn Sie können sich nicht vorstellen, welchen Anteil ich an dieser Unterhaltung nehme.«

»Sie ermuntern mich,« sagte Athos, »ich will somit fortfahren. Diese Base von Aramis, diese Marie Michon, kurz, diese Linnenhändlerin hatte, ungeachtet ihres niederen Standes, die vornehmsten Bekanntschaften; sie nannte die edelsten Hofdamen ihre Freundinnen, und selbst die Königin war ihr traulich zugetan.«

»Ach,« sprach Frau von Chevreuse mit einem stillen Seufzer und einem leichten Zucken der Augenbrauen, das nur ihr eigen war, »seit dieser Zeit haben sich die Verhältnisse ungemein verändert.«

»Und die Königin hatte recht,« fuhr Athos fort, »denn Marie war ihr ganz ergeben, so zwar, daß sie ihr sogar als Vermittlerin zwischen ihr und ihrem Bruder, dem Könige von Spanien, diente.«

»Und das«, versetzte die Herzogin, »wird ihr jetzt als ein großes Vergehen angerechnet.«

»Allerdings,« versetzte Athos, »so zwar, daß der Kardinal, der wahre, der frühere Kardinal, eines Morgens beschloß, die arme Marie Michon verhaften und nach dem Schlosse Loches bringen zu lassen. Zum Glück konnte die Sache nicht so insgeheim ablaufen, der Fall war vorhergesehen; würde Marie Michon von irgendeiner Gefahr bedroht, so sollte ihr die Königin ein Gebetbuch, in grünen Samt gebunden, zuschicken.«

»So ist es, mein Herr; Sie sind wohl unterrichtet.«

»Eines Morgens kam nun dieses Buch an, überbracht von dem Prinzen von Marsillac. Es war keine Zeit zu verlieren. Zum Glück hatte sich Marie Michon und eine Dienerin Namens Ketty, die sie hatte, in Mannskleidern allerliebst ausgenommen. Der Prinz besorgte der Marie Michon einen Kavalieranzug, der Ketty eine Bedientenkleidung, und gab ihnen zwei vortreffliche Pferde. Die zwei Flüchtlinge verließen sogleich Tours und schlugen den Weg nach Spanien ein.

»Fürwahr, das ist durchaus richtig«, fiel Frau von Chevreuse ein, und schlug die beiden Hände zusammen. »Es wäre in der Tat seltsam –« sie hielt inne.

– »Sollte ich diesen zwei Flüchtlingen bis ans Ende gefolgt sein?« fragte Athos. »Nein, gnädige Frau, derart will ich Ihre Zeit nicht mißbrauchen: wir wollen sie bloß bis zu einem kleinen Dorfe geleiten, das zwischen Tulle und Angoulème gelegen ist und Roche l'Abeile genannt wird.« Frau von Chevreuse stieß einen Laut der Überraschung aus und blickte Athos mit einem Ausdruck des Erstaunens an, der dem vormaligen Musketier ein Lächeln entlockte. Er fuhr fort: »Warten Sie noch, gnädige Frau, denn was ich Ihnen noch mitzuteilen habe, ist noch viel seltsamer als das Erwähnte.« »Ich halte Sie für einen Zauberer, Herr Graf«, entgegnete Frau von Chevreuse; »ich bin auf alles gefaßt ... doch wirklich ... allein gleichviel, fahren Sie nur fort.« »Die Tagreise war diesmal lang und ermüdend, auch war es kalt; man war am elften Oktober. In dem Dorfe befand sich weder ein Gasthaus noch ein Schloß; die Bauernhäuser waren arm und schmutzig. Marie Michon war eine sehr aristokratische Person und gewöhnt an Wohlgerüche und feine Wäsche. Sie beschloß demnach, im Hause des Maire um Gastfreundschaft zu bitten.« Athos hielt inne. »Oh,« rief die Herzogin, »fahren Sie fort, ich sagte Ihnen schon im voraus, daß ich auf alles gefaßt sei.«

»Die zwei Reisenden pochten an die Tür; es war schon spät; der Maire, welcher ganz einsam wohnte und bereits im Bette lag, rief ihnen zu, einzutreten. Die Tür war nicht versperrt, da das Vertrauen in den Dörfern so groß ist, und so traten sie ein. Eine Lampe brannte im Gemache des Maire. Marie Michon, die den liebenswürdigen Kavalier so gut zu spielen wußte, öffnete also die Tür, und indem sie den Kopf hineinstreckte, bat sie um Gastfreiheit. ›Recht gern, mein junger Kavalier,‹ sprach der Maire, ›wenn Sie sich mit dem Reste meines Nachtmahles und der Hälfte meines Zimmer zufriedenstellen wollen.‹ Die beiden Reisenden hielten einen Augenblick Rat; der Maire hörte sie ein Gelächter erheben, worauf der Herr oder vielmehr die Herrin antwortete: ›Ich danke, mein Herr; ich nehme es an.‹ ›Nun, so essen Sie, aber machen Sie so wenig Geräusch als möglich,‹ entgegnete der Hauswirt, ›denn auch ich war diesen ganzen Tag auf der Heerstraße, und so wäre es mir nicht unangenehm, diese Nacht zu schlafen.‹« Es war augenfällig, daß Frau von Chevreuse von Überraschung zum Erstaunen und vom Erstaunen zur höchsten Verwunderung überging; als sie Athos anblickte, nahm ihr Gesicht einen Ausdruck an, der sich nicht beschreiben läßt; man sah es, sie wollte sprechen, allein sie schwieg, weil sie eines der Worte ihres Gesellschafters zu verlieren fürchtete. »Dann?« fragte sie. »Dann?« versetzte Athos; »darin liegt eben die Schwierigkeit.« »Sprechen Sie, ha, sprechen Sie, man darf mir alles sagen. Überdies geht mich das nichts an, es betrifft nur die Jungfer Marie Michon.«

»Ah, das ist richtig«, entgegnete Athos. »Nun, Marie Michon speiste also mit ihrer Dienerin zu Nacht, und als sie gegessen hatte, kehrte sie, der erhaltenen Erlaubnis zufolge wieder in das Zimmer zurück, worin der Hauswirt schlief, indes es sich Ketth in dem vorderen Zimmer, nämlich dort, wo man das Nachtmahl verzehrt hatte, in einem Lehnstuhl bequem machte.«

»In Wahrheit, mein Herr!« rief Frau von Chevreuse, »wenn Sie nicht der Teufel in Person sind, so weiß ich nicht, wie Ihnen alle diese Einzelheiten bekannt sein können.«

»Diese Marie Michon war ein reizendes Wesen,« sagte Athos, »eines jener mutwilligen Geschöpfe, in deren Geist unablässig die wunderlichsten Gedanken spuken, und die geboren sind, um uns alle, die wir da sind, zur Verdammnis zu bringen. Da sie nun der Meinung war, daß ihr Wirt ein Hagestolz und Weiberfeind sei, so stieg in dem Geiste der Kokette der Gedanke auf, es wäre wohl unter den vielen lustigen Erinnerungen, die sie bereits hatte, auch eine lustige Erinnerung für ihre alten Tage, diesen Mann zur Verdammnis zu bringen.«

»Graf,« fiel die Herzogin ein, »auf mein Ehrenwort, Sie erschrecken mich.«

»Der arme Maire«, begann Athos wieder, »war leider kein kalter, unerschütterlicher Fels, und Marie Michon, ich wiederhole es, war ein reizendes Wesen.«

»Graf,« fiel die Herzogin lebhaft ein und erfaßte Athos' Hand, »sagen Sie mir auf der Stelle, wie Sie diese näheren Umstände wissen, oder ich berufe jemand, daß er Ihnen den Satan austreibe.«

Athos fing zu lachen an. »Gnädige Frau, nichts ist leichter. Ein Reiter, der eine wichtige Sendung hatte, kam eine Stunde zuvor zu dem Hause des Maire, der zugleich Arzt war, und bat um Gastfreundschaft; er kam gerade in dem Augenblicke, wo der Maire im Begriffe stand, zu einem plötzlich Erkrankten zu eilen, der ihn berufen ließ, und somit nicht allein das Haus, sondern das ganze Dorf für diese Nacht zu verlassen. Der menschenfreundliche Maire und Arzt setzte volles Vertrauen in seinen Gast, der überdies Edelmann war, und räumte ihm bereitwillig sein Zimmer ein. Somit hatte Marie Michon von dem Gaste des Maire und nicht von dem Maire selbst Gastfreiheit angesprochen.«

»Und dieser Reiter, dieser Gast, dieser vor ihr eingetroffene Edelmann?«

»War ich – der Graf de la Fere«, erwiderte Athos, indem er aufstand und vor der Herzogin von Chevreuse eine Verbeugung machte.

Die Herzogin war einen Augenblick wie betäubt, dann erhob sie auf einmal ein Gelächter und sagte: »Ha, meiner Treue, das ist sehr drollig, und die mutwillige Marie Michon hat etwas Besseres gefunden, als sie vermutete. Nehmen Sie Platz, Herr Graf, und setzen Sie Ihre Geschichte fort.«

»Nun erübrigt mir nur noch, mich anzuklagen, gnädige Frau. Wie schon erwähnt, befand auch ich mich eines dringenden Auftrages wegen auf der Reise, und so verließ ich mit Tagesanbruch das Gemach, wo ich meine reizende Genossin schlafen ließ. Im vorderen Zimmer schlief gleichfalls die ihrer Herrin ganz würdige Dienerin, den Kopf in einen Lehnstuhl zurückgelegt. Ihr hübsches Antlitz blendete mich; ich trat hinzu und erkannte die kleine Keith, der unser Freund Aramis einen Dienst bei ihr verschafft hat. Auf diese Art erfuhr ich denn, wer diese reizende Reisende sei –«

»Marie Michon,« ergänzte lebhaft Frau von Chevreuse.

»Marie Michon«, wiederholte Athos. »Nunmehr verließ ich das Haus, ging nach dem Stalle, fand mein Pferd gesattelt und meinen Diener bereit, wonach wir uns auf den Weg machten.«

»Und sind Sie niemals wieder durch dieses Dorf gekommen?« fragte Frau von Chevreuse gespannt.

»Ein Jahr darauf, gnädige Frau.«

»Nun?«

»Nun, ich wollte den guten Maire wieder besuchen. Ich fand ihn sehr bestürzt ob eines Ereignisses, das ihm nicht einleuchtete. Acht Tage zuvor hatte er in einer Wiege einen allerliebsten, drei Monate alten Knaben mit einer Börse voll Gold und einem Briefchen erhalten, welches ganz einfach die folgenden paar Worte enthielt: »Den 11. Oktober 1633.«

»Das war das Datum jenes seltsamen Abenteuers,« bemerkte Frau von Chevreuse.

»Ja, doch verstand er nichts davon, als daß er jene Nacht bei einem Sterbenden zugebracht hatte, denn Marie Michon hatte sein Haus schon früher verlassen, als er dahin zurückgekommen war.«

»Sie wissen Wohl, Herr Graf, daß Marie Michon. als sie im Jahre 1643 wieder nach Frankreich zurückkehrte, sich allsogleich nach diesem Kinde erkundigen ließ, denn sie konnte es, da sie flüchtig war, nicht behalten, doch wollte sie es bei sich erziehen, als sie nach Frankreich zurückkam.«

»Und was sprach der Maire zu ihr?« fragte Athos.

»Ein vornehmer Herr, den er nicht kannte, sei zu ihm gekommen, habe sich für die Zukunft des Kindes verbürgt und es mit sich genommen.«

»Das ist wahr gewesen.«

»Ha. jetzt begreife ich, dieser vornehme Herr waren Sie, war sein Vater!«

»Stille, gnädige Frau, reden Sie nicht so laut, er ist hier.´´

»Er ist hier?« rief Frau von Chevreuse und sprang rasch empor.

»Er ist hier, mein Sohn – der Sohn der Marie Michon ist da? Ich will ihn sogleich sehen.«

»Geben Sie acht, gnädige Frau,« unterbrach sie Athos, »daß er weder seinen Vater noch seine Mutter erkenne.«

»Sie haben das Geheimnis bewahrt, und führen mir ihn so zu, in dem Glauben, daß Sie mich sehr glücklich machen würden. O, ich danke, Herr Graf, ich danke Ihnen,« rief Frau von Chevreuse, indem sie seine Hand erfaßte und an ihre Lippen zu drücken suchte. «Dank! Sie besitzen ein edles Herz!«

»Ich führe ihn her,« versetzte Athos, indem er seine Hand zurückzog, »damit auch Sie etwas für ihn tun möchten, gnädige Frau. Bis jetzt besorge ich allein seine Erziehung und glaube, einen vollkommenen Edelmann aus ihm gebildet zu haben; allein der Augenblick ist gekommen, wo ich mich abermals genötigt finde, das unstete und gefahrvolle Leben des Parteigängers zu führen. Von morgen an nehme ich teil an einem gewagten Unternehmen, wobei ich den Tod finden kann; sodann wird er nur noch Sie haben, um in der Welt zu einer Stelle zu gelangen, für die er berufen ist.«

»O, seien Sie ruhig!« rief die Herzogin aus.

»Für diesen Augenblick habe ich zwar leider wenig Einfluß, doch weihe ich ihm das, was mir davon übrig geblieben ist. Was Vermögen und Titel betrifft –«

»Deshalb beunruhigen Sie sich nicht, gnädige Frau, ich habe ihm die Herrschaft Bragelonne zugeschrieben, die ich erbte, und von welcher er den Titel mit zehntausend Livres Einkünften hat.«

»Mein Herr,« rief die Herzogin, »bei meiner Seele, Sie sind ein wahrhafter Edelmann! Allein ich glühe, unsern jungen Vicomte zu sehen. Wo ist er?«

»Dort im Salon; ich will ihn rufen, wenn Sie es erlauben.«

Athos machte einen Schritt nach der Türe; Frau von Chevreuse hielt ihn zurück und fragte: »Ist er schön?« Athos lächelte und erwiderte: »Er gleicht seiner Mutter.« Zugleich öffnete er die Türe und gab dem jungen Manne einen Wink, der an der Schwelle erschien.

Frau von Chevreuse konnte nicht umhin, einen Freudenruf auszustoßen, als sie einen so liebenswürdigen Kavalier erblickte, der alle Hoffnungen überbot, die ihr Stolz zu fassen vermochte. »Tritt näher heran, Vicomte,« rief Athos; »die Frau Herzogin von Chevreuse erlaubt es, daß du ihr die Hand küssest.«

Der junge Mann näherte sich mit entblößtem Haupte und seinem einnehmenden Lächeln, beugte ein Knie und küßte die Hand der Frau von Chevreuse. Dann wandte er sich zu Athos und sagte: »Herr Graf, haben Sie mir nicht etwa aus Schonung für meine Schüchternheit gesagt: die gnädige Frau sei die Herzogin von Chevreuse, und ist sie nicht vielmehr die Königin?«

»Nein, Vicomte,« versetzte Frau von Chevreuse, indem sie ihn gleichfalls bei der Hand erfaßte, ihm einen Wink gab, neben ihr Platz zu nehmen und ihn mit wonnestrahlenden Augen betrachtete. »Nein, ich bin leider nicht die Königin, denn wäre ich diese, so würde ich auf der Stelle das für Euch tun, dessen Ihr würdig seid; jedoch als die, welche ich bin,« fuhr sie fort, wobei sie sich mühevoll zurückhielt, ihre Lippen auf seine so glänzende Stirne zu pressen; »sagt an, auf welche Laufbahn wünscht Ihr Euch zu begeben?« Athos, der zur Seite stand, blickte die beiden mit einem Ausdruck unbeschreiblichen Vergnügens an. Der junge Mann erwiderte mit seiner sanften und zugleich wohlklingenden Stimme: »Aber, gnädigste Frau, ich denke, es gäbe für einen Edelmann nur eine Laufbahn, nämlich die der Waffen. Auch glaube ich, daß mich der Herr Graf zu dem Zwecke erzogen hat, aus mir einen Kriegsmann zu bilden, und er ließ mich hoffen, daß er mich in Paris jemandem vorstellen werde, der mich bei dem Prinzen empfehlen könnte.«

»Ja, ich sehe wohl ein, es steht für einen jungen Krieger, wie Ihr seid, recht gut, unter einem jungen Feldherrn zu dienen, wie er ist; – doch halt, wartet – persönlich stehe ich mit ihm so ziemlich schlecht ob der Streitigkeit der Frau von Montbazon, meiner Schwiegermutter, mit Frau von Longueville, allein durch den Prinzen von Marsillac – – Nun, wirklich! sehen Sie, Graf, es geht an; der Prinz ist ein alter Freund von mir; er wird unseren jungen Freund der Frau von Longueville empfehlen, diese wird ihm einen Brief für ihren Bruder, den Prinzen, geben, der sie zu aufrichtig liebt, als daß er nicht alles, was sie von ihm fordert, auf der Stelle tun würde.«

»Gut, das geht ja vortrefflich,« sprach der Graf. »Allein, darf ich es wagen, Ihnen die größte Eile anzuempfehlen? Ich habe Gründe, zu wünschen, daß der Vicomte morgen abend nicht mehr in Paris verweile.«

»Wünschen Sie, Herr Graf, daß man es in Erfahrung bringe, daß Sie sich für ihn verwenden?«

»Vielleicht wäre es für seine Zukunft ersprießlicher, daß man gar nichts davon wisse, daß er mich jemals gekannt hat.«

»Ach, Herr Graf!« rief der junge Mann.

»Du weißt wohl, Bragelonne,« versetzte der Graf, »daß ich nie etwas ohne Grund tue.«

»Ja, Herr Graf,« erwiderte der junge Mann, »ich kenne die tiefe Weisheit, die Sie leitet, und will Ihnen, wie ich es gewohnt bin, Folge leisten.«

»Wohlan, Graf,« verfetzte die Herzogin, »überlassen Sie ihn mir, ich will den Prinzen von Marsillac berufen, der eben zum Glücke in Paris verweilt, und ihn nicht eher verlassen, als bis die Sache im reinen ist.«

»Gut, Frau Herzogin, tausendfachen Dank! Ich habe noch mehrere Gänge zu tun, und wenn ich gegen sechs Uhr abends zurücklehre, erwarte ich den Vicomte im Gasthause.«

»Was tun Sie diesen Abend?«

»Wir gehen zu Scarron, für den ich einen Brief habe, und bei dem ich einen meiner Freunde finden soll.«

»Gut,« versetzte die Herzogin von Chevreuse, »ich will selbst auf einen Augenblick dahin kommen; verlassen Sie also seinen Salon nicht früher, als bis Sie mich gesehen haben.«

Athos verneigte sich und schickte sich an, fortzugehen.

»Wie doch, Herr Graf,« sprach die Herzogin lachend, »verläßt man denn seine alten Freunde auf eine so formensteife Weise?«

»Ach,« murmelte Athos, indem er ihr die Hand küßte, »hätte ich es doch früher gewußt, daß Marie Michon ein so einnehmendes Wesen sei!«

Er ging seufzend hinweg.

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