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Züricher Novellen

Gottfried Keller: Züricher Novellen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleZüricher Novellen
authorGottfried Keller
year1993
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-22643-8
titleZüricher Novellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1878
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Auf seiner Straße dahinziehend überdachte er bald freudig, bald traurig, wie es wohl um die Fides stehen möchte und wie er sich zu ihr zu verhalten haben werde, in welcher Hinsicht er freilich keine großen Hoffnungen hegte. Allein vorderhand empfand er die stärkste Sehnsucht, sie nur einmal wieder zu sehen, wie man in dunkler Zeit des Sonnenscheins bedürftig ist, auch wenn man keinen eigenen Weinberg besitzt, der daran reifen soll.

Er fand aber die Dinge nicht mehr vor, wie er sie verlassen hatte, als er endlich in der Heimat anlangte. Das Lehen war jetzt auf Fides übertragen durch die Bemühungen des Bischofs, und sie saß als Freiin von Wasserstelz auf der Burg am Rhein, einsam, wie einst ihre Mutter. Denn sobald sie ihre eigene Herrin geworden, war sie hingezogen und hielt sich die meiste Zeit dort auf, ohne sich dareinreden zu lassen. Die Burg war in jenen Tagen größer als jetzt; statt des Schlößchens mit dem achteckigen Oberbau und dem kleinen Garten nahm sie damals den ganzen Grundfelsen im Fluß ein mit starken Mauern und Türmen. Außer einigen Dienerinnen, die sie aus ihrer geringen Herrschaft im Dorfe zu Fisibach genommen, hatte Fides noch ein paar feste Knechte in die Burg gezogen, die ihr nebst den streitbaren Leuten in der Schloßmühle genugsamen Schutz gewährten. Mit der bösen Muhme Mechthildis auf Weiß-Wasserstelz stand sie übrigens in leidlichem Frieden. Nachdem diese endlich eingesehen, daß das Erbe ihrer Schwester für sie jedenfalls verloren sei, beschränkte sie sich darauf, die junge Frau auf Schwarz-Wasserstelz das »saubere Kräutchen« und das »schöne Unkraut da drüben« zu nennen, verschmähte aber dabei nicht, ihr Korn in der Mühle mahlen zu lassen und das Mehl selbst zu holen in ihrem Schiffchen, da Fides sie jedesmal gut bewirtete.

Bald nach Hadlaubs Rückkehr waren im Haus Manesse Gäste geladen, denen der zufriedene Herr Rüdiger die poetische Reisebeute des jungen Meisters vorwies. Es wurde über die Beschaffenheit und Echtheit der einzelnen Teile Ratschlag gehalten und dies oder jenes Stück versuchsweise vorgetragen, um Ton und Weise festzustellen, wobei Johannes selbst Hilfe leisten mußte. Es waren meistens die bekannten Herren da; mitten in der Unterhaltung trat aber eine für Johannes neue Erscheinung auf, die seine höchste Aufmerksamkeit erregte.

Es war der Graf Wernher von Homberg auf Rapperswyl, ein junger Mann von ungefähr zwanzig Jahren, hoher und prächtiger Gestalt, und von Ansehen schon ein vollendeter Ritter, fest und gemessen auftretend, kühn und feurig von Blick, derselbe, der nach Albrechts Tode noch bei jungen Jahren unter König Heinrich von Lüzelburg Reichsvogt in den drei Ländern der Urschweiz, dann oberster Reichsfeldhauptmann in Italien und Führer des lombardischen Ghibellinenbundes wurde und durch seine Kriegstaten sich auszeichnete. Wenn er in Waffen erschien, so war er mehr als sieben Fuß hoch, denn über seinem Helme wölbten sich die weißen Hälse des Wandelburger Doppelschwanes empor, die funkelnden Rubinringe in den Schnäbeln und solche Steine in den Augen, während der goldene Schild die Hombergischen Adler von schwarzem Zobel zeigte. Mit gleichen Schilden war der lange, faltige Waffenrock übersäet, und das Schwert ging ihm nieder auf die Sporen, wie einem jungen Siegfried.

Als dieser glänzende Ritter jetzt mit sicherer Hand in die Unterhaltung eingriff und sich mit wenigen Worten als sangeskundigen Mann erwies, sah ihn Johannes vollends mit großen Augen an, bis man ihm in die Ohren raunte, daß der Graf schon an mehr als eine Frau Lieder gerichtet habe und im Geruche stehe, zurzeit die schöne Fides von Wasserstelz in Minne zu besingen. Johannes erblaßte; diese Neuigkeit, so natürlich sie sein mußte, war ihm allzu neu, und er stand ratlos vor derselben. Obwohl er mit sehr unbestimmten oder gar keinen Hoffnungen liebte, so war er bis jetzt doch nicht gewöhnt gewesen, Rivalen neben sich zu sehen; und obgleich mit dem Erscheinen des ersten noch nicht gesagt war, daß dieser ohne weiteres die Braut heimhole, so fühlte er doch unverweilt den Ruck, den es in einem Verliebten tut, wenn unerwartet der Fremde, Unbekannte, Widerwärtige vor ihm steht, der nach seiner Meinung der Sache gelassen ein Ende machen könnte.

Daß dieser Graf, gerade weil er ein vornehmer Ritter war, vielleicht gar keine ernsten Absichten, wie man heute sagen würde, mit seinem Minnedienste verband, nach alter Sitte, da man nicht freite, wo man minnte, das konnte ihm nicht möglich scheinen. Und das war ihm um so eher zu verzeihen, als er in der Folge wohl bemerkte, wie die Freunde, voran die Eltern der Fides, diesmal ein ernstes Spiel und ihr die verhoffte Lebenswendung herbeizuführen wünschten.

Seinerseits hatte auch der junge Dynast von der Person Hadlaubs, dessen Verhältnisse und Minnetaten er bereits kannte, Notiz genommen und betrachtete ihn nicht unfreundlich lachend von oben bis unten. Je mehr er aber sich den hübschen Meister mit den leuchtenden Augen besah, desto ernster und kälter wurden seine Züge, und als dieser ihm unabsichtlich auf einer Treppe nahe kam, machte er beinahe mit der Faust eine jener zornigen Bewegungen, mit welchen er später geharnischte Guelfen im Genick packte und sie auf ihrem Pferde und samt demselben davonjagend gefangen nahm.

Auch andere von den Rittern, welche früher freundlich gegen Johannes gewesen, änderten ihr Benehmen, und mehr als einer von den Dynasten sah ihn halb drohend an, wenn er sich mit Rede oder Bewegung vorwagte.

Nur Herr Rüdiger Manesse blieb in seiner ruhigen und sicheren Gunst gegen ihn beharren, und auch Bischof Heinrich, als Johannes bei ihm zu verkehren hatte, war fast leutseliger, als zuvor, und munterte ihn sogar auf, mit seiner Liederkunst nicht nachzulassen und sich in dem edlen Frauendienst, als der Quelle aller schönen Übung, ja immer mehr auszubilden. Der schlaue Staatsmann dachte hierdurch den persönlichen Wert der Tochter klüglich zu unterstützen und den zögernden Grafen anzureizen.

Der bekümmerte Johannes, der aus dem Wirrsal von Liebesleidenschaft und Widerspruch der Welt keinen andern Ausweg fand, als sich zunächst wieder an den Ursprung seines Übels zu wenden, befolgte den Rat des Bischofs und sandte der Herrin kurz hintereinander neuerdings einige Boten, das heißt Liebeslieder, was er von der Burg des Regensbergers aus ins Werk setzte, wenn er bei diesem beschäftigt war. Der Freiherr hielt auch noch zu ihm; er war mehrfach von den Zürichern abhängig und als ein zur Ruhe gesetzter Dynastensproß, dessen einst mächtiger Oheim schon im Schutz und Weichbilde der Stadt Zürich gestorben, kannte er die Vergänglichkeit aller Größe; und überdies hielt er dafür, daß der junge Graf Wernher, dessen vereinigtes väterliches und mütterliches Haus jetzt noch groß und hochstehend war, während die Güter desselben auch schon schwanden, schwerlich auf eine Heirat mit der nur wenig begüterten Fides denken, vielmehr bestimmt sein werde, seine glänzende Person in dieser Hinsicht so vorteilhaft als möglich zu verwerten.

So gewährte es ihm einiges Vergnügen, dem Grafen Wernher in der Gestalt des bescheidenen Meister Hadlaub einen Rivalen zu unterhalten, soviel an ihm lag. Doch warnte er diesen vor der leicht ausbrechenden Gewälttätigkeit Wernhers, der eifersüchtig und zum Zorne geneigt sei und, soviel man habe beobachten können, die Umgebungen des Wasserschlosses in neuester Zeit heimsuche und bewachen lasse. Hierin werde er von anderen Herren unterstützt, die es nicht dulden wollen, daß ein bürgerlicher Singmeister und Schreiber offenkundig einer Freiherrin nachstelle.

*

Der Verdacht der Nachstellung beleidigte fast den harmlosen Johannes; wie er aber auf der Rückkehr von der Feste Regensberg die erhaltenen Winke erwog und die Sache überlegte, erwuchs daraus gerade das Verlangen, dem Verdachte und den Drohungen Trotz zu bieten und um jeden Preis wieder einmal nach dem Anblicke des geliebten Wesens zu trachten, den er nun schon länger als ein langes Jahr entbehrte.

Und wie er mit solchen Gedanken in der Abenddämmerung die Stadt betrat und an den Flußmühlen vorbeiging, näherte sich ihm ein junges Müllerknechtchen, das ihm geheimnisvoll einen Brief in die Hand schob. Er erkannte den Gesellen als einen Angehörigen der Propstei und erinnerte sich, daß derselbe kürzlich gewandert war. Der Bursche sagte nichts, als daß er zuletzt in einer Rheinmühle unterhalb Kaiserstuhl gewesen sei und dort von der Müllerin den Brief zur sicheren Bestellung erhalten habe.

Johannes eilte mit dem Briefe pochenden Herzens nach Hause; er ahnte etwas höchst Gutes und Merkwürdiges, ohne doch das Rechte zu erraten in seiner Bescheidenheit; denn es war nichts anderes, als eine Botschaft der Fides selbst, als Antwort auf seine letzte Sendung. Der Brief lautete:

»Der Meister, so das Nadelbein hat und unermüdlich Briefe sendet, mag seine Rede verantworten und, wenn er meint, entschuldigen vor der, welche es angeht. In der Nacht vor Kreuzerfindung wartet seiner ein Schifflein bei der Fähre zu Rheinsfelden. Aber auch dorthin muß er ungesehen kommen und dem Schiffsmann die zwei Drachen weisen, im übrigen gewärtig sein, daß er Leib und Leben verlieren kann.«

Der Tag der Kreuzerfindung ist bekanntlich der dritte Mai, und da jetzt schon der letzte April war, so hatte Johannes keine Zeit mehr zu verlieren, wenn er die Fahrt wagen wollte. Was für eine Fahrt und was für ein Wagnis?

Das war nun freilich dunkel, wie der Inhalt der Botschaft. Ging er einem Verrat entgegen oder dem Glücke, das er sich trotz seiner Meisterschaft in allen möglichen Tage- und Wächterliedern nur als etwas höchst Fragliches und Fabelhaftes vorzustellen vermochte? Gleichviel; mit allen Zweifeln, die sein Herz bestürmten, bereitete er sich wie zu einer langen und gefahrvollen Reise vor; er räumte seine Sachen sorgfältig zusammen und verwahrte jedes an seinem Ort, damit alles leicht zu finden wäre, wenn er nicht wiederkehrte, als ob er den Orkus beschreiten müßte. Dann suchte und prüfte er Waffen, legte sie aber weg, da ein sonniges Vertrauen die Oberhand gewann und er es für besser erachtete, dem Abenteuer unbewaffnet entgegenzugehen.

Dafür rüstete er ein sauberes Gewand und einen Reisemantel und ging an dem bestimmten Tage um die Mittagsstunde ganz still und unbemerkt von dem Hofe seines Vaters hinweg quer durch Gehölze und Feldwege hinüber nach den Höhen des unteren Tößtales, wandte sich dort nordwärts und wanderte durch die Wälder, bis er am Abend in dem Rheinwinkel bei den Tößrietern anlangte. Dort warb er einen Fischer, der ihn in seinem Kahne mit einbrechender Nacht den Rhein hinunterfuhr, unter der Brücke von Eglisau hindurch, bis wo die Glatt neben dem Burgstall derer von Rheinsfelden einmündete und ein Fährmann die Leute über den Fluß setzte. Der war aber jetzt im Bette, und auch das Schlößchen war bis auf ein einziges Fensterlein dunkel. Johannes belohnte den Fischer und stellte sich, als ob er landeinwärts gehen wollte, so daß jener arglos seinen Kahn wieder rheinaufwärts schaltete. Gleich nachher legte ein Schifflein, das von unten her kam, sich ans Ufer; Johannes trat hinzu und zeigte dem Schiffer, welches der weiße Müller von Schwarz-Wasserstelz war, das elfenbeinerne Nadelbüchslein, worauf dieser ihn eintreten ließ und ihn weiter den Rhein hinunterführte.

Die waldigen Ufer links und rechts waren still wie das Grab. Der Vollmond stand am Himmel und verwandelte den Rhein in eine wallende Silberstraße; das Ruder des Fährmanns troff unaufhörlich von funkelndem Silber; doch fuhr das Schifflein unbehelligt zu Tale, selbst an Kaiserstuhl und Röteln vorbei, wo Stadt und Schloß noch bei Lichte und voll Geräusch waren. Auf der Brücke sogar schienen noch Reisige zu stehen und plaudernd an der Brustwehr zu lehnen.

Jetzt hatten sie noch eine kleine Weile zu fahren, und die Burg der schönsten Fides stieg, vom Monde beschienen, unmittelbar aus den ziehenden Wellen. Oben schienen viele Lichter zu brennen, die Fenster der Maiennacht geöffnet und Menschen versammelt zu sein. Immer stärker schlug Hadlaubs Herz, daß ihm beinahe der Atem verging, als der Schiffer jetzt auf der äußeren, dem jenseitigen Ufer zugekehrten Seite anlegte, wo aus einem kleinen Pförtchen eine schmale Steintreppe ins Wasser ging.

Der weißliche Schiffer pochte leise an dem Pförtchen; dasselbe öffnete sich geräuschlos und schloß sich sofort hinter dem eingetretenen Johannes, der im Dunkeln von der Hand einer unsichtbaren Person ergriffen, eine Treppe hinuntergeführt und in ein finsteres Verlies hineingestoßen wurde, dessen Türe man dreifach verschloß und verriegelte.

Der eingesperrte Johannes tappte herum, bis er auf einen hölzernen Schragen stieß, der die für eine Frau unwirtliche Einrichtung einer Gefangenschaft zu verraten schien. Als er sich aber auf das Gerüste niedersetzte, bemerkte er, daß der Kerker bis jetzt in einem friedlicheren Sinne benützt worden, da Äpfel ausgebreitet lagen, welche er zur Seite schieben mußte, um Platz zu gewinnen. Durch die Mauer des Gefängnisses hindurch hörte er das Rauschen des Rheinwassers und konnte daraus auf die Tiefe des Loches schließen, in welchem er saß. Wie einst Herr Walther von der Vogelweide schlug er die Beine übereinander, stützte den Ellenbogen darauf und das Kinn auf die Hand; er konnte jedoch nichts heraussinnen, als daß er kürzlich noch in der schönsten Maiennacht auf dem grünen Rheine gefahren sei, voll süßen Ahnens, und jetzt im Finstern sitze, allerdings in der Nähe der Geliebten. Er fühlte auch keine rechte Beängstigung und begann von den Äpfeln zu essen, da er seit zwölf Stunden nichts mehr genossen.

Oben in den Räumen des Lichtes aber saß der Fürstbischof von Konstanz, der im Schlosse Röteln und zu Kaiserstuhl mit seinem Gefolge lagerte und den Herrn Grafen von Homberg und Rapperswyl mitgebracht hatte. Sie waren unerwartet erst am Abend heranspaziert gekommen und blieben bis nach Mitternacht. Der Bischof war besorgt, die ernste Wirtin, die es an nichts fehlen ließ, aufzuheitern und zugänglich zu machen; auch war sie seit etwa einer Stunde in sichtlich zufriedener Laune, was der Fürst der vollkommen ritterlichen Weise zuschrieb, mit welcher der junge Graf sich um sie betat. Wäre die Frau Fürstäbtissin dabei gewesen, so hätte sie wiederum gedacht: O törichter Mann! Denn sie würde zu ihrem Mißfallen wohl bemerkt haben, daß Herr Wernher nicht Augen machte, wie einer, der eine Frau sucht, sondern wie einer, dem es um einen geheimen, verwegenen und süßen Frauendienst zu tun ist und sich demgemäß mit zarter Vorsicht benimmt.

Endlich brachen die beiden Gäste auf und wurden ans nahe Ufer übergesetzt, wo Diener mit Fackeln bereitstanden, ihnen heim zu leuchten.

Als Fides von ihrer Burg aus sah, daß sie weit weg waren, und die Landschaft ganz still geworden, stieg sie mit einer Magd in den Turm hinunter, in welchem Johannes gefangen lag, und schloß das Steingemach selber auf. Sie trat errötend hinein, die Ampel in der Hand, und beleuchtete den still Dasitzenden, um zu sehen, ob er's wirklich sei.

»Man hat Euch übel empfangen, Meister Johannes!« sagte sie hierauf mit halb verhehltem Lächeln, »und ich muß Euch sogar noch länger in Gewahrsam halten, bis ich Eure Angelegenheit an Hand nehmen kann; denn es ist eine Gefahr für Euch um den Weg. Aber Ihr sollt wenigstens ein besseres Logement beziehen, wenn Ihr dieser Person hier folgen und mir versprechen wollt, Euch dort so lange still zu halten, als ich es für gut finde!«

Johannes war schon aufgestanden und sagte: »Ich fürchte mich nicht und vermag abzuwarten, was daraus werden soll. So lang ich in Eurer Nähe bin, so lang leb' ich!«

Fides war aber schon wieder fort. Die Magd führte ihn nun im gleichen Turme viele Treppen hinauf in ein kleines Gemach, das mit einem Bette, Tisch und Stühlen versehen war, holte ihm Speise und Trank, und als er nichts mehr bedurfte, schloß sie die feste Türe von außen zu und brachte den Schlüssel ihrer Herrin, die nun auch zu Bette ging und den Schlüssel unter ihr Kopfkissen legte.

Johannes schlug sich die wenigen Stunden bis zum Morgen wohl durch hundert Träume hindurch, die sich unablässig jagten und ihn stets an die Schwelle des Erwachens drängten. Wegen der Ermüdung erwachte er aber nicht, bis die ersten Strahlen der Morgensonne in die Kammer schienen. Denn die Burg hieß Schwarz-Wasserstelz, weil sie den ganzen übrigen Tag hindurch im Schatten der hohen Uferhalden stand. Johannes sah nun, daß sein Fensterchen nach Osten den Rhein hinauf ging und jeder Beobachtung entzogen war.

Bald kam wiederum die Magd, um ihm die nötige Pflege angedeihen zu lassen, deren schweigende Übung sie nicht hinderte, den Gefangenen prüfend zu betrachten. Auch Hadlaub faßte sie ins Auge, um dem Rätsel seines gegenwärtigen Daseins näherzukommen. Es schien eine an ruhigen Gehorsam und Ordnung gewöhnte, aber auch wohlgehaltene, nicht unzufriedene Person von guten Sitten zu sein, was nach der Weltkenntnis, die er bereits erworben, nicht auf eine Herrin von bösem Wesen oder auf ein Haus raten ließ, in welchem grausame und ungeordnete Dinge vorfielen. Den Kopf hielt er deshalb einstweilen für gesichert; desto ungewisser sah es mit dem Schicksal seines Herzens aus, sonderlich da er zu bemerken glaubte, daß die Magd im Hinausgehen ein gewisses Lachen unterdrückte.

Sie schloß ihn wieder ein und übergab den Schlüssel abermals der Herrin, welche ihn in die Tasche steckte und den Grafen samt seinem Gefolge empfing, der bei guter Zeit sie nach Kaiserstuhl holte, wo der Bischof dem dortigen Schultheiß und übrigen Edelleuten, sowie dem Vogt zu Röteln und andern Dienstmännern der Umgegend einen Hofhalt gab. Auch die schwärzliche Muhme Mechthildis war zugegen, und als am Nachmittage der Bischof aufbrach, um weiterzureisen, und die ganze Gesellschaft auseinanderging, bestieg Fides schnell mit ihr den Nachen von Weiß-Wasserstelz und entschlüpfte so dem Grafen, der sie durchaus wieder nach Hause geleiten wollte. Denn zu der alten schwarzen Hexe in den Kahn zu steigen, hielt er nicht für sicher, so mutvoll und tapfer er auch auf dem festen Lande war.

Er ritt daher für diesmal auch von hinnen, und Fides fuhr zufrieden den Rhein hinunter und ließ sich an dem gleichen Pförtchen aussetzen, an welchem Johannes gestern gelandet. Sie griff suchend nach dem Schlüssel in ihrer Tasche, indem sie kräftig an der Glocke zog, welche neben dem Pförtchen angebracht war.

*

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