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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Grimaud tritt seinen Dienst an

Grimaud hatte sich also mit seinem vorteilhaften Äußern im Schloßturme von Vincennes gemeldet. Herr von Chavigny bildete sich ein, daß er einen untrüglichen Blick besitze; er prüfte somit den Bewerber aufmerksam und folgerte, daß die sich berührenden Augenbrauen, die feinen Lippen, die gekrümmte Nase und die hervorragenden Backenknochen Grimauds vollgültige Anzeichen wären. Er richtete an ihn nur zwölf Worte, worauf Grimaud bloß vier zur Antwort gab. »Der Verhaltungsbefehl?« fragte Grimaud.

»Ist dieser: den Gefangenen nie allein zu lassen, ihm jedes spitzige oder schneidende Werkzeug wegzunehmen, ihn zu verhindern, daß er den Leuten außerhalb Zeichen gebe oder mit den Wächtern zu lange rede.«

»Ist das alles?« fragte Grimaud.

»Für diesen Augenblick alles«, entgegnete la Ramée. »Wenn es neue Umstände gibt, werden neue Verhaltungsregeln kommen.«

»Wohl«, versetzte Grimaud. Dann trat er in das Gemach des Herzogs von Beaufort. Dieser war eben im Zuge, seinen Bart zu kämmen, den er wie seine Haare wachsen ließ, um Mazarin einen Streich zu spielen und mit seinem schlechten Aussehen Parade zu machen; da er indes einige Tage vorher von der Höhe des Schloßturmes in einer Kutsche die schöne Frau von Montbazon erkannt zu haben glaubte, deren Andenken ihm stets noch teuer war, so wollte er für sie nicht ebenso aussehen wie für Mazarin; er verlangte demnach einen bleiernen Kamm, da er sie wieder zu sehen hoffte, und der Kamm wurde ihm zugestanden. Herr von Beaufort verlangte deshalb einen bleiernen Kamm, weil er, wie alle Blonden, einen etwas roten Bart hatte, und färbte denselben durch das Kämmen. Als Grimaud eintrat, sah er den Kamm, den der Prinz eben auf den Tisch hinlegte; er nahm denselben und verneigte sich. Der Herzog blickte diese seltsame Gestalt verwunderungsvoll an. Die Gestalt schob den Kamm in die Tasche.

»Holla, was soll das heißen?« rief der Herzog; «wer ist denn dieser Schlingel?« Grimaud antwortete nicht, sondern verneigte sich zum zweiten Male, »Bist du stumm?« fragte der Herzog. Grimaud machte ein verneinendes Zeichen, «Was bist du also, gib Antwort, ich befehle es dir«, sprach der Herzog. »Hüter«, antwortete Grimaud.

»Hüter!« rief der Herzog aus. »Gut, diese Galgenfigur hat noch gefehlt zu meiner Sammlung. He, la Ramée! komme!«

Der Gerufene eilte herbei; er wollte eben zum Unglück für den Prinzen nach Paris abreisen, da er sich auf Grimaud verließ; ja, er war bereits im Hofe und kehrte mißvergnügt wieder zurück. »Was, ist's, mein Prinz?« fragte er.

»Wer ist dieser Schuft hier, der mir den Kamm wegnimmt und in seinen schmutzigen Sack steckt,?« fragte Herr von Beaufort. »Gnädigster Herr, es ist einer Ihrer Wächter, ein verdienstlicher Mann, den Sie wie Herr von Chavigny und ich schätzen werden, davon bin ich überzeugt.«

»Weshalb nimmt er mir meinen Kamm?«

»Ja, wirklich!« sprach la Ramée, «warum nehmt Ihr den Kamm des gnädigsten Herrn?«

Grimaud nahm den Kamm aus seinem Sacke, fuhr mit seinem Finger darüber, blickte ihn an, fletschte mit den Zähnen und sprach bloß das einzige Wort: »Spitzig!«

»Das ist wahr«, versetzte la Ramée.

»Was spricht dieses Rind?« fragte der Herzog.

»Daß dem gnädigsten Herrn jedes scharfe Werkzeug von dem Könige verboten ist.«

»Ah so!« rief der Herzog. »Seid Ihr verrückt, la Ramée? Ihr habt mir doch selbst diesen Kamm gegeben.«

»Daran tat ich sehr unrecht, gnädigster Herr; denn ich handelte gegen meine Verhaltungsbefehle, als ich Ihnen denselben gab.« Der Herzog blickte Grimaud wütend an, als er la Ramée den Kamm zurückstellte.

«Ich sehe es im voraus,« murrte der Prinz, »dieser Schurke wird mir höchlichst mißfallen.« Eines Tages bemerkte er unter seinen Wachen einen Mann, der ein ziemlich gutmütiges Gesicht hatte, und diesem schmeichelte er um so mehr, als ihn Grimaud mit jedem Augenblick mehr anwiderte. Als er aber diesen Mann einmal beiseite gezogen hatte und es ihm gelungen war, mit ihm eine Weile unter vier Augen zu sprechen, trat Grimaud ein, sah, was da vorging, näherte sich ehrfurchtsvoll dem Wächter und dem Prinzen und faßte den Wächter am Arme. «Was wollt Ihr?« fragte der Herzog mit rauher Stimme. Grimaud führte den Wächter vier Schritte weit und wies ihm die Tür mit dem Worte: »Geh!« Der Wächter gehorchte. »Ha doch!« rief der Prinz aus. »Ihr seid mir unausstehlich, ich will Euch züchtigen.« Grimaud machte eine ehrerbietige Verbeugung. »Ich will Euch die Knochen zerschlagen!« rief der Prinz entrüstet. Grimaud verneigte sich und wich zurück. »Herr Spion,« fuhr der Herzog fort, »ich will Euch mit meinen eigenen Händen erwürgen.« Grimaud verneigte sich abermals, indem er noch weiter zurückwich. »Und das im Augenblicke!« rief der Prinz, welcher glaubte, es sei am besten, ihm auf der Stelle den Hals umzudrehen. Er streckte sonach seine zwei geballten Hände gegen Grimaud aus, welcher weiter nichts tat, als daß er den Wächter aus der Tür stieß und diese hinter ihm absperrte. Zu gleicher Zeit fühlte er, wie ihn die Hände des Prinzen wie zwei eiserne Zangen anfaßten; jedoch anstatt zu rufen oder sich zu verteidigen, erhob er nur langsam seinen Zeigefinger bis an die Lippen, und indem er sein Antlitz das holdseligste Lächeln annehmen ließ, sprach er gang leise: »Still!« Von Grimauds Seite war es um einen Wink, um ein Lächeln, um ein Wort etwas so Seltenes, daß Seine Hoheit unter dem höchsten Erstaunen plötzlich anhielt. Grimaud nützte diesen Augenblick, um aus dem Futter seiner Jacke ein allerliebstes kleines Billett mit adligem Siegel hervorzunehmen, das ungeachtet seines langen Aufenthaltes in Grimauds Wamse seinen Wohlgeruch noch nicht verloren hatte, und er übergab es dem Herzog, ohne daß er ein Wort sprach. Der Herzog, stets mehr verwundert, ließ Grimaud los, nahm das Briefchen, und da er die Handschrift erkannte, rief er aus: »Von der Frau von Montbazon!« Grimaud bejahte es durch ein Kopfnicken. Der Herzog erbrach lebhaft den Umschlag, fuhr mit der Hand über die Augen, so sehr war er geblendet, und las wie folgt:

»Mein lieber Herzog!

Sie können sich ganz auf den wackeren Gesellen verlassen, der Ihnen dieses Briefchen überbringen wird, denn er ist der Bediente eines Edelmannes, der einer der unsrigen ist, und der sich bei uns für ihn, als durch zwanzig Jahre der Treue bewährt, verbürgt hat. Er war damit einverstanden, in den Dienst Ihres Aufsehers zu treten, und sich in Vincennes mit Ihnen einsperren zu lassen, um Ihre Flucht, mit der wir uns beschäftigen, einzuleiten und dabei hilfreiche Hand zu leisten. Der Augenblick der Befreiung rückt heran; fassen Sie Geduld und Mut mit dem Gedanken, daß Ihre Freunde ungeachtet der Zeit und der Abwesenheit diejenigen Gefühle, die sie Ihnen gewidmet, auch treu bewahrt haben.

Ihre ganz und stets geneigte

Maria von Montbazon.

P. S. Ich schreibe meinen Namen hier ganz aus, da es zu viel Eitelkeit wäre, zu glauben. Sie würden nach einer fünfjährigen Trennung meine Anfangsbuchstaben erkennen.«

Der Herzog war ein Weilchen lang wie betäubt. Was er seit fünf Jahren suchte, ohne es finden zu können, nämlich einen Diener, einen Gehilfen, einen Freund, das fiel ihm plötzlich vom Himmel in dem Momente, wo er es am wenigsten erwartete. Er starrte Grimaud erstaunt an und wandte sich dann wieder zu dem Briefe, welchen er von einem Ende bis zum andern durchlas. Hierauf wandte er sich wieder zu Grimaud und fuhr fort:

»Und du, wackerer Geselle, du bist also geneigt, uns beizustehen?« Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. »Und du kamst ausdrücklich deshalb hierher?« Grimaud wiederholte dasselbe Zeichen. »Und ich wollte dich erwürgen,« sprach der Herzog. Grimaud lächelte. »Doch halt«, sagte der Herzog und suchte in seiner Tasche. »Halt«, fuhr er fort und erneuerte den vorher fruchtlosen Versuch; »es soll nicht heißen, daß eine so treue Aufopferung für einen Enkel Heinrichs IV. ohne Lohn geblieben sei.« Die Bewegung des Herzogs von Beaufort bewies die beste Absicht von der Welt, doch war es eine der Vorsichtsmaßregeln, die man in Vincennes einführte, daß dem Gefangenen kein Geld gelassen wurde. Sodann zog Grimaud, der die getäuschte Hoffnung des Herzogs bemerkte, eine Börse voll Gold aus seiner Tasche und reichte sie ihm, indem er sagte: »Da ist, was Sie suchen.« Der Herzog öffnete die Börse, um sie in Grimauds Hände auszuleeren; doch dieser schüttelte den Kopf, trat zurück und sprach: »Ich danke, gnädigster Herr, ich bin bezahlt.« Der Herzog ging von Erstaunen zu Erstaunen über. Dann reichte er Grimaud die Hand; dieser trat näher und küßte sie ihm ehrerbietig. Grimaud hatte etwas von den großartigen Manieren Athos' angenommen. »Was sollen wir jetzt tun?« fragte der Herzog.

»Jetzt ist es elf Uhr morgens«, versetzte Grimaud. »Wolle der gnädigste Herr um zwei Uhr mit la Ramée eine Ballpartie zu spielen verlangen, und zwei bis drei Bälle über die Wälle schleudern.«

»Gut, und dann?«

»Dann – wird sich Monseigneur der Mauer nähern und einem Manne, der in den Gräben arbeitet, zurufen, daß er sie zurückwerfe.«

»Ich verstehe«, sprach der Herzog. In Grimauds Antlitz schien sich eine große Zufriedenheit auszuprägen, der seltene Gebrauch, den er von der Sprache machte, erschwerte ihm die Unterredung. Er machte Miene sich zu entfernen. »Ha,« sprach der Herzog, »du willst also nichts annehmen?«

»Monseigneur, ich wünschte ein Versprechen –«

»Welches? sag' an.«

»Daß ich nämlich, wenn wir entfliehen, stets und überall vorangehe, denn wenn man den gnädigsten Herrn wieder gefangen nähme, liefe er die größte Gefahr, wieder in das Gefängnis gesperrt zu werden, während, wenn man mich erwischt, das geringste, was mir geschehen kann, ist, gehenkt zu werden.«

»Das ist nur allzu richtig,« entgegnete der Herzog, »und so wahr ich Edelmann bin, so soll dein Wunsch geschehen.«

»Nun,« sprach Grimaud, »habe ich den gnädigen Herrn nur noch um eins zu bitten, daß er mir nämlich fortwährend, wie bisher, die Ehre erweise, mich zu verabscheuen.«

»Das will ich versuchen«, erwiderte der Herzog. Man pochte an die Tür.

Der Herzog schob seine Börse und sein Briefchen in die Tasche und streckte sich auf sein Bett hin. Wie man weiß, war das seine Zuflucht in den Momenten großer Langeweile. Grimaud schloß die Türe auf, es war la Ramée, der eben vom Kardinal kam.

La Ramée warf einen prüfenden Blick um sich, und da er noch dieselben Symptome von Feindseligkeit zwischen dem Gefangenen und seinem Hüter sah, so lächelte er voll innerer Zufriedenheit. Hierauf wandte er sich zu Grimaud und sprach: »Gut, mein Freund, gut. Es wird soeben hohen Ortes vorteilhaft von Euch geredet, und hoffentlich werdet Ihr bald Nachrichten erhalten, die Euch gar nicht unlieb sein werden.« Grimaud verneigte sich mit einer Miene, die er freundlich zu machen bemüht war, und entfernte sich seiner Gewohnheit gemäß beim Eintritt seines Vorgesetzten.

»Nun, gnädigster Herr,« sprach la Ramée mit seinem plumpen Lachen, »Sie sind also gegen diesen armen Menschen immer noch grämlich?«

»Ah, Ihr seid da, la Ramée!« rief der Herzog; »meiner Treue, es war Zeit, daß Ihr kamet. Ich streckte mich auf mein Bett hin, und wandte die Nase nach der Wand, um der Versuchung nicht nachzugeben, mein Versprechen zu halten, diesen Schuft von Grimaud nämlich zu erwürgen.«

»Indes zweifle ich,« versetzte la Ramée mit einer geistreichen Anspielung auf die Schweigsamkeit seines Untergebenen, »daß er Eurer Hoheit etwas Unangenehmes gesagt haben sollte.«

»Bei Gott, das glaube ich wohl; ein Stummer aus dem Orient! Ich versichere Euch, la Ramée, es war Zeit, daß Ihr zurückkamt, und ich habe mich gesehnt, Euch wieder zu sehen.«

»Der gnädigste Herr ist zu gütig«, entgegnete la Ramée, von diesem Komplimente geschmeichelt.

»Ja, wirklich,« fuhr der Herzog fort, »ich fühle heute in mir eine Ungeschicklichkeit, die Euch, wenn Ihr sie sehet, belustigen wird.«

»Wir werden also eine Ballpartie machen?« fragte la Ramée, ohne dabei an etwas zu denken.

»Wenn es Euch gefällig ist.«

»Ich stehe Eurer Hoheit zu Befehl.«

»Das heißt, lieber la Ramée,« sprach der Herzog, »daß Ihr ein liebenswürdiger Mann seid, und daß ich ewig in Vincennes bleiben möchte, um das Vergnügen zu haben, mein Leben mit Euch zuzubringen.«

»Gnädigster Herr,« erwiderte la Ramée, »ich denke, daß es nicht an dem Kardinal liegen würde, wenn Ihre Wünsche nicht in Erfüllung gingen.«

»Wieso? Habt Ihr ihn erst kürzlich gesehen?«

»Er lieh mich diesen Morgen berufen.«

»Wirklich? um mit Euch von mir zu sprechen?«

»Worüber hätte er sonst zu sprechen? Wirklich, gnädigster Herr. Sie sind ein Gespenst.«

Der Herzog lächelte mit Bitterkeit und sagte: »Ah, la Ramèe, wenn Ihr meinen Antrag annehmen wollet.«

»He, gnädigster Herr. Sie fangen noch einmal an, davon zu sprechen, allein Sie sehen doch, daß Sie nicht billig sind.«

»Ich sage Euch, la Ramèe, und ich wiederhole es, daß ich Euer Glück machen würde.«

»Womit? Sie wären kaum aus dem Gefängnisse, so würde man Ihre Güter einziehen.«

»Ich wäre kaum aus dem Gefängnisse, so wäre ich auch schon Herr von Paris.«

»Stille, stille! darf ich denn solches anhören? Das ist ein hübsches Gespräch für einen Offizier des Königs; ich sehe wohl, gnädigster Herr, ich muß mir noch einen zweiten Grimaud suchen.«

»Geht doch, reden wir nicht davon. Es war also zwischen dir und dem Kardinal die Rede von mir? Laß mich doch, wenn du einmal wieder gerufen wirst, la Ramèe, deine Kleider anziehen und hingehen, meine Rache zu üben – und ich würde, wenn es Bedingung wäre, auf Edelmannswort wieder in das Gefängnis zurückkehren.«

»Gnädigster Herr, ich sehe wohl, daß ich Grimaud rufen muß.«

»Ich habe Unrecht. – Und was sagte dir der Küster?«

»Ich sehe Ihnen dieses Wort nach, gnädigster Herr,« versetzte la Ramèe mit schlauer Miene, »denn es reimt sich auf Minister. Was er mir sagte? Nun, er befahl mir, Sie streng zu hüten.«

«Und weshalb solltet Ihr mich hüten?« fragte der Herzog düster.

»Weil ein Astrolog prophezeit hat, Sie würden entschlüpfen.«

»Ha, ein Astrolog prophezeite das?« sprach der Herzog mit unwillkürlichem Erbeben.

»Ach, mein Gott, ja, diese albernen Zauberer wissen auf Ehre nicht, was sie ersinnen sollen, um ehrbare Leute zu quälen.«

»Und was hast du der erlauchten Eminenz geantwortet?«

»Daß, falls dieser Astrolog Kalender mache, ich ihm anrate, keine davon zu verkaufen.«

»Weshalb?«

»Weil Sie erst Fink oder Zaunkönig werden müßten, um zu entwischen.«

»Du hast leider ganz recht, la Ramèe; doch spielen wir jetzt eine Ballpartie.«

»Ich bitte Eure Hoheit um Vergebung, allein Sie müssen mir eine halbe Stunde nachsehen.«

»Warum das?«

»Weil Seine Gnaden Mazarin, weit stolzer als Sie, wiewohl nicht ganz von so hoher Geburt, darauf vergessen hat, mich auf ein Frühstück einzuladen.«

»Nun, willst du, daß ich dir ein Frühstück hierher bestelle?«

»O nein, gnädigster Herr, ich muß Ihnen sagen, daß der Pastetenbäcker, der dem Schlosse gegenüber wohnte, und Vater Marteau genannt wurde –«

»Nun?«

»Sein Geschäft vor acht Tagen an einen Pastetenbäcker in Paris verkauft hat, und diesem haben die Ärzte, wie es scheint, die Landluft angeraten.«

»Nun, was soll das mich angehen?«

»Warten Sie doch, gnädigster Herr; dieser verfluchte Pasteienbäcker hat vor seiner Bude eine Menge Ding», bei denen einem das Wasser in den Mund tritt.«

»Leckermaul!«

»Ach, mein Gott, gnädigster Herr,« entgegnete la Ramèe, »man ist ja darum noch kein Leckermaul, wenn man gerne gut speist. Es liegt schon in der Natur des Menschen, nach Vollkommenheit bei Backwerken wie bei anderen Dingen zu trachten. Nun muß ich Ihnen aber sagen, gnädigster Herr, daß dieser Schlingel von Pastetenbäcker, als er mich vor seiner Bude anhalten sah, ganz keck herbeitrippelte und mir sagte: ›Herr la Ramée, Sie müssen mir die Kundschaft der Gefangenen des Schlosses verschaffen. Ich kaufte das Geschäft meines Vorgängers auf seine Versicherung hin, daß er für das Schloß liefere und dennoch, auf Ehre, Herr la Ramée, ließ Herr von Chavigny seit den acht Tagen, als ich das Geschäft betreibe, noch keine kleine Torte bei mir nehmen.‹

›Es ist aber wahrscheinlich,‹ gab ich ihm zur Antwort, ›daß Herr von Chavigny fürchtet, Euer Backwerk möchte nicht gut sein.‹

›Ha, mein Backwerk nicht gut? Wohlan, Herr la Ramée, ich will Sie zum Richter machen, und das auf der Stelle.‹

›Ich kann nicht,‹ erwiderte ich, ›da ich durchaus in das Schloß zurückkehren muß.‹

›Nun denn,‹ versetzte er, ›gehen Sie an Ihr Geschäft, da Sie es so eilig zu haben scheinen, doch kommen Sie in einer halben Stunde wieder.‹

›In einer halben Stunde?‹

›Ja. Haben Sie gefrühstückt?‹

›Meiner Seele, nein.‹

›Gut, hier ist eine Pastete, die Sie mit einer Flasche alten Burgunder erwarten wird.‹ – – Und Sie sehen wohl ein, gnädigster Herr, da ich noch nüchtern bin, möchte ich mit Ew. Hoheit Erlaubnis – –« Und la Ramée machte eine Verbeugung.

»So geh' denn, Schelm«, sprach der Herzog; »doch wohlgemerkt, ich gebe dir nur eine halbe Stunde Zeit.«

»Gnädigster Herr, darf ich dem Nachfolger des Vaters Marteau Ihre Kundschaft zusagen?«

»Ja, wenn er anders keine Champignons in seine Pasteten backt. Du weist wohl,« fügte der Prinz bei, »daß die Champignons aus dem Walde von Vincennes meiner Familie tödlich sind.«

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