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Zur Kulturgeschichte Roms

Theodor Birt: Zur Kulturgeschichte Roms - Kapitel 12
Quellenangabe
typeessay
booktitleZur Kulturgeschichte Roms
authorTheodor Birt
year1935
firstpub1909
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleZur Kulturgeschichte Roms
pages142
created20120527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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X. Die Sittlichkeit

Die wichtigste Gabe der Kultur ist die Gesittung. Die Gesittung ist geläuterte Sitte; sie ist Sittlichkeit. Horaz nennt diese sittliche Veredelung kurzweg cultura.Episteln I, 1, 40. Entweder ein Volk läutert selbst seine Sitte, oder auch ein Nachbarvolk wird ihm darin zum Lehrmeister. Dabei ist die Familiensitte von der internationalen zu unterscheiden. Zuerst setzt sich ein Kanon sozialer Pflichten durch; dann erwacht die Humanität, die mehr will als kahle Pflichterfüllung. Diese Sitte aber ist eine Macht, die über den Individuen steht, die alsbald an die Gottheit als ihren Urheber geheftet wird und die, indem sie den Willen des Einzelnen packt, das Volksleben gestaltet und umgestaltet. Doch immer nur unvollkommen. Denn der Künstler vermag, was seine Phantasie schaut, auch vollkommen darzustellen: die Volksseele schaut zwar das Gute, aber sie bleibt ewig ein Stümper, so oft es an die Ausführung geht.

Zur altrömischen Moral oder Sitte gehörte der Krieg, die Eroberung. Der Konflikt mit dem Grenznachbar gehörte zum Leben, und die Tugend des Mannes war damals nach zwei Seiten gerichtet, nach innen auf die Hütung der Familie, der er als Herr vorstand, nach außen auf das Gemeinwesen und seine Fehden mit dem Ausland. Wie sich die alte Raubtiernatur, die unersättliche Wolfsnatur des Römers auswuchs, durchsetzte und potenzierte und zu welchen Tugenden und Lastern großen Zuschnitts das führte, kann man in den Geschichtsbüchern lesen.

Aber mit der endgültigen Unterjochung der Welt unter der Monarchie hörten auf einmal alle politischen Zwecke auf, und 124 für die Tugend begann eine ganz neue Zeit. Das Kaiserreich war der Friede: man hatte jetzt Raum für eine allgemein menschliche, ganz unkriegerische soziale Ethik, die von den Griechen einfloß. An der Art, wie ein Mensch seine Muße verwendet, heißt es jetzt, erkennt man, was er wert ist.otio prodimur: Plin. Panegyr. 82. Es war in der Geschichte der Ethik das größte Ereignis. Stoische Lehre! Die Sextii begannen in Rom zu predigen wie Paulus. Augustus selbst hoffte sehr, nach der entsetzlichen Verwilderung der Bürgerkriege, auf eine rasche Regeneration. Aber das betraf im wesentlichen immer nur die Hauptstadt Rom selbst. Ja, der Kaiser hat durch unablässigen Eifer dafür selbst gewirkt in seiner vierzigjährigen Regierung. Zwar verfiel er nicht auf den Gedanken, Volkspredigten zu organisieren, sondern die Literatur sollte helfen, vor allem die griechische; er las sie persönlich durch, notierte jede erzieherisch brauchbare Stelle, machte Auszüge und schickte sie an seine Beamten, die solcher Zurechtweisungen zu bedürfen schienen. Er stellte sich im Senat hin und las ganze Bücher moralischen Inhalts persönlich vor, und auch im Volk ließ er sie vertreiben: über Einschränkung des Luxus, über Familiensinn und anderes. Mehr noch: um der Ehescheu und dem Eingehen der alten Familien zu steuern, gab er seine berühmte Ehegesetzgebung; er wußte endlich die großen Dichter seiner Zeit in seinen Ideenkreis zu ziehen, und Vergil wurde der Dichter der Frömmigkeit, Horaz aber dichtete seine Staatsoden, in denen er mit starken energischen Worten Rom zuruft: werde gesund, erwache zur alten Tugend. Wie schön und ergreifend!

Aber das war nur für die wenigen! und eine Regeneration läßt sich nicht von oben machen. Dazu sind nicht Bücher gut, sondern das Beispiel. Die Zeit brauchte eine reine und lautere unweltliche Gestalt, einen vir sanctus, als Weckrufer, dessen Person in Einklang mit seiner Lehre steht und der gleichsam seine Seele nackt vorzeigen kann: seht her! ich bin unzerspalten und ganz ohne Makel! werdet wie ich.

Augustus steckte mit seinen Wurzeln noch in der bluttriefenden Ära der Bürgerkriege. Die Zeit des klotzigen, graß erbarmungslos würgenden Egoismus aller gegen alle! Er selbst ein zwanzigjähriger Henker! Damals verstieß er seine edle Frau Scribonia. Es war nicht einmal seine erste Frau; aber dies war seine erste 125 Familiensünde. Scribonia wurde 90 Jahre alt, sie überlebte ihn, und ihre Nähe in Rom war wie eine stumme Anklage für ihn zeitlebens.

Er gab sich danach alle Mühe, mit seiner Familie vor dem Volk tadellos dazustehen. Aber eine donjuanartige Leichtlebigkeit lag in ihm. Es war Temperamentssache. Erst mit dem Alter verlor sich das, und er reifte wirklich allmählich zum Träger der Humanität, zum Muster bürgerlicher Quasi-Vollkommenheit, zum leutseligsten Friedensfürsten heran, auf alle Fälle eine erstaunliche Leistung der Selbstzucht. Sein hohes Amt selbst wirkte auf ihn erziehend, und das Verlangen, gut zu scheinen, ist immer dem Gutsein förderlich. Als der Greis, immer noch ein schöner Mann, auf dem Sterbebett lag und sich noch einmal hatte seine Haare ordnen lassen, war seine letzte liebenswürdige Frage, ob er sein kleines Stück auch gut gespielt? »Dann freut euch, wenn ich nun abtrete, und klatscht Beifall.«Die Worte des Augustus sind falsch erklärt worden; zum Verständnis muß Cicero, De senect. 64 u. ä. dienen. Es war also nur eine Rolle auf der Bühne, die er gespielt hatte: die Rolle, Kaiser zu sein und gut zu scheinen. Kein Lustspiel, nein! es war eine Tragödie, nicht ohne tiefe eigene Verschuldung, und die entscheidenden Rollen hatten darin die Frauen inne.

Augustus hatte von Scribonia eine einzige Tochter, Julia. Wenn der Trieb zum Vollsichausleben irgend einmal schrankenlos geherrscht hat, so war es damals. Julia war von höchster Intelligenz, von feinster literarischer Bildung, von bezaubernder Liebenswürdigkeit und von einer sanften Menschlichkeit im Verkehrston; aber das Tierisch-Brunsthafte in ihr schlug durch. Jene höchste Kultur ihrer gesellschaftlichen Erscheinung war doch nur wie ein wundervoll schillerndes Gewand, das lose saß: die animalische Natur bewegte sich unzüchtig darin. Je dringender eben jetzt die Weisheitslehre und Gotteslehre mit moralischen Vorschriften und gar mit Kontrolle und Aufsicht kam, je elementarer widerstrebten die Menschenexemplare großen Stils. In seiner Tochter Julia stand vor dem Papstkaiser Augustus seine eigene sündige Vergangenheit, wundervoll rassig, aber erschreckend verderbt und verderblich.

Augustus hatte etwa 24jährig zum drittenmal geheiratet; er machte die schönste der Frauen, Livia, zur Herrscherin Roms. Aber Livia, kaum 20jährig, war damals schon vermählt, ja, sie war schon Mutter und trat zudem schwanger in die Ehe mit ihm. 126 Ihr erster Gatte Claudius Nero nahm an der seltsamen Hochzeit teil und übergab selbst sein Weib dem neuen Gatten. Es war ein unerhörter Handel. Ein kleines vorlautes Kind, so erzählt man, war unter der Hochzeitsgesellschaft im Festsaal zugegen, wo Livia mit Octavian vereint auf dem Speiselager lag; Claudius Nero lagerte ihnen gegenüber, und das Kind rief laut: »Aber Livia, dort drüben ist doch dein Platz.« Das Wort aus Kindermund blieb unvergessen. Die Sache war ein Schlag ins Gesicht der Gesellschaft. Aber die Gesellschaft vertrug viel.

Livia gab dem Augustus keine Kinder; aber sie hatte von ihrem ersten Gatten zwei Söhne, Tiberius und Drusus. Julia dagegen wurde mit Agrippa, dem ersten Mann nach dem Kaiser, vermählt und wurde Mutter von fünf Kindern. Nun standen sich beide Frauen, Stiefmutter und Kaisertochter, mit ihrem Nachwuchs am Hof des Kaisers gegenüber.

Es ist rührend zu sehen, wie der Kaiser seine Enkel liebte und darum auch Julia, die sie ihm geboren, mit zärtlicher Nachsicht umgab. Er wollte es nicht wahrnehmen, wie sie bei den vielen Amtsreisen des Agrippa allein im Schwarm vornehmer Buhlen sich zeigte und die Dreistigkeit freien Umgangs steigerte. Agrippa starb im Jahre 12 v. Chr. Da wurde Julia, damals 27jährig, um die Gegensätze am Hofe auszugleichen, mit ihrem Stiefbruder Tiberius, dem Sohne Livias, vermählt. Bisher hatte sie diesen linkischen Menschen Tiber vergeblich in ihre Netze zu ziehen versucht; er hatte sich spröde gezeigt. Jetzt, da er zwangsweise ihr Gatte, verachtete sie ihn mit dem ganzen Haß einer sieggewohnten Courtisane. Die Verachtung war gegenseitig. Tiber verließ Rom und ging in freiwillige Verbannung. Julia behauptete strahlend das Feld, und im Mißbrauch ihrer fürstlichen Stellung wurde sie jetzt noch unbändiger. Sie entzückte, berückte alle. Ein geschlechtlicher Fanatismus kam über sie. Dies sind die leichtlebigen Zirkel, in denen das lockere Genie Ovids groß wurde.

Aber plötzlich kam es zum ungeheuren Skandal. Es traf den Kaiser bis ins Mark. Livia, Tibers Mutter, stand als Anklägerin vor ihm. Es ließ sich nichts mehr vertuschen. In den Sommernächten machte Julia das Forum selbst, den großen Prunkbau der Rednerbühne, zum Schauplatz der Unzucht. Der Kaiser mußte jetzt alles an die Öffentlichkeit zerren, Richter sein über sein einziges Kind. Die ganze römische Gesellschaft war in den Prozeß verstrickt. Einer ihrer Kavaliere, Antonius, hatte gar dem Kaiser nach dem 127 Leben getrachtet. Es war dies der Sohn jenes Mark Anton, mit dem Augustus einst um die Weltherrschaft gefochten. Der junge Mensch tötete sich selbst; auch Julias Kammerzofe Phoebe erhängte sich. »Wieviel lieber wäre ich Phoebes Vater!« ächzte Augustus, von Schande überwältigt; denn die Zofe fand den rechten Ausgang, seine Tochter fand ihn nicht. Julia wurde auf einen der schauerlich öden Inselfelsen im Golf von Gaëta zu einem Leben bei Wasser und Brot verbannt, und sie ist nie begnadigt worden.

Und der Vater dieser Julia war es nun, der seinen Bürgern ein Ehegesetz gab. Der Prozentsatz an Geburten war in Rom erschreckend zurückgegangen, und wenn Eltern im »Tageblatt« die Geburt eines gesunden Kindes freudig anzeigten, so hatte das damals ein ganz anderes Schwergewicht als heute etwa in einer deutschen Kleinstadt. Schädlich waren die verfrühten Eheschließungen; man heiratete schon im Kindesalter, und die Fortpflanzung litt. Aber das Vollblut, das durch Inzucht verfeinerte Blut der Aristokratie trug den Ruin in sich: früh ausgelebte Menschen voll Übersättigung und Schwäche. Die Eheflucht war allgemein, mit ihr wuchs die Erbschleicherei. Das Gesetz bestimmte nun, daß kein Eheloser fähig sei zu erben; wer vermählt, aber kinderlos, verliert die Hälfte des Erbteils an die Miterben. Für jedes Kind gab es dagegen Belohnung durch sofortige rasche Beförderung im Amt; wer drei Kinder hat, wird überdies von Tutel und Richteramt befreit usf. Jahrhundertelang sind diese harten Bestimmungen durchgeführt worden, aber es hat das Aussterben der alten Familien wohl nur in wenigen Fällen verhindert und hingehalten.

»Der Friede vernichtet die Staaten!« ruft Catull.Otium perditit urbes; vgl. Plutarch, De latenter vivendo c. 4: ἡσυχία σῶμα καὶ ψυχὴν μαραίνει. »Bisher war der Staat eine Armatur der gespannten Tätigkeit, jetzt wird er zum Polster der Trägheit«: siehe Joh. Bauer, Schleiermacher, S. 228. Glücklich der, der einen Feind hat, rufen andere; denn ohne ihn erschlafft die Tüchtigkeit.Seneca, provid. 2, 4 und 4, 6; Plut. Mor. I, S. 209 Bernad. Als Ursache der grenzenlosen Verdorbenheit der Sitten aber nennt uns Properz die bildende Kunst, die Malerei, die das Nackte vorführt. Man denkt dabei gleich an die Nacktlogen, die Schönheitsabende der Vereinigungen für ideale Kunst in unseren Tagen.

In bezug auf die Nacktheit in der Antike müssen wir 128 zweierlei unterscheiden. Im Dienst der uralten primitiven Naturreligion galten gewisse Nacktheiten als heilig; man brachte den Geschlechtsteil, den Phallos, an Häusern und Geräten an, kränzte ihn, trug ihn als Amulett und glaubte, daß das Glück bringe und Übel abwehre. Im übrigen hatte der alte Römer einen keuschen Sinn; daß männliche Verwandte zusammen badeten, war ausgeschlossen, und gegen die griechischen Athleten, die ganz entblößt vor dem Volk kämpften, hat man stets einen vornehmen Widerwillen behalten.Cicero Tusc. 4, 70; Plin. 4, 22 fin. Aber was man hier ablehnte, das ließ man in den Gemälden zu, die jetzt alle Privathäuser erfüllten. Man konnte sich gegen die blendende griechische Kunst nicht wehren, und in dieser war der übermütige Sieg des Nackten soeben virtuos vollzogen worden. Selbst Laokoon, selbst Iphigenie sah man jetzt so in Bildern. Der Dichter Ovid, wegen seiner Laszivitäten angeklagt, stellt sich daher frech hin und sagt: was ihr Tadler an euren Stubenwänden duldet und täglich bewundert, warum soll ich das nicht in Verse bringen? Gewiß war die Gesellschaft selbst schuld an dieser Gier nach Nuditäten, die die Phantasie der Künstler ergriff. Pompeji selbst ist dessen Zeuge. Es war eine Krankheit der Zeit. An eine prüde Beaufsichtigung der Kunst, wie man sie bei uns einmal versucht hat, war im freien Altertum nicht zu denken; sonst wäre sie gewiß im Sinn des Augustus gewesen.

Die erwähnten Ehegesetze aber wirkten obendrein nach anderer Seite hin schädigend. Denn je strenger ein Gesetz, um so mehr lädt es dazu ein, umgangen zu werden, und der Betrug triumphiert, die Ehrlichkeit sinkt. Man simulierte Ehen, weil der Ehelose benachteiligt war. Man fingierte Adoptionen um gewisser Vorteile willen, u. a. m. Die Gesundheit der Familienverhältnisse, auf der das Volkswohl beruht, wurde dadurch nicht gefördert.

Als Zeit der ärgsten Verdorbenheit und Entartung der Sitten müssen wir die Jahre etwa von 30–68, die Zeit Caligulas, Messalinas und Neros betrachten. Auch unter Domitian (bis z. J. 96) war noch wenig gebessert. Das Rom Neros ist die große Babel der Johannes-Apokalypse. Alle entsetzlichsten Schilderungen betreffen jene Zeiten. Auch was Juvenal bringt, gilt (was wichtig) nur für sie. Und es gilt nur für Rom selbst. Es ist die Zeit, wo Seneca von den Frauen sagt: sie zählen die Jahre nach Gatten, nicht nach Konsuln.

129 Das Gesagte betrifft auch die Steigerung im Perversen. Ich meine die sinnlichen Ausschweifungen der Männerfreundschaft, der Knaben- und Jünglingsliebe, die im Altertum als etwas Selbstverständliches herrschte. Die platonische Liebe war ihre Idealisierung. Ob sie in Italien gegenwärtig nicht ebenso verbreitet ist wie damals, ist schwer zu sagen. Der Hauptunterschied ist vielleicht nur, daß die Knabenliebe damals auch in der Literatur ganz offen zu Worte kam; nicht nur bei den Griechen; nicht nur bei den Stoikern, die sie zu regulieren suchten.Dies war die τέχνη ἐρωτική des Zenon und des Kleanthes. Seneca aber lehnt dies als unrömisch ab, Epist. 123, 15 f. Auch die römische Liebespoesie hebt mit Gedichten auf Knaben an. Auch der glühendste Frauendiener, Catull, hat solche Gedichte geliefert. Der größte Dichter Roms, Vergil, wußte von Frauen nichts; er war, wie es scheint, nur Knaben zugeneigt. Die Frauenliebe, wird uns gesagt, ist stürmisch wie Meeresfahrt; wer sich dagegen mit solcher Freundschaft begnügt, fährt sicher auf dem Fluß zwischen engen Ufern. Vom Knaben (concubinus) nimmt Abschied, wer heiratet. Nichts scheußlicher aber als der Vergewaltigung des Wehrlosen. Ich denke an die Pageninstitute des kaiserlichen Hofes und der sonstigen Magnaten. Seneca wirft einen Blick tiefsten Kummers auf diese schöngelockten Pagen, die nach dem Festgelage bereit stehen, um sich von den Gästen mißbrauchen zu lassen. Sie waren in durchsichtige Gaze gekleidet, um die Begierde zu locken. »Mögen sie alle über Nacht Glatzen bekommen und ihnen der Bart wachsen!« wünscht der Arme, der dem Reichen diese kostspielige Lust mißgönnt. Carinus war der Liebling des Kaisers Domitian. Welche Erniedrigung der Dichtkunst, wenn Statius die Locken besingt, die diesem Knaben zum erstenmal geschnitten sindDer Akersekomes wird geliebt: Juvenal 8, 128 u. a. und die in einem köstlichen Gefäß dem Asklepios geweiht werden! Dann beging der Wahnsinn seine Orgien: Nero feiert im Jahre 67 Hochzeit mit dem Entmannten Sporus, den er seine Sabina nannte. Davon ein Nachhall der Ehekontrakt jenes Gracchus mit einem Hornisten, beim Juvenal: »man wird nächstens die Heiratsannonce auch in die Zeitung setzen!«

Es ist auffällig und nicht zufällig, daß diese Perversitäten aus der römischen Literatur nach Juvenal auf einmal verschwinden oder ganz zurücktreten. Nur unter Nero hat ein Petron schreiben können. Das 2. Jahrhundert bringt uns dagegen die schöne 130 Legende von Amor und Psyche; und die ganze Romanliteratur des Altertums, Apulejus mit einbegriffen, weiß von Knabenliebe nichts oder so gut wie nichts. Eben damals wurde ihr auch von oben her entgegenwirkt.Vgl. Mark Aurel »An sich selbst« I 16 und 17 (die Bemerkung über den Theodotos) Diese Wendung erklärt sich nicht etwa aus der Ausbreitung des Christentums, sondern aus dem Sieg der Provinzen über die Hauptstadt. Rom war die Eiterbeule der Welt, nur Rom. Plinius unterscheidet in dieser Beziehung ausdrücklich die Hauptstadt vom gesamten übrigen Reich.Epist. 4, 22. Für den Stadtrömer galt die Sitte der Landleute und Sittenreinheit für dasselbe,rustica simplicitas, z. B. Ovid, Heroid. 20, 51 und Ars am. 1, 672. und von der Bravheit der Landstädte Italiens wird ausdrücklich und mit Neid gesprochen, auch von Spanien die sittlich gute Führung der Bevölkerung erwähnt.Plin. Epist. 1, 14, 4 und 2, 13, 4.

Auf Rom aber lag der Fluch seiner zentralen Stellung. Es war Kaiserstadt. Und während sonst Freiheit der Entwicklung der Individuen das Prinzip der Antike war und das ganze Reich dieser Freiheit genoß, sahen sich nur in Rom selbst die Besten geknechtet. Denn auf ihrem Palastberg saßen die Zwingherrn und Cäsaren, durch ihre Gardetruppen allmächtig, durch ihren Wahn unfehlbar und über Gesetz und Sitte stehend,Plinius Panegyr. 65 und Digesten I, 3, 31; princeps legibus solutus est; auch auf die Kaiserinnen wurde von den Kaisern dies Prinzip übertragen (Ulpian). die Erben des Augustus, von denen zumeist der Nachfolger das Gute in den Schmutz trat, das etwa der Vorgänger gesät. Denn die kaiserlichen Familien degenerierten meistens schon im zweiten Glied. Von ihnen aber wurden die stolzen Granden Roms, die Senatoren, die am Regiment verfassungsmäßig teilhatten, so lange gepreßt und gedemütigt, bis aller Eigenwille gebrochen und der Knechtsinn, der kriechende Byzantinismus fertig war. Das begann schon unter Tiber und Sejan. Der Kaiser wittert überall Verschwörer und sucht sich gegen sie durch den schmählichsten Terrorismus zu sichern. Stirbt jemand am Hof, so wird wie in Sultansfamilien sogleich an Vergiftung geglaubt. Herden von Angebern (delatores) stellten sich in den kaiserlichen Dienst, und jedes Privatgespräch wurde belauert. Im Bodenraum über dem Zimmer verkriechen sich die Spione des Allmächtigen, um, was unten 131 vertraulich gesprochen wird, zu belauschen, und jedes kritische Wort, das fällt, wird zum Anlaß von Justizmorden. Die gnädigste Form der Hinrichtung ist auferlegter Selbstmord. Der kaiserliche Säckel frißt die Vermögen der Gerichteten. Die alten Familien werden dezimiert, vernichtet.

Aber noch eine zweite ebenbürtige Macht stand in Rom daneben. Das war der Pöbel, die faex mundi, »die Hefe der Welt«, so wird er uns genannt. Die Hefe strömt in Rom zusammen, der gute Wein der Menschheit selbst bleibt draußen in den Provinzen. Rom eine Futteranstalt für den Abhub der Menschheit! Die Kulturerscheinung ist unerhört und beispiellos. Die Staatskasse, mit anderen Worten also die steuerzahlenden Provinzen, ernährten täglich die hunderttausendköpfige freche Bande in der Hauptstadt, die mit Steinen warf, wenn sie nicht satt war. Darum war die Kornversorgung Roms ein Hauptinteresse der Regierung; mit den Bäckerinnungen der Stadt waren Kontrakte auf Lieferungen gemacht, um täglich 200 000 Bürger zu speisen. Einige Kaiser gingen noch weiter und ließen an sie auch noch Fleischrationen verteilen: Schnapphähne, Pflastertreter, Protzen des Nichtstuns, räudige Existenzen, aber in ihrer Zusammenrottung mächtiger und majestätischer als der Kaiser selbst! Auch die großartigen Fechterspiele und Tierhetzen dienten ja schließlich nur zur Erbauung des lieben Pöbels: panem et circenses. Diese Spiele waren die Gelegenheit, wo der Kaiser sich zeigen mußte. In seiner Loge gab er Audienz. Das Volk aber, furchtbar in seiner rohen Masse, schrie jedesmal so lange, bis der Kaiser, was es verlangte, erfüllt hatte. Es war kein würdiges Schauspiel. Der Kaiser war groß, nur von den Provinzen aus gesehen.

Dieser wahnsinnige Aufwand rächte sich rasch. Sehr früh begann der Finanzruin. Auffallend früh schon hören wir von Auktionen des kaiserlichen Hausrates. Aber auch die Privatvermögen verfielen. Denn die Reichen wurden gezwungen, die hohen städtischen Ämter zu bekleiden, die jedesmal die riesigsten Ausgaben mit sich brachten; und nicht nur in Rom, auch in allen kleinen Städten geschah es. Die Welt lebte weit über ihrem Etat, in einer Großmannssucht, die verrät, daß der Römer im Grunde doch nur ein Emporkömmling war,Juvenal 3, 183. ähnlich wie das Deutsche Reich in den Jahren der Üppigkeit, 1871–1913. Wohl nie haben 132 Kapitalisten für die Kommunen so bluten müssen wie damals. Aber dies Prinzip hat sich schlecht bewährt. Denn der Verfall der Kultur war die Folge.

Zu diesem Untergang der großen Vermögen kam aber noch der Rückgang der freien Landbevölkerung, und zwar auch in den Provinzen. Die Erträge der großen Güter gingen deshalb, weil nur Unfreie die Landarbeit taten, zurück.Columella I praef. Nun sanken auch die kleinen Gutspächter zu Kolonen, zu Hörigen herab. Eine weitere Folge war, daß auch die Rekrutierung des Heeres zurückging. Die Militärkraft sank erschreckend mit der Geldkraft. Schon im 3. Jahrhundert hat Italien und Rom vollständig abgewirtschaftet, und das Reich wird von den wohlhabenden Provinzen aus regiert. Schon im 4. Jahrhundert wird Rom zu einer Reminiszenz, von den Rückständigen angeschwärmt, von den Realisten zertreten. Hat doch schon Konstantin der Große die Stadt geplündert, um seine neue Hauptstadt Konstantinopel mit dem Kunstraub zu schmücken.

Es wäre somit eine Torheit, den Untergang des römischen Reichs aus einem Verfall der Sittlichkeit erklären zu wollen, der außerhalb der Hauptstadt nicht nachweisbar ist. Vielmehr hob sich auch die hauptstädtische Gesellschaft wieder nachweislich. Ja, wir dürfen sagen: das 2. Jahrhundert n. Chr., das Zeitalter des Plinius, Mark Aurel und Papinian, war das klassische Jahrhundert der praktischen Tugend und bedeutet den höchsten Stand der Sittlichkeit in der Antike. Die Germanenstämme, die das Reich allmählich zertrümmerten, standen anfänglich auf einer gleich hohen Stufe der Sittlichkeit. Sie sanken aber sehr schnell tiefer, indem sie ihr arteigenes Brauchtum aufgaben. Die edle Herrschaft eines Theoderich d. Gr. in Italien, die eiserne, spartanisch harte Zucht und Strenge, mit der ein Geiserich in Karthago Prostitution und Päderastie ausrottete, blieben nichts als allzu schnell vergängliche Ausnahmen. Mit dem wachsenden Zerfall aller altüberkommenen Lebensformen nahmen Wüstheit und Verwilderung allerorts zu. Auch das Christentum half da nichts. Denn daß es im 3. bis 6. Jahrhundert Kultur und Sittlichkeit gefördert hätte, läßt sich nicht erweisen. Gerade jene entwurzelten Germanen auf dem Boden des morschenden Römerreiches waren ja Christen. Wer damals auf Heiligkeit hielt, zog sich in klösterliche Einsamkeit zurück, und damit wurde das Niveau der großen Masse nicht gehoben. 133 Dagegen trat erst am christlichen Hof seit Konstantin das Eunuchenwesen in den Vordergrund der Hofgeschichte; der Eunuch wurde jetzt regierungsfähig, und die Gesellschaft empfand das als Schmach.S. z. B. Claudian in Eutropium. Wäre der Ansturm der Goten und Vandalen nicht gekommen, so würde das römische Reich, christlich geworden, allmählich erstarrt sein, eine große Völkereinheit mit Ausgleichung aller Rassengegensätze, so wie es mit China geschehen ist. Denn auch das chinesische Riesenreich ist, als es seine Kultur vollendet hatte, erstarrt, und Rassenkämpfe sind seit langem und wohl auch noch heute in ihm unmöglich.Lesenswert Alexander Ular, Die gelbe Flut, S. 343 f. So chinesisch zähe hat sich denn auch tatsächlich das byzantinische Reich noch durch neun Jahrhunderte erwiesen; es war das amputierte römische Kaiserreich griechischer Zunge.

Wir haben bisher nicht viel Erfreuliches verzeichnet. Ist aber unser Thema hiermit abgetan? Das wäre schlimm. Wir haben eine Zeit der Vereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit erlebt, wir haben fast pornographisch genaue Schilderungen des Lebenssumpfes der großen Hafenstädre aller fünf Erdteile, von Antwerpen und Marseille bis San Franzisko, Shanghai und Singapore. Das Paris der Revolutionsjahre von 1789, da Madame Tallien auf Festen in völlig durchsichtiger Kleidung zu erscheinen pflegte, taumelte in einer einzigen Woge erotischer Zügellosigkeit. 1866 gab es beispielsweise in New-York schätzungsweise 20 000 Dirnen, d. h. diese machten den 40. Teil der Bevölkerung aus! Ganz zu schweigen von den Homosexuellen und Transvestitenlokalen des Berlins der Nachkriegszeit. Ist die Liederlichkeit und Verworfenheit in unserer Gegenwart wirklich geringer als im Altertum? Wer kann es wagen die Frage zu beantworten? Jedenfalls werden wir uns hüten, aus unserer heutigen Kriminalstatistik, aus der Sündenchronik unserer Zeitungen und aus unseren Kolportageromanen einen Schluß auf den sittlichen Verfall der großen Bevölkerungsmassen der Gegenwart zu ziehen. Auch den ethischen Gehalt der italienischen Renaissancezeit werden wir nicht nach einem Cesare Borgia, Papst Alexander VI. und Aretino beurteilen. Ganz ebenso wäre es also auch ein Fehlgriff, in Hinblick auf jene Ausschweifungen der Cäsarenstadt Rom, die wir nachgewiesen haben, die antike Moral überhaupt gering einzuschätzen. Zum Glück steht es in Wirklichkeit anders (sonst dürften wir ja 134 unserer Jugend kein römisches Buch in die Hand geben), und das Wertvollste fehlt uns noch. Denn es kommt nicht auf die Lebensführung der Völker, es kommt auf ihre Ideale an. Die Menschengeschlechter lösen sich ab und taumeln dahin und vererben mit ihrem Geblüt auch den Trieb zum Exzeß: ein betrübendes Bild des Vergänglichen, des ewig Gestrigen. Aber über ihnen stehen ihre eigenen Ideale, die, weil sie Vollkommenheit fordern, unwandelbar und ein Erbbesitz aller Zeitalter bis heute geblieben sind. Jede Nation ist das, was sie sein möchte, nicht das, was sie ist. Danach ist sie zu werten. So auch die Römer.

Reden wir jetzt nicht von Kriegs- und Staatsdienst, auch nicht vom engeren Familiensinn, der lauter und voll Feinsinns war. Ich erinnere nur an die Cornelia des Properz, diese Kernrömerin, in deren innerstes Herz uns der Dichter schauen läßt. Übrigens gelten als die zwei Nationaltugenden, auf denen alles beruht, »Ehre« und»Mannhaftigkeit«, honos und virtus. Das aber ist (nach Lucilius) das Wesen der virtus: sorge erst für das Vaterland, dann für die parentes, dann für dich.

Das gesellschaftliche Ideal des Römers aber ist der vir bonus, d. h. der zuverlässige, und der vir probus, d. h. der gerade und rechtschaffene Mann. Darin liegt die bis zum Trotz unbiegsame Wahrhaftigkeit gegen andere. Die Regulusnaturen werden also gepriesen, auf den Griechen dagegen mit Geringschätzung herabgesehen; denn der Grieche lügt. Das heißt: der Grieche war phantasiebegabt und erfindungsreich, der Römer war geistig schlicht; simplex gilt als Lob.simplex und bonus verbindet Martial 1, 39. So heißt mercator der anständige Kaufmann, der den Städten nützt,Seneca benef. 4, 13. mango dagegen der täuschende, der alte Waren neu aufpoliert.Gegen Lüge wird übrigens in den Zeiten, von denen ich handle, selten ad hoc gepredigt; ich kenne wohl gelegentliche Äußerungen (Zeller, Philos. der Griechen III, 1³, S. 278) aber keine Spezialschrift über Notlüge u. ähnl.; aber vgl. Juvenal 13, 86 und das pythagoräische Wort εὐεργεσία καὶ ἀλήϑεια, das damals im Umlauf war, sodann Mark Aurel, der recht oft davon redet; am denkwürdigsten vielleicht Cicero pro Roscio comoedo 46 f. Schwarz ist der Bösewicht (hic niger est!), die reine Seele eine weiße Seele (animus candidus).

Dazu kam weiter noch das Ideal des vir pius; denn die Pietätspflichten standen um so höher in Heiligung, je weniger ihre Erfüllung im Leben vom Recht erzwungen werden konnte; dazu 135 ferner der vir frugi, das ist der gute Haushalter als nützliches Mitglied der Gesellschaft, und der vir ingenuus, dessen Art unknechtisch und edel. Der Gastfreund hat auf des Römers Fürsorge mehr Anspruch als die eigenen Verwandten; ebenso der Klient. Auch der gute Nachbar wird als wichtig gelobt.Gellius 5, 13; Columella I, 2, 6 V.

Hiermit kamen die Instinkte des Römers nun schon der griechischen Humanität entgegen, die bereits im 2. Jahrh. v. Chr. siegreich vordrang und in den Scipionen sogleich ihre glänzendsten Vertreter fand: fürstlichen Gestalten, Männern in Macht, aber voll wirklicher weitherziger Menschlichkeit. Das Wort homo sum stammt eben aus der Zeit der Scipionen. Dies ging nie wieder verloren. Ein Abwerfen alles Banausentums! Aber noch etwas anderes Wertvolles brachte die Praxis des Lebens: eine Intimität im Verkehr des Fürsten mit dem Geringen, die im Altertum viel mehr möglich gewesen ist als heute. Es gab im Männerverkehr viel weniger Schranken als jetzt. Dafür ist schon das »Du« charakteristisch, das ein geschwisterliches Band um alle schlingt; das Altertum hat nie daran gedacht, das allgemeine Duzen abzuschaffen. Erst die christliche Welt bläht sich und schmeichelt in der Anrede.

Eine der praktisch wichtigsten Erscheinungen der Humanität aber ist die Wohltätigkeit.

Die christliche Kirche hat die Wohltätigkeit (charitas) organisiert und auf ihr Programm gesetzt, und sie zählt bis heute zu ihren Ehrentiteln.Der religiöse Anstrich der Wohltätigkeit begegnet sonst nur ausnahmsweise; s. Walter Otto, Priester und Tempel II, S. 17. Aber sie wurde, wie wohl die wenigsten sich klar machen, in der gleichen Ausdehnung schon vorher betätigt, nur war sie dem Impuls des einzelnen überlassen. Heute bauen sich die Gemeinden ihre Kirchen; wie oft war dagegen in jenen Zeiten das Gotteshaus die Stiftung eines Privatmanns zum Nutzen der Frommen; ebenso die Markthallen und Bäder, die Brücken und die Straßenpflasterung, die sonst Sache der Kommune sind! Eine Fülle von antiken Gedenksteinen sind uns erhalten, die davon melden. Allerorts und hundertfältig ist das geschehen. Ebenso testamentarische Stiftungen; Versorgungsgelder für arme Kinder; Erziehungsgelder; dazu die Volksspeisungen. Die großen Vermögen werden so zu einer Glücksquelle für die Geringen gemacht. Und nicht nur das; man suchte werktätig die Bedrängten auf, sowie es sogar die Kaiserin Livia tat, die nicht nur selbst zu 136 den Verarmten ging, sondern auch bei Feuersbrünsten persönlich zur Hilfe kam. Ich wüßte kein Werk auf diesem Gebiet, das an Umsicht und Zartsinn den 7 Büchern Senecas über das Wohltun ebenbürtig wäre: Gib, ehe man dich bittet. Gut gibt, wer schnell gibt. Und deine Tat selbst sei dein Lohn. Geben ist seliger denn nehmen.Seneca Epist. 80, 7; 81, 17. Erspare dem Beschenkten die Beschämung, daß andere von deiner Wohltat erfahren. »Zeige dem Verirrten den Weg, teile dein Brot mit dem Hungernden«, das genügt noch nicht; sage lieber: wir sind alle Verwandte und eines Stammes; daraus fließt alles.Seneca Epist. 95, 51. Sorge für den Nächsten wie für dich.par alterius ac sui cura, Seneca Epist. 90, 40. Denn der Mensch ist ein soziales Lebewesen; die menschliche Gesellschaft gleicht dem Tonnengewölbe, das zusammenstürzen würde, wenn nicht jeder Stein den andern stützte.Seneca benef. 7, 1, 7. Das ist stoisch. Der gewöhnliche Weltmensch wiegte sich freilich dabei in der Hoffnung, durch die großen Stiftungen, die er machte, sein Andenken in der Nachwelt lebendig zu erhalten, ein echt menschlicher Antrieb zur sozialen Hilfe, der auch heute noch wirkt.Die Stoa lehnt ihn natürlich ab; denn der Ruhm ist nur der Schatten, den die gute Tat wirft (also nur ihre Begleiterscheinung, nicht ihr Motiv), Seneca Epist. 79, 13. Sich damit die ewige Seligkeit zu verdienen, daran dachte kaum irgend jemand. Erst im Christentum ist dies zum Motiv der Werke der Barmherzigkeit geworden. Gleichwohl sagt schon Seneca: »Die Wohltat ist eine Gabe, die wir Gott bringen«.Seneca benef. 7, 29.

Daß es auf diesem Gebiet in Wirklichkeit an krassen Gefühlsroheiten nicht fehlte, versteht sich, so wie man bei uns in unseren üppigeren Zeiten auf den Bazaren zum Wohl der Witwen der im Bergwerk Verunglückten Champagner trank, oder eine junge Dame sich tröstet: »Ich kann der armen Frau nichts geben, aber auf dem nächsten Wohltätigkeitsball will ich für sie tanzen.« Ich erwähne nur den tollen Caligula, der einem alten Senator das Leben schenkt; als dieser sich bedanken will, läßt der Kaiser, der saubere Pontifex, sich von ihm öffentlich den linken Fuß küssen, der in Gold und Perlen steckt. Das Fußküssen ist alt. Das Publikum aber bemerkte dazu: Caligula war am ganzen Körper so von Lastern befleckt, daß der Fuß zum Küssen noch die sauberste Stelle war.

137 Auch Plinius »übte« sich im Wohltun. Die »Sozialität«, so drückte er sich aus, soll uns mit den Bedürftigen verbinden.exercitatio, Plin. Epist. 1, 8, 8; vgl. ib. 9, 30, 3. Es ist der von uns oft erwähnte jüngere Plinius, der Anwohner des Comer Sees und römische Senator und Konsul, der in seinen Briefen zwischen den Jahren 97–109 n. Chr. uns den willkommensten Einblick in die römische Gesellschaft gewährt. Eine sittlich gereinigte Gesellschaft. Der Eindruck ist, bei aller oft kleinlichen und echt italienischen Eitelkeit des Autors, höchst erfreulich; »human« aber ist bei ihm fast Stichwort. Human ist es, Strenge mit Milde im Wesen zu vereinigen (8, 21). Hat jemand sich schwer vergangen, so wird seine Missetat zur Warnung wohl erzählt, aber der Name des Täters wird verschwiegen; denn das ist human (8, 22). Plinius bewundert einen Gebirgsquell; viele Villen und Heiligtümer liegen im Tal ringsum, und an Säulen und Wänden findet er da viele fromme Gedichte eingekritzelt, die den Quell und den Gott des Orts lobpreisen. Diese frommen Verse sind nun zum Teil das elendeste Machwerk, aber es ist nicht human über sie zu lachen (8, 8). Wir würden sagen, es verrät kein Herz, darüber zu lachen. Das Herz des modernen Italieners de Amicis schlägt in der Tat schon in Plinius. Seine Trauben hat derselbe nach der Weinlese an etliche Zwischenhändler zu hohem Preis verkauft, als er erfährt, daß der Traubenhandel schlecht geht; sogleich erläßt er den Händlern einen Teil der Summe. Über sein Verhältnis zu seinen Sklaven habe ich früher gesprochen.

So waltet in Plinius die »Liberalität«, eine Freiheit oder Entlastetheit des Herzens, und das honestum,Plin. Epist. 3, 1, 4; vgl. z. B. Martial 1, 39. die Anständigkeit der Gesinnung. Freilich nirgends eine Spur von Größe; aber seine Haltung ist warmherzig, taktvoll, von einer vornehmen Freundlichkeit, ja kindlich gut. Ich wüßte nicht, um irgendeinen Vergleich zu ziehen, daß etwa Petrarcas Briefe oder auch selbst die Briefe eines Humboldt oder anderer moderner Humanisten im Grunde auf einer sittlich höheren Stufe stünden als die des Plinius. Wir lesen bei ihm von heller Naturfreude und Kunstfreude, von vornehmen Frauen, die mit Ehrfurcht umgeben sind; von gut erzogenen jungen Leuten, die er Gönnern empfiehlt. Besonders gern aber huldigt er älteren Männern. Eine heitere erfrischte Luft herrscht in seinem Lebenskreis, wie nach einem schweren Gewitter: es ist kein Frühling, aber ein reiner Herbst.

138 Plinius moralisiert wenig, sondern sein idyllisches Gemüt zerlegt wie ein Miniaturmaler das Leben in viele kleine Einzelbilder und sieht alles wie durch rosafarbige Fensterscheibchen. Darin steht dieser Mann nun freilich zu seiner Zeit im allerschroffsten Gegensatz. Denn diese Zeit war sonst moralisch bis zum Exzeß, sie war voll bittersten Ernstes, ja voll Erbitterung. Je tiefer das Rom Neros im Schlamm versunken war, je höher nach oben griffen die sittlichen Postulate. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, daß jene ganze Literatur damals sich auch nie herbeiließ, die Kämpfe des Zirkus und der Arena zu schildern.Mit Ausnahme des Martial. Claudian schildert nur die Vorbereitungen. Diese Erregungen waren für den Pöbel. Daher kam aber auch eine Schönheitslehre oder Ästhetik niemals zur Entwicklung, weil alles in der Frage nach Gut und Böse, nach Tugend und Sünde, nach Fleischlichkeit und Gottähnlichkeit unterging. Wie aus Kerkern und dunklen Gewölben rollt der dumpfe Hall des Gebets, des Bekenntnisses und der Mahnung. Man kann sagen: die römische Literatur von 50 v. Chr. bis 150 n. Chr. ist in zweihundert Jahren, indem sie aus griechischen Büchern die leitenden Gedanken nimmt, ganz eigentlich die Zeit der Begründung der Pflichtenlehre und Ethik für den Okzident, und damit auch für die Kirche des Mittelalters gewesen. Auch für die Kirche. Denn die christlichen Evangelien boten keine ins Einzelne ausgearbeitete Pflichtenlehre dar (ebensowenig wie der deutsche Protestantismus bis auf Schleiermacher sie darbietet); sondern das Evangelium predigte nur sittliche Impulse und Ziele und weckte nur den Geist, aus dem die einzelne Pflichtleistung von selbst fließen soll. Der Stoizismus der Kaiserzeit dagegen dachte anders, und ihm wurde die feine und durchgearbeitete Pflichtenlehre verdankt, die die Kirchenväter in langen Abschnitten aus Cicero und Seneca übernahmen, so daß in dem Gefäß des Christentums ein Jahrhundert sie dem andern weitergegeben hat.Viel gelesen wurden im Mittelalter auch die sog. Sprüche des Cato u. a. Auch in diesem besten Sinn kann sich also die katholische Kirche römisch nennen.

Die Stoa hielt auf genaue Formulierung; ja, sie will, man soll die Einzelvorschriften der Moral spruchweise auswendig lernen.Seneca benef. 7, 2; ausführlich derselbe Epist. 94, 29 ff. Die Bücher der Philosophie heißen daher sacri.Juvenal 13, 19. So geschah es wirklich, und da wurde nun über Selbstlob gehandelt, über 139 Freundschaft und Schmeichelei, eheliche Liebe, Zorn und Seelenruhe, Geschwistersinn, Prunkliebe, Neid, Neugier, Geschwätzigkeit, Begierde, Aberglaube usf. Für jede Lebenslage wurde womöglich ein Ratschlag ersonnen, und die Kasuistik des Guten war unerschöpflich. Besonders hebe ich noch die Fürstenspiegel hervor. Denn die unerläßlichen Lobreden auf die Kaiser wurden in einigen Fällen zu musterhaften Lehrschriften über Herrschertugend gestaltet, die uns erhalten sind und die den Souveränen des Mittelalters und dann auch der Neuzeit bis zu Friedrich dem Großen ihre Herrscherideale gegeben haben.

Die stoische Denkweise lag dem Römer besonders gut. Man denke nur gleich an das Wort magnanimus, das wir mit »großherzig« zu übersetzen haben. Großherzigkeit war das Ideal des alten Römers gewesen; großherzig sein, das fordern jetzt auch die Stoiker. So ist denn ihre Lehre durch die Römer damals zu einer sittlichen Weltmacht geworden: eine Verstaatlichung der stoischen Religion. Dabei geht aber durch alles der Todesgedanke hindurch. Die Todesverachtung des römischen Kriegers vor dem Feind, sie wird jetzt zum Mut des Martyriums in Dingen der Überzeugung. Man soll bekennen, und ob es das Leben koste: vitam impendere vero.Juvenal 4, 91. Von solchen Erwägungen ist Seneca durchtränkt;Z. B. Epist. 85, 29. denn rings fielen die Opfer. Man stellte Erzählungen über die Opfer Neros zusammen (exitus occisorum), also ein vorchristliches Martyrologium, das eifrige Leser fand.Plin. Epist. 5, 5, 3 ff. Erst das Leben nach dem Tode ist ganz glücklich: das predigte schon Cicero in seinen Tuskulanen; suchen wir also ein löbliches Leben ruhmwürdig zu beschließen; denn ein Hafen ist uns offen.

Und die Menschennatur selbst? Was ist von ihr zu hoffen? Wir sind nicht etwa als Sünder geboren, so heißt es (Sen. epist. 94, 54), aber wir sind allzumal Sünder geworden (epist. 27, vgl. de clement. 1, 6, 3). Daher liegen wir alle in demselben Krankenhaus, und es ziemt sich, daß wir auch offen über unsere Krankheit miteinander reden. Denn das Gewissen treibt uns dazu. Den Schuldbewußten straft sein Gewissen; er bedarf keiner anderen Strafe; mächtig ist dies von Juvenal (13, 192 ff.) ausgeführt. Ist aber das Gute einmal irgendwo ins Leben getreten, so bleibt es auch; denn das Gute kann nicht degenerieren (Sen. epist. 87, 25). 140 Der Urmensch der goldenen Zeit, der »frisch von Gott« kam, war von Natur gut; wir aber stehen höher, wenn wir es durch Selbsterziehung sind (epist. 90, 44). Der Weg zur Tugend ist steil (ardua virtus). Aber dem Tüchtigen öffnet sich der Himmel: sic itur ad astra.

Kann denn aber der Mensch Vollkommenheit erreichen? In der Rede des Alltags war der Römer allerdings rasch bereit, einen Mann von guter Führung einen vir sanctus zu nennen: das tun Cicero und Plinius oft. Gute Führung schien also schon Heiligkeit; so lesen wir: die Scipionen, Lälius u. a. sind die sancti, die in den Gefilden der Seligen weiterleben.Valerius Maximus 4, 7, 7. Wenn irgendeiner, von dem wir wissen, so hatte Kaiser Mark Aurel, nicht minder aber – nach seiner eigenen Meinung – auch Kaiser Titus Anspruch auf diese Benennung, Titus, »der Liebling des Menschengeschlechts«, der, als man ihn todkrank über die Straße trug, die Vorhänge der Sänfte zurückschlug, um frei zum Himmel aufzublicken, indem er seufzte, er sterbe ohne Sünde; dies war des Titus letztes Wort; er habe, mit einer Ausnahme, in seinem Leben nie etwas getan, was er bereuen müßte. Umsonst forschte man, was der Sterbende mit jener Ausnahme meinte.

Juvenal dagegen ruft knirschend: in der weiten Welt gibt es keinen vir sanctus.Juvenal 13, 64. Und dies entsprach eigentlich der strengen Lehre. Kein genialer Mensch hat je gelebt, der nicht Nachsicht brauchte, versichert uns Seneca (epist. 114, 12). Hieraus erklärt sich, daß die römische Stoa wohl Ideale geschaffen hat, aber keine Idealgestalten. Heiligsprechungen hat sie grundsätzlich vermieden, und so fehlt allen Römern, auch den besten, der Nimbus; man wollte ihn nicht; man sah an den Besten auch stets die Schwächen. Nur Gott ist vollkommen, und der sündenreine Mensch wird in Ewigkeit umsonst gesucht.

Gleichwohl konnte man Mustermenschen für Einzeltugenden nicht entbehren. Denn nur das Vorbild, heißt es, spornt den Ehrgeiz zum Guten. Und dies hat nun die merkwürdigsten, tiefgreifendsten Folgen gehabt; ja man könne sie ungeheuerlich nennen. Ich meine die Folgen für die römische Geschichtsschreibung. Denn wir stellen fest, daß für politische Geschichte, Staatengeschichte, für Strategie und Verwaltung und Handel im Reich jetzt niemand mehr Sinn hat. Eine Fülle von tüchtigen Männern steht immer 141 noch im Dienst einer beispiellos großartig organisierten Reichsverwaltung, und keiner ist unter ihnen, der nicht auch an seinem Leibe die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zeit empfand; aber keiner von ihnen verliert darüber ein Wort. Es interessiert nur noch der Mensch an sich, die sittliche Person, das Heldentum, die großen Männer in der Geschichte. Die Geschichtschreibung zerfällt und zerbröckelt vollständig im Dienst der Moral. Plinius macht einmal dem alten vornehmen Spurinna seinen Besuch, und worüber plaudern die beiden da bei der Spazierfahrt? etwa über Theater? Literatur? Geldgeschäfte? o nein! Sie sprechen über Tugend, über Handlungen vortrefflicher Männer und über die Lehren, die sich daraus ziehen lassen.Plin. Epist. 3, 1, 6. Solche Szene aus dem Alltagsleben ist symptomatisch. So machten es damals alle. Es war ein Heißhunger nach Tugend, und die ganze römische Historiographie der Kaiserzeit hat nur noch den einen Zweck, Handlungen und Worte hervorragender Menschen zu registrieren. Sie löst sich in Biographie und Anekdote auf: eine lose Kette von Musterbeispielen der Moral; und das reicht dann, ohne jemals abzureißen, durch das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. In diesem Sinn wirkt ja Cornelius Nepos noch heute in unseren Schulstuben; noch Schiller ist ja voll von den Biographien des Plutarch, und die Schillersche Ballade selbst ist weiter nichts als die Verklärung jener historischen Anekdote mit ethischer Pointe, die das Altertum damals so liebte. Und so ist schließlich auch Tacitus zu verstehen; denn auch das Exempel des Lasters war brauchbar, und es wurde schonungslos bloßgelegt. Darin war er groß. Auch Tacitus ist zum geringeren Teil Historiker; er ist Ethiker. Eine priesterliche Stimmung herrscht in allen diesen Männern. Die Weltgeschichte ist nur noch ein sittliches Weltgericht: das Bewußtsein hiervon erfüllt sie alle. Sie wollten die Zukunft erziehen und griffen dazu in die Vergangenheit; danach wurde die Vergangenheit von ihnen gestaltet, und so ist die Ethik der römischen Kaiserzeit durch sie auch ohne kirchliche Vermittlung eine Erzieherin der späten und spätesten Geschlechter geworden.

Blicken wir zurück. Der wilde Naturmensch wird zum Kulturmenschen in ähnlich langsamem Fortschritt der Veredelung, wie durch gärtnerische Pflege die Wildpflanze zur Kulturpflanze wird, hier wie dort geschieht dies durch Steigerung und Temperierung 142 der vorhandenen Eigenschaften. Aber dieser Vergleich hinkt. Denn der Mensch ist Gärtner und Garten zugleich. Das ist das Wunder. Er ist der Münchhausen, der sich im Lauf der Jahrtausende aus dem Sumpf des Tierdaseins langsam an seinem eigenen Schopf emporzieht. Setzen wir für den Schopf die Verstandeskraft ein, und das Gesagte ist richtig und ernst zu nehmen.

Dieser Verstand fehlte auch dem Urrömer nicht ganz. Gleichwohl erinnern wir uns zum Schluß noch einmal, daß es die Griechen waren, die dem Römervolk und den Erben des Römervolks im Okzident in Wirklichkeit zu dieser großartig emporsteigenden Entwicklung verholfen haben. Wie dürftig und belanglos erscheint heute das kleine Griechenland, ein Land der Dörfer und Ruinen! und wie anders steht Rom auch heute noch da, das da in Palästen prangt und Kirchenkuppeln! Aber jener Verfall Griechenlands war schon im Altertum selbst eingetreten und vollendet, und schon um das Jahr 100 n. Chr. lesen wir folgende denkwürdigen Worte, die an einen Römer sich richten, der als allmächtiger Legat des Kaisers Altgriechenlands Verhältnisse ordnen soll: »Die Griechenstädte sind heute machtlos und winzig, selbst ein Sparta und Athen, sie sind nur noch der Schatten von einst und wie Greise gealtert. Aber um so mehr sollst du Ehrfurcht vor ihnen haben. Habe Ehrfurcht vor ihren Tempeln, Ehrfurcht vor ihrer Geschichte! Schone dies Volk; wahre ihm die Freiheit der Selbstverwaltung und kränke es nicht. Denn es ist ja Hellas, in dem zuerst die Humanität entstanden ist, Hellas das Land, in dem die Menschen am menschlichsten und die Freien am freiesten sind. Es ist das Land, dem wir Römer selbst Gesetz und Recht – d. h. unsere gesellschaftliche Entwicklung und unsere Kultur – verdanken.«

Also auch Gesetz und Recht. Es ist schön, daß es ein Römer war, der diese Gedanken äußerte; es ist der oft erwähnte Plinius.Epist. 8, 24. Wie warm, wie verständnisvoll sind seine Worte! Sie offenbaren echtes tiefes Dankgefühl. Dieser Römer hat recht. Wir sagen mit ihm: unser Dank gebührt den Griechen.

 


 

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