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Zur Kritik der deutschen Intelligenz

Hugo Ball: Zur Kritik der deutschen Intelligenz - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleZur Kritik der deutschen Intelligenz
authorHugo Ball
year1991
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-01690-3
titleZur Kritik der deutschen Intelligenz
pages3-7
created19991003
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Erstes Kapitel

1

Will man den Weg verstehen, auf dem die heute unter dem Schlagwort Pangermanismus vereinigten Tendenzen zu jener furchtbaren Macht gelangten, die alle Welt kennt und verspürt, so muß man zurückgehen bis ins tiefe Mittelalter. In dem mittelalterlichen Kampf um die Suprematie zwischen geistlicher und weltlicher Macht, zwischen einer geistigen Oberleitung durch den Papst und der tobsüchtigen Wildheit barbarischer Könige spielten sich die ersten Entscheidungen europäischer Geschichte ab. Als Otto I. sich im Jahre 962 vom Papste die Kaiserkrone erzwang, entstand das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation«. Unter Otto III. gab es bereits einen deutschen Papst, kaum daß es ein deutsches Volk gab. Es folgten die Kreuzzüge, in denen die Päpste der übermütigen Barbarenkraft und den verheerenden Einfällen deutscher Könige nach Italien eine phantastische Ablenkung schufen. Es folgte die Unterwerfung des geschwächten Staates unter die Kirche durch Gregor VII.

Der päpstlich-kaiserliche Universalstaat des Mittelalters leitete eine innige Verbindung der deutschen Völkerschaften mit dem zivilisiertesten Lande der damaligen Welt, Italien, ein, und wenn die gewaltsamen deutschen Könige auch, sobald sie den Segen empfangen hatten, nur Richtschwert und Vollstrecker des römischen Willens geworden waren, so verlieh ihnen diese Weihe noch die »Kulturmission«, Mehrer des Kirchengebiets und Verbreiter des Evangeliums zu sein, und damit jene heraldische Attitüde einer von Reichstrompetern begleiteten theologischen Majestät, der die buntbäurische Phantasie des deutschen Volkes noch heute nicht gewachsen ist. Jahrhunderte lang verbreitete das Schwert der Kaiser den Christenglauben, wie es unter Muhamed den Islam verbreitet hat. Und nicht erst heute, sondern schon zu Gutenbergs Zeiten findet sich in der Presse die optimistische Überzeugung, die deutsche Nation sei von Gott bevorzugt und von der Vorsehung auserwählt Im Jahre 1460 erschien als letzter Druck Johannes Gensfleisch zum Gutenberg das »Katholikon« des Johannes di Balis, das am Schluß folgende Worte, gleichsam das Testament Gutenbergs, enthielt: »Unter dem Schutze des Höchsten etc. etc. ist dies Buch im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1460 in dem tätigen Mainz, einer Stadt der berühmten deutschen Nation, welche die Huld Gottes durch ein so hohes Licht des Geistes und durch ein freiwilliges Geschenk den andern Nationen der Erde vorzuziehen und auszuzeichnen gewürdigt hat etc. etc. gedruckt und vollendet worden.«. Sie war aber nur von den Kardinälen auserwählt und vom Papste bevorzugt. Die deutschen Könige hatten sich ihre Stellung durch Bluttat und Gewalt ertrotzt. Ihre Kulturleistungen blieben weit hinter dem zurück, was gleichzeitig Arabien, Spanien und Italien in Kunst, Literatur und Wissenschaft leisteten.

Noch heute sehen unsere deutschen Schulräte, Geschichtsschreiber und Pädagogen nicht ein, daß keine Veranlassung vorliegt, auf diese Tradition besonders stolz zu sein. Deutschland war keineswegs das »moralische Herz der Welt«, wie Herr Scheler glauben machen will. Die Moralität war in Deutschland, von vereinzelten Mystikern und Troubadouren abgesehen, unausgebildet, abseitig und grob. Das Land war Rüstkammer und Arsenal für die weltlichen Ziele des Papsttums. In solchen Ländern ist wenig Raum für die Ausbildung verfeinerter Sitte. Profoss und Schrecken brachten den Päpsten die Barbarossas, Ottos und Friedrichs. Wen deshalb der Papst zum Kaiser salbte, dem legte er damit die Verpflichtung auf, daß solch »apostolische Majestät« – noch heute trägt der Kaiser von Österreich den Titel – den gewaltigen europäischen Kirchenstaat vergrößere oder verteidige, auf welche Art immer es geschehe.

Das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« wurde von Luther zerstört. Luthers robust gewaltige Persönlichkeit ist geschichtlich nur zu verstehen, wenn man den Kampf zwischen Kaiser und Papst sich vergegenwärtigt. Luther trennte Deutschland von Rom und schuf damit die Voraussetzung für die Unabhängigkeit des heutigen deutschen Feudalismus. Er lieferte den deutschen Fürsten und Reichsherolden wie Treitschke und Chamberlain die Ideologie für jene egozentrische Selbstüberhebung, die sich in den Köpfen alldeutscher Generäle und Subalternpropagandisten zu einem Delirium ausgewachsen hat. Von den Zeiten der Reformation an gelang es den Päpsten nicht mehr, die deutsche Macht unter eine geistige Obhut zu beugen. Luther wurde ein Angelpunkt der Geschichte.

Von Luther an beginnt sich ein neuer Universalstaat vorzubereiten, in dessen Zentrum nicht mehr die ganz klerikale, sondern die ganz profane Gewalt steht. In den großen Bauernkriegen von 1524/25 handelte es sich darum, ob die uralte Feudaltradition Deutschlands gebrochen werden könne oder nicht. Jene deutsche Revolution (wichtiger heute als die Reformen, in denen sie erstickt wurde) mißglückte. Der Feudalismus erhob sich gestärkt. Im Aufkommen der Hohenzollern verjüngte er sich. Das Aufkommen der Hohenzollern brachte den Konkurrenzkampf mit Habsburg, dem letzten Rudiment des mittelalterlichen Systems. Dazumal gingen die geistlichen und weltlichen Methoden der Universalstaats-Politik und -Diplomatie von Wien in die preußischen Kabinette über. Und heute erleben wir, wie derselbe auf die Besitzlosen, das Proletariat, gegründete Universalstaat des Mittelalters von Berlin aus wiederaufzustehen bemüht ist Nichts anderes bedeutet der europäische Machtanspruch Wilhelm II., der sich zu Hause auf die Kaisertreue, draußen aber auf die bolschewikische Propaganda stützt..

Jetzt ist es umgekehrt. Das kaiserliche Regime sucht den Papst (und die Freiheitsideologie, die geistige Macht) zu benützen, wie im Mittelalter der Papst den Kaiser ausspielte. Steuerte Habsburg die diplomatischen Methoden bei, so Robespierre die staatlichen und Napoleon die militärischen. Eine satanische Macht regiert heute Deutschland und sucht sich von dort aus die Welt zu unterwerfen. Das Mittel ist Zweck geworden. Die Profanität triumphiert, und eine Entwertung aller Werte findet statt, die niemals ihresgleichen sah.

Als Dante seine Schrift »De monarchia« schrieb, ließ er sich kaum träumen, daß er die Hölle selbst damit begünstigte. Gott ist Werkzeug der Monarchie geworden. Moral und Religion sind der omnipotenten Staatsgewalt untergeordnet. Und die Folge dieser Perversion der Moralbegriffe ist, daß man die teuflischsten Dinge im Namen Gottes verherrlicht, ohne jegliches Gefühl und Gewissen für die Inferiorität dieses Evangeliums der reinen Kraft und Gewalt.

Jede Art Mystik, jede Art Religion, jede Regung des Seelenlebens und der menschlichen Sehnsucht, alles, was dem Menschen heilig ist, wird von diesem System in raffiniertester Weise benützt, um den Menschen zu fassen und gefügig zu machen. An die Stelle des Ablasses ist der Aderlaß getreten. An die Stelle der Ohrenbeichte die Detektivpolizei. Die großen moralischen Werte der Menschheit (Seele, Friede, Vertrauen; Achtung, Freiheit und Glauben) werden nach dem Erfolg berechnet und als Mittel zur Erreichung von Zwecken ausgespielt, die der traditionellen Bedeutung dieser Worte entgegengesetzt sind. Das klerikale Collegium der propaganda fide ist ersetzt von einem journalistischen de propagando bello, und die Freude und der Stolz, mit denen man diesem verwerflichen System dient, geben die Beleuchtung zu einem infernalischen Totentanz, in dem die Reste deutschen Wesens in Verwesung übergehen.

2

Wir, die wir dieses System bekämpfen, sind gezwungen, seine Heroen zu revidieren. Mit nationalen Vorurteilen muß aufgeräumt werden wie mit individuellen. Es geht nicht an, daß noch heutzutage ein Sozialist von der Bedeutung Camille Huysmans von Deutschland als der »généreuse Allemagne de Luther« spricht »Un appel des socialistes serbes au monde civilisé« avec préface de Camille Huysmans, Uppsala 1917.. Luthers Deutschland war nichts weniger als generös. August Bebel hat in seinem »Bauernkrieg« ein Bild des damaligen Deutschlands entworfen; das Werk kann nicht nachdrücklich genug empfohlen werden August Bebel, »Der deutsche Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen Bewegungen des Mittelalters«, Leipzig 1876.. 1517 wurden durch die Tat eines politisch und geistig gleich unvollendeten Mönchs Europa und die christliche Kultureinheit zerrissen, und dieser Luther gilt heute der großdeutschen Feudalpolitik als erster europäischer Exponent ihres »divide et impera« Nicht erst heute. Zimmermann (»Allgemeine Geschichte des großen Bauernkriegs«) zitiert einen Ausspruch des damaligen habsburgischen Kaisers Maximilian I., der beweist, daß die habsburgische Hauspolitik die Bedeutung der lutherischen Rebellion von dem Augenblicke an begriff, da dieselbe politischen Einfluß gewann.. Heute, vier Jahrhunderte später, hieße es Europa nur dürftig zusammenflicken, wollte man den Glauben an die offiziellen Heroen und Propheten bestehen lassen.

Der Ideenstreit um eine neue Menschheit ist entbrannt, und in der Lösung der Menschheitsfrage wird auch die politische beschlossen liegen.

Die mittelalterlichen Probleme sind noch heute nicht ausgetragen. Noch fehlt Europa eine neue Hierarchie, eine Hierarchie von Geistern, fähig und stark genug, jene mittelalterliche geistliche Hierarchie zu ersetzen; eine Rangleiter der Leistungen und Vermögen, sowohl zwischen den Völkern wie zwischen den Individuen; eine unsichtbar abgestufte geistige und moralische Gesellschaft, fähig, wieder die Oberhand zu erlangen über den Satanismus der in rudimentären Einrichtungen und Formeln vereinigten Profanität, die heute ihre entsetzliche Todesorgie feiert. Dann erst wird das Mittelalter überwunden sein.

Uns Deutsche führt die Beteiligung an dieser Aufgabe, der eine Elite hervorragender Männer des letzten Jahrhunderts gedient hat, tief bis ins Mittelalter und in die Zeit Luthers zurück. Die Revision unserer intellektuellen Geschichte soll uns neue Impulse geben, und manches wird fallen müssen, an das wir glaubten und glauben gemacht wurden.

Ein neues Gut und Böse. Neue Gewissenskämpfe. Göttlich und teuflisch nicht mehr klerikales Symbol, doch deshalb beileibe nicht Hohn und Verachtung. Die Aufgabe aber dieser Hierarchie aller gutgesinnten Geister und Werke soll sein: eine Syntax der neuen Gottes- und Menschenrechte. Keine civitas dei ohne eine civitas hominum! Die neue Gemeinschaft soll dienen der Verbreitung eines Reichs aller Menschen, die eines guten Willens sind.

Wenn das Wort von der deutschen Universalität wahr ist, so mögen die Deutschen herauskommen aus ihrem politischen Getto, um zu zeigen, was sie zu sagen haben. Nicht aber mit der Trägheit prügelnder Waffen, sondern mit der Energie klarer Gedanken. Nicht auf das Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschheit kommt es an, wie Prinz Max von Baden zu glauben scheint Seine bekannte Friedensrede vom 14. Dezember 1917. Inzwischen kam die wahre Gesinnung des Prinzen an den Tag durch seinen Brief vom 12. Januar 1918 an den Fürsten Alexander zu Hohenlohe., sondern auf die Verantwortung mit und inmitten der Menschheit. Der Übermensch muß dem Mitmenschen weichen. Nicht Leiden schaffen, sondern Leiden beheben. Nur so besteht die Hoffnung, daß das automatisch eingetretene Schicksal einer automatisch gewordenen Welt der Selbstbestimmung des einzelnen und damit der Freiheit weicht.

3

Die konsistorialrätliche deutsche Reichsgeschichtsschreibung hat verhindert, gerade über Luther nachzudenken, und das beweist, wie notwendig es ist. Damals, zu Luthers Zeit, fand jenes Bündnis der deutschen Bourgeoisie mit dem Feudalismus statt, das alle europäischen Revolutionen überdauerte und heute Europa zu knebeln und niederzuwerfen gewillt ist. Luther war dieses Bündnisses Prophet und Herold. Durch seine Stellungnahme im Ablaßstreit hat er die Landstände, Fürsten und Magistrate brüderlich verbunden. Indem er das Gewissen in den Schutz weltlicher Fürsten stellte, half er jenen Staats-Pharisäismus schaffen, für den das Gottesgnadentum, die gottgewollte Abhängigkeit und die Phrase vom »praktischen Christentum« gleicherweise Symbole sind. Durch sein despotisches Auftreten in den Bauernkriegen aber verriet er die Sache des Volkes an den Beamtenstaat.

Die Tat Luthers soll keineswegs verkleinert oder verunglimpft werden. Vom alldeutschen Standpunkt aus muß man sie vergöttern, gewiß. Vom Standpunkt der Demokratie aus muß man sie verwerfen. Wer gegen die heutige Tyrannei protestiert wie Luther vor 400 Jahren als Mönch protestierte, hat das Recht, sich auf ihn zu berufen. Auch soll den Evangelischen nicht ihr Heiliger genommen werden, obgleich dieser Heilige von Heiligen nichts wissen wollte. »Dem Doctor Luther zulieb«, sagt Naumann, »ist das Jesuskindlein geboren worden. Der Papst hatte nur einen Schatten davon.« Friedrich Naumann, »Die Freiheit Luthers«, Berlin 1918. Sei's drum. Solche Verehrung lassen wir gelten. Jener Luther, der herzinnige Brieflein an seinen Sohn Hänsigen schrieb; der die Bibel übersetzte und die Bannbulle verbrannte, bleibt ewiges Gedächtnis; dem protestantischen Handwerker und Bauern ein Vorbild des guten Familienvaters, wie Josef von Nazareth dem katholischen. Ein anderer Luther aber ist es, den das Wischi-Waschi alldeutschen Geredes und Geschreibes zu Demagogiezwecken ausspielt. Ein anderer Luther, der »aus der Polyphonie heraus den tönenden Weg gebahnt« haben soll, »für ein Volk, das Genies gebären wird« Theodor Däubler, »Lucidarium in arte musicae«, Hellerau 1917, S. 53..

Nun stehen wir nicht gerade auf dem Standpunkt des Novalis, der da schrieb: »Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Erdteil bewohnte.« Novalis, »Die Christenheit oder Europa«. Wir sind keine katholischen Romantiker, Lobredner der Vergangenheit auf Kosten der Zukunft und Gegenwart. Nicht deshalb sind wir Antilutheraner, weil wir mit Theodor Lessing glauben: »Nur solange die große Weltidee des Katholizismus eine gemeinsame Atemluft für Europa schuf, blühte einfältige Schönheit aus nüchternem Alltag.« Theodor Lessing, »Asien und Europa«, Berlin 1918. Nicht einer katholischen Renaissance reden wir das Wort, deren obskure Propaganda »das schöne Werk des Mittelalters« wieder herzustellen hofft oder verzweifelt »durch einen Sieg des geeinigten deutschen und christlich-europäischen Geistes über die abgefallene Welt ringsum«, wie Herr Scheler Vgl. Schelers Kriegsaufsätze in der katholischen Zeitschrift »Hochland« und die Besprechung seiner »Ursachen des Deutschenhasses« durch Friedrich Meinecke in der »Neuen Rundschau«, Berlin, Jan. 1918.. Wenn wir die Reformation, Luther und den Protestantismus bekämpfen, geschieht es, weil wir in ihnen die Hauptbollwerke einer nationalen Isolation erblicken, die fallen muß, soll die einige Menschheit erstehen. Wir glauben auch nicht, daß es notwendig ist, »der europäischen Entartung Heilmittel aus der Welt der Upanishads und des Buddha« Victor Fraenkl, »Eine Streitschrift vom Glauben«, in »Aktion«, Berlin, Nr. 47/48, 1917. zuzuführen. Das würde, wie die Dinge in Deutschland heute beschaffen sind, nur die Gelehrsamkeit mehren, die Energie aber schwächen. Gedacht und geschrieben ist längst genug. Wir brauchen nur die Essenz zu ziehen aus dem Vorhandenen; denn es gilt von den Deutschen noch heute, was Bakunin 1840 über sie aus Berlin an Herzen schrieb: »Wäre der zehnte Teil ihres reichen geistigen Bewußtseins ins Leben übergegangen, so wären sie herrliche Leute.« M. Dragomanow, »Bakunins sozialpolit. Briefwechsel mit A. J. Herzen und Ogarjow«, Bibliothek russischer Denkwürdigkeiten, Bd. 6. Herausgegeben von Dr. Th. Schiemann, Stuttgart 1895.

Graben wir unsere Bibliotheken aus! Verbrennen wir alles Überflüssige, statt neue »Heilmittel« zu suchen! Ein neuer Gewissensstrom komme über Deutschland. Wiedererwägung nicht nur politischer Fragen, sondern auch der Leistungen und Entscheidungen deutscher Geistesheroen, gemessen an den Forderungen des heutigen Europa.

4

Man hat Luther den ersten großen Durchbrecher des mittelalterlichen Systems genannt, und gewiß mit Recht, wenn man damit das religiöse System meinte. Die 95 Thesen, die Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg nagelte, handelten von der »freien Gnade«, und der Ablaßstreit, der daraus entstand, entwickelte sich rapid zum Streit um das Recht des Papstes. »Wenn die Gnade Gottes frei wirkte«, sagte Naumann, Friedrich Naumann, a. a. O., S. 15. »hörte alle Zentralverwaltung der Heiligtümer auf.« Und sie hörte in der Tat auf. Freie Gnade hieß freies Gewissen, hieß über Seligkeit, Recht und Unrecht, Diesseits und Jenseits, von nun an selbständig denken zu dürfen. Freiheit eines Christenmenschen: das bedeutete, daß das bürgerliche Individuum gewillt war, von nun an die Entscheidung über letzte Fragen des Daseins auf sein eigenes Gewissen zu nehmen. Es wäre zu wünschen, daß wir in diesem Punkte noch heut Lutheraner wären.

Das Religionssystem, das Luther durchbrach, war der Kollektivbegriff in Glaubensdingen, war die Zentralverwaltung der Gewissensfragen, nicht nur der Heiligtümer; war der religiöse Militarismus, der Disziplinarkomplex. Der einzelne wagte es, den Gehorsam zu verweigern aus Gründen seines persönlichen Seelenheils. Davon allerdings ist in Naumanns sanftmütiger Schrift nicht die Rede. Die demokratische Gewißheit, mit der Luther auftrat, tritt klar zutage, wenn man das tolle Selbstgefühl achtet, mit dem er zunächst alle Seelenkämpfe, alle metaphysische Sorge um Gedeih und Verderb, und die ganze Last der vielfältigen, haarspalterischen religiösen Probleme seiner Zeit auf die Schultern des einzelnen legte. Die ganze Sündenlast des Jahrhunderts trug nun das Individuum, aber auch aller Seelen Seligkeit leuchtete aus seinen verzückten Augen. »Der Papst«, sagte Luther in den Schmalkaldischen Artikeln, »will nicht lassen glauben, sondern spricht, man solle ihm gehorsam sein; das wollen wir aber nicht tun oder darüber sterben in Gottes Namen.« Wo hat gegen die Zensur und den Belagerungszustand des heutigen Disziplinarsystems jemand solche Worte gewagt? Ist die Propaganda für die Kriegsanleihe so sehr verschieden vom mittelalterlichen Ablaßhandel? Ist ein so großer Unterschied zwischen den Pfaffen des alten und den Professoren des neuen Systems, zwischen Tetzel und Sombart? Herr Naumann mag antworten darauf. Der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelio, zwischen der äußeren und der inneren Autorität, den der Luther von 1517 aufstellte – wo ist er geblieben? In Rußland wurde er wiedergeboren, in Deutschland aber ist er nicht mehr zu finden.

Den nötigen Unterschied zwischen Gesetz und Evangelio statuiert zu haben, hat Luther sich selbst gerühmt. Noch 1534: »Ich muß immer solchen Unterschied der zwei Rechte einbleuen und einkäuen, eintreiben und einkeilen, ob's wohl so oft, daß es verdrießlich ist, geschrieben und gesagt worden. Denn der leidige Teufel hört nicht auf, diese zwei Reiche in einander zu kochen und zu brauen. Die weltlichen Herren wollen immer Christum lehren und meistern, wie er seine Kirche und geistlich Regiment soll führen. So wollen die falschen Pfaffen immer lehren und meistern, wie man solle das weltliche Regiment ordnen.« »Luther und der Staat«, Sondernummer »Protestantismus« der »Süddeutschen Monatshefte«, München, Okt. 1917. Deutlicher konnte die Trennung zwischen Staat und Kirche nicht formuliert werden, und doch haben wir sie heute noch nicht.

Aber Luther rühmte sich auch, »seit der Apostel Tage habe kein Doctor noch Skribent, kein Theologus noch Jurist, so herrlich und klärlich die Gewissen der weltlichen Stände bestätigt« Ebendort.. Als er auftrat, habe niemand etwas von der weltlichen Obrigkeit gewußt, woher sie käme, was ihr Amt und Werk sei und wie sie Gott dienen solle. Und diese letzte Äußerung gibt die Bestätigung, welche furchtbare, dem Mittelalter unbekannte Macht er dem Staate verlieh. Marsilius von Padua und Machiavell hatten dem Staate lange vorher seine eigenen Aufgaben zugewiesen. Die Gelehrten aber hatten die Obrigkeit für etwas Heidnisches, Ungöttliches gehalten, hatten sie als einen für die Seligkeit gefährlichen Stand bezeichnet. Luther als erster nahm, gestützt auf die Bibel, den göttlichen Ursprung nun auch für die staatliche Obrigkeit in Anspruch. Damit war, als die Landesgewalten erst begannen, sich mit den Spolien der Kirche zu bereichern, die staatliche Omnipotenz garantiert: Luther erwies sich nach seinen eigenen Worten als »falschen Pfaffen«, der lehrte und meisterte, »wie man solle das weltlich Regiment ordnen«. Er gab dem Staate eine nie geahnte »Gewissensfreiheit« und Macht, und erklärte doch das Desinteressement des religiösen Individuums an der Ordnung der Staatsaffären. Alle Weltfremdheit deutscher Dichter, Gelehrter und Philosophen hat hier ihren Ursprung. Die verächtliche Geringschätzung, mit der noch heute der feudale deutsche Staatsmann auf die Vertreter der Intelligenz seines Landes herabsieht, die ihn doch überwachen müßten, – auch sie geht auf Luther zurück. Die Naivität eines zweideutigen Doctoren der Theologie lieferte das Volk zu endloser Maßregelung auf Treu und Glauben seinen Junkern, Beamten und Fürsten aus. Und die politisch-soziale Unproduktivität aller deutschen Geistestaten bis auf die heutige Zeit wurde höchste Verpflichtung.

Der Weimarer Kanzler Müller erzählt, Napoleon habe 1813 auf einem Ritt nach Eckardsberge geäußert: »Karl der Fünfte würde klug getan haben, sich an die Spitze der Reformation zu stellen; nach der damaligen Stimmung würde es ihm leicht geworden sein, dadurch zur unumschränkten Herrschaft über ganz Deutschland zu gelangen.« Hermann Bahr, »Wien«, Stuttgart 1906, S. 21. Gewiß, das lag nahe. Man darf aber aus diesen Worten nicht schließen, daß das Haus Habsburg nicht zu Luthers Lebzeiten schon sein Wirken sehr aufmerksam verfolgte und wenigstens auszubeuten gedachte. Jovial richtete Kaiser Max, der Vorgänger Karls V., an den kursächsischen Rat Degenhardt Pfeffinger die Gelegenheitsfrage: »Was macht euer Mönch zu Wittenberg? Seine Sätze sind traun nicht zu verachten.« Und er gab den Rat, »man solle den Mönch fleißig bewahren, denn es könne sich zutragen, daß man seiner bedürfe« W. Zimmermann, »Allgemeine Geschichte des großen Bauernkriegs«, Stuttgart 1840-1844, Bd. I, S. 345.. Luther wurde zum Propagandisten der unabhängigen Fürstengewalt und wenn die damaligen Kaiser nach Bahrs Wort »die große Tat verschmähten«, so verschmähte man sie doch 1871 nicht, als die Zeiten reif geworden; der Protestantismus wurde Geschäftsträger für die diplomatischen Beziehungen preußischer Kaiser zum lieben Gott. Die Polyphonie aber, aus der heraus Luther den »tönenden Weg bahnte für ein Volk, das Genies gebären wird«, wurde eine Polyphonie der moralischen Zwei- und Vieldeutigkeiten. Nicht nur die Obrigkeit hat er bestätigt – »wenn die Obrigkeit sagt, zwei und fünf sind acht, so mußt Du's glauben wider dein Wissen und Fühlen« Mitgeteilt von Maximilian Harden in der »Zukunft«, Januar oder Februar 1918. –, auch den Krieg sanktionierte er. In einer Untersuchung »ob Kriegsleute auch im seligen Stande sein können?« finden sich die schlimmen Sätze: »Daß man viel darüber schreibt und sagt, welch eine große Plage der Krieg sei, das ist alles wahr... So muß man auch das Kriegs- und Schwertamt, wenn es so würgt und greulich tut, mit männlichen Augen ansehen. Dann wird es von selbst beweisen, daß es ein an sich göttliches Amt ist, der Welt so nötig und nützlich wie Essen und Trinken oder sonst ein andres Werk.« Zitiert in der »Aktion«, Berlin 1918, Nr. 3/4: »Napoleon, dem allerdings keine große Presse das Leben verschönte, hat gemeint: ›Der Krieg wird einmal ein Anachronismus sein. Glauben Sie mir, die Zivilisation wird ihre Revanche nehmen. Die Siege werden einmal ohne Kanonen und Bajonette errungen werden.‹ Jener Mönch hingegen, der die Reformation zu verantworten hat, Luther, hat auch ein Buch auf dem Gewissen, das solchen Titel trägt: ›Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können?‹ In diesem Buch finden sich folgende Unglaublichkeiten...« (es folgt das Zitat).

5

Die eigentliche Tat Luthers war eine mönchische Bußlehrenrevolte. Nietzsche hat ihn den »unmöglichen Mönch« genannt. Luthers jähes und heißblütiges Naturell geriet im Verzweiflungskampf gegen die fleischlichen und geistigen Anfechtungen des Teufels auf den Ausweg, die Notwendigkeit einer unerfüllbaren Klosterdisziplin prinzipiell in Zweifel zu ziehen. Vergebliches Wüten gegen sein Temperament und die Ordensregel brachten ihn dazu, die Mönchskutte abzuwerfen und auf die Heilaussichten einer vollendeten Kasteiung zu verzichten. Er brach das Ordensgelübde und vertrat von nun an die Anschauung, man brauche nicht Mönch oder Nonne zu sein, um selig zu werden. Die Zelle war ein Gefängnis für ihn, die Bußlehre eine Tortur.

Als er aus der Kutte sprang, unternahm er mit Ungestüm den Versuch, eine Rechtfertigung seiner Handlungsweise zu finden und fand sie, wie er glaubte, im Glauben, daß der Glaube rechtfertige. Die Bibel allein ist Gottes Gebot. Vom Mönchswesen enthielt sie kein Wort. Christus am Kreuz starb für die Sünden der Welt und jedes einzelnen. Das Eingeständnis der Sünde genügt. Es erwirkt dem Menschen die Gnade. Wer seine Sünden bekennt, kann und wird erlöst werden, gleichviel ob Laie oder Adept. Christi Kreuzestod und unendliches Opfer enthält die Versöhnung des von der Menschheit beleidigten Gottes.

Luthers Rechtfertigungslehre hatte für ihn den privaten Sinn einer Rechtfertigung seiner Handlungsweise, als er sein Mönchsgelübde brach. In diesem Versuch, sich zu rechtfertigen, lag aber zugleich eine Rache an der Institution, der er entfloh, weil er ihr nicht gewachsen war.

»Man braucht nicht Mönch oder Nonne zu sein, um selig zu werden.« Das brauchte man gewiß nicht, sonst hätte der Laie ja nicht selig werden können. Aber das Klosterwesen und Zuchtideal, das Luther damit der Mißachtung preisgab, hatte nicht nur den Sinn, Schauplatz von Bußübungen zu sein zur Erlangung der Seligkeit, grenzenloser Demut und göttlicher Vergebung. Die Mönchsorden enthielten die Geheimlehren des Christentums. Die geistlichen Übungen der Mönche zielten ab auf ein Freimachen aller geistigen und wundertätigen Kräfte der menschlichen Natur. Großsiegelbewahrer der Mysterien von der Selbstaufopferung, von der unio mystica mit der Gottheit, von der sinnlichen und moralischen Ideologie des Abendlandes waren die Mönche. Die körperliche Disziplin war nicht nur Vorbereitung für den Zustand der Gnade und Erlösung, sondern Vorstufe einer Disziplin des Geistes, einer ars magna der seelischen Sensationen, die den Triumph des inneren Lebens über die Körperfesseln und allen Zwang der Kausalität bezweckte. Das Vorbild Christi machte die Mönche zu Begründern einer hohen Schule in spiritualibus, deren eminente Bedeutsamkeit noch für uns Heutige nicht erloschen ist.

René Schickele hat in einem eindringlichen Essay »Lehrmeister wider Willen: Loyola« René Schickele, »Schreie auf dem Boulevard«, Leipzig 1910. die Bezüge nachgewiesen, die die spanische Mönchsdisziplin noch mit der heutigen Intelligenz verbinden. Das heroische Demutsideal eines heiligen Franziskus, eines heiligen Dominikus, das langsam in Qualen und Demütigungen zur eigenen Gottesnähe und damit zur Überwindung des doktrinären Katholizismus führte – wie sehr unterschied es sich von der platten und materiellen Weltfreudigkeit Luthers! »Für uns bleiben«, schreibt Schickele, »ihre Werke Dokumente der eigenen Disziplin, Beispiele, wie man schmiegsam, empfindlich und doch gefaßt wird, und auch dann, wenn ihr Egoismus in die Gewalttätigkeit einer moralischen Mission ausläuft, sehen wir nur ihren eigenen inneren Kampf. Unser Gefühl verwandelt die Glaubenskämpfe in Kämpfe um die äußere Freiheit des Menschen, und die religiöse Meditation wird, während wir uns einer Disziplin unterwerfen, zur Kultur der inneren ewigen Schönheit.«

Die spirituelle und spekulative Macht des Papsttums war nicht damit überwunden, daß ein hartmäuliger deutscher Augustinermönch den Papst »des Teufels Saw« nannte. Die Hierarchie als Kategorie der Geister war damit nicht aufgehoben. Was wußte ein diabolischer Mönch von den göttlichen Abenteuern des Lebens, jenem passiven Fanatismus, auf den die strenge katholische Mystik hinauslief! Was von der in glühender Askese erlangten Souveränität einer heiligen Therese oder eines Ortiz, der seiner Freundin Hernandez gottverschwärmt zu sagen wagen durfte, sie sei zu einer solchen Vollkommenheit gelangt, daß sie eine minderwertige Angelegenheit wie die Keuschheit sei, nicht mehr zu beachten brauche! Die Gottbesessenheit solchen Mittelalters hatte das System des offiziellen Katholizismus ebenfalls durchbrochen, wenn auch auf eine Weise, die dem treuherzigen Bruder Martin zeitlebens fremd blieb. In unendlichen Seelenkämpfen erfuhren jene Asketen die Auflösung der Religion in ihre Urelemente, in Tränen und Trauer, erfuhren sie die Sinnlosigkeit des Daseins, den irren Schrei menschlicher Qual und Vernichtung. In Franz von Assisi, dem reinsten Geiste des Abendlandes, erwuchs aller Spiritualität und wiedergewonnenen Lebensinbrunst ein göttliches Zeichen.

Luthers Protest war der Protest des »gesunden Menschenverstandes«, dieses ach so zweifelhaften philosophischen Arguments. Eine Intelligenzfeindlichkeit prägt sich aus in seinem Verrat der mönchischen Sache. Ich kenne die Regeln des damaligen Augustinerordens nicht; aber der Kirchenvater, auf dessen Namen der Orden getauft ist, war der Herrischsten einer im Dienste der Kirche. Er war kein Befürworter der Gnade. Er hat das System intolerantester Orthodoxie begründet. Die Spitzfindigkeit der persischen Metaphysik, die schwindelnden Fragen nach dem Ursprung des Bösen und dem Wesen der Seele, die er vergebens zu ergründen suchte, gaben ihm, nach Lecky, »einen Sinn für das Dunkel, das uns umgibt, das jeden Teil seiner Lehre färbte«. Als Feind des Zweifels schrak er vor keiner noch so erbitterten Folgerung zurück; »er schien sich zu freuen, die menschlichen Triebe in den Staub zu treten und die Menschen zur unterwürfigen Annahme der empörendsten Grundsätze zu gewöhnen« W. E. Hartpole Lecky, »Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Aufklärung in Europa«, Leipzig – Heidelberg 1868, 2. Bd., S. 16.. Etwas von diesem Geiste muß bei aller Entartung des damaligen Mönchswesens auch im deutschen Augustinerorden weitergelebt haben. Luther aber wich dem Wege strenger Observanz, auf dem die spanischen und italienischen Mönche zu unerhörter Geistigkeit gelangten, aus. Er warf beiseite, was er nicht durchdringen konnte. Er überwand die Kategorie nicht in sich selbst. Die Disziplin stieß ihn ab, weil er ihr nicht gewachsen war Der Pastorensohn Friedrich Nietzsche sympathisierte hierin mit ihm. Im Verhältnis Nietzsches zu Schopenhauers Heiligen- und Asketenlehre wiederholt sich Luthers Verhältnis zum Mönchsideal. »Kritik unerfüllbarer Ideale. Wir müssen es dahin bringen, das Unmögliche, Unnatürliche, gänzlich Phantastische in dem Ideale Gottes, Christi und der christlichen Heiligen mit intellektuellem Ekel (!) zu empfinden. Das Muster soll kein Phantasma sein.« (Werke, Bd. XI.) Oder: »Neuplatonismus und Christentum, die religiosi, die höheren Menschen! Die Reformation verwarf diese Höheren und leugnete die Erfüllung des sittlichen religiösen Ideals. Luther hatte gegen die vita contemplativa viel Bosheit und Widerspruch« (Ebd.). Oder: »Luther, der große Wohltäter. Das Bedeutendste, was Luther gewirkt hat, liegt in dem Mißtrauen, das er gegen die Heiligen und die ganze christliche vita contemplativa geweckt hat« (Werke Bd. IV). – Genügt aber die Unerfüllbarkeit eines Ideals, seine Verwerfung zu rechtfertigen? Das ist die Frage. Die ganze französische Kultur, die der Sublimierung traditioneller Begriffe und Symbole gewidmet ist, verneint diese Frage..

Die Religion hausbackenen Bürgertums, die Religion der »tätigen Beflissenheit«, in der Luther mit profanem Ungestüm sich billigen Ersatz schuf, hatte zur Voraussetzung den Opportunismus; den Billigkeitsstandpunkt seinen natürlichen Bedürfnissen gegenüber. Seine zu Behäbigkeit und zu Genuß geneigte räsonable Einstellung konnte sich einen hämischen Rückblick auf unerreichbare spirituelle Ideale zeitlebens nicht verkneifen. Aber auch eine harmlose Bejahung der Sinne, wie sie der italienischen Renaissance geläufig war, und das gute Gewissen physischen und seelischen Wohlgefühls blieb ihm versagt. Daher das Mißtrauen gegen Hutten, den Mann des offenen Paniers, und das Mißtrauen gegen Erasmus, den ironischen aufgeklärten Humanisten. Daher jene intellektuelle Unsicherheit und die abergläubische Angst, mit der Luther sich an den Bibeltext als den Kompaß in allen Fährnissen und Problemen der Zeit anklammerte. Daher auch die pogromistische Voreingenommenheit gegen das Überhandnehmen des welschen Renaissancegeistes in Deutschland, trotzdem man ihm huldigte Luthers geistige Freunde waren Dürer und Cranach. Beide haben weder mit der frühesten Renaissance die seltsam erhabene Gottesidee, noch mit der späten Renaissance die mondän-zarte Illusion und den dekorativen, im Gestus aufgelösten Sinnenrausch gemeinsam. Luthers Freunde waren hartschlägige Realisten, wenn nicht Zyniker. Das hausbacken Altfränkische war ihnen vertraut und verklärungswürdig: feiste Magistratsherren und spinöse oder sinnig aufgetane Bürgerinnen. Das unterscheidet überhaupt den religiösen vom zynischen Geist: ob er den Menschen in Gott oder Gott in den Menschen auflöst. Der einzig heroische Künstler seiner Zeit war Matthias Grünewald..

Luther wurde der Prophet eines Bürgertums, das sich sein wohlbestalltes Schlaraffentum nicht verkümmern zu lassen gewillt war, und doch in geheuchelter Angst vor Gerichtstag und Abrechnung sich tiefe Verworfenheit und sündige Inferiorität suggerierte. Aller Pharisäismus des Protestanten und eine gewisse banausische Instinktverlogenheit zeigen auf den Mönch von Wittenberg zurück. Der Erfolg seiner zweifelhaften Lehre schuf jene unsichere Begehrlichkeit, deren politischer Ausdruck das heutige offizielle Deutschland ist, jene Unredlichkeit des Gewissens, die keine klaren Prinzipien schätzt; die ein beständiges Schwanken zwischen Moral und Appetit, zwischen Verboten und Erlaubt, zwischen Wahrheit und Heuchelei darstellt; eine Gesinnung, die Wilhelm Raabe vortrefflich, wenn auch mit mehr goldenem Humor, als sie verträgt, in seinem »Hungerpastor« gekennzeichnet hat: »Mit dem Hunger nach der Unendlichkeit wird der Mensch geboren; er spürt ihn früh; aber wenn er in die Jahre des Verstandes kommt, erstickt er ihn meistens leicht und schnell. Es gibt so angenehme und nahrhafte Sachen auf der Erde, es gibt so vieles, was man gerne in den Mund oder in die Tasche schiebt.«

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Vorausgesetzt, daß die Bibel ein Buch ist wie alle andern, das ehrwürdigste Buch, aber ein Buch unter Büchern: haben dann nicht am Ende die Philologen mehr Veranlassung, Luther dankbar zu sein, als jene Geister, denen die Emanzipation am Herzen lag? Ist die Freiheit eines Christenmenschen vielleicht identisch mit der Freiheit, die Bibel lesen und sie nach eigenem Gutdünken sich auslegen zu dürfen? Ist der protestantische Bibelglauben unter Philologen ein religiöses Mißverständnis? Luther als rector magnificentissimus der philologischen Fakultät seines Volkes, und der Protestantismus eine Philologenbewegung – wird man sich entschließen, diesen Vorschlag anzunehmen? Herr Professor Naumann, der eine gute Wetterfahne ist, hat sich bereits entschlossen und spricht nur noch von »Professor Luther«. Die Gelehrtenrepublik sieht in dem Mönch ihren Stifter. Er war der Patriarch aller Schriftgelehrten oder Philologen der Nation In einem Fragment »Wir Philologen« (Werke, Bd. X) wies Nietzsche darauf hin, daß ein Renaissance-Ideal die aktiv gegen die Kirche gerichtete Philologie als der Inbegriff der weltlichen Kenntnisse war. Er glaubte, der Kirche sei es im ganzen gelungen, den aggressiven Philologen in den Gelehrten-Amateur umzuwandeln. Aber der ganze Protestantismus ist aggressive Philologie in diesem Sinne. Nietzsche ist nur der letzte Ausläufer der bereits von Luther mit soviel Ernst repräsentierten weltlichen Poeten-Philologie der Renaissancezeit. .

Luthers Glaube an das Geschriebene war unendlich. Den Papst verwarf er, weil er in der Bibel nicht vorkam. Die Mönche und Nonnen ebendeshalb. Den Kaiser aber, und die Obrigkeit und den Krieg nicht, denn sie standen drin. Kann man sich einen abergläubischeren Text-Fetischismus oder wenn man will, eine liebevollere Hingabe denken? Nie ist ein Buch seit Luthers Zeiten so gelesen worden wie die Bibel. Sie gehörte von nun an dem Volke. In einer Überschwemmung von gottesgelehrten Wortklaubereien, Dissertationen, Kommentaren und Traktaten erhob sich die von mehr als einem Standpunkte aus tief bedauerliche Tatsache, daß die Nation sich von nun an an die Bücher halten wollte, statt an das Leben. Von einer Sensation sagt man in Deutschland: sie macht »Aufsehen«. Da sieht man, wie sie alle ängstlich schwitzend mit den Nasen in den Büchern stecken. Den einfachen Mann überkamen die krausesten Probleme, denen er nur mit Stirnrunzeln und Verbitterung sich unterzog. Und da Luther gleichzeitig die ganze theologische Tradition der Klöster in den Alltag warf, wurde das ganze Volk von unverdaulichem Wust überschwemmt, ein einzig Volk von Gottesgelehrten. »Es wird gelehrt«, »Es wird gelehrt«, beginnen die einzelnen von Melanchthon redigierten Schmalkaldischen Artike Melanchthon redigierte auch die Augsburgische Konfession, dieses Schanddokument deutscher Gewissensversklavung. Mit der Augsburgischen Konfession verzichteten Luther und Melanchthon vor Kaiser und Fürsten feierlich auf die individuelle Gewissensfreiheit, die das ursprüngliche Evangelium Luthers gewesen war. Die Confessio Augustana konstituierte eine neue (protestantische) Kirche, die in ihrem Verhältnis zur weltlichen Macht nur mit der byzantinischen Kirche zu vergleichen ist, sanktionierte im Namen Gottes den Absolutismus und setzte durch Verleihung der höchsten geistlichen Würde an den Landesvater so viele protestantische Päpste ein, als es protestantische Fürsten gab. Die Augsburgische Konfession steht noch heute in Deutschland in voller Kraft. Einer der wichtigsten Programmpunkte einer deutschen republikanischen Partei ist deshalb ihre Beseitigung im Interesse der Gewissensfreiheit.. Und es wurde gelehrt, das ganze Volk, jeder einzelne wurde gelehrt. »Der deutsche Freiheitsbegriff, gleichsam eine Schöpfung der Gelehrsamkeit«, gesteht sogar Rathenau Walter Rathenau, »Von kommenden Dingen«, Berlin 19I7, S. 227.. Wann wird man endlich Reinlichkeit einführen in kategoriellen Dingen? Der Protestantismus ist eine Philologie, keine Religion. Luthers Revolte sagte zum Papst: Wir glauben dir nicht mehr. Wir wollen das Dokument einsehen. Wir glauben nur an das Dokument Entscheidend auf Luthers Stellung zum Papsttum wirkte der Nachweis des Laurentius Valla, daß die konstantinische Schenkungsurkunde an den römischen Bischof auf einer Reihe von Urkundenfälschungen beruhte, die das Papsttum in seine Dekretalien aufgenommen hatte.. Liegt darin aber etwas schöpferisch Neues, eine neue Religion? Dann wäre heute eine neue Religion, vom Papst in Berlin die Dokumente zum Weltkrieg zu fordern und auf der Übersetzung der ausländischen Dokumente zu bestehen, die sich damit beschäftigen. Gibt es noch Protestanten? Wo bleibt die Gewissensfrage? Auch die Bibel ist ein Fetzen Papier, wenn man will. Internationale Verträge sind heute wichtiger geworden als die Bibel. Wenn man solche Verträge zerreißt, kostet es mehr Blut, als zwanzig Herrgötter vergeben können. An die Schuldfrage sollt ihr euch halten. Um die Schriftmoral braucht euch nicht bange zu sein. Ein neues Europa ist die Moral.

Um die Kulturbasis ging in Europa damals der Streit. Dies wieder war eine pädagogische Frage. Arabische, griechische und jüdische Bildungselemente kämpften um den Vorrang. Die italienische und französische Renaissance entschied sich für den Hellenismus und brachte dadurch Europa eine Lichtflut von Aufhellung, Aufklärung. Luther und die Deutschen entschieden sich für die Bibel und damit für die jüdische Tradition. Dies bedeutete unendliches Dunkel, eine Vergiftung mit Theologie für das ganze Volk, schlimmer als sie unter den Päpsten gewesen war, denn nun wurde ausdrücklich jedes einzelne Individuum Theologie. Damit war ein jüdisch-deutscher Geheimbund gegründet, dessen Band die gemeinsame Theologie, dessen Ausdruck der heutige Kriegswucher ist Hier einige Sätze Nietzsches über die Verbindung der jüdischen mit der deutschen Moral: »Dieses gekreuzte Christentum hat im Katholizismus eine Form gefunden, bei der das römische Element zum Übergewicht gekommen ist, und im Protestantismus eine andere, in der das jüdische Element vorherrscht. (Werke, Bd. XI). »Es hat vielleicht in nichts Europa sich so sehr selbst überwunden wie in dieser Aneignung der jüdischen Literatur« (Ebd.). »Daß die Juden das schlechteste Volk der Erde sind, stimmt gut überein, daß gerade unter Juden die christliche Lehre von der gänzlichen Sündhaftigkeit und Verwerflichkeit des Menschen entstanden ist, und daß sie dieselbe von sich stießen« (Ebd.).. Die Reformation soll dem ganzen Erdteil einen neuen Ernst in Religionsfragen auferlegt haben. Sie legte ihm aber nur einen neuen Ernst im Bücherlesen und eine vergröberte Priesterschaft auf.

Was bedeutet uns heute die Bibel? Noch Zimmermann nennt sie die »heiligste Verfassungsurkunde der Menschheit« Im Gegensatz zur Gepflogenheit, sie die »Heilige Schrift« zu nennen, und trotz der radikalen Kritik, die Feuerbach und Bruno Bauer gerade in den 40er Jahren am Alten Testamente übten.. Doch muß man nicht unterscheiden? Das Alte Testament ist despotisch, das Neue republikanisch. Die Erklärung der Menschenrechte durch die Französische Revolution hat uns zu dieser Entdeckung verholfen. Gott offenbart sich nicht mehr. Der Mensch offenbart sich. Naumann, derselbe Naumann, der sich noch 1918 in Deutschland so wohl fühlte, daß er vorschlug, einen »gemeinsamen deutschen Freiheitston« einzuführen In einem Leitartikel des »Stuttgarter Tageblatts«: »Der deutsche Freiheitsglaube«. Auch der nach Regierungsintentionen eingerichtete »Bund für Freiheit und Vaterland« ist wohl sein Werk. Herr Dr. Naumann ist eine Art Impresario für preußische Freiheit geworden., nennt nun die Bibel sogar die »Magna carta der Freiheiten« »Die Freiheit Luthers«, Berlin 1918, S. 21.. Wie ist das möglich? Er leidet an jener Verwirrung von Despotismus und Evangelium, von Altem und Neuem Testament, an dem seit Luther ganz Deutschland erkrankte. Denn man könnte ebensogut den Nachweis erbringen, daß der teuflische Einfall ich weiß nicht welches jüdischen Theologen, das Alte und das Neue Testament buchbinderisch in Zusammenhang zu bringen, dazu führte, aus der Bibel eine Magna carta der Unfreiheiten und Zweideutigkeiten zu machen, die eine tausendjährige Sonnenfinsternis über Europa verhängten. Nicht nur das Alte Testament – auch die Erlösungslehre ist uns fremd geworden. Wenn wir uns nicht selbst erlösen, werden wir zugrunde gehen. Die Gnade ist sinnlos geworden. Denn für die Verbrechen, die wir begangen haben und täglich begehen, kann es keine Gnade geben, ohne daß Gott aufhört zu bestehen. Die rührende Legende aber von einem Genie der Demut und Liebe, das man gekreuzigt hat – wer versteht sie heute noch? Der mehr oder weniger feiste Bürger – glaubt er und will er denn glauben, daß er erlöst werden kann? Wer soll erlösen? Von welchem Übel? Wozu schleppt man die Bibeln herum? Die heutige Reformation handelt von Kriegsschuld und Kriegsursachen Die Schuldfrage, wie sie gleich zu Beginn des Krieges erhoben wurde, hatte erst rein politischen Sinn. Sie richtete sich gegen eine bestimmte Regierungskamarilla. Bald aber erhob sie sich gegen die politischen und moralischen Grundlagen eines ganzen Systems. Ich möchte sie ausdehnen auf die historische Entwicklung der deutschen Nation. Damit würde die Schuldfrage als religiöses Inventar restituiert..

Eine der schlimmsten Ursachen des Weltkrieges war die Reformation des 16. Jahrhunderts. Das Zurückgreifen aber auf das paulinische Christentum war das Allerschlimmste. Paulus, der von der Obrigkeit sagte, ein jeglicher habe ihr »untertan« zu sein »mit Zittern und Beben«; Paulus, der »Journalist Christi«, wie Hatvany ihn nennt; Paulus, der jene jüdische Legende vom erlösenden Genie der Demut als erster durch Theologenbeiwerk übertrieb und veränderte, er scheint auch jenen Versöhnungsfrieden zwischen Altem und Neuem Testament, zwischen einem Richtergott und seinem rebellischen Sohne, eingeführt zu haben, indem er Unversöhnliches vereinte und den rebellischen Christen, vom Schinder gekreuzigt, dem alten Judengott unterwarf. Es würde zu weit führen, hier den Nachweis zu liefern. Man lese aber die Psychologie des Rabbi Paulus nach, die Nietzsche in der »Morgenröte« gegeben hat Der Aphorismus ist überschrieben: »Der erste Christ« und beginnt: »Daß in der Bibel auch die Geschichte einer der ehrgeizigsten und aufdringlichsten Seelen und eines ebenso abergläubischen als verschlagenen Kopfes beschrieben steht, die Geschichte des Apostels Paulus – wer weiß das, einige Gelehrte abgerechnet?«. Von Paulus leitete Luther den jüdischen Defaitismus der Moral ab, »christlich Recht sei nicht, sich sträuben wider Unrecht sondern dahin zu geben Leib und Gut, daß es raube, wer da raube. Leiden, Leiden, Kreuz, Kreuz sei des Christen Recht.«

Und die Lehre vom göttlichen Individuum? Glauben wir noch, daß der einzelne uns zu erlösen vermag? Sind wir nicht im Begriffe, zu brechen mit einem bequemen Geniekult, der alle Kräfte des Volkes aufsaugt und jeden, der kein Genie ist, der eigenen Trägheit überläßt, weil ja der andere, das Genie, es für ihn tut oder getan hat? Die abgöttische Verehrung, die den Verstand der Nation aufzehrt, heiße der Halbgott Wagner, Bismarck oder Hindenburg – ist sie nicht eine Nachwirkung des Erlösergedankens? Jedes einzelne Glied der Gesellschaft muß beurteilen können, worum es sich handelt. Gebrochen muß werden mit jeder Art Erlösungssystem, zeige es sich in der Geheim-Philosophie, der Geheim-Musik, der Geheim-Dichtung oder der Geheim-Diplomatie. Alles das sind Rudimente eines mysteriösen Erlösungsgedankens und Erlöseraberglaubens, der Fiasko gemacht hat, in Deutschland mehr als anderswo Die englische Revolution, die aus dem Kampf der freien schottischen und englischen Kirchen mit der offiziellen anglikanischen Kirche hervorging, hat zuerst in Europa mit dem individuellen Erlösergedanken gebrochen.. Wenn etwas recht geheimnisvoll geschieht, muß es deshalb schon göttlich sein? Erlösen wir uns von den Erlösern!

»Eure Werke taugen nichts«, sagte Luther zu einem versunkenen, mittelalterlich mystischen Volk, und verschrieb sich dem orientalischen Geiste der Bibel. Wo blieb da die »teutsche Nation«, die sonst doch so antisemitisch ist? Wo bleiben die Zionisten, die ihr mosaisch Gesetz reklamieren? Kulturbasis ist heute das Neue Testament seit seinem Beginn, der Bergpredigt; denn es handelt sich um Europa »Überwindung der Religionsmischung, des Asiatischen!« ruft Nietzsche aus. »Europa hat einen Exzeß von orientalischer Moralität in sich wuchern lassen, wie die Juden ihn ausgedacht und ausempfunden haben« (Werke, Bd. X)..

Hierfür lassen sich von Luthers philologischer Tätigkeit folgende Maximen ableiten:

Als deutscher Prophet muß man laut schreien und deutlich reden. Denn das Volk ist schwerhörig. Unendliche Wiederholungen weniger Gedanken verfehlen schließlich ihre Wirkung nicht.

Man muß Übersetzungen herstellen von Büchern, die wichtig sind, und sie dem Volke geben.

Man soll genau und wenig lesen; ein Buch aber, das einem zusagt, wie ein Heiligtum bewahren.

Über ein wichtiges Buch kann nicht genug geschrieben, gepredigt, disputiert und gesprochen werden.

Man soll sich an das erlösende Wort halten und darauf sehen, daß ihm erlösende Taten folgen.

Die Bevormundung ist Büchern gegenüber, die Dokumente sind, abzuschaffen. Die Zentralisation dieser Heiligtümer in den Händen einer lügnerischen Propaganda ist aufzuheben.

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Zu Hause wie im Ausland hat man nie gebührende Aufmerksamkeit der Tatsache geschenkt, daß es einmal eine deutsche Revolution gegeben hat. Die großen Bauernaufstände 1524/25, deren Niedermetzelung ein peinliches Kapitel für die offizielle Geschichtsschreibung im allgemeinen und für die lutheranische im besonderen ist, waren der Ausbruch einer zugleich religiösen und politischen Bewegung, die sich von der Normandie über Jütland, Thüringen, Franken, bis nach Ungarn erstreckte.

In deutschen Schulbüchern wird man wenig darüber finden, und doch waren diese Bauernaufstände eine der mächtigsten und blutigsten Rebellionen gegen Adel und Geistlichkeit, die Europa erlebte Der deutsche Geschichtsunterricht hilft sich über seine politische Charakterlosigkeit damit hinweg, daß er dem Schüler das Tatsachenmaterial, das dem Lehrer schon entstellt und beschnitten übergeben wird, nur statistisch vorträgt. Zur Begeisterung liegt ja auch weder Anlaß noch eine Direktive vor.. Die lutheranische Geschichtsschreibung hatte zwiefachen Grund, über dieses Kapitel weitgeistig wegzugehen. Die Stellung Luthers zu diesen universalen Volksaufständen war eine so despotisch reaktionäre, jeglichem Evangelium, jeglicher Bergpredigt widersprechend, daß das Ansehen des Reformators ernstlich gefährdet erscheinen mußte, wenn die Bedeutung jener Ereignisse in ihr wahres Licht gerückt wurde. Sodann war nicht nur für den Stifter, sondern für den religiösen Wert des Protestantismus selbst zu fürchten, wenn sich ergab, daß jene Zeiten zwar die Freiheit eines Christenmenschen im kirchlichen Sinne gefordert, im politischen sie aber desto brutaler abgelehnt hatten. »Selbst diejenigen Bearbeiter der Einzelpartien«, schreibt der klassische Geschichtsschreiber der Bauernkriege, Zimmermann, »die eine freiere Gesinnung hinzubrachten, behandelten ihren Gegenstand fast zaghaft, ohne das Wesen desselben, die großen Sünden der Herrschenden und das aus tausend Wunden blutende Herz des zur Verzweiflung getriebenen Volkes nackt aufzudecken.«

So verfiel man auf den Kniff, immer nur von der Reformation, nie aber von der Revolution zu sprechen, die jener Zeit ihr Gepräge gab; und auf den weiteren Kniff, Luthers Stellungnahme in den Bauernkriegen, zwar als einen dunklen Punkt in seinem Leben, im ganzen aber als eine untergeordnete Episode darzustellen, während seine ablehnende Haltung 1525 tatsächlich die Revolution zum Scheitern brachte und die von ihm selbst ermutigten politischen Rebellen im Stiche ließ Luthers Verbrennen der Bannbulle war eine politische Gehorsamsverweigerung.. Es kann nicht nachdrücklich genug betont werden, daß damals das ganze deutsche Volk, von Wut und Empörung gegen Pfaffen, Gelehrte und Junker gleicherweise getrieben, nicht nur den Klerus, sondern den Raubbau der Theokratie abzuschütteln gewillt war. Es kann nicht laut genug ausgesprochen werden, daß Luther es war, der verhinderte, daß Deutschland damals an die Spitze der freiheitlichen Zivilisation trat und als Land einer evangelischen Republik der Vorläufer Frankreichs wurde. Ein abergläubischer Mönch ohne Sinn für die tiefere Not seines Volkes, aufbrausend, dogmatisch und ein Despot, als die Zeit von ihm die Konsequenz seiner Lehre verlangte, dieser Mönch hat verhindert, daß Deutschland heute statt eines feudal zentralistischen Militärstaats eine freie Föderation evangelischer Stämme und Städte darstellt, im Sinne der christlichen Korporationsidee.

Die Bauernkriege erstreckten sich über fast ganz Europa. Nicht plötzlich, sondern wohl vorbereitet brachen sie aus. Ihre Geschichtsschreiber haben den furchtbaren Druck und die Ausbeutung aufgezeigt, mit denen das päpstlich-kaiserliche Doppelregime die Bauern nach einer Methode ruinierte, der nur das heutige Doppelregime Hohenzollern-Habsburg etwas gleich Schändliches und Raffiniertes an die Seite zu stellen hat. Astrologen und Propheten hatten den Sturz der weltlichen und geistlichen Obrigkeit in Aussicht gestellt und geweissagt. Die Renaissance gab den Anstoß.

Arnold von Brescia starb den Feuertod am Kreuze, weil er die innere Verwesung der Kirche und die Lehre von der Freiheit und Souveränität des Volkes verkündet hatte. In Frankreich lehrte Abälard: »Man kann nichts glauben, was man nicht zuvor vernünftig begriffen hat und es ist lächerlich, andern zu predigen, was man weder selbst, noch der, dem man predigt, vernünftig begreifen kann.« In England der Franziskanermönch John Ball: »Jetzt oder nie muß etwas geschehen, wir müssen allesamt von dem jungen König Freiheit fordern. Gibt er sie nicht, uns selbst helfen.«

Es war die Zeit, da die flämischen Steuereinnehmer den heranwachsenden Mädchen die Röcke aufhoben, um zu sehen, ob sie nicht mannbar und steuerpflichtig wären. Räuberbanden von Juden und Junkern durchzogen das Land. Eine Schweizer Chronik schreibt: »Die Tyrannei ist so gewaltig, daß auch die Propheten und Prediger zustimmen oder schweigen.« Eine Souveränität des Unsinns und des allmächtigen Elends herrschte. Das Volk war betäubt und ohnmächtig von Weihrauch wie heute vom Pulverdampf.

In Deutschland aber trat ein Genie des Gedankens und der Tat auf, das den Ruhm Luthers verdunkeln wird. Kein Mönch – ein Magister artium versuchte, die Kämpfe seiner Nation aus deren innerstem Wesen im Geiste der Mystik zu leiten. Und so sehr überragte dieser Mann seine furchtsame Zeit, daß er den Himmel zerbrach, Gott, Christentum, Bibel und Theologie neuartig zu deuten verstand und die Helden und Türken brüderlich grüßte: er litt am Geiste und an der Nation.

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Thomas Münzer gehört zu jener Ordnung von Geistern, denen nach einem Wort René Schickeles »ihre mystischen und nationalistischen Antriebe gleich teuer sind in der Hoffnung, daß beide eine höhere und wollüstig zusammengesetzte Einheit des Gefühlslebens, die bunte Schönheit und den verhaltenen Wohlklang des inneren Lebens herbeiführen werden. Zur Tat fühlen sich diese Ideologen mit Schmerzen hingezogen; ohne Erfüllung laufen sie Gefahr, zu zerfallen oder wie Orpheus in Stücke zerrissen zu werden. Die Tat bestätigt sie, denn sie sind von Natur haltlos.« René Schickele, »Lehrmeister wider Willen: Loyola« in »Schreie auf dem Boulevard«.

Thomas Münzer Stolbergensis wurde der Führer der deutschen Bauernrevolution von 1525. Nie hat ein sublimerer, nie ein reinerer Geist eine Revolution geleitet. Lassen wir uns von einer jahrhundertelangen Lutherpropaganda den Blick nicht mehr trüben! An der Spitze der Nation steht derjenige, der ihre besten Kräfte zum Ausdruck bringt. An der Spitze der Nation stand beim ersten Eintreten deutschen Geistes in die Geschichte der Neuzeit ein Mann, der Prophet und Heiliger, Philosoph und Revolutionär in einem war. Eine Franziskusnatur, die sich in die weltlichen Händel warf, als die offiziellen Vertreter des Volkes versagten; nicht eher, dann aber mit unerbittlicher Energie.

Alle großen Katholiken waren Mystiker. Sie säkularisierten die Transzendenz der Kirche, um sie dem Leben zuzuwenden: Pascal und Baader. Was ist Geist? Gewissen, auf die Kultur angewandt. Was ist Kultur? Eintreten für die Ärmsten und Geringsten, als solle aus ihnen das Höchste und aller Himmel sich gebären. Der Geist der Musik und ihre Ordnung, ins Irdische übersetzt: das ist die Aktion solcher Männer. Die gotische Ordnung der Dinge bringt die weltliche ins Wanken, wirft sie um und läßt eine neue Kausalität erstehen, die über die Gegenwart lächelt und ferne Jahrhunderte grüßt. Die gotische Ordnung der Dinge, die ihre Parodie bekämpft in der politischen, und ihre Afterparodie in der polizeilichen. Was sagen Eigenschaften wie Kühnheit, Kindlichkeit und Phantastik aus über solche Geister? Ihre tiefe Symmetrie, das, was Walter von der Vogelweide »die maasze« nennt, sieht sich im Widerspruch mit dem bestehenden Irrwisch; das ist ihr Leiden, ihr Witz, ihre Tragik. Sie treten hervor, und alle Pseudologie ist gerichtet. Franz von Baader und Schopenhauer waren von dieser Art. Ganze Generationen von Dunkelmännern sind nötig, um dem panischen Schreck zu begegnen, der sich des Alltags bemächtigt. Die Tragik liegt nicht im persönlichen Schicksal derer, die das Erlebnis bringen, sondern im plötzlichen Aufleuchten einer Vernunft, die von sich selber am tiefsten erschüttert ist. Die kathedralische Ordnung der Dinge verlangt ans Licht. Pessimismus ist nur ein Wort für den Zwiespalt des Möglichen mit dem Erschauten. Prophet sein heißt um den Grundriß wissen, den kommende Völker zum Dombau vollenden.

Münzer war ein Prophet. Ganz Rußland nahm er voraus und die Aufklärung, die er geheiligt hat vor ihrem Erstehen. Er hatte keinen glücklichen Biographen. Melanchthon, der Freund Luthers, sinistrer Redakteur der Augsburgischen Konfession, der bald zwei, bald sieben, bald neun Sakramente annahm, war nicht geboren, das Leben dieses Mannes zu deuten, in dem sich ein glühender Phantasieschwung paarte mit eiserner Energie, unbändige Freiheitslust mit demütigster Liebe zur leidenden Kreatur. Noch fand sich niemand, der alle Äußerungen, Briefe und Schriften Münzers vorurteilslos gesammelt hat in Archiven und Urkunden seiner Zeit. Gleichwohl ist so viel überliefert, daß wir ein Bild haben seiner Persönlichkeit.

Das Studium der Bibel, mystischer und apokalyptischer Schriften erzog ihn. Er soll keine profanen Bücher gelesen haben mit Ausnahme der Schriften Luthers. Als seinen Lehrer nennt er den calabresischen Abt Joachim, einen Propheten des 12. Jahrhunderts, der da lehrte, »es werde das Zeitalter des Geistes kommen und mit ihm die Liebe, die Freude und die Freiheit. Alle Buchstabengelehrsamkeit werde untergehen und der Geist frei hervortreten aus der Hülle des Buchstabens. Das Evangelium des Buchstabens sei etwas Zeitliches, seine Form etwas Vergängliches, Vorübergehendes; das Evangelium des Geistes sei das ewige Evangelium. Dann werde eine Gemeinschaft von Brüdern auf Erden sein, von Spiritualen, Söhnen des Geistes. Nach ihrem Geiste sei das lebendige Wasser jene Schrift, die nicht mit Tinte und Feder auf Papier geschrieben worden, sondern durch die Kraft des heiligen Geistes in das Buch des menschlichen Herzens. Wenn aber die Erhabenheit der himmlischen Dinge sich offenbare, werde alle irdische Hoheit zuschanden werden.« Siehe Münzer, »Vom getichten Glauben« und Zimmermann, Bd. II, S. 55 f. Einfluß auf Münzers Entwicklung hatte gewiß auch die Libertinagetradition der Dombauhütten. Und seinen Enthusiasmus nährten jene politischen Schwärmer von Zwickau, unter denen Niklas Storch eine besondere Stellung einnahm. Niklas Storch betrachtete die Errichtung des tausendjährigen Reiches als seine ihm vom Himmel gewordene Aufgabe. Er predigte von der nahen Verwüstung der Welt und von einem eintretenden Strafgericht, das alle Unfrommen, Gottlosen austilgen, die Welt mit Blut reinigen und nur die Guten übrig lassen werde Zimmermann, Bd. II, S. 59.. »Es schien fast«, sagte Ranke, »als wollten sie selbst das Werk einer gewaltsamen Umkehr beginnen.«

Münzer verwarf die Gottesgelehrsamkeit. »Was Bibel, Bubel, Babel«, rief er aus, »man muß auf einen Winkel kriechen und mit Gott reden.« Otto Merx, »Thomas Münzer und Heinrich Pfeiffer«, Göttingen 1889, S. 20. Er betonte die unmittelbare Gemeinschaft mit Gott, der sich kundgebe in Erscheinungen, Träumen und Offenbarungen. Kirche und Staat sollten im Reiche der Freien und Heiligen ganz aufgehen und das wahre Priestertum, das des ganzen Menschengeschlechts, anheben.

Er entwirft die Methodik einer noch heute modernen geistigen Disziplin: Aufgabe alles Tuns sei, nach Verzicht auf alle Lüste und Vergnügungen, durch Einsamkeit und Zerknirschung, innige Betrachtung, sich Rechenschaft über den Grund seines Glaubens zu geben. Dem zerquälten und zerfolterten Menschen gibt Gott Zeichen. Wer mit Kühnheit, Ungestüm und Ernst diese Zeichen fordere, dem gebe sie Gott. Die christliche Kirche geht auf Christus, nicht auf Paulus zurück. Man muß auf den inwendigen Christus dringen. Luther habe nur halb reformiert: es muß eine ganz reine Kirche von lauter echten Kindern Gottes gesammelt werden, die mit dem Geiste Gottes begabt und von ihm selbst regiert werden, ein Reich der Heiligen auf Erden. Gottlos sei, nicht durch Leiden Christus ähnlich werden zu wollen. Alles Böse, alles die freie Entfaltung jedes einzelnen Hemmende solle abgetan werden. »Der Sohn Gottes sagte: die Schrift gibt Zeugnis. Diese Schriftgelehrten aber sagen, sie gibt den Glauben.« Jeglicher Mensch, auch ein Heide, ohne alle Bibel, könne den Glauben haben J. K. Seidemann, »Thomas Münzer«, Dresden – Leipzig 1842, S. 60 f. .

Er greift Luthers Rechtfertigungslehre an: Eine tote Glaubenslehre sei dem Evangelium schädlicher als die Lehre der Päpste. »Des Ziels wird weit gefehlt, so man predigt, der Glaube mache rechtfertig und nicht die Werke.« Der Himmel, in den der Mensch versetzt werden soll, sei in diesem Leben noch zu suchen und zu finden. Den heiligen Geist hat jeder Mensch, denn er ist nichts anderes als unsere Vernunft und unser Verstand. Es gibt keine Hölle oder Verdammnis und sündigen kann nur, wer den heiligen Geist, das heißt Vernunft hat. Die Natur wolle, daß man dem Nächsten tun soll, was man sich selbst wolle getan haben. Solches Wollen sei der Glaube Worte Münzers bei Seb. Franck und Melanchthon, in Münzers »Ausgedrückte Entblößung des falschen Glaubens« und Luthers »Warnung vor den neuen Propheten an die Christen zu Antorf«..

Er verwirft die »wollüstige Lehre«, daß Christus für alle Sünden genug getan habe; verwirft den Heiligenkult, die Lehre vom Fegfeuer und die Fürbitte für die Toten. Christus sei nicht Gott, sondern allein ein Prophet und Lehrer. Münzer aß »die Herrgötter«, wie er die Hostien nannte, ungeweiht, und erregte damit sogar Carlstadts Entsetzen, der ihm schrieb: »Ut autem cesses hostiam sustollere, et hortor et obsecro, quod blasphemia est in Christum crucifixum.« Carlstadt an Münzer, 19. Juli 1524, mitgeteilt von Seidemann, S. 128.

Eine Blasphemie gegen den gekreuzigten Christus? Münzer mag gelächelt haben, als er den Brief las. Ihm war Christus »Vorbild des höchsten Leidens, wo der Mensch erkennt, daß er ein Sohn Gottes ist«. Christus sei »der oberste unter den Söhnen Gottes« und »sofern der Mensch in die Empfindlichkeit göttlichen Willens kommt, ist es nimmermehr möglich, daß er wahrhaftig wieder an den Vater, an den Sohn oder heiligen Geist glaube« Herzog, »Enzyklopädie für protestantische Theologie«, X, S. 109.

Mir sind keine tieferen und freieren Sätze über Christentum, Leiden und Gottesglaube bekannt. Diese Sätze Münzers enthalten mehr als eine Philosophie der Qual und Verzweiflung, sie enthalten eine hierarchische Ordnung der Geister nach Maßgabe ihrer Leidensfähigkeit. Sie bedeuten die Überwindung des ganzen Mittelalters und sind der höchsten Spiritualität Europas verwandt. Mit Tolstoi verbindet ihn sein religiöser Anarchismus, mit Mazzini das »dio e popolo«, mit Jules Vallès die Konföderation der Schmerzen, mit Erneste Hello die Heiligenlehre.

Wie stellte sich Luther zu diesen Sätzen seines Zeitgenossen? Sie erschienen ihm als »eitel mutwillige Frevelartikel«, »als ein seltsames Gespenst des Teufels«. An Spalatin schrieb er, Münzer bediene sich »solch ungewöhnlicher und der heiligen Schrift widersprechender Worte und Reden, daß man ihn für einen sinnlosen, betrunkenen Mann halten könne« De Wette, »Luthers Briefe«, Bd. II, S. 379 (3. Aug. 1523)..

Am 13. Juli 1523 sieht Münzer sich genötigt, an den Herzog Johann zu schreiben: »Wollt ihrs haben, ich soll vor denen von Wittenberg verhört werden, so bin ich nicht geständig. Ich will die Römer, Türken, die Heiden dabei haben. Denn ich spreche an, ich tadle die unverständige Christenheit zu Boden. Ich weiß meinen Glauben zu verantworten. Wollt ihr darauf meine Bücher erscheinen lassen, so sehe ichs gern. Wo aber nicht, so will ichs dem Willen Gottes befehlen. Ich will euch getreulich alle meine Bücher zu verlesen geben.« Ähnlich auch an den Grafen Ernst Mansfeld. Siehe C. E. Förstemann, »Neues Urkundenbuch zur evangelischen Kirchenreformation«, 1842, S. 229 ff. Luther hatte in einem Sendschreiben an die Fürsten von Sachsen die Landesherren aufgefordert, daß sie »mit Ernst sollten zu solchem Stürmen und Schwärmen tun, auf daß allein mit dem Wort Gottes in diesen Sachen gehandelt und Ursach des Aufruhrs verhütet werde«. Denn: »Es seien nicht Christen, die über das Wort auch mit Fäusten dran wöllen und nicht vielmehr alles zu leiden bereit sind, wenn sie sich gleich zehn heiliger Geist voll und abervoll rühmten.« »Brief an die Fürsten von Sachsen von dem aufrührerischen Geist.« Warum sollten aber gerade die Bauern leiden und passive Christen sein, warum nicht die Fürsten? Die Leidenslehre hat viel Unheil verschuldet und gutgeheißen. Sie war der Hauptquell jenes moralischen Defaitismus, den seit Luther der Staat an Stelle der Kirche predigte. Das Christentum hat die Mission, Leiden zu beheben, nicht Leiden zu verhängen. Das passive, fatalistische Christentum gehört dem Mittelalter und den despotischen Kirchen- und Staatsformen an, wie das aktive, befreiende Christentum Ideal einer neuen demokratischen Zeit ist. Nur durch Flucht kam Münzer seiner Verhaftung zuvor.

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Und es muß gesprochen werden von den Bauernkriegen selbst. Wenn der revolutionäre Wunsch, das Reich Gottes zu realisieren, nach Friedrich Schlegel, »der elastische Punkt der progressiven Bildung und der Anfang der modernen Geschichte« ist, Enthusiasmus aber »das lichte Chaos von göttlichen Gedanken und Gefühlen« Friedrich Schlegel, »Fragmente«., so steht Thomas Münzer am Beginne einer Entwicklung, die heute keineswegs abgelaufen ist, sondern deren Faden wir verloren haben. Wem sind wir verantwortlich? Einem Willkür-Regiment oder der Menschheit? Einer mörderischen Obrigkeit oder der Verbrüderung, Solidarität, Größe und Würde des Daseins?

Abt Joachims revolutionäre Idee wurde in Thomas Münzer zur revolutionären Tat. Luthers Denunziation der Schwarm- und Sturmgeister war eine Ablehnung des Enthusiasmus. Er gestand ihnen Geist zu, aber er sah keine göttlichen, sondern satanische Kräfte in ihnen.

»Wir kranken daran, nicht von Grund aus krank sein zu können. Wir können zu wenig Leid empfinden.« In diesem Ausspruch eines heutigen Deutschen Oscar Loerke in der »Neuen Rundschau«, Berlin, Dezember 1917. hat man die ganze Ursache der deutschen Barbarei. Denn was ist barbarisch, wenn nicht die Unfähigkeit, leiden und mitleiden zu können? Und was ist satanisch, wenn nicht der Wille, die Qual zu vermehren, statt sie zu beheben? Satanische Kräfte sind dort am Werk, wo die natürlichen Fesseln des Menschen durch äußere Auflegung noch vervielfacht werden. Satanische Kräfte dort, wo die Qual, mit der jeder geboren wird, durch das Dasein verdoppelt wird, statt erleichtert zu werden. Die Pseudologie von Gesetz und von Dogma, Erfindung von Herrschern und Theologen, hat sich geeinigt, satanisch zu nennen, was ihrer Usurpation widerspricht. Das Leben hat keinen andern Sinn als die Freiheit. Die äußere Freiheit ist nur die logische Konsequenz der inneren; beide zusammen aber sind unerläßlich, weil sie allein jene nach Goethe wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit erfüllen, »daß der ganze Mensch aus sich heraustrete ans Licht«. Moral ist Libertinage, gefesselt durch Armut und Mitleid.

In einer finsteren Zeit die Vernunft einsam am Werke zu sehen, gewährt ein tröstliches Schauspiel. Von 1523 an trat Münzer systematisch hervor. Seit 1524 richtete er heftige Angriffe gegen Luther. Den »wittenbergischen Papst«, der seine politische Indulgenz religiös maskierte, hielt er für bei weitem gefährlicher als den römischen. Im Frühjahr 1524 richtete er einen Brief an Melanchthon des Inhalts, Melanchthon und Luther mißverstünden die werdende neue Kirche durch ihren Buchstabendienst Zimmermann, Bd. II, S. 56.: »Ihr zarten Schriftgelehrten, seid nicht unwillig, ich kann es nicht anders machen.« Er erkauft sich von ihrem Hasse die Freiheit, handeln zu dürfen; er spricht von »den großen Hansen, die Gott also lächerlich zum gemalten Männlein gemacht haben«. Sein Stil wird agitatorisch und emotionell. Die hellen Posaunen will er »mit einem neuen Klang füllen«. »Die ganze Welt muß einen großen Stoß aushalten; es wird ein solch Spiel angehen, daß die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die Niedrigen aber erhöhet werden.« Ebd., S. 78. »Man muß gar mächtig Achtung haben auf die neue Bewegung der jetzigen Welt. Die alten Anschläge werden es ganz und gar nicht mehr tun, denn es ist eitel Schaum, wie der Prophet sagt. Der da nun wider den Türken fechten will, der darf nicht fern ziehen, er ist im Lande. Wer aber ein Stein der neuen Kirche sein will, der wage seinen Hals, sonst wird er durch die Bauleute verworfen werden.«

Er beruft sich auf Lukas 19,27: »Nehmet meine Feinde und würget sie vor meinen Augen.« Er verwirft das Christuswort »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist«, und hält sich an das alte Testament: Fürsten gemordet auf Prophetengeheiß, im Namen Gottes verworfen; Haus und Kind derselben erwürgt bis auf den letzten geflüchteten Sprößling.

Gebet dem Volke, was des Volkes ist, das ist die Losung. Denn Christus hat in der Hauptsache gelehrt: alle Menschen sind Kinder eines Vaters, Brüder, unter sich selbst gleich. Von der Rechtmäßigkeit der geistlichen Fürstengewalt stand nichts in der Bibel, von der weltlichen aber auch nicht. »Gott hat die Herren und Fürsten in seinem Grimm der Welt gegeben und er will sie in der Erbitterung wieder wegtun. Darum daß der Mensch zu der Kreatur gefallen ist, ist's über die denn Gott muß fürchten.« »Die Fürsten sind um der Maßen billig gewesen, daß er die Kreatur auch mehr henkerischen Furcht willen. Sie sind nichts anderes denn Henker und Büttel, das ist ihr ganzes Handwerk.« »Wenn nun die Wüteriche (der Bürokratie) wollen vorgeben, ihr sollt euren Fürsten und Herren gehorsam sein, so habt ihr zu antworten: ein Fürst und Landesherr ist über zeitliche Güter gestellt zu regieren und seine Gewalt erstreckt sich auch nicht weiter.« C. E. Förstemann, »Neues Urkundenbuch« und »Neue Mitteilungen historisch-antiquarischer Forschungen«, Bd. XII, 1867.

Das bedeutete auch die Trennung von Staat und Kirche, aber jedenfalls die Unterordnung der Fürsten unter die geistige Macht. An seine Landesfürsten wandte er sich: »Ihr allerteuersten und liebsten Regenten, lernt euer Urteil recht aus dem Munde Gottes und laßt euch von euren heuchlerischen Pfaffen nicht verführen und mit gedichteter Geduld und Güte aufhalten.« Zimmermann, Bd. II, S. 69. An Luther aber folgendermaßen: »Warum heißt du sie durchlauchtige Fürsten? Ist doch ihr Titel nicht ihr, gebührt er doch Christus. Warum heißt du sie Hochgeborene? Ich meinte, du wärest ein Christ; so bist du ein Erzheide.« Thomas Münzer, »Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg«, 1525. »Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Rauberei sind unsere Fürsten und Herren. Nehmen alle Kreaturen zu Eigentum: die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden, muß alles ihr sein. Danach lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen. Es dient aber ihnen nicht. So sie nun alle Menschen verursachen, den armen Ackersmann und Handwerksmann und alles, was da lebt, zu schinden und schaben. So er sich dann vergreift an dem Allergeringsten, So muß er henken.« Münzer in einer Rede vor seinen Landsherren (vgl. Th. C. Strobell »Leben, Schriften und Lehren Thomae Müntzers«, Nürnberg 1795, S. 51 f.). 1524 brach in Süddeutschland der Bauernkrieg aus. Münzer forderte zur Selbsthilfe auf. »Die Gewalt der Fürsten hat ein Ende, sie wird in kurzer Zeit dem gemeinen Volke gegeben werden!« Wie anders klingen diese Worte, als Luthers Lehre von der Christlichkeit der Knechtschaft!

Münzer: »Es wird kein Bedenken oder Spiegelfechten helfen. Die Wahrheit muß hervor. Die Leute sind hungrig, sie müssen und wollen essen.« Zimmermann, Bd. II, S. 82.

Luther: »Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß.« Luther, »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern«, 1525. Luther erklärte in dieser Schrift sogar die Aufhebung der Leibeigenschaft für einen Artikel »stark wider das Evangelium und räuberisch«, weil damit jeder seinen Leib, der eigen worden, seinem Herrn nehme.

Münzer: »Ach Gott, die Bauern sind arme Leute. Sie haben ihr Leben mit der Nahrung zugebracht, auf daß sie den Tyrannen den Hals gefüllt.« Merx, »Thomas Münzer und Heinrich Pfeiffer«, S. 24.

Und Luther, derselbe Luther, von dem seine Scheherazade Ricarda Huch sagt, daß er Poesie sprach, wenn er den Mund auftat Ricarda Huch, »Luthers Glaube«, Briefe an einen Freund. Leipzig 1916, S. 5.: »Cibus, onus et virga asino. Der gemeine Mann muß mit Bürden beladen sein, sonst wird er zu mutwillig.« »Wider die räuberischen und mörderischen Bauern.« Vgl. auch seinen Brief an den Doctor Rühl: »Der weise Mann sagt: Cibus, onus et virga asino, in einen Bauern gehört Haberstroh. Sie hören nicht das Wort und sind unsinnig. So müssen sie die virgam, die Büchse hören. Bitten sollen wir für sie, daß sie gehorchen; so nicht, so gilt's hie nicht viel Erbarmens. Lasse nur die Büchsen unter sie sausen, sie machen's sonst tausendmal ärger.«

Auf eine wiederholte Denunziation hin floh Münzer nach Nürnberg.

Der Nürnberger Magistrat konfiszierte sein Pamphlet »Wider das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg«, in dem Münzer vor dem Jahrhundert und der Menschheit den Kampf aufnahm:

»Noch bist du verblendet und willst doch der Welt Blindenleiter sein? Du hast die Christenheit aus deinem Augustinus mit einem falschen Glauben verwirrt und kannst sie, da die Not angeht, nicht berichtigen. Darum heuchelst du den Fürsten. Du meinst aber, es sei gut geworden, da du einen großen Namen überkommen hast. Du hast gestärkt die Gewalt der gottlosen Bösewichter, auf daß sie auf ihrem alten Wege blieben. Darum wird dirs gehen wie einem gefangenen Fuchs. Das Volk wird frei werden und Gott allein wird Herr darüber sein.« »Schutzrede wider das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg.«

Die Wiedertäufer und Schwärmer wurden seine Konspiratoren und Emissäre. Schon als fünfzehnjähriger Knabe hatte Münzer sich beteiligt an einer Verschwörung gegen den Erzbischof Ernst von Magdeburg. Jetzt gründete er den Altstedter Bund, den Mansfelder Bergarbeiterbund: Zinsverweigerung und Aufstand. Am 15. Juli 1525 berichtet er von »mehr als dreißig Anschlägen und Bündnissen der Auserwählten«. »In allen Ländern will ich das Spiel machen; kurzum, wir müssen ausbaden, wir sind eingesessen. Laßt euch das Herz nicht entsinken, wie es den Tyrannen allen entfallen ist. Es ist das rechte Urteil Gottes, daß sie so ganz jämmerlich verstockt sind; denn Gott will sie mit der Wurzel ausraufen.« »Thomas Münzer mit dem Hammer« nennt er sich.

Im Barfüßerkloster läßt er Geschütze schweren Kalibers gießen.

Eine weiße Fahne führt er ins Feld, darin ein Regenbogen steht.

Nach Luther aber warf man mit Steinen, als er in Orlamünde sich sehen ließ.

In wilden Blutbädern wurden die skorbutmäuligen ausgehungerten Bauern-Proletarier niedergemetzelt. Die Bergpredigt, das Evangelium der Armen, erfuhr eine blutige Abfuhr. »›Omnia sunt communia‹ ist ihr Artikel gewesen«, berichtet Melanchthon Melanchthon, »Die Historie von Thome Müntzer des anfengers der döringischen Uffrur«, 1525.. Auf der Folter gestand Münzer, die Empörung habe er gemacht, »damit die Christenheit solle alle gleich werden«.

1525 blutete das Volk, 1790 in Frankreich die Aristokratie. Wann wird sich Deutschland mit Frankreich verbünden? Siebenundzwanzigjährig starb

THOMAS MVNZER
STOLBERGENSIS PASTOR ALSTEDT
ARCHIFANATICVS PATRONVS ET CAPITANEVS
SEDITIOSORVM RVSTICORVM
DECOLLATVS

Wann wird ihm Deutschland, wann wird ihm Europa ein Denkmal setzen?

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Luthers Tat emanzipierte die Nation von der Bevormundung eines europäischen Dogmas. Aber er übergab damit die Nation ihrer eigenen Verantwortung zu einer Zeit, in der sie dazu, wenn historische Folgen Beweis sein können, noch nicht reif war. Der Eigensinn Luthers, die Bibel selbst auslegen zu wollen, mißglückte erbärmlich. Seine Anmaßung, die europäischen Gewissenskämpfe für sein Volk selbständig zu entscheiden, unter Mißachtung einer hochweisen Tradition und einer illustren Reihe von Kirchenvätern, Konzilien, Päpsten und Philosophen, führte zu einer Begünstigung der gemeinen Gewalt und einem Primat dieser Gewalt über die Idee; führte zu einer ärgeren Knechtschaft, zu einer schlimmeren und verderblicheren Tyrannei, als die der dogmatischen Kirche in ihren intolerantesten Zeiten gewesen war Bakunin in »L'Empire knoutogermanique« (1871), Seite 451 f.: »Pour se convaincre de l'esprit qui charactérise l'Eglise luthérienne en Allemagne, même encore de nos jours, il suffit de lire la formule de la déclaration ou promesse écrite que tout ministre de cette Eglise, dans le royaume de Prusse, doit signer et jurer d'observer avant d'entrer en fonctions. Elle ne surpasse pas, mais certainement elle égale en servilité les obligations qui sont imposé au clergé russe. Chaque ministre de l'Evangile en Prusse prête le sermon d'être pendant toute sa vie un sujet dévoué et soumis de son seigneur et maître non pas le bon Dieu, mais le roi de Prusse; d'observer scrupuleusement et toujours ses saints commandements et de ne jamais perdre de vue les intérêts sacrés de Sa Majesté; d'inculquer ce même respect et cette même obéissance absolue à ses ouailles, et de dénoncer au gouvernement toutes les tendances, toutes les entreprises, tous les actes qui pourraient être contraires, soit à la volonté, soit aux intérêts du gouvernement. Et c'est à de pareils esclaves qu'on confie la direction exclusive des écoles populaires en Prusse! (Das Kultusministerium.) Cette instruction tant vantée n'est donc rien qu'un empoisonnement des masses, une propagation systématique de la doctrine de l'esclavage.«. Luther nahm den Feudalherren die Fesseln ab, die Karl der Große den Sachsenfürsten glücklich auferlegt hatte. Aus der deutschen Reformation wurde ein Rückfall ins Heidentum. Und hier spreche die Meinung eines Franzosen Jules Lemaître in »Enquête sur la Monarchie«, hrsg. v. Charles Maurras, Nouvelle Librairie Nationale, Paris 1909.: »Ohne Zweifel gab es Mißbräuche in der Kirche: die Simonie, den Ablaßverkauf. Das gibt es aber in der Laienregierung auch: Panamaskandale, Ordensschacher. Ein tüchtiger Papst hätte genügt, diese bedauerlichen Inkorrektheiten abzuschaffen. Luther und Calvin, ein Mönch und ein Pfarrer, entsetzliche Menschen, haben mit ihrem Protest nicht gegen die Mißbräuche, sondern gegen die Kirche selbst, die Reformation gebracht, und das bedeutet: die Jesuiten, eine Verschärfung des Dogmas und für lange Zeit eine katholische Intoleranz, die derjenigen der Reformierten nichts nachgab.«

Führte aber Calvin die Reform in den Staat, so spielte Luther der Despotie ein Volk in die Hände, das keineswegs aller Segnungen und Weihen, die die Kirche zu vergeben hatte, bereits teilhaftig geworden war Noch Fichte bekennt: »Jeder kann demnach der Kirche den Gehorsam aufkündigen, sobald er will... Der Vertrag ist aufgehoben; er gibt der Kirche ihren himmlischen Schatz, den er noch nicht angegriffen hat, unversehrt zurück und läßt ihr die Freiheit, alle ihre Zornesschalen in der unsichtbaren Welt über ihn auszuschütten; und sie gibt ihm seine Glaubensfreiheit wieder.« (Deutscher Glaube, S. 27.). Zu spät erriet das übrige Europa, was Luthers Stellungnahme im Kampf zwischen Papst und Kaiser bedeutete. Luther konservierte die Feudalität, indem er geistige Waffen an sie verriet, mit denen sie heute einen der zynischsten Kämpfe führt, die je eine Welt sah. Luther verhinderte ein großes reales Freiheitserlebnis von der Art der englischen und französischen Revolution und trägt so die Schuld, daß es in Deutschland noch heute nicht ein nach außen wirkendes politisches Gewissen gibt. Luthers eigentliche Schöpfung ist »der Gott der Ordnung, der die Obrigkeit eingesetzt hat«; ist die Heiligung des Staates durch die Christlichkeit der Knechtschaft. Damit verlieh er Regenten und Oberfeuerwerkern das gute Gewissen, machte er die Deutschen zum geflissentlich reaktionären Volk, zu Hütern der »sittlichen Weltordnung« aus Gründen der Theokratie, zu Bekämpfern jeglicher Freiheitsregung aus Gründen eines verruchten, scheelsüchtigen »Gottesbefehls«. Res publica wurde Polizeistaat, Aufsichtsstaat, dessen Sendung es ist, vom Nordkap bis Bagdad, von Finnland bis Spanien unter Berufung auf Bibel, Jehova und Jesus zu strafen, zu richten und zu henken. Der moralische Liberalismus, den Luther schuf, wurde zur Farce der Freiheit und eine Ermutigung zum Genuß unter staatlichem Protektorat.

Doch der Staat um des Staates willen besteht nur aus Verderbnis, sei es Verderben oder Verdorbenheit seiner Bürger. Ein vergötterten Mönch hat seine Nation in finsterste Zeiten zurückgeworfen, hat das Streben aller Nationen um ihre Befreiung zur einzigen Demokratie verzögert und niedergerissen; hat den Grundstein einer Immoralität gelegt, die 1914 zur Kriegserklärung Englands und damit zum Weltkrieg führte Auch Nietzsche fand: »Die Reformation entfernte uns vom Altertum: mußte sie das? Sie entdeckte den alten Widerspruch Heidentum-Christentum von neuem« (Werke, Bd. X). Doch er beging den fundamentalen Fehler, sich für das germanische Heidentum, statt für das romanische Christentum zu entscheiden. Er mußte diese Entscheidung teuer bezahlen..

Man legt Luther zur Last, er habe durch einen neuen Ernst in Glaubensdingen die schöne Renaissance zerstört, die dekorative Renaissance verhindert. Aber Ideen lassen sich nicht zerstören, sie kehren zurück; das Wort Renaissance beweist es gerade. Luther hat Dinge verbrochen, die schlimmer sind. Er hat Gott verraten an die Gewalt. Er schuf eine Religion für den Heeresgebrauch. Er hat den Krieg ermutigt um des Krieges willen, aus »Gläubigkeit«. Eine Überlast individuellen »Gewissens«, das keine Ablenkung fand in den Staat, ließ die ganze Nation erkranken an Schwermut und Hypochondrie. Feierlich wurde sie, grillenhaft, launisch und mißvergnügt. Jene »mit sich selbst unzufriedene Selbstzufriedenheit«, von der Bakunin spricht, Kritteln und Nörgeln und geistige Impotenz, wurden das Signum des Deutschen; eine linkische Ärmlichkeit, die ihn unmöglich machte. Goethe bemerkt noch bei Klopstock, daß große Menschen ohne würdigen und breiten Wirkungskreis sich in Seltsamkeiten entladen. »So aber«, fügt Nietzsche hinzu, »verzehrt sich unser ganzes Volk in Seltsamkeiten.«

Der rebellisch gebliebene Geist des übrigen Europa trat in Widerspruch zu den deutschen Institutionen, zu jenem feudalen Ethos des Heerwesens, der Vorrechts-Diplomatie, dem Gewissens-Militarismus.

Wie durch ein Wunder von Sinn erstand Luther ein Richter in seiner eigenen Zeit. Die Ehre der Nation kann gerettet werden, wenn sie sich heute entschließt, jenes Zeitalter umzutaufen auf den Namen der großen Revolution von 1525 und damit den Willen ausdrückt, die Superiorität des religiösen über den profanen Geist, das Recht der Zivil- über die Militärgewalt, des roten über das blaue Blut aufzustellen.

Zimmermann hat die Wirkung beschrieben, die Münzers Name allein auf Luther und auf das trefflich' Organon Lutheri, Melanchthon, ausübte: »Wo sie seinen Namen schreiben, ist ihnen, als ob er herein, als ob er vor sie treten könne, während sie von ihm schreiben. Auf fast allen Zeilen und Reden Beider über Münzer liegt es unverkennbar wie eine Belastung, wie ein Alp, wie ein innerlicher Schauer, ob man's reden oder schreiben dürfe, ohne daß der an die Wand gemalte Geist erscheine.« Etwas von diesem Schauer, von diesem Alp, scheint sich heute in Deutschland wieder zu regen. Die Geister erscheinen, die Toten erwachen. Die Idee meldet sich an wie Bancos Geist: Civitas pauperrimi et sanctissimi hominis.

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