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Zur Kulturgeschichte Roms

Theodor Birt: Zur Kulturgeschichte Roms - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
booktitleZur Kulturgeschichte Roms
authorTheodor Birt
year1935
firstpub1909
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleZur Kulturgeschichte Roms
pages142
created20120527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III. Die Bevölkerung

In der Körperform zeigt sich die Rasse eines Volkes; im Gesichtsausdruck, in der Bewegung zeigt sich seine Bildung, seine Kultur. Wer jene ferne Bevölkerung wieder beleben könnte! Freilich hat uns das Altertum von so vielen seiner Zeitgenossen das Porträt gegeben, Abbilder, die leben! Aber man muß sie sehen, man muß in die Museen Italiens wandern. Wer vermöchte sie zu beschreiben?

Unter den alten griesgrämigen Römerköpfen ragt der Bronzekopf des Brutus auf dem Kapitol hervor: bärtig, finster, mißmutig, mit dem Entschluß ringend und doch sympathisch ergreifend. Er vertritt uns das alte Römertum. Dieser Brutus hat auch noch die großen Ohren, die am alten Römer auffallen. Wie anders schon Sulla, der erste Tyrann Roms, eine Theaterfigur der Weltgeschichte, mit den unheimlich eingezogenen Lippen, wie das Münzbild ihn zeigt, und den tiefliegenden blauen Augen, wie Plutarch ihn schildert, durchdringend erbarmungslos! Den freundlichen Pompejus verglichen seine Verehrer zwar mit Alexander dem Großen; aber außer dem auffallend steilen Haarwirbel über der Stirn wird es mit der Ähnlichkeit nicht weit her gewesen sein.In meinen »Römischen Charakterköpfen« 2. Aufl. S. 128 sind der Kopf Alexanders und der mutmaßliche des Pompejus nebeneinander gestellt. Ein vielgefeierter Herkulestyp mit Geiernase war Mark Anton, der heiße Zecher und Liebhaber Kleopatras; die schöne Büste im Vatikan, die man nach Mark Anton benennt, stellt ihn selbst schwerlich dar, aber auch sie gibt uns Anschauung und zeigt uns den Lebemann großen Stils, gesund, kraftvoll sinnlich und ohne Schranken sorglos, wie ein Gott auf Erden. Derartige prachtvoll durchgearbeitete Römerköpfe stehen im Vatikan noch viele.Vgl. z. B. bei W. Helbig, Führer Nr. 30. Ihre Bilder lehren auf alle Fälle Geschichte, die Geschichte der an starken Naturen so überreichen Zeit des Cicero und des zweiten Triumvirats. Der Bart ist da schon endgültig abgeschafft; um so sprechender wirkt das Untergesicht. Selbst der Bauer rasiert sich jetzt. Der Bart wurde erst wieder Mode, als die Philosophie siegte und mit ihr das Christentum.

In der Kaiserzeit aber zeigen sich uns andere Physiognomien, und wir gewahren intimere Züge. Der Schuster Helius auf seinem Grabstein zu Rom mit der Warze im Mundwinkel, so brav und 37 ehrenfest! Ein anderer Grabstein zeigt uns einen älteren Herrn, der Vilius heißt, mit Frau und Sohn;Hekler, Bildnisse, Tafel 134 der Alte sieht da wie ein altgewordener lahmer Professor aus, der zuviel geredet und zeitlebens immer dasselbe vorgetragen hat: bartlos, zahnlos, mit viereckigem Schädel und eckigen Mundwinkeln. Ein anderer Typ ist uns wieder Vergil, der größte Dichter Roms. Er wird uns beschrieben: ein großer schwerer Mensch, von dunklem Teint und bäurisch im Ausdruck, aber dabei stimmschwach, zart, nervös und verlegen. Es fiel ihm schwer, zusammenhängend zu reden, und wenn man auf der Straße auf ihn wies, so versteckte er sich blöde in das erste beste Haus.Vgl. Helbig Nr. 536. Welch seltsame Figur! Das kühne Römertum war geknickt; dieser große Heldendichter mit der Frauenseele, den der Kaiser verhätschelte, brauchte neun Jahre, um ein Gedicht von etwa 80 Seiten Umfang zustande zu bringen. Vergil, der Literat, erinnert uns weiter an das Doppelporträt des pompejanischen Bäckermeisters Paquius Proculus und Frau, die sich mit Buch und Schreibzeug zusammen haben an die Wand malen lassen; also auch sie hübsch literaturbeflissen; im Gesicht aber sind es die reinen Süditaliener von heute, mit tiefschwarzen Haaren, dicken Brauen und blanken großen Augen; dazu hat die Frau Stirnlöckchen in Fransenform, die offenbar mit Brillantine zusammengeklebt sind.

Von griechischem Profil aber ist da nichts zu spüren. Es sind Menschen wie aus dem heutigen Leben.

Wer dagegen eine Idealfrau der damaligen Gesellschaft sehen will, der sehe die sogenannte Juno Pentini im Braccio nuovo des Vatikan. So etwa mag die Flora, die Geliebte des Pompejus, ausgesehen haben. Gepflegte Schönheiten von so unaussprechlicher Feinheit begegnen nur in den Hochkulturen, und man gedenkt dessen mit Trauer, daß solche Frauen sterblich waren. Holdlieblich erscheint auch die Eumachia in Pompeji. Anders freilich die Kaiserinnen. Auch sie oft vornehm und hoheitsvoll – aber dabei realistisch derber; Faustina mit dem Zug offener Sinnenlust; dazu modischer frisiert, in flavischer Zeit mit dem Toupet über der Stirn.

Und nun endlich die Kaiser selbst! die Kaiserbüsten des Altertums! die Galerie von Profilen auf den Münzen! In ihren Köpfen haben wir die Quintessenz der Zeit. Denn die Laune der 38 Kaiser machte die Geschichte. Augustus selbst und die Nachfolger aus seinem Hause edel, schön und kühl, mit weiten Stirnen und glatten Harren, die im Nacken nach außen gekämmt sind. Ein Musterkopf dieser Art ist der Drusus, der Bronzekopf in Paris,Er wird fälschlich für Caligula gehalten. mit dem scharfen napoleonischen Schnitt. Nero dagegen weibisch gedunsen und wollüstig theatralisch; schwächlich und weichlich auch der junge Caligula (in Kopenhagen), dieser katzenhafte Mensch mit dem schwachen Haarwuchs und dem kleinen Mund, der etwas aufgestülpt ist, als wolle er küssen. Dann gar ausländisches Blut: Hadrian, der Spanier, der große Friedenskaiser und Revolutionär, der den Vollbart wieder in Mode brachte; ein Hirn, in dem sich die ganze schönheitssüchtige Bildung der Antike wie in einem Akkumulator sammelte; übrigens weniger ein Kaiser als ein geistreich freisinniger Akademiker! Und dagegen Caracalla, der Sohn eines Afrikaners und einer Syrerin, der Haudegen, den gekniffenen Mund nach unten gezogen, die hämischen Augen tief überschattet, mit kleinen Gesichtszügen, heimtückisch wild, aber dabei ein großer Mann! Denn er gab sich Mühe, den Kopf schräge zu halten, weil auch Alexander der Große dasselbe tat. Am bekanntesten und beliebtesten vielleicht Kaiser Mark Aurel, der beste Mensch auf dem Thron. Ich denke an sein berühmtes Reiterbild voll Sicherheit und Milde, in dem der Typus des echten Landesvaters verewigt ist. Aber ein Zug fehlt darin, die Melancholie und Sorge. Denn in Wirklichkeit war es eine groteske, aber zermalmende Aufgabe, Selbstherrscher zu sein, für den Gewissenhaften ein qualvolles Dasein, eine tragische Existenz; Sklaverei der Arbeit, Fülle der Verantwortung. Alle Büros in seinen Palästen. Allen Ressorts stand der Kaiser selbst vor. Die wenigsten Cäsaren sind in ihrem Glanz alt geworden. Der Kaiser als Amt wurde vom Volk vergöttlicht; die Person rieb sich auf und verzehrte sich, selbst ein Trajan.

Aber wir wollen hier nur ein Durchschnittsbild des antiken Lebens geben und sehen von allem Extremen ab. Ich schildere hier also auch nicht die Hofhaltung. Vom Palatin kommt der Ausdruck Palast: palatium. Dort lagen die Kaiserpaläste, zum Teil mit der Front nach dem Forum und nach dem Kapitol gerichtet. Jeden Ausgang des Herrschers sah das Volk; er war der Gegenstand grenzenloser Huldigung und grenzenloser Beaufsichtigung. Ich 39 handle auch nicht vom Institut der Höflinge, dem Abschaum der Kultur. Interessant unter ihnen nur die Hofgelehrten, insbesondere die Hoftheologen stoischer Richtung, die als Tröster für Trauerfälle dienten. Ich rede auch nicht ausführlicher von der Gruppierung der vornehmen Gesellschaft oder von den »Ständen«, in die sie sich teilte, den Senatoren und Rittern. Die Bezeichnung Ritter oder Reiter stammte aus dem altrömischen Heeresdienst. Es handelt sich da um die Leute, die zum mindesten 400 000 Sesterz, oft aber das Hundertfache besitzen. Es sind dies jene Protzen, die mit großem Troß und nicht ohne numidische Vorreiter reisten; durch Schnelläufer bestellen sie sich vorher Quartier, und ein Zug von Maultieren zog, mit Kostbarkeiten beladen, hinterdrein. Die Wohlgepflegtheit ließ sich kaum noch steigern; auch Schlafwagen für die Nachtreise hatte man schon. Viele jener Ritter rückten nun als Magistrate in den senatorischen höchsten Stand auf; viele andere aber nahmen sich nicht die Zeit hierzu, da sie als Domänenpächter und als Großfinanz das Geldgeschäft vorzogen. Denn dies Geldgeschäft war einträglich. Man nahm bei Darlehen bis zu 48 Prozent. Auch Filzfabriken, Ziegeleien, Reedereien waren in ihren Händen. Für senatorische Herren dagegen ziemte sich das nicht, und sie beteiligten sich nur verdeckt an den Konsortien, die die Masseneinfuhr nach Rom in Händen hatten.

Malaga liefert heute den schönsten Wein, im Altertum die schönste Fischsauce, und eine römische Aktiengesellschaft an Ort hatte die Herstellung dieser unentbehrlichen Delikatesse in Händen, versandte sie in Steinkrügen an die Detailgeschäfte und nahm die höchsten Preise. Dabei schlossen sich diese Kaufleute im Ausland in Vergnügungsklubs zusammen wie heute die Engländer in Kairo und Bangkok.

Dagegen haben die senatorischen Verwalter der Provinzen unter kaiserlicher Aufsicht eine hohe Kulturleistung vollführt; denn die Provinzen, Frankreich und Afrika voran, prangten damals in Glück und Reichtum, mehr als Italien selbst. Das dankten sie den Statthaltern Roms, und ihrer ist hier rühmend zu gedenken. Die Provinzen wurden erst militärisch, dann wirtschaftlich, dann geistig erobert. Bald genug füllte sich der römische Senat selbst mit Männern gallischen, spanischen, afrikanischen und syrischen Blutes.

Das römische Reichsheer, im ganzen nur etwa 250 000 Mann (dabei fehlten Reserven), stand ausschließlich nur an den fernen 40 Grenzen des Reichs bis nach Schottland verteilt. Die Dienstzeit war lang, und der Berufssoldat wechselte ungern den Standort; so wurde er dort schließlich zum Grenzer, zum nützlichen Ansiedler. Sein Erspartes legte er, solange er aktiv, in der Sparkasse seiner Kohorte nieder. Daher fehlt nun aber Militär in allen Städten Italiens – welcher Verlust für die Frauenherzen! – und das Pflaster erdröhnt unter keinem Soldatenstiefel, außer in Rom selbst, wo auf dem Viminal die übermütigen Prätorianer in Garnison liegen.

Um so häufiger sah man dagegen allerorts Priester auf den Straßen, wie in Italien noch jetzt. Denn die Heiligtümer waren unzählig, und die Priester oder Priesterinnen, übrigens meist verheiratete Leute, mußten doch ihren Weg über die Gasse nehmen. Kaiser Domitian war als junger Prinz im vitellianischen Straßenkampf gefährdet. Aber als Isispriester vermummt, ging er im weißen Fransenkleid keck durch die vollen Straßen, und das Volk machte umsonst auf ihn Jagd.

Fast ebenso zahlreich wie die Priester die Ärzte! Es sind zumeist Griechen. Wir wollen uns durch die Satire des Altertums nicht irre machen lassen, deren ergiebigste Opfer sie sind, von den Militärärzten nicht zu reden, die im Feld oft arg gehaust haben mögen. Das »Arzt, hilf dir selber« war verbreitet.Vgl. Cicero ad fam. IV. 5, 5: (medici) ipsi se curare non possunt. Bei Martial lesen wir:

Gestern noch kerngesund mit uns Gesunden
War er im Bad, ließ sich die Mahlzeit munden.
Heut' hat man Gajus tot im Bett gefunden.
Warum starb er? fragst du; was ist geschehen?
Seinen Hausarzt hat er im Traum gesehen.

Sicher ist indes, daß die Heilkunde des Altertums in ihren besten Vertretern auf einer bewunderungswürdigen Höhe stand, die im Mittelalter für lange Zeit verloren ging. Krankheitsbeschreibungen (Asthma, Tuberkulose, Diphterie, Zuckerkrankheit), wie sie beispielsweise Aretaios von Kappadokien lieferte, klingen teilweise so neuzeitlich, als ob sie heute geschrieben wären. Archigenes, der elegante Modearzt der großen Damen von Welt zu Rom, aus dem syrischen Apameia gebürtig, entwickelte die Lehre vom Puls zu einer ungeahnten Höhe und verrät eine höchst interessante Kenntnis verschiedener indischer Heilmethoden. Große Chirurgen wie Leonidas aus Alexandrien oder Antyllos führten die 41 schwierigsten Operationen (Krebs, Luftröhrenschnitt, Schädeltrepanation) aus. Soranos aus Ephesos schrieb sein berühmtes Werk über Frauenkrankheiten, Krito, der Leibarzt Traians, verfaßte ein Handbuch der Toilettenkünste. Dieser Hochstand der Medizin beruhte auf einer gründlichen anatomischen Vorbildung der Ärzte. Freilich bezogen die meisten ihre anatomischen Kenntnisse nur aus Büchern und Bildern. Der bessere Arzt führte seine Krankenjournale wie heute und hatte seine Privatklinik im Haus. Die Laien deklamierten schon damals gegen Vivisektion:Vgl. Quintilian, declam. maiores Nr. 8 das beweist, daß es Praktiker gab, die anders dachten. Jeder Arzt war auch Apotheker und bereitete seine Medikamente selbst. Auch das Militär-Sanitätswesen war geregelt.Militärlazarette gab es in den Standlagern; in den Krankensälen wurde Kälte und Zugluft geschickt abgewehrt; vgl. Deutsche militärärztliche Zeitschrift 1909, S. 441 ff. Vom 2. Jahrhundert an wurde übrigens eine Anzahl von Ärzten von den Kommunen fest angestellt und besoldet.

Aber nicht diese gleichsam ambulanten Berufe beherrschen das Straßenbild, sondern das Gewerbe und die Detailhändler. In den Erdgeschossen der Häuser schloß sich Laden an Laden; diese Ladenräume werden gemietet und sind vom Innern des Hauses her oft unzugänglich, stehen dagegen nach der Straße zu wie Lauben weit offen. Große Holzläden, die in die Schwelle eingelassen werden, bilden zur Nachtzeit den Ladenverschluß. Und da gibt es nun Garküchen und Trinkstuben und Bäcker und Konditoren (man süßte nur mit Honig). Bei den Haarkünstlern fand sich die plauderlustige Welt. Pergula hieß der balkonartig hängende obere Teil des Ladenraums; auch der wurde ausgenutzt; da wird Schulunterricht, ja auch Tranchierunterricht gegeben! Bemerkenswerter die Buch- und Bilderläden. Interessante neue Buchtitel wurden an Säulen angeschlagen: man frug eben auch damals schon nach dem Modernsten! Noch sehenswerter aber die Juweliergeschäfte. Spécialités en coreaux, pierres du Vesuve, musaïques de Florence, so lesen wir heut in Neapel an den Schmuckgeschäften: das alles gab es damals noch nicht. Die schönste Spezialität waren vielmehr – neben dem feinen Filigrangoldschmuck griechischer Arbeit auf Goldgrund oder à jour – die geschnittenen Steine, die auch heute noch das helle Entzücken der Sammler sind: man benutzte dazu Topase, Carneol, Amethyst und Achat. Auch machte man in 42 farbigen Glaspasten nach ihnen billigere Abgüsse. Damit siegelte man, nicht ohne den Stein im Ring geziemend zu befeuchten, und man siegelte gern, unendlich viel häufiger als selbst unser 18. Jahrhundert; denn auch um seine Wertkästchen und Schatullen tat man ein Band mit Siegel. Der Schnitt der Gemme aber zeigte die reizendsten Götter- und Frauenbilder oder Fabeltiere in unbeschreiblicher Feinheit. Der elegante Mäcenas freilich petschierte nur mit einem Frosch, und der Frosch des Mäcen war gefürchtet. – Man trug den Ring am vierten Finger.

Daß die Geschäfte sich dem Publikum durch Abzeichen kenntlich machten, lehrt besonders Pompeji. Am Haus eines Milchhändlers erscheint da eine Ziege im Relief, beim Bäcker eine Mühle, an den Schankwirtschaften aber eine Art Schachbrett. Das Damenspiel ersetzt den Kneipgästen das Billard oder den Skat.

Sehr ausgebildet war der Selbstschutz des Gewerbes; ich meine das Genossenschafts- und Innungswesen. Die Walker besitzen zusammen überall gemeinsame Werkstätten und Walkergruben, die an fließendem Wasser liegen. Das Kollegium der Zimmerleute diente zugleich als Feuerlöschkorps. Die Bäckerzunft wurde in Rom von der Regierung mit besonderen Privilegien bedacht, da sie für die Gratisernährung der bettelhaften Stadtbevölkerung zu sorgen hatte. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatte Rom 254 Bäckereien. Wo es sich um öffentliche Dinge, z. B. um Beamtenwahlen handelte, da traten nun diese Innungen agitatorisch als Personen auf. Das sehen wir wieder aus den Wandanschriften Pompejis. Die Bäcker bitten: wählt den X oder Y zum Aedilen; ebenso bitten die Holzhändler; ebenso die Kutscher. Sie haben ihren bestimmten Kandidaten; sie wollen Leute, die nicht zu schneidig sind, im Amt haben. Dabei findet sich dann auch allerlei Spaßhaftes: alle Diebshände wünschen den Vatia. Eine Camorra der Müßiggänger und Banditen! Offenbar sollten die Wahlaussichten dieses Vatia geschädigt, vernichtet werden.

Aber alle bisher Besprochenen sind freie Bürger. Wo bleiben endlich die eigentlichen Arbeiter? der vierte Stand? der Stand der Unfreien? Das wäre ein falsches Kulturbild, wo sie fehlten. Denn es handelt sich dabei zum mindesten um die ganze Hälfte der antiken Bevölkerung, wenn wir auch nur auf jeden Freien einen Unfreien rechnen. In Wirklichkeit aber rechnet man auf eine »Familie« 15 Sklaven. Seneca sagt, sie haben keine andere Tracht als die Bürger, damit sie nicht selbst jedesmal feststellen 43 können, wie viel zahlreicher sie sind. »Sklaven« nennt man sie heut. Aber das ist ein barbarisches Wort, das das Altertum selbst nicht kennt. Die Römer sprechen nur von Dienern oder Knechten (famuli, servi, ministri; mancipia ist der altmodische Terminus der Juristensprache). Es sind die unschätzbaren Diener der römischen Kultur.

Lauter Ausländer oder doch Söhne von Ausländern; und sie waren entweder öffentliches Eigentum oder im Privatbesitz. Denn auch die Städte als solche haben im Gemeindedienst, zum Wegebau usw. ein großes Hilfspersonal nötig. Dabei genießt ein Gemeindesklave so viel Vertrauen, daß er im Namen der Stadtkasse den Empfang von Summen quittiert. Dementsprechend hat er auch mehr Rechte als der Privatsklave. Eine Arbeiterschaft, die unseren Bergleuten entspricht, gab es nicht. Die Bergwerke waren staatlich oder kommunal; indes verwandte man für den Bergbau die Sträflinge und Verbrecher. Die Verwalter der Provinzen haben darüber die Entscheidung.Digesten I, 18, 6. Auch den Freigelassenen kann die metalli poena treffen: ebenda I, 12, 1. So blieb den Alten das Institut der Strafgefängnisse erspart. Wohl aber halten sich auch die öffentlichen Bäder ihre Badediener, die Tempel ihre Tempeldiener. Solche Gemeindesklaven übernahm dann auch das Christentum.

Die »servitus« bestand nach Völkerrecht (ius gentium); denn das Material waren anfangs nur Kriegsgefangene. Der Krieg ist der Ursprung der unfreien Bevölkerungen. Seitdem aber die Kriege ruhten, war man auf gewisse Teile des Reichs, besonders den Osten angewiesen, wo es Sitte blieb, daß die Leute ihre Kinder auf den Markt brachten. Man wollte dort nicht mehr als 2 oder 3 Kinder im Haus behalten. Das ausgesetzte Kind und das Findelkind spielte im Altertum eine ganz andere Rolle als heute. Dies Menschenmaterial wurde besonders aus denjenigen Provinzen, die kein Militär stellten, weil sie kein gutes Soldatenmaterial lieferten, bezogen. Dazu kam der Seeraub. Die Seeräuber raubten Menschen und verkauften sie. So hörte also auch jetzt der Zufluß des asiatischen Bluts in Italien nicht auf. Wer kaufte, fragte immer zuerst nach dem Nationale. Der Syrer galt als gewandt, aber bösartig, der Gallier war gut als Pferdeknecht, der kleinasiatische Grieche für gepflegte Tischbedienung bevorzugt. Man sprach in Rom mit dieser Tischbedienung griechisch.Juvenal XI, 148. Aus Alexandrien bezog die üppige Welt kleine Kinder, Spielkinder, die man als 44 Amoretten verkleidete und an deren Geschwätz man sich freute. Auch Eunuchen drangen aus dem Osten ein, als Aufseher der Frauengemächer. Das war größter Stil. Eunuchen hielten den Damen im Theater den Sonnenschirm.

Das sind nun aber schon Unfreie im Privatbesitz, Privatsklaven. Diese zerfallen aber wieder in zwei Gruppen. Die schlechteren wurden auf die Landgüter hinausgetan, auf die Latifundien, wo sie oft in Ketten arbeiten mußten: denn die Fremdlinge wären ohne das in Scharen entlaufen.Daher das genus ferratile bei Plautus Aber es ging ihnen sonst nicht übel; die gute Ernährung dieser Landarbeiter wird uns bezeugt, wenn es heißt, daß sie Gemüse verschmähen und in den Garküchen der Vorstädte sich Leckeres bereiten lassen.Juvenal XI, 79 f.

Daneben die städtische Arbeiterbevölkerung; und hier scheint sich endlich die sogenannte soziale Frage zu erheben. In den Häusern, in den Fabriken regen sich Millionen fleißiger Hände. Knechtung! Zwangsarbeit! welch entsetzliches Bild. Aber wir wollen uns nicht unnütz erregen. Wer unter diesen Verhältnissen am meisten litt, das war vielmehr die freie Bevölkerung; denn die Freien wurden brotlos, weil den Unfreien die Arbeit zufiel. Der hochmütige, elegante Diener, der den armen Tischgast seines Herrn verhöhnt und sich von ihm »Herr« (domine) anreden läßt, das ist der typische Kontrast jener Zeit. Damit wird uns die herbe Wirklichkeit gegeben.

Wir können unsere heutigen Verhältnisse nicht vergleichen. Denn unsere Arbeitnehmer sind so gut Deutsche wie unsere Arbeitgeber. Unser Gesichtskreis ist also viel zu eng. Hätten wir z. B. in unseren Fabriken und Hausständen chinesische Kulis, es wäre sehr die Frage, ob wir so human verfahren würden wie die Alten; es wäre die Frage, ob wir diesen Leuten eine soziale Gesetzgebung gewähren würden. Der antike Mensch lernte die ihm fremden und oft antipathischen Rassen, die sich ihm selbst verkauften, kennen, indem er sie in seinen Dienst nahm; er lernte die tüchtigen schätzen und gab ihnen weitherzig Bürgerrecht in seinem Land. Wer kann mehr tun? Wer darunter litt, das war, wie gesagt, die einheimisch römische Bevölkerung. Von seiten der letzteren hören wir die lautesten Klagen bis zum Wehschrei; von seiten der Unfreien und Freigelassenen kein Wort der Erbitterung.

Wie anders die moderne Zeit! Im Jahre 1816 wurde in Mexiko verfügt: alle Farbigen, die lesen und schreiben können, sind 45 gefährlich und werden erdrosselt, und 600 angesehene Neger wurden daraufhin sogleich massakriert. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika leben Millionen von Negern, die noch immer keine volle Bildungsmöglichkeit, keine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung mit den Weißen besitzen. Alljährlich übt noch heute Richter Lynch seine grausige Tätigkeit mit Hängen, Verbrennen, Teeren und Federn unter ihnen. Einzig Frankreich, jenes schamlos vernegernde Frankreich, in dem heute schon schwarze und gelbe Offiziere weiße Soldaten kommandieren, in dem reiche Neger im roten Reitfrack sich auf Reitturnieren zeigen können, in dem sich vor unseren Augen in rapidem Maße ein ungeheurer rassischer Vermischungsprozeß vollzieht, bietet heute ein gutes Vergleichsbild für die antiken Verhältnisse der Kaiserzeit.

Hunderte von Unfreien wurden im römischen Reich von den Fabrikbesitzern für ihre Waffenfabriken, Gerbereien usf. erworben. Aber wir erhalten in diese Betriebe wenig Einblick. Um so deutlicher steht uns die Hausbedienung vor Augen. Diese Hausdiener heißen die Domestiken, die domestici.

Der Grieche war milder gegen die Sklaven als der Römer. Die Sklaven gehörten nicht mit zur Nation; darum waren sie gesetzlich in Rom gegen ihre Herrschaft nicht geschützt und schmählicher Mißhandlung ausgesetzt. Nichtswürdige Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Wenn aber jemand z. B. seinen kranken, arbeitsunfähigen Sklaven einfach auf die Straße setzte, so schritt der Staat dagegen ein; denn der Staat hatte für solche Invaliden keine Unterkunft. Der Besitzer mußte sie durchfüttern. Es gibt ein falsches Bild, wenn man nur immer wieder die Fälle von Grausamkeiten hererzählt, die uns die alten Schriftsteller meist selbst voll Entrüstung mitteilen. Oder will man etwa die Zustände in unserem deutschen Heerwesen der Vorkriegszeit nach den Berichten über die Soldatenmißhandlungen beurteilen, die eine gewisse Presse alljährlich zu berichten wußte? Wichtiger ist, was Seneca zum Nero sagt: sei milde gegen deine Untertanen; denn auch auf den Hausherrn, der gegen einen Sklaven grausam ist, weist die ganze Stadt Rom voll Abscheu mit Fingern.Seneca, de clem. I, 18, 3. Es fehlt jeder Anlaß, diese Bemerkung Senecas zu bezweifeln. So also war damals das Publikum gesonnen.Und schon früher. »Die Sitte sicherte dem Sklaven in alter Zeit ein weit besseres Los, als es die Gesetzgebung ihm später nur irgend zu geben vermochte.« So R. Ihering. Geist des röm. Rechts II, S. 178 ff.

46 Natürlich war es Sache des Egoismus, daß man seinen Sklaven, diesen kostbaren Besitz, gut hielt. Aus dieser Fürsorge aber entwickelten sich in zahllosen Fällen von selbst erfreulich menschliche Bezüge, sowie Juvenal entrüstet ist über den, der Millionen an der Spielbank verliert und dann seinen Diener nicht einmal anständig kleiden kann.

Das Wort »Familie« heißt ja eigentlich und wörtlich Dienerschaft. Der Famulus bildet also die Familie, und sein Herr nennt sich pater familias, das heißt Vater der Dienerschaft. Das ist vielsagend, und schon Plinius (ep. 5, 19, 2) hebt dies hervor. Sehen wir nun nach, so finden wir: der Diener hat seinen Arbeitsraum oft im Oberstock, wo besseres Licht ist. Er schläft in seiner besonderen Kammer, und zwar in Betten. Sein Schlafraum ist ebensogut ausgemalt wie der der Herrschaft. Er speist, auf Bänken sitzend, regelmäßig mit am Familientisch (man denke sich das bei uns! welcher »Gebildete« ißt heute mit seiner Hausangestellten?), und ihm wird ermöglicht, durch Nebenarbeit in freien Stunden sich Geld zu verdienen: das war das Wichtigste. Wer sich gut führt, wird der Vertraute des Herrn. Solche Vertrauenspersonen sind vor allem der Hausmeister (atriensis), der das Gesinde beaufsichtigt, der Rechnungsführer (dispensator), sodann der Kammerdiener, der im Alkoven im Zimmer seines Herrn schläft. Noch verantwortlicher der Pförtner des Hauses, der so unentbehrlich wie ein Hausschlüssel. War es ein unsicherer Mensch, so legte man ihn an die Kette; denn das Haus war verraten und verkauft, wenn der Pförtner sich entfernte. Weiter hatte der Wohlhabende dann auch seinen Rasierdiener, seinen Schuhanzieher (sagen wir: Stiefelknecht) usf. Durch die große Zahl der Hilfskräfte war eine Überlastung des einzelnen ausgeschlossen. Es sind dieselben Verhältnisse wie jetzt in China, wo ein mittlerer Hausstand sich von 14 Kulis bedienen läßt. Jeder Diener hat seinen besonderen Auftrag; keiner übernimmt den des anderen. Daher war der Dienst sehr leicht.Die servitus urbana heißt feriata, die auf dem Lande ist durum opus, nach Seneca De ira 3, 19. In der deutschen Kolonialzeitung 31. Jahrg. 1914 Nr. 9 S. 151 ist eine Schilderung der Haussklaverei in unserem alten Deutsch-Ostafrika zu lesen. Darnach sind offenbar die Verhältnisse dort vor dem Kriege ganz ähnlich gewesen wie im Altertum. Ein reich gewordener Sklave kauft sich überdies einen »Vikar«, der für ihn die Arbeit tut. Weibliche Bedienung hatten nur die Frauen.

47 Indem nun diese »Sklaven« sich eigenes Geld verdienen, ist ihnen zur Freiheit ihrer Person der Weg geöffnet. Der Hirt Tityrus bei Vergil weidet sein eigenes Vieh. Den Käseertrag bringt er zu Markte. Sobald er genug verdient hat, sucht er seinen Herrn in Rom auf und kauft sich frei. Das geschah oft schon nach 3 Jahren. Bezeichnend ist, daß man den Diener »Knabe« (garçon, boy), daß man ihn puer oder παῖς (wovon unser »Page«) rief. Im Durchschnitt traf der Zustand der Unfreiheit eben meist junge Leute. Und die Herrschaft schützte sie und sorgte vor allem für ihre Ausbildung. Den Hochbegabten wurde gelegentlich die beste Erziehung, die unserer Gymnasialbildung entsprach, zuteil. Unzählige wurden nach Bedarf und Anlage zu Musikern, Gelehrten, Schauspielern herangebildet, die der Besitzer dann gegen Geld vermietete. Lesen und schreiben aber konnten alle. Selbst die Pferdeknechte bei Varro lesen in Büchern. Alles dies taten die Besitzer gewiß meist aus Egoismus, um den Wert ihrer Menschenware zu steigern; aber auch der junge Sklave hatte den herrlichsten Vorteil davon. Es entstanden Pietäts- und Vertrauensverhältnisse in unzähligen Fällen; und auch nach der Freilassung blieb ein Pflicht- oder Interessenverhältnis, eine Zusammengehörigkeit bestehen.Das familiäre Verhältnis zeigt uns Cicero ad fam. III, 1, 2; auch XIII, 61; 21, 2. Der Patron behält oft einen Anteil am Geschäftsgewinn seines entlassenen Dieners, der seinerseits, wenn der Patron stirbt und andere Hilfe fehlt, die Vormundschaft über dessen Kinder übernimmt, und er gewährt ihm Rechtsschutz bis an sein Ende. Wie oft machte, wer kinderlos, seinen Freigelassenen zum Erben! Als Beispiel diene nur des Plinius Freigelassener Zosimus, der durch die verschiedensten Talente ausgezeichnet ist; aber er ist brustkrank geworden, und Plinius schickt ihn nach Ägypten. Zosimus kommt geheilt zurück, fängt dann aber doch wieder an, Blut zu husten, und Plinius bemüht sich, ihn bei einem Freund an der Riviera unterzubringen, wo er das schönste Klima und auch gute Milchspeisen findet. Natürlich fehlen dann aber auch Mißstände nicht; der Freigelassene mißbraucht seine Stellung; er wird zum ErbschleicherCicero ad fam. XII, 26. und zeigt sich auch sonst unverschämt.Digesten I, 12, 1.

Schimpfereien und Skandalanschriften gibt es unter den Wandkritzeleien Pompejis genug. Irgendein Wutausbruch eines Sklaven, der gemißhandelt worden, ist dort nirgends zu finden. Nirgends auch die Verhöhnung eines Sklaven durch einen Freien. 48 Wir haben den Eindruck tiefsten sozialen Friedens und der vollkommensten Befriedigung, und jener Schimpf und Skandal, von dem ich sprach, betrifft nur die kleinen Laster und Schwächen des Nachbars und ist wie ein heiteres Geplätscher auf dem stillen, klaren Wasser dieses südländischen Lebens.

So schenkt denn Plinius seiner alten Amme ein Landgütchen und sorgt überdies, daß ein benachbarter Großgrundbesitzer acht gibt, daß das Land ihr auch etwas einbringt. Mehrere seiner jungen Sklaven sind ihm schwer erkrankt; Plinius schenkt ihnen darum die Freiheit, und ihn tröstet dabei, daß, wenn sie auch bald sterben sollten, sie es doch vorher noch zu etwas gebracht haben. Auch gestattet er ihnen, ein Testament zu machen, was nur dem Freien zustand. Eine römische Dame hat ihrem Sklaven Modestus schriftlich ein Legat unter der Voraussetzung vermacht, daß sie ihm die Freiheit geschenkt habe; diese Freilassung hat sie aber in Wirklichkeit zu vollziehen versäumt. Die Miterben beschließen nun, den Sklaven trotzdem als freigelassen zu betrachten und ihm sein Erbe nicht anzufechten. Ein Arzt hört, daß ein tüchtiger Sklave seines weit über Land wohnenden Freundes schwer erkrankt ist; er rettet den Sklaven, aber er ist Tag und Nacht gereist und erliegt selbst der Überanstrengung. Dies erzählt uns Aristides nicht etwa als Beispiel für Menschenliebe, sondern für Überanstrengung im Berufe.Daß der Zustand der Sklaverei dem Sklaven verhaßt, weil nämlich aller Zwang verhaßt ist, sagt Seneca benef. 3, 19, 4: die Seele des Sklaven aber ist frei, und jede Guttat des Sklaven ist Wohltat. Derselbe Autor schildert De ira 3, 19, wie ein Kriegsgefangener Diener wird und wie schwer er sich anfangs in die Lage eingewöhnt. Es gab ein Sprichwort: »So viel Diener, so viel Feinde«, das uns bei Macrob tadelnd mitgeteilt wird. Denn natürlich waren auch viele gefährliche Subjekte darunter. Daher sagt Seneca Nat. quaest. 2, 39, 3: Drei Gegenstände der Furcht gibt es im Leben, Feuersbrünste, betrogen werden von seinem Nächsten und Nachstellungen der Dienerschaft.

Es war die griechische praktische Philosophie, die da schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. predigte, daß alle Menschen gleich, auch der Ausländer, auch der Diener. Alle Menschen Brüder! – das ist so alt –, und diese kosmopolitische Lehre eroberte sich alle gebildeten Kreise der kosmopolitischen Kaiserzeit. Diese Gleichheit jedoch auch gesetzlich herzustellen, dazu fehlte in Rom der Anlaß. Auch das Christentum hat ja nicht daran gedacht, in diesem Sinne zu wirken. Nur gewisse mildernde Bestimmungen 49 haben die Kaiser erlassen.Vgl. Digest. I, 6, 1 und I, 12, 1. Die Sklaven dürfen beim Stadtpräfekten gegen ihren Herrn Beschwerde führen. Eine Dame, Umbricia, wurde von Hadrian für 5 Jahre relegiert, weil sie ihre Mägde grausam behandelt hatte. Und das Sklaventum wäre schließlich vielleicht aus Mangel an käuflicher Bevölkerung eingegangen (in Ägypten bestand es kaum noch), hätten die siegreichen germanischen Stämme im beginnenden Mittelalter, die Franken, die Langobarden ihm nicht von neuem Nahrung gegeben. Denn auch da verkauften wieder die Sieger die Besiegten, ja, die Kläger die Verurteilten, die Eltern ihre Kinder.Vgl. hierfür und für das nächste Georg Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters, 2. Auflage, I, S. 190. Die Grausamkeiten in der Mißhandlung steigerten sich noch, und die Kirche widerstand auch jetzt noch nicht. Der Verkauf der Freien in die Knechtschaft diente damals sogar als Kirchenstrafe. Es gab Kirchensklaven und Klostersklaven. Nur suchte die Kirche zu verhindern, daß christliche Sklaven in jüdische Hände fielen. Sie wirkte damals zwar gelegentlich für Freilassungen, aber nicht gegen die Anschaffung von Sklaven.

Aber ich habe noch die Pflicht, ein Wort über den Mädchenhandel und über die Gladiatoren hinzuzufügen. Es handelt sich zunächst um das Dirnenwesen. Erst das Mittelalter hat eine selbständige Ordnung desselben in besonderen Frauenhäusern gebracht. Im alten Rom und Athen war dagegen auch dies vielmehr Sache der Privatunternehmer, der Kuppler, die sich junge Mädchen, und zwar wiederum womöglich ausgesetzte Kinder, zusammenkauften und in ihren Häusern zur Prostitution erzogen: spanisches, syrisches, ägyptisches Blut. Die Musikantinnen und Kastagnettentänzerinnen, die man sich zum Gelage holte und deren Frisur Horaz gelegentlich beschreibt, sind solchen Schlages. Das waren Unfreie, Sklavinnen des Kupplers.quaestuaria mancipia, Digesten III, 2, 4. Das lupanar liegt oft als Mietshaus auf Grundstücken anständiger Leute: ib. V, 3, 27. Auch die Inhaber der Wirtschaften an den Landstraßen hielten Dirnen für den, der nachts bei ihnen einkehrte. Der Jüngling aber, der solche Person liebte, konnte sie vom Besitzer freikaufen und, wenn ihn das Herz trieb, zu seiner Gattin erheben. Denn oft stellte sich die gute Herkunft dieser Mädchen heraus. Das Lustspiel des Plautus lebt ja geradezu von solchen Motiven; und die Gesellschaft öffnete sich solchen Geschöpfen ohne Scheu und nahm sie als ebenbürtig auf. Sie wurden legitime Hausfrauen. Doch auch von 50 Geschlechtskrankheiten als Folge der Ausschweifungen hören wir schon. Es ist irrig, anzunehmen, die Antike habe die Syphilis nicht gekannt. Schon Ärzte wie Asclepiades von Prusa, der in Rom zur Zeit Pompeius' lebte, und auch der große Galen haben diese Geißel der sündigen Menschheit als Elephantiasis oder Mentagra beschrieben, wie neuere Forschungen gezeigt haben. Man sieht, nur die Namen des Übels, das schon den Dienern der phönizischen Astarte in Syrien bekannt war, sind andere gewesen!

Sodann die Gladiatoren, die Kämpfer der Arena. Wir werden ihnen später wieder begegnen. Auch sie sind Sklaven, vielfach solche, die als schlimme Gesellen sich in ihren Häusern unmöglich gemacht haben und verkauft und abgestoßen wurden. Aber auch Verbrecher und Kriegsgefangene flossen in die Fechterschulen, endlich auch freie Männer, die aus purem Rauftrieb, aus Sporttrieb sich diesem Beruf verkauften. Der Eigentümer (lanista) reiste mit seiner Fechterbande von Stadt zu Stadt, kaufte Leute auf und verkaufte sie wieder und vermietete seine Truppe an die Veranstalter von Festspielen. Die Bedingungen solches Handels lauteten: »Ich zahle dir, dem Besitzer, für den Fechter Stichus 20 Denare (gegen 6 Mark), wenn er im Kampf unverletzt bleibt, und liefere ihn danach zurück; ich zahle 1000 Denare (gegen 300 Mark), wenn er verwundet oder getötet wird.« Es gab eine besondere Diät, Gladiatorenmast, die als widerwärtig galt, aber der Steigerung der Muskelkraft diente. Daß die Disziplin die größte Härte erforderte, versteht sich. In einer Zelle der großen Gladiatorenkaserne in Pompeji hat sich ein Schließeisen gefunden, in dem mehrere Gerippe zugleich, an den Füßen gefesselt, sich befanden: offenbar Sträflinge. Erst in Kaiser Hadrian siegte die Menschlichkeit im modernen Sinne, und er verbot sowohl Mädchen an Kuppler als auch Sklaven an diese Fechterschulen zu verkaufen, außer unter Beibringung eines zutreffenden Grundes.

So viel von den Unfreien. Und nun das Ergebnis! Es war eines der eigenartigsten gesellschaftlichen Phänomene. Denn aus den freigelassenen Sklaven bildete sich ein besonderer Stand, der Stand der Libertinen. Es waren vielfach die intelligentesten, rührigsten Leute, die an Geldkraft und Macht die alten, vornehmen Familien in Rom rasch überflügelten. Ihr Einfluß wuchs erstaunlich. Möglichst glänzend traten sie auf, Emporkömmlinge, die in Purpur und in ellenlang schleppender Toga über die Straße 51 gingen, so daß alles sich ärgert, alle Finger voll von Ringen und Gemmen, und die dabei ihre schweißigen Hände im Wind spielen lassen, damit jeder den Goldschmuck sieht. In ihren Ohren aber sieht man noch die Ohrlöcher; denn sie sind Asiaten, die einst Ohrringe trugen. Was könnten diese gerissenen Leute nicht, wenn sie hungern? ruft Juvenal: als Schulmeister, Redner, als Feldmesser und Maler, als Masseur, Augur, Seiltänzer, Arzt oder Zauberer treten sie auf. Verlange, daß sie (im Eindecker?) gen Himmel fliegen, sie bringen auch das fertig.

Noch nicht dem freigelassenen Sklaven selbst, aber schon seinem Sohn fiel gesetzmäßig das volle römische Bürgerrecht zu. Ein solcher Freigelassenensohn war auch der große Dichter Horaz, der als römischer Offizier im Bürgerkrieg für die Cäsarmörder focht. Der Hof des Kaisers Claudius und der Messalina ist von solchen Libertinen vollständig unterjocht worden, und das römische Reich war zeitweilig geradezu in ihren Händen. In der Tat sind auf diesem Wege, von unten aufrückend, die befähigtsten Köpfe der antiken Kulturarbeit zugeführt worden. Aber der Haß, der sie traf, war grenzenlos. Es war der Rassenhaß des altangesessenen Italieners, der sein Blut untergehen sah unter dem unerschöpflichen Zufluß des Orients.

Man male sich die fanatische Wut aus, die entstünde, wenn heute beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Neger den Weißen als Bürger vollständig gleichgestellt und zu den einflußreichsten Staatsämtern zugelassen würden, und man wird jene unversöhnliche Stimmung des Altertums begreifen. Was wir aber, die wir heute den ungeheuren Wert rassischer Grundsätze im Leben der Völker erkannt haben, nicht mehr zu verstehen vermögen, das ist die Toleranz der römischen Staatsgesetze in diesen Dingen. Durch sie allein wurde die zunehmende Überfremdung des Altrömertums mit orientalischem und afrikanischem Blute möglich gemacht. So kam es, daß schließlich im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert der Senat, dessen Bänke einst Geschlechter wie die Cornelier und Fabier geziert, zum größten Teile aus Afrikanern und Orientalen sich zusammensetzte, ja daß im 4. Jahrhundert selbst Juden in seinen Reihen zu finden warenIm 4. Jahrh. n. Chr. spricht Hieronymos von jüdischen Senatoren. Jedoch waren auch früher schon Juden, welche großenteils »getauft«, d. h. zum heidnischen Glauben übergetreten waren, innerhalb des Reichsdienstes zu hohen Stellungen gelangt. Um 140 n. Chr. waren beispielsweise ein Nachkomme der jüdischen Könige Proconsul von Asien. Der Generalstabschef Titus' bei der Zerstörung Jerusalems war bekanntlich ebenfalls ein Jude, Tiberius Julius Alexander, der aus einer reichen und vornehmen alexandrinischen Familie stammte, welche sogar mit dem Kaiserhause verschwägert war (!). Sein Sohn oder Enkel, Ti. Julius Alexander Julianus, kommandierte unter Kaiser Traian eine Legion gegen die Parther, war Senator, und saß sogar im altadeligen Priesterkollegium der Arvalen zu Rom (!). und daß z. B. in Calabrien riesige Länderstrecken Familien syrischer Landmagnaten wie den Cassiodori zu eigen waren. 52

 

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