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Zwanzig Jahre nachher

Alexandre Dumas (der Ältere): Zwanzig Jahre nachher - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleZwanzig Jahre nachher
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
year1927
translatorGeorg Carl Lehmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060530
projectid9776de94
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Herr von Beaufort

Betrachten wir jetzt, was geschehen ist, und welche Ursachen d'Artagnans Zurückkunft nach Paris erforderlich machten.

Als sich Mazarin eines Abends wie gewöhnlich zu der Königin begab, hörte er laut sprechen in dem Saale der Leibgarden, von dem eine Türe auf sein Vorzimmer ging; und da er wissen wollte, wovon die Soldaten sprachen, so näherte er sich schleichend, öffnete leise die Türe und steckte seinen Kopf durch die Öffnung. Die Leibwachen waren in einem Wortwechsel begriffen.

»Und ich bürge Euch dafür,« sprach einer von ihnen, »wenn das Coysel prophezeit hat, so ist die Sache eben so gewiß, als wäre sie schon geschehen. Ich kenne ihn zwar nicht, doch hörte ich sagen, er sei nicht nur Astrolog, sondern auch noch Zauberer.«

»Potz Wetter! mein Lieber, wenn er zu deinen Freunden gehört, so sei auf deiner Hut! Du tust ihm einen schlechten Dienst.«

»Warum das?«

»Weil man ihm leicht einen Prozeß machen könnte.«

»Ah, bah! heutzutage verbrennt man die Hexenmeister nicht mehr.«

»Nicht mehr? ich denke aber, es sei noch nicht lange, daß der selige Kardinal Urban Grandier verbrennen ließ. Ich weiß etwas davon, da ich die Wache am Scheiterhaufen hielt und ihn braten sah.«

»Mein Lieber! Urban Grandier war kein Hexenmeister, sondern ein Gelehrter, was ganz etwas anderes ist. Urban Grandier prophezeite nicht die Zukunft, er kannte die Vergangenheit, und das ist manchmal viel schlimmer.«

»Ich sage dir nicht,« fing der Gardist wieder an, »daß Coysel kein Hexenmeister sei, allein ich sage dir, wenn er seine Prophezeiung im voraus bekannt machte, so ist das das Mittel, sie nicht in Erfüllung gehen zu lassen.«

»Weshalb?«

»Wenn wir uns schlagen, und ich sage dir im voraus: ich wolle dir eine Prime oder Seconde beibringen, so wirst du ganz natürlich den Stoß abwehren. Wenn nun Coysel laut genug sagt, so daß es der Kardinal selber hört: »Vor diesem und diesem Tage wird der und der Gefangene entweichen –« so ist es klar, der Kardinal werde seine Vorsichtsmaßregeln so gut treffen, daß der Gefangene nicht entwischen kann.«

»Ach, mein Gott!« sprach der andere, der auf einer Bank lag und zu schlafen schien, aber ungeachtet seines Scheinschlafes kein Wort von dem Gespräche verlor! »ach, mein Gott! denkt ihr denn, die Menschen können ihrer Bestimmung entgehen? Wenn es dort oben geschrieben steht, daß der Herr von Beaufort entfliehen soll, so wird auch Herr von Beaufort entfliehen, und alle Vorsichtsmaßregeln des Kardinals werden dagegen nichts helfen.«

Mazarin bebte. Er war abergläubisch; sonach trat er mitten unter die Leibwachen, die sogleich ihr Gespräch endeten, als sie ihn erblickten. »Was habt ihr da gesprochen, meine Herren?« fragte der Kardinal mit seiner schmeichelnden Stimme; »daß der Herr von Beaufort entwischt sei, glaube ich?«

»Ach nein, gnädigster Herr,« entgegnete der ungläubige Soldat; »für diesen Augenblick denkt er noch nicht daran; man erzählt nur, er solle flüchten.«

»Und wer hat das gesagt?«

»Nun, Saint-Laurent, wiederholt Eure Geschichte,« sagte der Gardist und wandte sich gegen den Erzähler.

»Gnädigster Herr,« versetzte der Gardist, »ich erzählte diesen Herren ganz einfach nur das, was ich von der Prophezeiung eines gewissen Coysel sagen hörte, der da vorgibt, wie gut auch Herr von Beaufort bewacht sei, so würde er doch noch vor Pfingsten entfliehen.«

»Und dieser Coysel ist ein Träumer? ein Verrückter?« – sprach der Kardinal noch immer lächelnd.

»Nicht doch,« erwiderte der Gardist, bei seiner Leichtgläubigkeit beharrend, »er hat viele Dinge prophezeit, welche eingetroffen sind, wie z. B. daß die Königin von einem Sohne genesen würde; daß Herr von Coligny in seinem Zweikampfe mit dem Herzoge von Guise fallen würde; daß man endlich den Koadjutor zum Kardinal erhebe. Nun, die Königin genas nicht bloß eines ersten Sohnes, sondern zwei Jahre darauf auch eines zweiten Sohnes, und Herr von Coligny wurde getötet.«

»Ja,« entgegnete Mazarin, «allein der Herr Koadjutor ist noch nicht Kardinal.«

»Nein, gnädigster Herr,« antwortete der Gardist, »er wird es aber werden.«

»Eure Ansicht, Freund, ist also diese, daß sich Herr von Beaufort befreien müsse?«

»Das ist so gewiß, gnädigster Herr,« sprach der Soldat, »daß, wenn mir Ew. Eminenz in diesem Momente die Stelle des Herrn von Chavigny, nämlich die des Gouverneurs vom Schlosse von Vincennes, anbieten möchten, ich dieselbe nicht annehmen würde. Ja, etwas anderes wäre es am Tage nach Pfingsten.«

Nichts ist so bestimmend als eine starke Überzeugung; sie nimmt selbst auf die Ungläubigen Einfluß, und wie bemerkt, war Mazarin keineswegs ungläubig, jedoch abergläubisch. Er ging somit ganz gedankenvoll weg.

»Der Geizige,« sprach der Gardist gegen die Wand gelehnt, »er tut, Saint-Laurent, als glaubte er nicht an Euren Zauberer, damit er Euch nichts schenken muß, er wird sich aber kaum in seinem Zimmer befinden, so nützt er schon Eure Prophezeiung aus.« Und wirklich war Mazarin, anstatt seinen Weg nach dem Zimmer der Königin fortzusetzen, in sein Kabinett zurückgekehrt, wo er Bernouin berief und ihm den Befehl erteilte, daß man am nächsten Morgen mit Tagesanbruch den Offizier hole, welchen er bei Herrn von Beaufort angestellt habe, und daß man ihn aufwecke, sobald derselbe komme.

Als Bernouin um sieben Uhr früh in sein Zimmer trat, um ihn aufzuwecken, war es auch sein erstes Wort: »Nun, was gibt es? ist etwa Herr von Beaufort in Vincennes entwischt?«

»Das glaube ich nicht, gnädigster Herr,« versetzte Bernouin mit einer Amtsruhe, die er nirgends verleugnete; »Sie werden in jedem Falle von ihm Nachricht bekommen, denn der Offizier la Ramée, der heute früh von Vincennes berufen wurde, ist bereits hier und wartet auf die Befehle Eurer Eminenz.«

»Schließ' da auf und lass' ihn eintreten,« sagte Mazarin, und legte sich die Kopfkissen so zurecht, daß er ihn im Bette sitzend empfangen konnte.

Der Offizier trat ein. Er war ein großer, wohlbeleibter, vollbackiger Mann mit gutherziger Miene. Er hatte ein Ansehen von Ruhe, das Mazarins Besorgnis erweckte. Der Offizier blieb schweigend an der Türe stehen.

»Tretet näher«, rief ihm Mazarin zu. Der Offizier gehorchte. »Wißt Ihr, was man sich hier erzählt?« fuhr der Kardinal fort.

»Nein, Eure Eminenz.«

»Nun, man erzählt sich, Herr von Beaufort würde von Vincennes entweichen, wenn es nicht schon geschehen ist.«

In dem Antlitze des Offiziers malte sich das höchste Erstaunen. Er öffnete zugleich seine kleinen Augen und seinen großen Mund, um den Scherz, den Seine Eminenz an ihn zu richten geruhte, besser in sich einzusaugen; und da er seine Ernsthaftigkeit bei einer solchen Vermutung nicht länger zu behaupten vermochte, so brach er dergestalt in ein Lachen aus, daß sich seine dicken Glieder bei dieser Lust wie unter einem heftigen Fieber schüttelten. Mazarin freute sich mit über diese wenig ehrerbietige Lustbarkeit, behielt jedoch stets seine ernste Miene bei. Als nun la Ramée wacker gelacht und sich die Augen getrocknet hatte, dachte er, es wäre endlich Zeit zu reden und sich über seine ungebührliche Lustbarkeit zu entschuldigen.

»Entweichen, gnädigster Herr,« sprach er, »entweichen? Es weiß also Eure Eminenz nicht, wo sich Herr von Beaufort befindet?«

»Ja Herr, ich weiß es, daß er im Schloßturme von Vincennes liegt.«

»Allerdings, gnädigster Herr, in einem Gemache, dessen Mauern sieben Fuß dick sind dessen Fenster Kreuzgitter haben, wovon jede Stange armdick ist.«

»O Herr,« versetzte Mazarin, »mit Geduld durchbricht man alle Wände, und mit einer Uhrfeder durchsägt man eiserne Stangen.«

»Doch Euer Gnaden wissen also nicht, daß er acht Wachen, vier in seinem Vorgemache und vier in seinem Zimmer hat, und daß ihn diese Wachen gar nie verlassen dürfen?«

»Ja, aber er verläßt sein Zimmer, er spielt Kolben und spielt Ball.«

»Diese Unterhaltungen sind den Gefangenen gestattet; wenn es indes Euer Eminenz befiehlt, so wird man sie abstellen.«

»Nicht doch, nein,« sagte Mazarin in der Furcht, es könnte sein Gefangener, falls man ihm diese Vergnügungen raubte, noch weit erbitterter gegen ihn werden, wenn er je Vincennes wieder verlassen sollte.

»Ich frage nur, mit wem er spielt.«

»Er spielt mit dem wachehabenden Offizier, gnädigster Herr, oder auch mit mir, oder mit den andern Gefangenen.«

»Nähert er sich aber während des Spielens nicht den Mauern?«

»Gnädigster Herr, kennt denn Eure Eminenz nicht die Mauern? Die Mauern haben sechzig Fuß Höhe, und ich glaube nicht, Herr von Beaufort sei des Lebens schon so überdrüssig und setze sich der Gefahr aus, im Hinunterspringen den Hals zu brechen. Überdies vergißt Eure Eminenz, daß Herr von Chavigny Gouverneur von Vincennes ist,« fuhr la Namee fort, »und Herr von Chavigny ist ganz und gar kein Freund des Herrn von Beaufort.«

»Ja, allein Herr von Chavigny entfernt sich öfter.«

»Wenn er fortgeht, so bin ich da.«

»Aber wenn auch Ihr Euch entfernt?«

»O, wenn ich selbst mich entferne, so habe ich einen Stellvertreter, der Beamter bei Seiner Majestät zu werden trachtet und gute Wache hält, dafür kann ich einstehen. Seit den drei Wochen, die er in meinen Diensten steht, hatte ich ihm nur diesen Vorwurf zu machen, daß er gegen den Gefangenen allzu hart war.«

»Und wer ist dieser Zerberus?« fragte der Kardinal. »Ein gewisser Grimaud, gnädigster Herr.«

»Und was war sein Geschäft, ehe er zu Euch nach Vincennes kam?«

»Wie mir der Mann sagte, der mir ihn empfohlen hat, war er vordem in der Provinz; er zog sich dort wegen seines Brausekopfes, ich weiß nicht, welchen schlimmen Handel zu, und ich denke, es wäre im nicht unlieb, unter der königlichen Uniform gesichert zu sein.«

»Und wer empfahl Euch diesen Mann?«

»Der Haushofmeister des Herrn Herzogs von Grammont.«

»Denkt Ihr also, man könne sich auf ihn verlassen?«

»Wie auf mich selbst, gnädigster Herr.«

»Ist er kein Schwätzer?«

»Ach, mein Gott, gnädigster Herr! ich hielt ihn lange Zeit für stumm; er redet und antwortet nur durch Zeichen, und es scheint, daß ihn sein früherer Herr dazu abgerichtet habe.«

»Nun, denn, lieber Herr la Ramee,« sprach der Kardinal, »meldet ihm, wenn er gut Wache hält, so wolle man über seine Streiche in der Provinz die Augen zumachen und ihm eine Uniform anziehen, die ihm Achtung verschafft, und in die Taschen dieser Uniform einige Pistolen legen, daß er auf die Gesundheit des Königs trinke.«

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