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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Unterhaltungen des Herrn Herzogs von Beaufort in der Turmstube zu Vincennes

Der Gefangene, der dem Kardinal so viel Furcht erweckte, ahnte nichts von all dem Schrecken, den man seinetwegen im Palais-Royal hatte. Der Herzog von Beaufort war ein Enkel Heinrichs IV. und der Gabriele d'Estrées, ebenso gutmütig, so tapfer, so stolz und insbesondere ebensosehr Gascogner, als sein Großvater, doch viel weniger wissenschaftlich gebildet. Als er nach dem Hingang Ludwigs XIII. durch geraume Zeit der Günstling, der Vertraute, kurz, der Erste am Hofe gewesen, mußte er eines Tages vor Mazarin weichen, wo er dann den zweiten Platz einnahm, und da er den schlimmen Einfall hatte, sich ob dieser Zurücksetzung zu erzürnen, und die Unbesonnenheit beging, es kundzugeben, so ließ ihn der König am folgenden Tage verhaften und durch Guitaut nach Vincennes führen. Die Langeweile zu bekämpfen, begann der Herzog zu zeichnen. Er zeichnete mit Kohle die Züge des Kardinals, und da er bei seinen mittelmäßigen Talenten in dieser Kunst keine große Ähnlichkeit zustande brachte, so schrieb er, um über das Original des Bildes keinen Zweifel walten zu lassen, unter dasselbe: Ritratto dell´ illustrissimo Mazarini. Als das Herr von Chavigny erfuhr, besuchte er den Herzog und bat ihn, er möge sich einem anderen Zeitvertreib hingeben oder wenigstens Bilder ohne Unterschriften machen. Herr von Beaufort war, wie übrigens alle Gefangenen, Kindern sehr ähnlich, die nur hartnäckig bei dem stehen bleiben, was ihnen untersagt wird.

Herr von Chavigny ward von dem Zuwachs an Schattenrissen in Kenntnis gesetzt. Da Herr von Beaufort seiner nicht genug sicher war, um den Kopf von der Vorderseite zu wagen, so machte er aus seinem Zimmer einen wahrhaften Ausstellungssaal. Diesmal sprach der Gouverneur nichts, doch als Herr von Beaufort eines Tages Ball spielte, ließ er den Schwamm über alle seine Zeichnungen fahren – und das Zimmer neu ausweißen. Herr von Beaufort bedankte sich bei Herrn von Chavigny, weil dieser so gütig war und ihm seine Kartons neu herstellen ließ – und diesmal teilte er sein Gemach in Felder ab und widmete jedes derselben, jedoch mit satirischer Anspielung, einem Zuge aus dem Leben des Kardinals Mazarin. Diese Aufgaben waren jedoch zu großartig für das unzureichende Talent des Gefangenen, daher begnügte sich auch dieser nur damit, daß er die Umrisse zeichnete und die Unterschriften beisetzte. Indes waren die Umrisse und Inschriften doch der Art, daß sie die Empfindlichkeit des Herrn von Chavigny reizten, weshalb er auch Herrn von Beaufort melden ließ, falls er nicht auf diese beabsichtigten Bilder Verzicht leiste, würde er ihm alle Mittel zur Ausführung wegnehmen. Herr von Beaufort gab zur Antwort: Da ihm alle Möglichkeit, sich einen Waffenruhm zu erringen, benommen sei, so wolle er sich einen Ruf in der Malerkunst erwerben, und wenn er kein Bayard oder Trivulzio werden könne, so suche er ein Michelangelo oder Raffael zu werden.

Als eines Tages Herr von Beaufort im Hofraume des Schlosses spazieren ging, nahm man ihm sein Feuer, mit dem Feuer seine Kohlen und mit den Kohlen seine Asche weg, wonach er bei seiner Zurückkunft nicht den kleinsten Gegenstand mehr antraf, um daraus einen Zeichenstift zu machen. Eines Tages, nach der Mahlzeit, erklärte der Herzog ganz laut, man habe ihm Gift beigebracht. Dieser neue Schelmenstreich gelangte zu den Ohren des Kardinals und erweckte ihm große Furcht. Der Schloßturm von Vincennes galt für sehr ungesund, und Frau von Rambouillet erklärte, daß das Gemach, worin Puhlaureus, der Marschall von Ornano und der Großprior von Vendome gestorben seien, so gut sei wie eine derbe Dosis Arsenik – und die Äußerung fand Glauben. Er befahl sonach, der Gefangene sollte nichts mehr zu sich nehmen, bevor man nicht Speise und Trank gekostet hätte; und so war denn damals la Ramee unter dem Titel als Vorkoster bei ihm angestellt worden. Inzwischen hatte Herr von Chavigny dem Herzog die Grobheiten nicht vergeben.

Herr von Chavigny, der ein bißchen Tyrannei zu üben verstand, begann damit, daß er Herrn von Beaufort alle Quälereien erwiderte. Er nahm ihm weg, was man ihm noch an eisernen Messern und silbernen Gabeln gelassen hatte, und gab ihm dafür silberne Messer und hölzerne Gabeln. Herr von Beaufort beschwerte sich, doch Herr von Chavigny ließ ihm antworten, er habe erfahren, daß der Kardinal, als er zu der Frau von Vendome sagte, ihr Sohn sei auf Lebenszeit im Schloßturme von Vincennes, einen Versuch zum Selbstmorde gefürchtet habe. Vierzehn Tage darauf fand Herr von Beaufort zwei Reihen Bäume von der Dicke eines Fingers auf dem Wege angepflanzt, der nach dem Ballspielplatze führte. Auf die Frage, was das zu bedeuten habe, gab man ihm zur Antwort: das geschah, um ihm einst Schatten zu verschaffen. Endlich besuchte ihn der Gärtner, und unter dem Scheine, als wollte er ihm eine Freude machen, meldete er, man sei eben damit beschäftigt, ihm Spargelbeete anzulegen. Die Spargel aber, welche, wie jedermann weiß, heutzutage vier Jahre brauchen, um gestochen werden zu können, bedurften damals fünf Jahre, da die Gartenkunst noch nicht so vervollkommnet war. Diese Artigkeit brachte Herrn von Beaufort zur Wut.

Herr von Beaufort dachte nun, daß es Zeit wäre, zu einem Befreiungsmittel zu greifen, und er versuchte fürs erste das einfachste: nämlich la Ramée zu bestechen; jedoch la Ramée, der seine Stelle für fünfzehnhundert Taler gekauft hatte, hielt sehr auf diese Stelle. Statt daß er nun in die Absichten des Gefangenen einging, gab er eiligst Herrn von Chavigny davon Nachricht, und dieser ließ unverzüglich acht Mann im Gemach des Prinzen selbst die Wache versehen, verdoppelte die Schildwachen und verdreifachte die Posten. Von diesem Momente an ging der Prinz nur noch wie ein Theaterkönig mit vier Mann vor und vier Mann hinter sich, diejenigen ungerechnet, welche hinterher schritten.

Anfangs machte sich Herr von Beaufort sehr lustig über diese Strenge, welche ihm Zerstreuung gewährte, und wiederholte, so oft er konnte: »Das unterhält, das zerstreut mich. Doch überdies,« fügte er bei, »wenn ihr mir diese Ehrenbezeigungen wieder nehmen wollt, so habe ich noch neununddreißig andere Mittel.« Am Ende verwandelte sich aber diese Zerstreuung in Langeweile. Aus Ruhmredigkeit hielt sie Herr von Beaufort sechs Monate lang aus; doch als er nach Verlauf von sechs Monaten sich immer acht Mann niedersetzen sah, wenn er sich setzte, aufstehen, wenn er sich erhob, stehen bleiben, wenn er anhielt, so fing er an die Stirn zu runzeln und die Tage zu zählen. Das erhöhte seine Erbitterung und seinen Haß gegen den Kardinal, der seinerseits wieder alles erfuhr, was in Vincennes vorging, und deshalb unwillkürlich seine Mütze bis auf den Nacken herabzog. Eines Tages rief Herr von Beaufort die Gefängnishüter zusammen und hielt trotz seiner sprichwörtlich gewordenen schwerfälligen Beredsamkeit folgende Rede an sie, die er freilich schon im voraus memoriert hatte: »Werdet ihr zugeben, meine Herren, daß ein Enkel des guten Königs Heinrich IV. mit Schimpf und Schmach überhäuft werde? Potz Hagelwetter, wie mein Großvater sagte, wißt ihr, daß ich in Paris beinahe regiert habe? Einen ganzen Tag hindurch habe ich den König und den Oheim des Königs in Gewahrsam gehalten. Damals schmeichelte mir die Königin und nannte mich den redlichsten Mann im Königreiche. Helft mir jetzt, daß ich von hier wegkomme, ihr Bürger; ich gehe geradewegs nach dem Louvre, räche mich, an Mazarin, und ihr, ihr werdet dann meine Leibwachen, ich mache euch alle zu Offizieren und das mit guten Besoldungen. Potz' Hagelwetter! vorwärts, marsch!« Doch wie pathetisch auch die Beredsamkeit von Heinrichs IV. Enkel war, so rührte sie doch nicht diese steinernen Herzen; nicht einer regte sich, darum schalt sie Herr von Beaufort alle Lumpenpack und machte sie zu grausamen Feinden. Wenn ihn manchmal Herr von Chavigny besuchte, was alle Wochen zwei- oder dreimal geschah, so benützte der Herzog den Moment, um ihm zu drohen. »Mein Herr,« sprach er zu ihm, »was würden Sie wohl tun, wenn Sie einmal ein Heer Pariser, mit Musketen bewaffnet und durchaus gepanzert, zu meiner Befreiung heranrücken sähen?«

»Gnädigster Herr,« entgegnete Herr von Chavigny, »ich habe auf den Wällen zwanzig Kanonen und in meinen Kasematten Pulver und Kugeln für dreißigtausend Schüsse; ich würde«, fuhr er, sich vor dem Prinzen tief verneigend, fort, »nach meinen besten Kräften auf sie feuern.«

»Ja, doch wenn Ihre dreißigtausend Schüsse getan sind, wird man Ihr Schloß einnehmen, und wenn das Schloß eingenommen ist, werde ich gezwungen sein, Sie festnehmen zu lassen, was mir gewiß ungemein leid tun wird.«

Dabei verneigte sich auch der Prinz vor Herrn von Chavigny mit der größten Artigkeit. »Allein ich, gnädigster Herr,« fuhr Herr von Chavigny fort, »ich werde bei dem ersten Schuft, der meine Torschwelle überschreitet oder den Fuß auf meinen Wall setzt, zu meinem großen Leidwesen genötigt sein, Sie mit eigener Hand zu töten, denn Sie sind mir ganz besonders empfohlen worden, und ich muß Sie tot der lebendig zurückliefern.« Er verneigte sich abermals vor Seiner Hoheit.

»Allerdings,« fuhr der Herzog fort, »da jedoch diese wackeren Leute gewiß erst dann hierher kämen, nachdem sie Giulio Mazarini aus dem Wege geräumt hätten, so würden Sie sich wohl hüten, an mich Hand anzulegen und mich vielmehr am Leben lassen, aus Besorgnis, von den Parisern gevierteilt zu werden, was ein bißchen unangenehmer als das Henken wäre.« Diese bittersüßen Scherze dauerten auf solche Art zehn Minuten, eine Viertelstunde, höchstens zwanzig Minuten, hatten aber immer ein gleiches Ende. Herr von Chavigny wandte sich nun nach der Tür und rief: »La Ramée!« La Ramée trat ein. »Ich empfehle Euch insbesondere Herrn von Beaufort, La Ramée«, fuhr Herr von Chavigny fort: »behandelt ihn wohl mit all der Rücksicht, die seinem Namen und Rang zukommt, verliert ihn aber darum keinen einzigen Augenblick aus den Augen.« Sodann entfernte er sich, indem er sich vor Herrn von Beaufort mit höhnischer Artigkeit verbeugte, worüber dieser höchst entrüstet war.

La Ramée war somit des Prinzen aufgedrungener Gesellschafter, sein beständiger Hüter, der Schatten seines Leibes, doch müssen wir aber auch sagen, die Gesellschaft von la Ramée war die eines lustigen Kameraden, eines heiteren Tischgenossen, eines anerkannten Trinkers, eines gewandten Ballspielers, einer ganz ehrlichen Seele, die für Herrn von Beaufort nur einen Fehler hatte, nämlich den der Unbestechlichkeit. So wurde er aber für den Prinzen vielmehr eine Zerstreuung als eine Bürde. Wir halten es für ganz überflüssig, unseren Lesern das physische und moralische Bild Grimauds zu malen, denn wenn sie, wie wir hoffen, den ersten Teil dieses Werkes nicht gänzlich vergessen haben, so müssen sie sich noch ziemlich klar an diese achtbare Person erinnern, die sich weiter in nichts verändert hat, als daß sie zwanzig Jahre älter geworden ist, was ihn nur noch wortarmer und schweigsamer machte, obschon ihm Athos seit der bei ihm vorgegangenen Umänderung wieder zu sprechen erlaubt hatte.

Allein um diese Zeit schwieg Grimaud bereits zwölf bis fünfzehn Jahre lang, und eine Angewöhnung seit zwölf bis fünfzehn Jahren ist zur zweiten Natur geworden.

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