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Zur Kritik der deutschen Intelligenz

Hugo Ball: Zur Kritik der deutschen Intelligenz - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleZur Kritik der deutschen Intelligenz
authorHugo Ball
year1991
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-01690-3
titleZur Kritik der deutschen Intelligenz
pages3-7
created19991003
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Nachwort

In den vorhergehenden Kapiteln habe ich versucht, Gesichtspunkte für eine Kritik der alldeutschen Ideologie zu finden. Ich weiß, daß ich hierin nicht der Erste bin. Ich schlug der deutschen Intelligenz eine Revision ihrer Heroen vor und zeigte im deutschen Gedankenbau die verderbliche, staatspragmatisch gerichtete protestantische Filiation, als deren Hauptvertreter Luther, Hegel und Bismarck erschienen. Nochmals betonen möchte ich, daß es die Verbindung von Religion und Staat, die göttliche Sanktionierung der Autokratie, die Verwirklichung Gottes und der Idee, die Ideenverwaltung durch eine wilde Staatsautorität und das Streben nach dem militärischen »Reich Gottes auf Erden« war, was ich antichristlich, Blasphemie und Satansdienst nannte. Der Protestantismus ist eine Irrlehre, eine Irrlehre der Katholizismus, der sich auf der Erde etabliert. Gott und die Freiheit können nicht verwirklicht werden, sie sind Ideale, Staat ist ein Zustand und Zufall, von der göttlichen Idee zu durchdringen und in sie aufzulösen, nicht umgekehrt.

Eine Vervollständigung der Kritik des theokratischen Systems der Mittelmächte würde ergeben, daß die Schuldfrage in letzter Instanz sich gegen das Papsttum richtet, als gegen das letzte Refugium militärischer Bevormundungssysteme, die auf die Gottesweihe und Gottesstellvertreterschaft sich berufen; die als Verteidiger der »heiligsten Güter Europas« auftraten, just als die Stunde ihrer Niederlage schlug, und die damit das Gewissen der Welt zu verwirren und täuschen versuchten, trotz himmelschreiender Schändlichkeiten. Die Zukunft freier deutscher Geister sehe ich in der Solidarität des europäischen Geistes gegen den theokratischen Anspruch jeder Staatsmetaphysik: nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die intellektuellen Probleme verwalten zu wollen. Die wirtschaftliche Verwaltung ist einem Bund freier Völker, die intellektuelle einer Kirche freier Individuen zu überlassen. Eine Internationale produktiver Natur, eine moralische Einheit der Welt und der Menschheit sind nur möglich, wenn der protestantisch-katholische Gottes- und Despotenstaat mit seiner wirtschaftlichen Stütze, einer zuchtlosen Finanz, und seiner theologischen Stütze, dem unfehlbaren absolutistischen Papsttum, hinweggeräumt ist. Unter der Last aller Verbrechen dieses Krieges wird er zusammenbrechen. Eine Syntax freier Gottes- und Menschenrechte aber wird die demokratische Kirche der Intelligenz konstituieren, an die die Verwaltung der Heiligtümer und des Gewissens übergeht.

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