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Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands

Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands - Kapitel 9
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authorClara Zetkin
titleZur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands
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Julius Motteler

Der Darstellung des neuen geschichtlichen Lebens, das in der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter kraftvoll zur Entfaltung kam, sei einiges zum Gedächtnis an Julius Motteler hinzugefügt, der der Begründer dieser Organisation war und mehr als das: das klare Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihres Zieles, ihr unerschütterlicher Wille, ihre allzeit bereite Tatkraft. Julius Motteler gehört zu denen, die in schwerster Zeit Jahr für Jahr, Tag für Tag bis zum letzten Fünkchen ihrer Lebenskraft an das Befreiungsringen des Proletariats den ganzen Reichtum ihres Wesens und Wirkens hingegeben haben, und dieser Reichtum war groß. Was darüber an dieser Stelle gesagt werden kann, das ist nur eine farblose Spiegelung des Lebenswerkes eines vielseitig begabten Menschen, den der reinste hochfliegende Idealismus zum wohlgerüsteten, nie versagenden Kämpfer für den internationalen Sozialismus werden ließ. Ein Blick auf dieses Lebenswerk läßt ein lehrreiches Stück Geschichte der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie Deutschlands erstehen.

Motteler tritt ungefähr gleichzeitig mit August Bebel – und bald mit ihm in treuer Waffenbrüderschaft und aufrichtiger persönlicher Freundschaft verbunden – in der deutschen Arbeiterbewegung der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hervor. Das heißt also zu der Zeit, wo die Proletarier um ihre Emanzipation von der geistig-politischen Vormundschaft des Liberalismus zu ringen begannen und allmählich ihre Lage als Klasse mit eigenen sozialen Interessen und einer eigenen geschichtlichen Mission entdeckten. Der Tuchmacher Julius Motteler, »der Schwab« – Motteler war 1838 in der ehemals Freien Reichsstadt Eßlingen in Württemberg geboren – , und der Drechsler August Bebel, »der Rheinländer«, fanden sich zuerst 1863 in Leipzig in der Bildungsbewegung zusammen. Von da an stehen die beiden bald vereint, einander unterstützend und ergänzend, im Vordertreffen des Kampfes, der im Verband Deutscher Arbeitervereine um die Frage entbrennt: proletarische Klassenziele der Organisationen oder aber bürgerliche Bildungsträumereien.

Dieser Kampf – eine Etappe der Auseinandersetzung zwischen Bourgeoisie und Proletariat – war gleichzeitig für Motteler ein leidenschaftliches, hartnäckiges Ringen um die eigene klare, wissenschaftlich festgegründete Erkenntnis. Er hatte im Elternhaus eine sorgfältige Erziehung genossen, und unersättlicher Wissensdurst hatte ihn von Jugend auf zu ernstem Selbststudium getrieben. Lassalles Ideen regten ihn an, befriedigten ihn jedoch nicht; stark und nachhaltig, für immer überzeugend wirkten dagegen die Grundsätze der I. Internationale auf ihn. Motteler war einer ihrer ersten und besten Vorkämpfer in Deutschland. Das Eindringen in die Gedankenwelt von Marx und Engels veranlaßte ihn, sich damals besonders in die Geschichte der Französischen Revolution zu vertiefen, der umwälzenden Klassenkämpfe, die sich in ihr abspielten. Er gewann dahier volles Verständnis für die Bedeutung der Frauen als aktive revolutionäre Kräfte und begeisterte Sympathie für ihre soziale Gleichberechtigung. Als Propagandist und Organisator unter den Proletarierinnen trat Motteier als einer der frühesten und treuesten Verteidiger der Frauenrechte hervor. Er stand in dieser Beziehung in der Frühzeit der sozialdemokratischen Bewegung ebenbürtig neben Bebel, ja ging ihm nicht selten orientierend und anspornend voraus, wie dieser selbst wiederholt versichert hat.

Die Feste, von der aus Bebel und Motteler – als Dritter im Bunde Wilhelm Liebknecht – ihren Feldzug gegen den Liberalismus führten, war der Arbeiterbildungsverein zu Leipzig, der bei seiner Gründung »Gewerblicher Bildungsverein« getauft worden war. Die Vereinstage des Verbandes Deutscher Arbeitervereine lassen die rastlose Betätigung Mottelers und seine Erfolge erkennen. Als Delegierter, Schriftführer, Berichterstatter usw. auf den Verbandstagungen war er Vertreter, Wortführer der sozialistischen Auffassung. Als Agitator, Propagandist, Organisator wirkte er, um das Proletariat Sachsens und insbesondere die Kohlengräber und Textilarbeiter des Erzgebirges und des Vogtlandes in Bildungsvereinen, Genossenschaften und Gewerkschaften zusammenzufassen, sie politisch und sozial aus dem lähmenden Bann bürgerlicher Weltanschauung zu lösen. Nach dem Vereinstag zu Gera steigerte Motteler im Bunde mit Bebel seine Tätigkeit aufs höchste, um für den Vereinstag zu Nürnberg im Herbst 1868 den Sieg der Grundsätze der Internationale zu sichern, ebenso wie sein Wirken von wesentlicher Bedeutung für das erfolgreiche Zustandekommen des Eisenacher Kongresses ein Jahr später war und damit für die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. So rückhaltlos er deren Programm verfocht, trat er den Lasselleanern doch nicht als starrer Dogmenfanatiker und erbitterter Feind entgegen. Er betrachtete sie – von ihren Führern abgesehen – vor allem als kampfentschlossene Proletarier, mit denen die Eisenacher zu einer Verständigung kommen müßten, um vereint den gemeinsamen Feind zu schlagen. Motteler betätigte sich eifrig, um ein freundnachbarliches Verhältnis zwischen den Eisenacher Gewerksgenossenschaften und den lassalleanischen »Arbeiterschaften« herbeizuführen, denn die Streiks schrien geradezu nach gemeinschaftlicher Aktion der Gewerkschaften. Er nahm hervorragenden Anteil an den Vorbesprechungen mit Führern der Lassalleaner und an der Konferenz von je 9 Vertretern beider Parteien, die den Einigungskongreß zu Gotha 1875 mit vollem Erfolg vorbereiteten.

Julius Motteler zeichnete sich durch ungewöhnliche organisatorische Fähigkeiten aus, und er war gleichzeitig ein glänzender Redner. Er riß seine Zuhörerschaft durch anschauliche Bilder und Vergleiche wie durch das hohe Pathos seiner Rede hin, das nicht erkünstelte Rhetorik war, vielmehr Ausdruck innerer Überzeugung und Leidenschaft; er erfrischte sie durch Witz und Humor und fesselte sie durch die Klarheit und Wucht seiner Gedankengänge, die sich auf Erfahrungstatsachen aufbauten, die jeder Proletarier, jede Proletarierin selbst nachprüfen konnten; er rührte an alle Seiten des Gemütes und Geistes und brachte sie zum Mittönen. Nicht zum wenigsten waren es auch die Frauen, die zu den Versammlungen, zu allen Veranstaltungen strömten, wo Motteler sprechen sollte. Jahre vorher, ehe er daranging, die Fabrik- und Heimarbeiterinnen wie die Kleinmeisterinnen der Textilindustrie in der Internationalen Gewerksgenossenschaft zu organisieren, weckte er in den werktätigen Frauen Persönlichkeits- und Klassenbewußtsein und erfüllte sie mit Begeisterung für ihre Gleichberechtigung und ihre volle Befreiung durch den Sozialismus.

Nicht lange, und die Bourgeoisie quittierte in ihrer Weise über Mottelers Tätigkeit als Erwecker und Führer des Proletariats. Infolge seines energischen Vorstoßes im Wahlkampf zum Norddeutschen Reichstag 1867 verlor er seine Stellung in einem Fabrikkontor zu Crimmitschau. Damit die Textilbarone des Bezirks nicht den Triumph genießen sollten, den verhaßten Feind unschädlich gemacht zu haben, gründeten Freunde zusammen mit Motteler die Spinn- und Webgenossenschaft E. Stehfest & Co. Motteler selbst übernahm die geschäftliche Organisierung und Leitung des Unternehmens. Der Herren Liebesmühe war umsonst, die Genossenschaft niederzukonkurrieren. Sie blühte empor, denn Motteler verfügte über eine vorzügliche kaufmännische und fachtechnische Ausbildung – um sie zu erwerben, hatte er nicht nur in Kontoren gesessen, sondern hatte auch als Arbeiter in Fabriken geschafft – , und sein organisatorisches Talent, sein Scharfblick für die Realitäten des Lebens kamen dem Unternehmen zugute. Das gab Halt und Ermutigung, daß Motteler zusammen mit Stolle 1870 in Crimmitschau eine Druckereigenossenschaft gründete, in der die erste tägliche Lokalzeitung der sozialdemokratischen Partei erschien, der von Carl Hirsch redigierte »Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund«. Der Haß der Bourgeoisie gegen den »Hetzer und Wühler« und sein »Satansnest« stieg und erreichte Siedehitze infolge der unsterblichen Ruhmestat der jungen Partei: ihrer »vaterlandsfeindlichen« Stellungnahme im Deutsch-Französischen Krieg und ihrer Solidarisierung mit der Kommune von Paris. Es versteht sich, daß Motteler im heißesten Getümmel der politischen Schlachten kämpfte, die in Deutschland um diese beiden welthistorischen Ereignisse entbrannten. Der Spinn- und Webgenossenschaft E. Stehfest & Co. wurde der Bankkredit gekündigt, sie mußte ihre Zahlungen einstellen, und Motteler opferte sein ganzes Vermögen, um die Gläubiger zu befriedigen. Arm wie Hiob diente er der Partei mit der gleichen selbstlosen Hingabe und glühenden Begeisterung. Er sei aufopfernd bis zum äußersten, eine der edelst angelegten Naturen, die er kenne, sagte Bebel von dem Freunde, und er erwähnt auch in einem Briefe, daß Motteler wie auch Liebknecht sich zufolge einer vielseitigen, rastlosen Parteitätigkeit in drückendster materieller Not befänden.

1874 erweiterte sich Mottelers Tätigkeitsfeld. Der Wahlkreis Zwickau– Crimmitschau entsandte ihn in den Reichstag und erneuerte 1877 sein Mandat, das der Partei 1878 bei den »Attentatswahlen« verlorenging. Bei der Beratung der Militärvorlage der Regierung vertrat Motteler 1874 im Reichstag die Forderung der Miliz. Als Sprecher der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion begründete er, 1878 die Notwendigkeit durchgreifenden gesetzlichen Schutzes der proletarischen Kinder gegen die kapitalistische Ausbeutung.

Was Motteler für den ersten, schweren Aufbau und Ausbau der sozialdemokratischen Partei, was er für die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung geleistet, würde hinreichen, um seinem Namen die Unvergessenheit zu sichern. Es tritt jedoch zurück hinter seinem illegalen Werk in den Jahren des Sozialistengesetzes. Jeder Möglichkeit öffentlicher Betätigung beraubt, bedurfte die geächtete, zersprengte und gehetzte Partei einer starken, den klassenstaatlichen Gewalten unfaßbaren ideologischen Zusammenschmiedung und der einheitlichen, klaren Orientierung. Verantwortungsreicher und weitertragend noch als in normalen Zeiten war ihre Aufgabe, die gehudelten und gebüttelten proletarischen Massen nicht in Mutlosigkeit, Verzweiflung und Wirrnis versinken zu lassen, sondern im Gegenteil, sie mit höchster Kampfbegier und Kampfentschlossenheit erfüllt, auf das Feld der geschichtlichen Auseinandersetzung mit der Bourgeoisie zu führen. Diese Aufgabe konnte nicht ohne ein Zentralorgan der Partei gelöst werden, das – wie die Dinge lagen – im Auslande erscheinen mußte. Es erfolgte 1879 die Gründung des »Sozialdemokraten« in Zürich, und Motteler wurde mit der Expedition und Geschäftsführung betraut. »Damit hatten wir den richtigen Mann für den richtigen Posten gefunden«, urteilte Bebel. Und so war es.

Als »Roter Feldpostmeister« hat Motteler Wertvollstes, Unvergeßliches geleistet. Dank seiner Geschäftsführung konnte Eduard Bernsteins hervorragende Leistung als Redakteur – Friedrich Engels stand hinter ihm – in Deutschland voll zur Geltung kommen. Der Leserkreis des »Sozialdemokraten« erweiterte sich schnell und stark. Nicht bloß Tausende, bald warteten Zehn tausende deutsche Proletarier ungeduldig auf ihr Blatt. Damit sie nicht vergeblich warteten, mußte ein gewaltiges Stück konspirativer Arbeit geleistet werden. Das Schwierigste war die Sicherung des Transports durch Schmuggel über die Grenze und die Verteilung in Deutschland. Die in Betracht kommende Grenze zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reiche vom Bodensee bis Basel ist nicht lang, sie war dicht mit Zollwächtern besetzt und von einem Spitzelheer umlauert. Spitzel beobachteten bei Tag und Nacht die Druckerei und Mottelers Wohnung.

Wenn eine Nummer des »Sozialdemokraten« herauskam und verschickt wurde, so stand Motteler wie ein Feldherr auf dem Kriegsschauplatz, Nachrichten empfangend, Anweisungen austeilend, alles beobachtend, leitend, kontrollierend. Man lachte manchmal über die Pedanterie des »Onkels«, die durch die Strenge der »Tante« – Mottelers Frau, seine nie versagende Helferin und treueste Mitkämpferin – womöglich noch übergipfelt wurde, aber man fügte sich, denn ihre Notwendigkeit wurde erkannt. Nichts, nicht das geringste durfte bei der Auflieferung der Sendungen bei der Post in Deutschland und beim Austragen auffallen, Verdacht erregen. Die Auflage des »Sozialdemokraten« stieg mit der Zeit so hoch, daß die leitenden Genossen es zweckmäßiger fanden, einen Teil davon in Deutschland selbst geheim drucken zu lassen. Nun galt es, die in der Schweiz hergestellten Matern rasch und sicher nach Deutschland zu bringen, ebenso die Matern von Broschüren und anderer Kampfliteratur. Es war unvermeidlich, daß es bei der revolutionären Expeditionstätigkeit auch »schwarze Tage« gab. Trotz aller Schlauheit und Umsicht fiel die eine oder andere Sendung in die Hände der Behörden oder ging verloren. Wenn eine derartige Trauerbotschaft einlief, setzte Motteler sofort, und wenn es mitten in der Nacht war, alles in Bewegung, um schnellstens Schuld und Versäumnis festzustellen, und suchte Maßnahmen gegen künftiges Mißgeschick zu treffen. Der »Rote Feldpostmeister« schuf ein Meisterwerk konspirativer Arbeit. Seine vielseitigen und starken Fähigkeiten wirkten sich dabei aus: sein organisatorisches Talent, sein feiner Spürsinn für Menschen und Dinge, sein Vertrautsein mit dem Geschäftsleben und nicht am wenigsten seine eiserne Energie, sein nicht ermüdender Tätigkeitsdrang, seine peinliche Gewissenhaftigkeit in der Pflichterfüllung und eine außerordentlich rege und reiche Phantasie. Er war unerschöpflich im Erdenken und Erdichten neuer Listen, um Grenzwächter und Spione »hineinzulegen«. Ein Kranz von Legenden bildete sich um seine Tätigkeit. Motteler hatte für den Schmuggel des »Sozialdemokraten« über die Grenze wie die Versendung in Deutschland einen Stab zuverlässigster, kluger Genossen zusammengebracht, die ebenso kühnen Sinn wie kühlen Kopf hatten. Sein tüchtigster Mitarbeiter für den heiklen Grenzverkehr war der Schuhmacher Joseph Belli, ein politischer Emigrant aus Baden, listenreich und verschlagen wie Odysseus und unerschrocken in jeder Gefahr. Jenseits der Grenze stellten jahrelang Genossen in Baden und namentlich in Offenburg eine Elitetruppe dem Sozialismus ergebener revolutionärer »Transportarbeiter«. In Offenburg lebte in dem unerschütterlich revolutionär gesinnten Karl Geck, in seiner Familie und seinem Freundeskreise die Tradition der Sturmjahre 1848 und 1849 fort. Diese Tradition ward Überzeugungstreue für den internationalen Sozialismus, aktivstes Wirken für ihn, das weder Mühe und Gefahr noch Opfer scheute. Adolf Geck, einer der wenigen Überlebenden aus jener Zeit und der Aufopferndsten einer, könnte ein Heldengedicht darüber schreiben, vermischt mit Seldwyler Idyllen. In den Großstädten und Industriezentren Deutschlands ließen sich Hunderte mit Feuereifer die Verbreitung des Blattes angelegen sein: Alte und Junge, Männer und Frauen, alle angespornt von dem Bewußtsein, der Befreiung der Unterdrückten und Ausgebeuteten zu dienen.

Mottelers erfolgreiche Tätigkeit hatte zur Voraussetzung auch eine enge, lebendige Verbindung sowohl mit Führern wie Genossen aus Reih und Glied der sich geheim organisierenden Sozialdemokratie. Zu diesem Zwecke unterhielt er eine ausgedehnte Korrespondenz, die selbstverständlich ebenfalls auf illegalen Wegen gehen mußte. Sie vermittelte fruchtbare Fühlung und tätiges Zusammenhalten zwischen hüben und drüben. Mottelers Briefverkehr mit der Heimat war auch von sachlichem Wert für die Redaktionsführung des »Sozialdemokraten«. Sie erleichterte ferner den »Zürichern« wie den Genossen in Deutschland die Entlarvung von Spitzeln, Provokateuren und anderen unsauberen Elementen, die sich an die Partei herandrängten, er schützte diese vor wohlmeinenden, aber gefährlichen Narren. Wehe dem »Nichtgentleman«, dem »Zweideutigen, dem Motteler auf der Spur war! Unterstützt durch sein starkes Gedächtnis und eine sorgfältige Dokumentensammlung, sorgte dieser dafür, daß dem Schädling, wenn irgend möglich, das Handwerk gelegt werden konnte.

Der »Sozialdemokrat« war zu einer Kampfmacht des deutschen Proletariats geworden, zu der gefürchtetsten Waffe der Sozialdemokratie. Der Bundesrat der Schweiz fügte sich löblich dem Hochdruck Bismarcks und wies im Herbst 1808 die Mitglieder der Redaktion und Expedition des »Umsturzblattes« aus. Das in Jahren unter Mühen und Gefahren aufgebaute Werk sollte zerschlagen werden. Doch seine revolutionäre Lebenskraft trotzte dem Schlag, sie nährte sich nicht nur von der unerschütterlichen Überzeugungstreue und Opferfreudigkeit der ausgewiesenen Vorkämpfer, nein, auch von dem glühenden Wollen Hunderttausender in Deutschland. Motteler, Bernstein und ihre Schicksalsgenossen gingen nach London und bauten dort fast über Nacht das Unternehmen auf. Frisch, schneidig wie je zuvor störte der »Sozialdemokrat« weiterhin die Verdauungsseligkeit der deutschen Bourgeoisie und die Nachtruhe ihres Heros Bismarck. Die bereits damals trefflich organisierten und in illegaler Arbeit gut bewanderten Hamburger Genossen traten mit stolzer Zuversicht und vollem Erfolg die Nachfolge des kleinen revolutionären Vortrupps in Offenburg an.

An dem ehernen Willen des Proletariats zuschanden geworden, fiel 1890 das Sozialistengesetz. Sein Schöpfer mußte dem jungen Kaiser Platz machen, der, seiner komödiantischen Natur entsprechend, die Rolle des »sozialen Monarchen« probieren wollte. Eine Periode legaler Betätigung hob für die Sozialdemokratie an. Damit war auch die Aufgabe des Zentralorgans im Auslande beendet, das der Partei, dem Proletariat das Banner des revolutionären Sozialismus so tapfer vorangetragen. Hunderte und aber Hunderte Emigranten kehrten nach Deutschland zurück, um sich mit dem Ungestüm lange zurückgestauter Energie in den Kampf zu stürzen. Für den Redakteur des »Sozialdemokraten« und für den »Roten Feldpostmeister« blieben die Grenzen der Heimat noch zehn Jahre verschlossen. Sie waren so gefährliche Hoch- und Staatsverbrecher, daß wieder und wieder gegen sie der Steckbrief erneuert wurde, der sie den schwersten Strafen überliefern sollte.

Zehn weitere Jahre auf des »Exiles dorn'ger Flur«, in einem sozialen Milieu, in dem der revolutionäre Sozialismus den Kampf mit dem erfahrenen, schlauen bürgerlichen Liberalismus um die Seelen der Arbeiter kaum begonnen hatte. Nicht erbittertes Ringen zwischen Proletariat und Bourgeoisie, der »Burgfriede« zwischen ihnen gab den Verhältnissen dort das Gepräge. Eduard Bernstein akklimatisierte sich in der englischen Umwelt so vollkommen, daß sich etliche Zeit nach Engels' Tode der revolutionäre Fahnenträger des »Sozialdemokraten« in einen sanftflötenden Prediger des Reformismus wandelte. Motteler dagegen konnte in England nie heimisch werden. Wohl verfolgte er mit gespannter Aufmerksamkeit und herzlicher Freude das Aufkommen des »neuen Tradeunionismus«, den Zusammenschluß und die Kampftendenzen der ungelernten und bis dahin unorganisierten Arbeiter, die Entwicklung der jungen sozialistischen Parteien. Er stand in persönlichen freundschaftlichen Beziehungen zu ihren Führern, zu denen auch Eleanor Marx gehörte. Jedoch Umstände verschiedener Art verursachten, daß er an dem sich regenden Leben und Drängen in dem Proletariat Großbritanniens keinen aktiven Anteil nahm. Der Beobachtende, »Sympathisierende« wurde nicht zum Handelnden. Zur Haupttätigkeit ward Motteler, was früher Nebenbeschäftigung gewesen: das Suchen und Sammeln von Dokumenten zur Geschichte der klassenbewußten Arbeiterbewegung Deutschlands. So wertvoll diese archivarische Arbeit war, sie bot keine Lebenserfüllung und Lebenserhöhung für den revolutionären Kämpfer, der – auch fern von Deutschland in den Zeiten der Illegalität – doch mit seiner Tätigkeit mitten im dichtesten Kugelregen des Klassenkampfes gestanden hatte und mit allen Fasern seines Wesens daran beteiligt gewesen war.

Erst 1901 wurde der fällige Steckbrief gegen Eduard Bernstein und Julius Motteler nicht wieder erneuert. Als »Revisionist« des Marxismus hatte Bernstein den Ablaßschein verdient, und die Behörden hofften, daß der »Gemauserte« in der Sozialdemokratie als Spaltungsbazillus wirken würde. Um diese Hoffnung zu bemänteln, mußte die Rückkehr des »Roten Feldpostmeisters« mit in Kauf genommen werden. Herbe Enttäuschung ward Mottelers sehnsüchtiger Erwartung, nach mehr als zwanzigjähriger Abwesenheit in der alten Heimat, in Leipzig ein ausfüllendes, befriedigendes Tätigkeitsfeld zu finden. Er fand herzlichste, enthusiastische Aufnahme, er wurde mit Ehren überhäuft, die Genossen hörten achtungsvoll seine Meinung und zogen ihn zur Mitarbeit heran. Allein, das gab ihm nicht die Lebenskraft und Lebensfreude des Bewußtseins, auch in veränderter Form als revolutionärer Sozialist unter revolutionären Sozialisten zu wirken. Der hochfliegende Idealist fand auch nicht, wessen er bedurft hätte, als sich ihm 1903 das parlamentarische Arbeitsgebiet eröffnete. Die Leipziger Proletarier eroberten für ihn in heißem Kampfe in der Stichwahl gegen einen alldeutschen Professor das Reichstagsmandat. Freunde klagten gelegentlich: »Julius hat den Anschluß an die Partei verloren, er versteht die Zeit der Legalität nicht mit ihren neuen Bedingungen und Bedürfnissen.« Dieses Urteil war schief.

Julius Motteler hatte seinen scharfen Wirklichkeitssinn bewahrt, der sich durch Äußeres nicht täuschen ließ. Er begriff ausgezeichnet die veränderte geschichtliche Situation, jedoch gerade deshalb war ihm die Art und Weise unverständlich, wie die Sozialdemokratie und die von ihr geführten Proletariermassen sich mit der Situation auseinandersetzten. Hier wie da blieb ihm die überhandnehmende Abrüstungsstimmung unverständlich, denn trotz der Legalität hörte er den Schrei des Sturmvogels unvermeidlicher schwerer Kämpfe.

In dem Deutschland des sich entfaltenden Imperialismus fand Motteler nicht das große Geschlecht, dessen die nahenden großen Stunden bedurft hätten. Er erblickte nicht mehr die suchenden, tastenden, ringenden Proletarier, die leidenschaftlich danach drängten, sich aus dem Schlepptau des bürgerlichen Liberalismus zu lösen, ihre geschichtliche Wesenheit als Klasse zu erkennen, ihre historische Aufgabe als Klasse zu erfüllen. Er fand nicht mehr die trotzig kühnen, opferbereiten Proletarier aus der Zeit des Sozialistengesetzes, die den Kampf mit allen klassenstaatlichen Gewalten aufnahmen. Er sah ringsum ein Geschlecht, das, beherrscht von den Tendenzen »sanftlebenden Fleisches«, sich auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft heimisch zu fühlen begann, statt ihn zu hassen, ihn kämpfend von Grund aus umzuwälzen und den Sozialismus aufzurichten.

Der Zufall fügte es, daß ich zu einer Versammlung gegen den Revisionismus just nach Leipzig kam, als Motteler nach Berlin in den Reichstag gereist war. Abends kehrte er zurück, offensichtlich in gedrückter, schwerer Stimmung. »Nun?« fragte ich, nachdem die herzliche Begrüßung vorüber war. Julius empfand, was ich damit meinte. Er antwortete mit der ihm eigenen Bestimmtheit: »Clara, ich wittere Konventsluft.« Sprach's und ging in sein Zimmer. Nie werde ich das prophetische Wort vergessen und den Blick der blitzenden, klaren Augen, die in weite Ferne zu schauen schienen. Später begründete Motteler seinen Ausspruch mit den in Berlin erhaltenen Eindrücken. Scharf, schneidend klang es von seinen Lippen: »Starrer, hochnäsiger, beschränkter Bürokratismus statt warmer Menschlichkeit, lebendiger sozialistischer Brüderlichkeit. Parlamentarischer Kretinismus in Reinkultur. Journalistischer Zynismus, der nichts und sich selbst nicht ernst nimmt. Kampfgesten der Routine, aber kein unwiderstehlicher, entschlossener Kampfwille.« Motteler unterzog dann noch den »Revisionismus des guten Ede«, das heißt Eduard Bernsteins, und die »Wassersuppenpolitik der Gewerkschaften« einer beißenden Kritik. Zum Schluß rief er aus: »Die Sozialdemokratie wird revolutionär sein, oder sie wird nicht sein. Eine brave Sozialdemokratie nach dem prayer-book Gebetbuch. von Keir Hardie oder den Toasten der fabianischen Tischgesellschaft in London hat keine Existenzberechtigung. Das Proletariat wird sich die revolutionäre Klassenpartei, und die Führung schaffen, deren es bedarf, um zu siegen!«

Mit der flammenden Begeisterung eines Jünglings erlebte Motteler den Vorstoß der Revolution 1905 in Rußland. Er wertete dieses heldenhafte Unterfangen als die Angelegenheit des gesamten internationalen Proletariats. Es leitete seiner Überzeugung nach eine Periode revolutionärer Erhebungen ein. Der Generalstreik in Finnland und seine Errungenschaften, die revolutionäre Bereitschaft der österreichischen Arbeiterklasse faßte er als Anzeichen dafür auf. Die Diskussion über den politischen Massenstreik auf dem Parteitag der Sozialdemokratie in Jena und der einschlägige Beschluß bestärkten seine Erwartungen, daß die Wahlrechtskämpfe und insbesondere das Ringen um das Wahlrecht in Preußen eine Erweiterung und Zuspitzung des Klassenkampfes bewirken müßten. Dann werde es für die Sache der Revolution heißen: Das deutsche Proletariat in der Welt voran! Die schwächliche Rückwärtserei des Mannheimer Parteitages Der Mannheimer Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands fand vom 23. bis 29. September 1906 statt. empörte Motteler, entmutigte ihn aber keineswegs. »Bebel empfängt Befehle von Legien«, rief er aus. »Wahrlich, die Welt steht auf dem Kopf. Das kann nicht dauern, sie muß wieder auf die Füße kommen!« Schwere körperliche Leiden veranlaßten den fast 69jährigen, die Erneuerung seiner Kandidatur zum Reichstag 1907 abzulehnen. Ende September dieses Jahres verstarb er. So blieb ihm der Schmerz erspart, Zeuge des schmachvollen Verrats der Sozialdemokratie und der II. Internationale bei Ausbruch des imperialistischen Weltkriegs zu sein. Julius Motteler hätte sich nimmer in die Tiefe dieser Schmach reißen lassen. Die deutschen Proletarierinnen dürfen stolz darauf sein, daß an den Anfängen ihrer klassenbewußten organisierten Bewegung Julius Motteler stand, dessen beste Lebenskraft der Dienst für die große Befreierin der Frauen getrunken hat: die Revolution.

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