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Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands

Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands - Kapitel 5
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authorClara Zetkin
titleZur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands
publisherVerlag Roter Stern
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Marx und Engels und die I. Internationale zur industriellen Frauenarbeit und zur Frauenemanzipation

Der Einfluß der I. Internationale ist entscheidend dafür gewesen, daß die sich sammelnde Vorhut des deutschen Proletariats in bezug auf die industrielle Frauenarbeit die Lehren der Klassenlage verstehen lernte; daß sie die greuelbehaftete soziale Neuerscheinung in ihrem Zusammenhang mit den revolutionierten Produktions- und Gesellschaftsverhältnissen erfaßte; daß sie von dem Bestreben, durch die Gesetzgebung das Nichts-als-Hausmütterchen an ein armseliges Heim zu fesseln, dazu überging, gleichberechtigte und gleichverpflichtete Mitkämpferinnen gegen die kapitalistische Ausbeutung der Arbeit und für die von ihr befreiende sozialistische Ordnung zu werben und zu organisieren. Das hat der Rückblick auf den Entwicklungsgang der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wiederholt betont. Als Beweis für diese Feststellung können nicht fein ausgemeißelte Programmpunkte und Prinzipienerklärungen zitiert werden, nötig ist hingegen eine knappe Charakterisierung des geschichtlichen Wesens und des praktischen Wirkens der Internationalen Arbeiterassoziation.

Beides, Wesen wie Wirken der I. Internationale, ist die Fortsetzung des gewaltigen revolutionären Gedankens und Willens, der zu dem Ziele, die soziale Welt zu verändern, das »Kommunistische Manifest« gestaltet hat. Beides ist fruchtbare, schöpferische Lebensäußerung des wissenschaftlichen Sozialismus, der nicht in gelehrten Wälzern eine beschauliche archivarische Existenz führen sollte, vielmehr bestimmt war, aus revolutionärer Theorie zur revolutionären Praxis zu werden, das Proletariat vom Verstehen der Geschichte zum Machen der Geschichte zu führen. Dies Allgemeine gilt auch für das Besondere, für die Einstellung der I. Internationale zur beruflichen Frauenarbeit und damit zur vollen sozialen und menschlichen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, zur Frauenfrage.

Marx und Engels erkannten in der Geschichte aller bisherigen Gesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen, die die Gesellschaftsordnungen formen, erschüttern, zerreißen und umwälzen; sie suchten und fanden die letzten Grundlagen für die historische Rolle der Klassenkämpfe in den ökonomischen Tiefen der Gesellschaften, in ihren Produktionsverhältnissen. Die Schöpfer des wissenschaftlichen Sozialismus versenkten sich in das Studium der gesellschaftlichen Produktion ihrer Zeit und insbesondere in das Studium der damals höchstentwickelten Wirtschaft, des Kapitalismus in Großbritannien. Ihre Forschung begriff in sich die eingehendste, gewissenhafte Untersuchung der industriellen Frauenarbeit und ihres wirtschaftlichen wie sozialen Um und Auf, ihrer Ursachen, Voraussetzungen, Bedingungen und ihrer Auswirkungen. Die Entfaltung der kapitalistischen Produktion ist ein einziger fortlaufender »Rationalisierungsprozeß« der Wirtschaft, zu dessen hervorstechenden Wesenszügen wie die fortschreitende Industrialisierung der bisher von der Frau im Familienhaushalt geleisteten Arbeit so auch die unaufhaltsam steigende Verwendung der Frauen- und Kinderarbeit in der Fabrik gehört. Marx und Engels erlebten nicht nur forschenden Auges und Geistes, sondern auch mitfühlenden Herzens alle Verwüstungen, von denen unter der Fuchtel der kapitalistischen Profitwirtschaft unvermeidlich die geschichtliche Entwicklung begleitet ist, an deren Beginn die schonungslos ausgebeutete Industriearbeiterin steht und an deren Ausgang die frei erblühte und frei wirkende Bürgerin der sozialistischen Gesellschaft lebt und webt.

Man nehme Friedrich Engels' Buch aus dem Jahre 1845 zur Hand: »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«. Es enthält kaum ein Kapitel, in dem nicht die Bedeutung der industriellen Frauenarbeit vermerkt und verderbliche Folgen dieser Frauenarbeit für die in den kapitalistischen Betrieben fronenden Proletarierinnen, ihre Familien wie für ihre gesamte Klasse verzeichnet werden. Es sei davon nur einiges herausgegriffen: Verdrängung von Männern, Auflösung der Familie, moralische Folgen des Zusammendrängens vieler Weiber in Fabriken. Jus primae noctis, Recht der ersten Nacht. spezielle Folgen für die weibliche Konstitution usw. Man lese in Marx' »Kapital« die Ausführungen nach über Frauen- und Kinderarbeit, über den langjährigen hartnäckigen Kampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten um den normalen Arbeitstag, um gesetzlichen Schutz wenigstens für Frauen, Jugendliche und Kinder. In Tatsachen und Zahlen erscheint das harte Geschick der Proletarierinnen, deren ganzes lebendiges Menschentum bei Teilarbeit in nicht enden wollenden Stunden für Hungerlohn zum Anhängsel der toten Maschine wird, zeigt sich die gesteigerte Elendsbürde der sich auflösenden Arbeiterfamilie, der gesamten Klasse.

Jedoch Marx und Engels wären nicht gewesen, die sie sind, wenn sie ausschließlich die den kapitalistischen Profit vermehrenden Seiten der industriellen Frauenarbeit erblickt hätten und in Verbindung damit ihre zerstörenden, arbeiterfeindlichen und zukunftsschädlichen Tendenzen.

Auch bei der Durchleuchtung und Bewertung des Fragenkomplexes, den die Industrialisierung der Frauenarbeit aufrollt, erwiesen sie sich als Meister des dialektischen Geschichtsmaterialismus, der die sozialen Vorgänge und Erscheinungen im Fluß ihrer Entwicklung erfaßt und nicht bloß das Vergehen begreift, das in ihrem Gefolge einherschreitet, sondern auch das Werden, dessen Träger sie sind. In der proletarischen Kreuzesträgerin in der Fabrik entdeckten sie die schwertgegürtete Kämpferin, die den Kapitalismus niederwerfen hilft, die kelleführende Miterbauerin der kommunistischen Gesellschaft, in der volles Menschenrecht auch unantastbares Frauenrecht sein wird. Kurz, diese beiden Großen erkannten die gewaltige und revolutionäre Tragweite der Eingliederung der Frauen in die moderne gesellschaftliche Produktion, und das sowohl für die Überwindung und Zerstörung überkommener, altersgrauer sozialer Lebensformen und Anschauungen als auch für die Herausbildung der Formen und Anschauungen neuen, höheren gesellschaftlichen Seins. In unlösbarer Verknüpfung mit diesem zwieschlächtigen geschichtlichen Entwicklungsprozeß sahen sie das Aufsteigen der Frauen aus der Sklaverei und Verkümmerung langer Zeitläufte zu voller Menschlichkeit. Im »Kapital« lesen wir:

»So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter. Es ist natürlich ebenso albern, die christlich germanische Form der Familie für absolut zu halten als die altrömische Form, oder die altgriechische oder die orientalische, die übrigens untereinander eine geschichtliche Entwicklungsreihe bilden. Ebenso leuchtet ein, daß die Zusammensetzung des kombinierten Arbeitspersonals aus Individuen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Altersstufen, obgleich in ihrer naturwüchsig brutalen, kapitalistischen Form, wo der Arbeiter für den Produktionsprozeß, nicht der Produktionsprozeß für den Arbeiter da ist, Pestquelle des Verderbs und der Sklaverei, unter entsprechenden Verhältnissen umgekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen muß.« Karl Marx, »Das Kapital«, Erster Bd., Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 515/516.

Der erste Band des »Kapitals« erschien 1867, allein, Marx' zukunftsfroher Ausblick auf die revolutionäre Auswirkung der industriellen Frauenarbeit war in Gemeinschaft mit Engels schon zwei Jahrzehnte früher als unumstößliches Ergebnis ihrer Durchforschung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse gewonnen worden. Um die Jahreswende 1847/1848 wurde die entsprechende Auffassung in dem »Kommunistischen Manifest« formuliert. Hier ist sie in den wie aus Erz gegossenen Sätzen niedergelegt, in denen sich dieses mit dem tränentröpfelnden Gejammer über die Zersetzung der bürgerlichen Familie auseinandersetzt wie mit dem moralheuchelnden Entrüstungsgetute über die Abschaffung der Ehe, die Einführung der Weibergemeinschaft und der öffentlichen Kindererziehung als Ziele und Verbrechen der Kommunisten. Diese Sätze seien hier wiedergegeben, denn sie sind kennzeichnend für den Geist, der später die Auffassung und die Betätigung der Internationalen Arbeiterassoziation in der Frage der industriellen Frauenarbeit und der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts gestaltete und leitete.

»Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt ...

Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren ... Alles Ständische und Stehende Verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.« Marx Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. I, S. 26/27.

»Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d. h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber und Kinder verdrängt. Geschlechts- und Altersunterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse. Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente, die je nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen.« Ebenda, S. 30.

»Die Lebensbedingungen der alten Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des Proletariats. Der Proletarier ist eigentumslos; sein Verhältnis zu Weib und Kindern hat nichts mehr gemein mit dem bürgerlichen Familienverhältnis ... Die Gesetze, die Moral, die Religion sind für ihn ebenso viele bürgerliche Vorurteile, hinter denen sich ebenso viele bürgerliche Interessen verstecken.« Ebenda, S. 33.

»Aufhebung der Familie! Selbst die Radikalsten ereifern sich über diese schändliche Absicht der Kommunisten.

Worauf beruht die gegenwärtige, die bürgerliche Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb. Vollständig entwickelt existiert sie nur für die Bourgeoisie; aber sie findet ihre Ergänzung in der erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier und der öffentlichen Prostitution.

Die Familie des Bourgeois fällt natürlich weg mit dem Wegfallen dieser ihrer Ergänzung, und beide verschwinden mit dem Versehwinden des Kapitals. Werft ihr uns vor, daß wir die Ausbeutung der Kinder durch ihre Eltern aufheben wollen? Wir gestehen dieses Verbrechen ein.

Aber, sagt ihr, wir heben die trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen.

Und ist nicht auch eure Erziehung durch die Gesellschaft bestimmt? Durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer ihr erzieht, durch die direktere oder indirektere Einmischung der Gesellschaft, vermittelst der Schule usw.? Die Kommunisten erfinden nicht die Einwirkung der Gesellschaft auf die Erziehung; sie verändern nur ihren Charakter, sie entreißen die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse.

Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden.

Aber ihr Kommunisten wollt die Weibergemeinschaft einführen, schreit uns die ganze Bourgeoisie im Chor entgegen.

Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument. Er hört, daß die Produktionsinstrumente gemeinschaftlich ausgebeutet werden sollen, und kann sich natürlich nichts anderes denken, als daß das Los der Gemeinschaftlichkeit die Weiber gleichfalls treffen wird.

Er ahnt nicht, daß es sich eben darum handelt, die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente aufzuheben.

Übrigens ist nichts lächerlicher als das hochmoralische Entsetzen unsrer Bourgeois über die angebliche offizielle Weibergemeinschaft der Kommunisten. Die Kommunisten brauchen die Weibergemeinschaft nicht einzuführen, sie hat fast immer existiert.

Unsre Bourgeois, nicht zufrieden damit, daß ihnen die Weiber und Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen Prostitution gar nicht zu sprechen, finden ein Hauptvergnügen darin, ihre Ehefrauen wechselseitig zu verführen.

Die bürgerliche Ehe ist in Wirklichkeit die Gemeinschaft der Ehefrauen. Man könnte höchstens den Kommunisten vorwerfen, daß sie an der Stelle einer heuchlerisch versteckten eine offizielle, offenherzige Weibergemeinschaft einführen wollten. Es versteht sich übrigens von selbst, daß mit Aufhebung der jetzigen Produktionsverhältnisse auch die aus ihnen hervorgehende Weibergemeinschaft, d. h. die offizielle und nichtoffizielle Prostitution, verschwindet.« Ebenda, S. 39/40.

Weiter oben wurde gezeigt, daß während der vierziger Revolutionsjahre unter den erwachenden deutschen Proletariern die grundsätzliche Auffassung des »Kommunistischen Manifestes« vom Recht der Frau auf eine arbeitende Existenz, unabhängig vom Mann und von der Familie, vom Recht der Frau zur Mitgestaltung der sozialen Verhältnisse nicht ungehört und unverstanden geblieben war. In den Zeiten der Reaktion hatten diese Grundsätze sowenig ihre Geltung verloren, wie wegweisende Sterne ihre Leuchtkraft einbüßen, wenn dichtes Gewölk ihren Schimmer nicht zu unserem Auge dringen läßt. Das »Kommunistische Manifest« hatte mit Recht behauptet:

»Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind.

Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.« Ebenda; S. 36.

Die Entwicklung der kapitalistischen Produktion schuf international in immer größerem Umfange die tragende tatsächliche Grundlage der geschichtlichen Bewegung, die das Proletariat international als fest zusammengeschmiedete Klasse zum Kampf für den Umsturz der bürgerlichen Ordnung auf den Plan ruft, mit der Industrialisierung der Frauenarbeit die Proletarierinnen in diesen Kampf reißt und die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts als einen wesentlichen Bestandteil der Befreiung aller Ausgebeuteten und Versklavten verwirklicht.

Die Internationale Arbeiterassoziation trat auf das geschichtliche Blachfeld als Ausdruck der Klassenkraft der Arbeiter verschiedener Länder, die nach den Niederlagen der Revolutionszeit wieder zu erstarken und sich zu regen begann. Der äußere Anlaß ist bekannt, der nach Demonstrationsversammlungen und Beratungen am 28. September 1864 zu ihrer Gründung in St. Martin's Hall zu London führte. In den Generalrat, der den lose zusammengefügten internationalen Bund leitete, wurden auch Marx und andere aktive Kommunisten der Sturmjahre gewählt. Die I. Internationale kündete sich damit als Willensvollstreckerin des »Kommunistischen Manifestes« an. Sie war die Verkörperung des Grundsatzes, zu dessen Verwirklichung dieses aufgerufen hatte: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Sie vereinigte die Proletarier aller Länder. Sie übernahm damit als verpflichtendes Erbe den Kampf für die Grundsätze des Kommunismus, die das Manifest klar und scharf formuliert hatte. Ein organischer Teil davon sind unbestreitbar die zitierten Sätze über die revolutionäre Auswirkung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse im allgemeinen und der industriellen Frauenarbeit im besonderen in der radikalen Umformung der Beziehungen von Mann und Weib, von Eltern und Kindern zueinander.

In dem programmatischen Pronunziamento der Internationalen Arbeiterassoziation, in der Inauguraladresse des Generalrats, wie auch in ihren Statuten späht man umsonst nach dem einschlägigen grundsätzlichen Bekenntnis wie überhaupt nach den lapidar geformten Leitsätzen des »Kommunistischen Manifestes«. Durchaus allgemein ist und mag deshalb bei oberflächlichem Durchblättern bescheiden und dürftig dünken, was in dem Generalratsstatut die Gleichberechtigung der Frauen in sich begreift: Gleiche Rechte für »jedermann, der seine Pflicht tut. Keine Pflichten ohne Rechte, keine Rechte ohne Pflichten.« »Karl Marx und die Gewerkschaften«, S. 150.

Sollte die Sache der Frauenemanzipation von den führenden Kommunisten in der I. Internationale verraten worden sein, dagegen ihre tatkräftigsten Verteidiger in den Gegnern des marxistischen Flügels, in den Anarchisten um Bakunin, gefunden haben? Wie kühn tönt es doch aus dem Programm der »Alliance de la Démocratie Socialiste« zu Genf, in deren Vorstand Michail Bakunin saß: »Abschaffung der Ehe als politische, religiöse, juridische und bürgerliche Einrichtung ... Die Alliance will vor allem die definitive und vollständige Abschaffung der Klassen und die politische, wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Individuen beider Geschlechter ... Sie will für alle Kinder beider Geschlechter von ihrer Geburt an auf Lebenszeit die Gleichheit der Mittel der Entwicklung ...« Der Löwe, der hier so gut gebrüllt hat, darf aber mit gutem Gewissen versichern: Liebe Bürger, fürchtet euch nicht! Ich bin kein Löwe, auch keines Löwen Weib. Ich bin der ehrsame Meister Zettel. Denn als Hebel dieses radikalen Umsturzes der Gesellschaft ward die »Abschaffung des Erbrechts« proklamiert, und bis der Generalrat in London die Verfasser des Programmes der »Alliance« höflich auf das »Ausgleiten der Feder« aufmerksam gemacht hatte, war von diesen nicht die »Abschaffung der Klassen«, vielmehr die »Gleichmachung der Klassen« gefordert worden, mit anderen Worten die Harmonie von Kapital und Arbeit. Marx war also im Recht, wenn er dieses Programm für eine »Farce« erklärte. War auch Bakunin selbst ein ehrlicher Revolutionär, so konnte dieses »revolutionäre« Programm doch nur wildgewordene Spießbürger werben. Die Mitläufer Bakunins rekrutierten sich zum größten Teil aus jenen romanischen Sektionen der Internationale, aus denen die fanatischsten Lobgesänge auf das Schalten und Walten der Frau im Käfig der kleinbürgerlichen Familienidylle erschallt waren.

Das berührt aber nicht die Frage: Warum hat Marx darauf verzichtet, ein Programm der I. Internationale zu formulieren, das die Grundsätze des »Kommunistischen Manifestes« aussprach? Denn es liegt auf der Hand, daß er, als sein Lebenswerk Fleisch und Blut zu werden begann, aus wohlüberlegten Erwägungen gehandelt hat und nicht etwa gar aus feiger opportunistischer Überklugheit, nicht durch die Kühnheit der Grundsätze und Ziele erschrecken und abstoßen zu wollen. Nach Marx' Tod hat der Berufenste, hat Friedrich Engels die Gründe dafür dargelegt. In seiner Vorrede zur neuen Auflage des »Kommunistischen Manifestes« von 1890 schrieb er:

»Das Manifest hat einen eignen Lebenslauf gehabt. Im Augenblick seines Erscheinens von der damals noch wenig zahlreichen Vorhut des wissenschaftlichen Sozialismus enthusiastisch begrüßt ... wurde es bald in den Hintergrund gedrängt durch die mit der Niederlage der Pariser Arbeiter im Juni 1848 beginnende Reaktion und schließlich ›von Rechts wegen‹ in Acht und Bann erklärt durch die Verurteilung der Kölner Kommunisten, November 1852. Mit dem Verschwinden der, von der Februarrevolution datierenden, Arbeiterbewegung von der öffentlichen Bühne trat auch das Manifest in den Hintergrund.

Als die europäische Arbeiterklasse sich wieder hinreichend gestärkt hatte zu einem neuen Anlauf gegen die Macht der herrschenden Klassen, entstand die Internationale Arbeiterassoziation. Sie hatte zum Zweck, die gesamte streitbare Arbeiterschaft Europas und Amerikas zu einem großen Heereskörper zu verschmelzen. Sie konnte daher nicht ausgehn von den im Manifest niedergelegten Grundsätzen. Sie mußte ein Programm haben, das den englischen Trade-Unions, den französischen, belgischen, italienischen und spanischen Proudhonisten und den deutschen Lassalleanern die Tür nicht verschloß. Dies Programm – die Erwägungsgründe zu den Statuten der Internationale – wurde von Marx mit einer selbst von Bakunin und den Anarchisten anerkannten Meisterschaft entworfen. Für den schließlichen Sieg der im Manifest aufgestellten Sätze verließ sich Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der Arbeiterklasse, wie sie aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervorgehn mußte. Die Ereignisse und Wechselfälle im Kampf gegen das Kapital, die Niederlagen noch mehr als die Erfolge, konnten nicht umhin, den Kämpfenden die Unzulänglichkeit ihrer bisherigen Allerweltsheilmittel klarzulegen und ihre Köpfe empfänglicher zu machen für eine gründliche Einsicht in die wahren Bedingungen der Arbeiteremanzipation. Und Marx hatte recht. Die Arbeiterklasse von 1874, bei der Auflösung der Internationale, war eine ganz andre, als die von 1864, bei ihrer Gründung, gewesen war. Der Proudhonismus in den romanischen Ländern, der spezifische Lassalleanismus in Deutschland, waren am Aussterben ...« Marx/Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. I, S. 19/20.

Das Schweigen über wesentliche kommunistische Grundsätze in der Inauguraladresse und den Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation bedeutet also keineswegs Abschwörung, Verleugnung von Prinzipien, vielmehr eine der veränderten geschichtlichen Situation und der Erfahrung aus 17 Jahren des Kampfes und der Forschung entsprechende veränderte Strategie zur Durchführung der Prinzipien: Das »Kommunistische Manifest« war am Vorabend der Revolution als ausführliches theoretisches und praktisches Parteiprogramm für eine auserlesene Schar aus der Arbeiterschaft geschrieben, die, »von der Unzulänglichkeit bloßer politischer Umwälzungen überzeugt, eine gründliche Umgestaltung der Gesellschaft forderte« Siehe ebenda. Aus dem Bewegungsprozeß der Gesellschaft leitet das Manifest »die unvermeidlich bevorstehende Auflösung des modernen bürgerlichen Eigentums« Ebenda, S. 18 ab. Von höchster geschichtlicher Warte aus entwickelt es aus den Widersprüchen und Gegensätzen des Kapitalismus die Aufgaben und Losungen, die die Vorhut der Arbeiterklasse zu vertreten hat, um in der auf der Tagesordnung der Geschichte stehenden Revolution den proletarischen Inhalt zu entfesseln und zu größter Entfaltung zu bringen. Das »Kommunistische Manifest« trat von den Grundsätzen des Kommunismus aus an das Proletariat heran, um es zur Aktion seiner Befreiung zu werben und zusammenzufassen. Die I. Internationale nahm dagegen ihren Ausgang von der Aktion der Proletarier, um sie von ihren Tagesnöten durch die Erfahrungen ihres wirtschaftlichen Lebenskampfes und ihres politischen Ringens zum Verständnis der kommunistischen Grundsätze zu führen und ihre Kämpfe dadurch fortschreitend auf eine höhere Stufe zu heben und bis zur sozialen Revolution zu steigern. Wenn man die Kämpfe im Schoße der I. Internationale verfolgt, zum Beispiel die Auseinandersetzungen über die Fragen des Erbrechts, des Gemeineigentums an Grund und Boden, das Ringen zwischen Generalrat und Bakunin, so versteht man, wie berechtigt es war, daß Marx in der Inauguraladresse darauf verzichtete, den endgültigen Inhalt der Bewegung als deren Ausgangspunkt zu nehmen, diese vielmehr durch ihre Aktion selbst zum Bewußtsein ihrer Aufgaben reifen lassen wollte.

In der Folge beruht die große, die entscheidende Bedeutung der I. Internationale für die Anerkennung vollen Frauenrechts im deutschen Proletariat nicht auf formalen Prinzipienerklärungen, vielmehr auf ihrem praktischen Eintreten für diese Rechte. Gewiß, auch die formale Bekundung der vollen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts seitens der Internationalen Arbeiterassoziation liegt vor, und zwar durch die Tat, nicht durch Worte. Eine Frau, Mrs. Harriette Law, war seit Gründung der I. Internationale bis zum Kongreß in Brüssel, 1868, Mitglied des Generalrats. Angesichts der Ziele, der Bedeutung der proletarischen Weltorganisation kann das nur als grundsätzliche Anerkennung der Gleichberechtigung gewürdigt werden. Mrs. Harriette Law war eine sehr angesehene und beliebte Propagandistin religiöser Freidenkerei, wozu in dem bibelfesten England der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts für eine Frau Mut und Charakterstärke gehörten. Nach dem Zeugnis von Marx' Tochter, Eleanor Marx, betätigte sie sich rührig und erfolgreich für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen. Doch weit wichtiger als der Umstand, daß eine Frau im Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation saß, war das tatkräftige Auftreten gegen die ungeschichtliche, rückständige Einstellung in manchen Sektionen zur industriellen Frauenarbeit, gegen die Forderung, diese gesetzlich zu verbieten, war die energische Betätigung, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren, sie – wie auch die nichterwerbenden Proletarierinnen – zu erkenntnis- und willensstarken Kämpferinnen für die Interessen ihrer Klasse zu erheben.

Der Generalrat wandte der Frage der Frauenarbeit von Beginn seiner Tätigkeit an Aufmerksamkeit zu. Zwei Tagungen der Internationalen Arbeiterassoziation beschäftigten sich mit ihr: die Konferenz zu London vom 25. bis 29. September 1865 und der Kongreß zu Genf vom 3. bis 8. September 1866. Die Londoner Zusammenkunft warf helles Licht darauf, wie einschneidend und verschlechternd die Industriearbeit der Frauen die proletarische Klassenlage beeinflußte, aber auch wie ungeklärt die Meinungen darüber in den verschiedenen Sektionen waren. Beides veranlaßte den Generalrat, die Frage wie auch die der Kinderarbeit zu gründlicher Behandlung auf die Tagesordnung des Kongresses zu Genf zu setzen. Hier prallten die Geister hart auf hart gegeneinander. Anarchistelnde Radikale aus dem Schweizer Jura im Bunde mit französischen Proudhonisten sprachen sich gegen die Arbeit der Frau in der Industrie aus. Ganz im Geist und Stil weiland Bürgers Chaumette, als dieser während der Französischen Revolution – also immerhin ein dreiviertel Jahrhundert zuvor – den Pariser Frauen, die stürmisch begehrten, die Republik gegen das heranmarschierende monarchische Europa mit der Waffe zu verteidigen, gütlich zuredete, zu der »frommen Sorge ihres Haushalts, der Wiege ihrer Kinder« sich heimzutrollen, damit »unsere Augen ruhen können auf dem entzückenden Schauspiel unserer durch eure zärtliche Sorge glücklichen Kinder«. Ähnlich begründete Coullery, Vorstand der Sektion in La Chaux-de-Fonds – französische Schweiz – , in der später die Bakunisten vorherrschten, seine Antipathie gegen die Frauenerwerbsarbeit mit rührseligen Deklamationen darüber, daß die Frau »als Priesterin der heiligen Herdflamme« ihren Wirkungskreis im Heim habe. Ein Pariser Delegierter erklärte, was jeder groß- und kleinbürgerliche Philister freudig unterschrieben hätte: »Die Familie ist die Grundlage der Gesellschaft. Der Platz der Frau ist am häuslichen Herd Nicht allein wollen wir nicht, daß sie diesen Platz aufgibt, um in einer politischen Versammlung zu sitzen oder in einem Klub zu quasseln, nein, wir möchten sogar nicht, wenn es möglich wäre, daß sie diesen Platz verläßt, um sich mit irgendeiner industriellen Arbeit zu beschäftigen.« Ein Teil der Pariser Delegierten legte eine Resolution vor, die besagte, daß der Kongreß die Frauenarbeit »in physischer, moralischer und sozialer Beziehung als Prinzip der Entartung verdammt und der Frau ihren Platz in der Familie als Erzieherin der Kinder anweist«.

Der Kongreß ließ sich jedoch durch die rauschende Rhetorik nicht rühren, bestimmte vielmehr die Stellung der Arbeiterassoziation in dieser Frage, indem er auf Vorschlag des Generalrats die Denkschrift der britischen Delegation annahm. Karl Marx hatte die Denkschrift ausgearbeitet und sich darin mit Vorbedacht auf solche Punkte beschränkt, »die unmittelbare Verständigung und Zusammenwirken der Arbeiter erlauben und den Bedürfnissen des Klassenkampfs und der Organisation der Arbeiter zur Klasse unmittelbar Nahrung und Anstoß geben«. Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Briefe, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 215/216. Welche Bedeutung er in dieser Beziehung der Frage der industriellen Frauenarbeit beimaß, zeigt ihre Behandlung in der Denkschrift. Rückständigen Vorurteilen und kurzsichtiger Konkurrenzfurcht werden keinerlei Zugeständnisse gemacht, hingegen bei den Arbeitern eine höhere Einsicht in das vorliegende soziale Problem vorausgesetzt, als sie die radikalen Kleinbürger bekundeten. Taktische Rücksichten auf die internationale Mobilmachung des Proletariats bedeuteten eben bei Marx nun und nimmer Preisgabe kommunistischer Grundsätze. Also nicht Verbot der industriellen Frauenarbeit, sondern Schutz der Arbeiterinnen! Das weibliche Geschlecht, hieß es in der angenommenen Denkschrift, müsse ausgeschlossen werden von »Nachtarbeit irgendwelcher Art und von jeder Arbeit, welche der Zartheit des Geschlechts schädlich sei oder den Körper giftigen oder verderblichen Wirkungen aussetze«. Siehe »Der Vorbote«. Politische und socialökonomische Zeitschrift. Centralorgan der Sektionsgruppe deutscher Sprache der Internationalen Arbeiterassoziation, 1866, Nr. 10, S. 147. Zusammen mit der gewerblichen Frauenarbeit wuchert unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen auf dem Boden der Not der Arbeiterfamilie – gefördert durch die Arbeitsteilung und die Fortschritte der Technik – die Kinderarbeit empor. »Die Tendenz, lediglich Kinder mit scharfen Augen und flinken Fingern an Stelle von erwachsenen, alterfahrenen Arbeitern zu verwenden, zeigt, wie das Schuldogma von der Arbeitsteilung entsprechend dem Grade der Geschicklichkeit von unseren erleuchteten Fabrikanten ausgenutzt wurde«, Andrew Ure, »The Philosophy of Manufactures«, London 1861, S. 23. schrieb Andrew Ure, und so stieg beispielweise in Großbritannien und Irland die Zahl der in der Textilindustrie beschäftigten Kinder unter 10 Jahren von 42 000 Ende der vierziger Jahre auf über 115 000 Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die industrielle Lohnarbeit der Frauen und die Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft hängen aber nicht nur in ihren Ursprungsbedingungen zusammen, sie sind auch in ihren sozialen Folgeerscheinungen aufs engste miteinander verbunden. Durch beide wird unmittelbar und mittelbar die physische und kulturelle Zukunft der Gesellschaft bedroht. Auch angesichts der Kinderarbeit sucht die Denkschrift nicht den Rückweg in die Vergangenheit, besonders stark sind hier vielmehr die aus dem grauen Elend des Tages in die helle Zukunft weisenden Linien gezogen. »Wir betrachten die Tendenz der modernen Industrie, Kinder und junge Personen, von beiden Geschlechtern, zur Mitwirkung an dem Werk der sozialen Produktion herbeizuziehen, als eine progressive, heilsame und rechtmäßige Tendenz, obgleich die Art und Weise, auf welche diese Tendenz unter der Kapitalherrschaft verwirklicht wird, eine abscheuliche ist.« »Karl Marx und Friedrich Engels über die Gewerkschaften«, Berlin 1953, S. 117. Wer die Frauenarbeit bejaht, muß als Sozialist auch eine Lösung der Kindererziehung suchen. Zudem sieht Marx auch in der Kinderarbeit nicht nur die kapitalistische Ausbeutung, sondern zugleich den Ausgangspunkt zu einer sinnvollen menschlichen, das heißt gesellschaftlichen und produktiven Betätigung, die nicht nur zur Erhaltung des einzelnen beiträgt, sondern ihn wie auch die Gesamtheit erzieht und höherhebt. Demgemäß ist der obigen Feststellung ein wahrhaft revolutionäres Erziehungsprogramm angeschlossen, das die produktive Arbeit der Kinder organisch mit ihrer harmonischen körperlichen und geistigen Bildung verknüpft. Die Durchführung einer solchen fortschrittlichen Erziehung würde die Gesellschaft auf eine höhere Stufe heben, die aber nur erreicht werden könne »durch die Verwandlung sozialer Vernunft in politische Gewalt«, das hieß damals »durch allgemeine Gesetze, durchgesetzt durch die Macht des Staates«. »Der Vorbote«, 1866, Nr. 10, S. 150. Dem Einwand, daß durch diese Reform die Sphäre der öffentlichen Macht ausgedehnt und damit die herrschenden Gewalten gestärkt würden, begegnet Marx durch folgende Ausführung: »In der Durchsetzung solcher Gesetze befestigt die Arbeiterklasse nicht die regierende Macht. Im Gegenteil, sie macht jene Macht, die jetzt gegen sie gebraucht wird, sich selbst dienstbar. Sie bewirkt durch einen allgemeinen gesetzgeberischen Akt, was durch eine Unsumme von isolierten individuellen Bestrebungen sich als nutzlose Versuche erweisen würden.« Ebenda. Als Eckstein der Maßnahmen zum Schutze der Arbeiterfamilie stellte die Marxsche Denkschrift die Forderung des Achtstundentages für alle Erwachsenen auf, während Coullery, der Minnesänger der Frau am Kochtopf, sich mit dem zehnstündigen Arbeitstag begnügt hatte. Als Seitenstück und notwendige Ergänzung zu dem geheischten Staatsschutz proklamierte der Kongreß zu Genf die Notwendigkeit stärksten Selbstschutzes der Ausgebeuteten durch gewerkschaftliche Organisation. Er beschloß in der Gewerkschaftsfrage die bereits weiter oben angeführte Denkschrift.

Bei ihrer Agitations-, Propaganda- und Organisierungstätigkeit und der Unterstützung wirtschaftlicher Kämpfe hielt es die I. Internationale mit dem Bibelwort: »Hier ist nicht Mann, nicht Weib«; sie kannte nur Lohnsklaven des Kapitals, nur Ausgebeutete. Ihre Reihen standen allen offen, ohne Unterschied des Geschlechts. 1867, nach dem Kongreß zu Lausanne, traten der Internationalen Arbeiterassoziation die Frauen des Schuhmacherverbandes in England bei; 1869 die Seidenzwirnerinnen von Lyon. Die Umstände, unter denen der Anschluß dieser großen und wichtigen Arbeiterinnengruppe an die I. Internationale erfolgte, lassen erkennen, daß diese sich damals im französischen Proletariat bereits hohes Ansehen und starkes Vertrauen erworben hatte. Kämpfende Arbeiter und Arbeiterinnen schätzten sie als eine stützende, siegsichernde Macht internationaler Solidarität. Am 25. Juni 1869 traten die Seidenzwirnerinnen von Lyon in den Ausstand, um einen Lohn von zwei Franc täglich und eine Herabsetzung der Arbeitszeit um zwei Stunden den Tag zu erzwingen. Ermutigt durch das rasche helfende Eingreifen der Internationalen Arbeiterassoziation bei mehreren Streiks, wandten sie sich an den Generalrat nach London, erklärten ihren Beitritt zur Weltorganisation und übersandten einen Aufruf, der um brüderliche Solidarität ersuchte. Beide Schriftstücke seien hier wiedergegeben:

 

An den Generalrat zu London

Lyon, den 6. Juli 1869

Wir Unterzeichneten, Mitglieder der Kommission für den Streik der Seidenzwirnerinnen zu Lyon, erklären in unserem Namen und im Namen der 8000 Mitglieder, welche der Korporation angehören, die wir vertreten, daß wir uns der Internationalen Assoziation der Arbeiter angeschlossen haben. Um den Bestimmungen des französischen Gesetzes zu genügen, werden die neuen Anhänger keine Organisation oder Assoziation bilden. Sie werden sich darauf beschränken, ihren jährlichen Beitrag en bloc dem Generalrat zu übersenden.

Die Kommission der Seidenzwirnerinnen
Die Präsidentin: Philomene Rozan
Die Vizepräsidentin: Emilie Bonin
Die Delegierten (6 Namen von Frauen)

 

Aufruf an alle Sektionen

Lyon, den 6. Juli 1869

Bürger und Bürgerinnen!

Als Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation wenden sich 8000 Seidenzwirnerinnen, welche seit 12 Tagen in einem schweren Streik stehen, um Beistand an die Prinzipien der Solidarität, die Grundlage unserer Assoziation. (Unterschriften wie oben. C. Z.)

 

Der Aufruf verhallte nicht ergebnislos. Sofortige Unterstützung sandten die Sektionen der I. Internationale in Rouen, Paris, Marseille, Genf und London sowie der Generalrat. Dank der Internationalen Arbeiterassoziation ertrotzten die Arbeiterinnen durch einen Streik von mehr als vier Wochen die Herabsetzung der Arbeitszeit von 12 auf 10 Stunden täglich ohne Verkürzung des Lohnes. Der Generalrat berichtete darüber an den Kongreß zu Basel im September 1869:

»Kurz nach dem Ricamarie-Massaker ward der Tanz der ökonomischen Revolten zu Lyon eröffnet durch die Seidenhaspler, meist weiblichen Geschlechts. In ihrer Not appellierten sie an die Internationale, die namentlich durch ihre Mitglieder in Frankreich und der Schweiz zum Sieg verhalf. Trotz aller Einschüchterungsversuche der Polizei erklärten sie öffentlich ihren Anschluß an unsere Gesellschaft und traten ihr formell bei durch Zahlung der statutenmäßigen Beiträge an den Generalrat. Zu Lyon wie vorher zu Rouen spielten die Arbeiterinnen eine hochherzige und hervorragende Rolle.

Andre Geschäftszweige von Lyon folgten den Seidenhasplern auf dem Fuß nach. So gewann unsere Gesellschaft in wenigen Wochen mehr als 10 000 neue Anhänger in dieser heroischen Bevölkerung, welche vor mehr als 30 Jahren das Losungswort des modernen Proletariats auf ihr Banner schrieb: ›vivre en travaillant ou mourir en combattant‹ (arbeitend leben oder kämpfend sterben).« »Karl Marx und Friedrich Engels über die Gewerkschaften«, S. 167.

Das in dem Berichte gerühmte Verhalten der Proletarierinnen in Lyon und Rouen war kein Strohfeuer, das sich an der Wahrung eigener Interessen entzündete und mit ihr erlosch. Es kündete Klassenbewußtsein und Klassensolidarität, Gefühle und Erkenntnisse, die die Frauen als Ausgebeutete und Rechtlose über die Grenzen des Berufes und der Heimat hinaus mit Ausgebeuteten und Kämpfenden verbanden. Die I. Internationale verstand es, Klassenbewußtsein und Klassensolidarität ihrer weiblichen Mitglieder wachzuhalten, zu klären, aktiv zu machen. Sie erwies sich als ihre Erzieherin und nicht bloß als ihre Erweckerin und Helferin; indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen in die Tageskämpfe ihrer Klassengenossen hineinzog, bereitete sie sie auf größere Auseinandersetzungen zwischen Proletariat und Bourgeoisie vor, gab früher indifferenten Frauen politische, revolutionäre Reife.

Als im Frühjahr 1870 die Arbeiterschaft aus Le Creusot, dem Reiche des »Kanonenkönigs« Schneider, in einem Streik den Kampf wider ungeheuerliche Auswucherung aufnahm, versicherten die Arbeiterinnen von Lyon den Proletarierinnen von Le Creusot ihre Solidarität in einer Adresse, die in der »Marseillaise« vom 13. April des Jahres erschien. In ihr wurde unter anderem gesagt: »Bürgerinnen! Eure feste und energische Haltung gegenüber den übermütigen Herausforderungen der Feudalherrschaft des Tages wird von den Arbeitern aller Länder lebhaft gewürdigt, und wir fühlen uns gedrängt, Euch zu beglückwünschen ... In Erwartung des Triumphes der Arbeitersache drücken wir Euch schwesterlich die Hände und rufen Euch zu: Mut! Hoffnung!« Der Aufruf ist von 15 Frauen namentlich unterzeichnet, an ihrer Spitze Virginie Barbet. Die Sektion Rouen der Internationale stellte in ihrem Aufruf zur Beihilfe für die Streikenden fest: »Den Weibern, welche mit ihren Männern das Recht, von der Arbeit zu leben, verlangen, schickt man Reiterschwadronen entgegen.« Es versteht sich, daß das Gefühl der Verbundenheit mit den kämpfenden Schwestern und Brüdern sich nicht nur durch Aufrufe, sondern auch in tatkräftigem materiellem Beistand bekundete. Besonders bemerkenswert ist ein »Manifest der Lyoner Frauen, die der Internationale angehören«. Es forderte die jungen Leute der Militärklasse 1870 auf, den Heeresdienst zu verweigern, und war von Virginie Barbet unterzeichnet, »Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation«. In einer Versammlung, die am 16. Januar 1870 zu Lyon im Saal Valentino des Arbeiterviertels La Croix Rousse stattfand, gelangte das »Manifest« zur Annahme, und es sollte allen Sektionen und Komitees der Internationale mitgeteilt werden.

Tatsachen wie die angeführten meldeten gleich Wetterleuchten in der schwülen Atmosphäre des Bonapartismus vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges das Nahen des revolutionären Gewitters, das sich in der Pariser Kommune furchtbar-prächtig entlud. Zum ersten Male riß in einem Lande das Proletariat mit kühnem Sinn und starker Faust die Staatsmacht an sich. Dem gewaltigen Ereignis fehlte nicht der typische Wesenszug jeder elementaren Revolution: die Beteiligung breiter Frauenmassen – vom 18. März 1871 an, als die Frauen des Montmartre sich über die Kanonen der Nationalgarde warfen und mit ihren Leibern deren Abtransport nach Versailles verhinderten, bis zu den letzten Kampfepisoden der »blutigen Maiwoche«, da die Mitrailleusen der dank deutscher Gnade in Paris eingedrungenen Truppen der Bourgeoisie an der Mauer des Pére Lachaise die Aufständischen wie Gras dahinmähten. Die Pariser Proletarierinnen und Kleinbürgerinnen erwiesen sich auf der Höhe revolutionärer Pflichterfüllung bei der Hilfeleistung für Verwundete auf den Kampfstätten, beim Postenstehen, beim Bau und der Verteidigung von Barrikaden – die Barrikade auf der Place Pigalle wurde bis zuletzt von Frauen mit Todesverachtung gehalten – mit der Waffe in der Hand, Aug in Auge mit den Feinden. Ein englischer Zeitungsberichterstatter schrieb bewundernd und entsetzt: »Wenn die Franzosen aus lauter Weibern beständen, welch furchtbares Volk wäre das!« Nicht geringer war die Seelengröße, mit der die gefangenen Kämpferinnen die Beschimpfungen und Quälereien der Soldateska und ihrer vertierten Offiziere, der Frauen und Dirnen der Bourgeoisie ertrugen – 800 Frauen, die den Blutorgien der Versailler Truppen bei der Einnahme der Stadt entgangen waren, wurden in ein Gefängnis gepfercht, zusammen mit öffentlichen Dirnen als Spitzelinnen, dem Wundfieber, Hunger und Durst ausgeliefert – , die Seelengröße, mit der sie sich an die Mauer stellten, vor den berüchtigten Kriegsgerichten das Recht des Proletariats, der Revolution verfochten und sich in die Gefängnisse und unter die »trockene Guillotine«, das heißt zur Zwangsarbeit in die Fieberhöllen der Teufelsinsel und Neukaledoniens, schicken ließen. Ein Name ist für immer zum Ausdruck, zum Synonym der unerschrockenen, aufopfernden Heldenhaftigkeit der Pariser Kommunekämpferinnen geworden: Louise Michel.

Mit ihrem Blut haben diese Tapferen ihre Magna Charta, die Urkunde ihrer politischen Reife, ihres Anrechts auf volle soziale Gleichstellung mit dem Manne geschrieben. Die Nutznießer der bürgerlichen Ordnung und ihre Soldschreiber haben sie als »Petroleusen« So bezeichnet, weil sie zur Verteidigung gegen die Versailler Truppen mit Petroleum entzündete Feuer verwendeten. begeifert. Sei's drum!. Auch sie gehören zu den Unvergeßlichen, Unsterblichen, die nach Marx' Wort »sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse«. Karl Marx, »Der Bürgerkrieg in Frankreich«, Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 104. Gewiß, vielerlei Quellen ideeller Einflüsse haben sich seit den Tagen des Bastillesturms, der Februarrevolution und der Junierhebung zu dem mächtigen Strom revolutionärer Überzeugungstreue, Begeisterung und Entschlossenheit vereinigt, der die Kommunekämpferinnen aus dem Dunkel ihrer Pariser Vorstadtheime in das helle Licht der Geschichte, in den Glanz unvergänglichen Ruhmes trug. Der revolutionäre Ideengehalt der Internationalen Arbeiterassoziation steht dabei wahrlich nicht an letzter Stelle. Er war stärker, weiterreichend als die Zahl ihrer Sektionen und Mitglieder in Frankreich, und er wurde durch den Anschauungsunterricht der Praxis auch den proletarischen Frauen vermittelt. Wie führende »Internationale« in der Kommune saßen, für sie stritten und starben, in das Exil gingen, so hat diese auch Anhängerinnen und Kämpferinnen unter den ungezählten, ungenannten Proletarierinnen gefunden, die von den Idealen der Internationalen Arbeiterassoziation ergriffen waren. Marx hat den Frauen wie den Männern der Pariser Kommune ein unzerstörbares Denkmal gesetzt, als er in dem lichtvollen Manifest des Generalrats, das später unter dem Titel »Der Bürgerkrieg in Frankreich« erschien, die theoretischen und praktischen Schlußfolgerungen des glorreichen Machtringens für das internationale Proletariat zog, für die Frauen wie für die Männer.

Die Feuerfunken der I. Internationale zündeten wie in Frankreich so in allen Ländern, wo der Kapitalismus das soziale Erdreich für die revolutionäre Ideensaat umpflügte. Die ideologische Auswirkung der proletarischen Weltorganisation übertraf bei weitem ihre materielle Macht. Allenthalben verrieten Verfolgungen, daß die Herrschenden und Ausbeutenden vor ihr zitterten; die Ausgebeuteten und Unterdrückten wandten ihr hoffnungsfreudig und vertrauensvoll das Antlitz zu und begannen sich unter ihren Losungen zu zählen. Die Revolutionierung des Proletariats durch die Internationale Arbeiterassoziation vollzog sich in Deutschland unter anderen Formen als in Frankreich, dem verschiedenen historischen Boden in beiden Ländern entsprechend. In Frankreich galt es, ein Proletariat zu erobern, das bereits in mehr als einer Revolution als Klasse aufgetreten war und mit der Bourgeoisie gekämpft hatte. In Deutschland dagegen mußte das Proletariat sich noch als Klasse »entdecken«, um sich als Klasse zu sammeln und als Klasse zu handeln. Die flüchtig umrissene Entwicklung der Arbeiterbildungsvereine hat hervorgehoben, von welch ausschlaggebender Bedeutung die I. Internationale für diesen Klärungsprozeß gewesen ist. In ihrem Zeichen vollzog sich die reinliche Scheidung der Arbeiter Deutschlands von der liberalen Bourgeoisie.

Infolge der allgemeinen geschichtlichen Bedingungen ist in Deutschland auch der erste organisierte klassenmäßige Aufmarsch von Proletarierinnen unter anderen Formen erfolgt als in Frankreich. Es verlautet nichts von Arbeiterinnenstreiks, die mit der moralischen und materiellen Unterstützung der Internationale geführt wurden; nichts von dem öffentlichen Anschluß von Proletarierinnen an diese, der Polizei und dem Gesetze zum Trotz; nichts von Manifesten weiblicher Mitglieder der Weltorganisation an die Rekruten. Der Einfluß der Internationalen Arbeiterassoziation setzt sich durch in Diskussionen und Beschlüssen über die Frage der industriellen Frauenarbeit, über die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Er triumphiert als Umwertung sozialer Werte, in der Überwindung bemooster Vorurteile, in der Aufrichtung neuer Ideale für das Sein, die Betätigung der Frauen. Zum Kampf gegen fressende Übel, die unter der Kapitalsherrschaft die revolutionierende Industriearbeit der Frauen begleiten, treibt er das Proletariat auf neuen Wegen vorwärts, die zu neuen, zu den höchsten Zielen führen.

Die umwälzende Auswirkung der I. Internationale auf die Einstellung des deutschen Proletariats zur Befreiung und Gleichberechtigung der Frauen fand ihren ersten unzweideutigen, greifbaren Ausdruck in organisatorischer Form, in der Gründung der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter. Sie gelangte politisch zum Ausdruck in August Bebels Buch: »Die Frau und der Sozialismus«, das 1879 erschien, und zwar des Sozialistengesetzes wegen in der Schweiz. Die theoretischen Schwächen und wissenschaftlichen Mängel dieses Werkes schrumpfen zu nichts zusammen, verglichen mit seiner großen historischen Bedeutung. Die starke Wirkung des Buches fließt aus der mit tiefer innerer Überzeugung vorgetragenen revolutionären Einstellung zu der Frauenfrage, die auf der Grundlage der Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus als geschichtlich-sozialer Prozeß behandelt wird. Diese Grundlage sichert dem Drechsler und Autodidakten Bebel einen Standpunkt, der hoch über dem Horizont professoralen Gelehrtentums liegt und der einen weiten und freien Ausblick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglicht. Gleich vom Ausgangspunkt an wird die Trennungslinie zwischen bürgerlicher und revolutionärer proletarischer Auffassung gezogen:

»Es wird nach diesen Ausführungen schon jetzt klar, daß, wenn es sich in dieser Schrift um nichts weiter handeln sollte, als die Notwendigkeit der vollen Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne auf sozialem und politischem Gebiete auf dem Boden der heutigen Gesellschaft darzutun, ich besser täte, diese Arbeit zu unterlassen, weil sie nur Stückwerk bliebe und eine wirkliche Lösung der Frage nicht herbeiführen könnte. Eine volle und ganze Lösung der Frauenfrage – worunter ich verstehe, daß die Frau dem Manne gegenüber nicht nur von Gesetzes wegen gleichsteht, sondern auch ökonomisch frei und unabhängig von ihm und in geistiger Ausbildung ihm möglichst ebenbürtig sei – ist unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen ebenso unmöglich wie die Lösung der Arbeiterfrage.« August Bebel, »Die Frau und der Sozialismus«, Zürich-Hottingen 1879, S. ¾.

Als Endziel wird diese Stellung der Frau in einer sozialistischen Gesellschaft proklamiert:

»... sie (die Erziehung der Frau. Die Red.) ist in nichts außer in dem, was ihre organische Verschiedenheit von dem Manne begründet, von der des Mannes unterschieden. Alle Vorteile und alle Einrichtungen der neuen Gesellschaft kommen ihr wie dem Mann zustatten. Die neugeschaffene Organisation aller geistigen und materiellen Produktion gestattet auch ihr, ohne irgendeine andere Einschränkung als die Rücksicht auf ihre persönlichen Fähigkeiten oder Kräfte, die volle Betätigung. Sie ergreift, was ihr am besten zusagt, und ihre Leistung ist gleichwertig jener des Mannes. Sie ist vollkommen unabhängig, keinem Schein von Herrschaft und Ausbeutung mehr unterworfen, sie steht dem Manne gegenüber als – freie Gleiche ... Die Frau ist also tatsächlich frei. Sie ist ökonomisch und gesellschaftlich so unabhängig wie der Mann; sie verfügt über sich selbst ...« Ebenda, S. 154 und 157.

Unzweideutig, predigt das Buch die Erkenntnis: »Nur allein durch die gänzliche Umgestaltung der Gesellschaft und ihren Aufbau auf sozialistischer Grundlage ist die wirkliche und ganze Befreiung der Frau möglich, einen zweiten Weg gibt es nicht.« Ebenda, S. 160. Diese Erkenntnis verleitet Bebel nicht zu der irrigen Schlußfolgerung, die Forderung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf den Zukunftsstaat zu vertagen, so angenehm eine solche Ausflucht auch manchen kurzsichtigen Opportunisten in den Reihen der Sozialdemokratie gewesen wäre. Bebel hatte zum Beispiel schon 1875 auf dem Einigungskongreß zu Gotha als Programmforderung das Wahlrecht für Frauen und Männer aufgestellt. Der erste Führer des klassenbewußten deutschen Proletariats proklamierte den Kampf für die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts als Sache des Proletariats und eine Aufgabe der Gegenwart. Er verpflichtete nicht nur die männlichen Proletarier zu diesem Kampf, er rief auch die Frauen auf, in den organisierten Reihen der Arbeiterklasse im Ringen um den Sozialismus zugleich um ihre eigene Emanzipation zu kämpfen. »Auch an die Frau tritt die Aufforderung heran, in diesem Kampfe nicht zurückzubleiben, wo für ihre eigene Befreiung und Erlösung mitgekämpft wird. An ihr ist es zu beweisen, daß sie ebenfalls ihre wahre Stellung in der Bewegung und in den Kämpfen der Gegenwart für eine bessere Zukunft begriffen hat und daß sie entschlossen ist, daran teilzunehmen.« Ebenda, S. 179.

Die wegweisenden Ideen des Buches sind mit einer unbarmherzigen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft verbunden, namentlich mit einer Kritik »des Schmutzes der Seele zu zweien«, der in der bürgerlichen Eigentumsehe angehäuft ist. Die blumigen Phrasenschleier und die konventionellen Lügen, die ihn verhüllen, werden gründlich zerfetzt. Die Wirkung der Kritik wie des Nachweises der sozialistischen Zukunft als »der Geschichte ehernes Muß« war außerordentlich und wurde durch die Atmosphäre des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokraten gesteigert. Wie Dynamit härtestes Urgestein sprengt, also legten die Gedankengänge der Schrift älteste Vorurteile in Trümmer, die den Frauen den Weg zum Kampffeld des Proletariats versperrten und damit zu ihrer vollen Befreiung. Sie weckten das Selbstbewußtsein, den Tätigkeitsdrang, das Gerechtigkeitsverlangen, das Klassenbewußtsein der niedergetretenen, eingeschüchterten Frauen. So wurde Bebel, wurde sein Buch zum bedeutsamen Bahnbrecher der revolutionär gerichteten proletarischen Frauenbewegung Deutschlands und aller Länder, in denen sich die unterdrückten und ausgesogenen Frauen um das Banner des Sozialismus scharten, und auch die bürgerliche Frauenbewegung schuldet ihm dauernden Dank. Wichtiger als diese geschichtliche, andauernde Auswirkung ist für die vorliegende Betrachtung der Gesichtspunkt, daß die 1879 erschienene Schrift auch der Abschluß einer Klärungsepoche der Arbeiterbewegung ist, der theoretische Ausdruck der Erkenntnis und Reife des klassenbewußten Proletariats im allgemeinen und die ideologische Krönung der Anfänge der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands im besonderen. Aus der Praxis dieser Anfänge wird auf den folgenden Seiten ein Ausschnitt gegeben.

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