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Zum wilden Mann

Wilhelm Raabe: Zum wilden Mann - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleZum wilden Mann
authorWilhelm Raabe
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-002000-X
titleZum wilden Mann
pages1-105
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1873
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Wilhelm Raabe

Zum wilden Mann

Erzählung


Erstes Kapitel

Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen über das Wetter, und es war wirklich ein Wetter, über das jedermann seine Bemerkungen laut werden lassen durfte, ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden. Es war ein dem Anscheine nach dem Menschen außergewöhnlich unfreundlicher Tag gegen das Ende des Oktober, der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht überging. Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger Wolkenbruch niedergegangen, und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil bekommen, wenn auch nicht ganz so arg als Volk, Vieh, Wald, Fels, Berg und Tal weiter oben. Sie waren unter den Vorbergen nordwärts vollkommen zufrieden mit dem, was sie erhalten hatten, und hätten gern auf alles Weitere verzichtet, allein das Weitere und übrige kam, und sie hatten es hinzunehmen, wie es kam. Ihre Anmerkungen durften sie freilich darüber machen; niemand hinderte sie.

Es regnete stoßweise in die nahende Dunkelheit hinein, und stoßweise durchgellte ein scharfer, beißender Nordwind, ein geborener Isländer oder gar Spitzbergener, aus der norddeutschen Tiefebene her die Lüfte, die Schlöte und die Ohren und ärgerte sich sehr an dem Gebirge, das er, wie es schien, ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Süden gefunden hatte. Er war aber mit der Nase daraufgestoßen oder vielleicht auch daraufgestoßen worden und heulte gleich einem bösen Buben, der gleichfalls mit dem erwähnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht und hingewiesen wurde. Ohne alle Umschreibung: der Herbstabend kam früh, war dunkel und recht stürmisch; – wer noch auf der Landstraße oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich befand, beeilte sich, das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen; und wir, das heißt der Erzähler und die Freunde, welche er aus dem deutschen Bund in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich hinübergenommen hat – wir beeilen uns ebenfalls, unter das schützende Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen.

Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht, als man für möglich hielt; so auch diesmal.

Es ist recht sehr Nacht geworden. Wieder und wieder fegt der Regen in Strömen von rechts nach links über die mit kahlen Obstbäumen eingefaßte Straße. Wir halten, kurz atmend, die Hand über die Augen, uns nach einem Lichtschein in irgendeiner Richtung vor uns umsehend. Es müssen da langgestreckte, in ihrer Länge kaum zu berechnende Dörfer vor uns, dem Gebirge zu, liegen, und der geringste Lampenschimmer südwärts würde uns die tröstende Versicherung geben, daß wir uns einem dieser Dörfer näherten. Vergeblich!

Pferdehufe, Rädergeroll, Menschentritte hinter uns? Wer weiß?

Wir eilen weiter, und plötzlich haben wir das, was wir so sehnlich herbeiwünschen, zu unserer Linken dicht am Pfade. Da ist das Licht, welches durch eine Menschenhand angezündet wurde. Eine plötzliche Wendung des Weges um dunkles Gebüsch bringt es uns überraschend schnell vor die Augen, und wir stehen vor der Apotheke ›Zum wilden Mann‹.

Ein zweistöckiges, dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer Vortreppe liegt zur Seite der Straße vor uns, ringsum rauschende, triefende Bäume – gegenüber zur Rechten der Straße ein anderes Haus – weiter hin, durch schwächeren Lichterschein sich kennzeichnend, wieder andere Menschenwohnungen: der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die Berge sich hinziehenden Dorfgasse. Das Dorf besteht übrigens nur aus dieser einen Gasse; sie genügt aber dem, der sie zu durchwandern hat, vollkommen; und wer sie durchwanderte, steht gewöhnlich am Ausgange mehrere Augenblicke still, sieht sich um und vor allen Dingen zurück und äußert seine Meinung in einer je nach dem Charakter, Alter und Geschlecht verschiedenen Weise. Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch aber erst erreichen, sind wir noch nicht hierzu verpflichtet. Wir suchen einfach, wie gesagt, vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die sechs Stufen der Vortreppe hinauf; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm von links, der Leser, gleichfalls mit aufgespanntem Schirm, von rechts. Schon hat der Erzähler die Tür hastig geöffnet und zieht sich den atemlosen Leser nach, und schon hat der Wind dem Erzähler den Türgriff wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Tür zugeschlagen, daß das ganze Haus widerhallt: wir sind darin, in dem Hause sowohl wie in der Geschichte vom wilden Mann! – – Daß wir uns in einer Apotheke befinden, merken wir auf der Stelle auch am Geruche.

Die erleuchteten zwei Fenster, welche wir von der durchweichten, regen- und sturmwindgeschlagenen Landstraße aus erblickten, waren die der Offizin, und die Lampe an der Decke darin warf ihr Licht durch die breiten Schiebfenster auch auf die Hausflur. In der pharmazeutischen Werkstätte herrschte außer dem bekannten Duft die gleichfalls wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken. Die weißen mit blauen Buchstaben und hin und wieder mit schwarzen Totenköpfen und den beiden Armknochen bezeichneten Büchsen und Gläser in den Fächern an den Wänden, die blanken Mörser und grünschwarzen Steinreibeschalen, die Waagschalen und alle übrigen Gerätschaften sahen ordentlich angenehm und anlockend aus. Wäre die schreckliche Bank, auf welcher die meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und Beklemmung saßen und warteten, nicht gewesen, das Werkzeug und Geräte der hohen Kunst hätte jedermann das höchste Vertrauen einflößen müssen.

Aber die böse Bank! Der abgeriebene schlimme Stuhl! – Wir saßen eben schon darauf – vielleicht wohl am hellen, frostklaren Winternachmittag oder noch viel schlimmer in der stillen, warmen, der entsetzlichen, wenngleich noch so schönen Sommernacht; wir trauen den Büchsen und Gläsern, den Flaschen, Waagschalen und Reibeschalen wenig, wir erinnern uns nur, wie wir damals dem ruhiggemessenen, geheimnisvollen Wirken des Mannes hinter dem Arbeitstische wild und dumm zusahen.

In der Offizin befand sich augenblicklich niemand; aber es fiel noch ein Lichtschein aus einem anstoßenden Zimmerchen, dessen Tür halb geöffnet stand. Und mit dem Scheine drang ein anderer Duft ein, der die apothekarische Atmosphäre einer auffälligen Veränderung und Entmischung unterwarf; herba nicotiana gehört freilich ebenfalls zu den offizinellen Gewächsen. Wir folgen diesem Geruch und treten in das Nebengemach.

Das Ding in dem engen Raume ließ sich ganz gemütlich an. Aus der einen Ecke versendete ein eiserner Ofen eine behagliche Wärme, in der anderen war gegen einen mächtigen gepolsterten Lehnstuhl, der leer stand und von dem später noch die Rede sein wird, ein runder Tisch gezogen, an welchem auf gleichfalls gepolsterten, hochlehnigen Stühlen sich die jedesmaligen Gäste, mit der Pfeife im Munde und ein offizinelles oder nicht offizinelles warmes oder kaltes Getränk vor sich, den Aufenthalt sicherlich recht bequem und behaglich machen konnten. Gegenwärtig jedoch hatte nur der Herr des Hauses, der Besitzer der Apotheke ›Zum wilden Mann‹, allein auf seinem Stuhle Posto gefaßt, und ob er an diesem stürmischen Abend wirklich noch jemand zum Besuch erwartete, und ob wirklich jemand der Erwartung entsprach, können wir augenblicklich noch nicht angeben. Wir sind mit der Schilderung unserer Bühne noch nicht zustande und fahren vorerst darin fort.

Das Kabinettchen hinter der Offizin war mit einer gelblichgrauen, grauschwarz geblümten Tapete, soweit sich das überblicken ließ, ausgeklebt. Auf der Fensterbank stand neben einigen Blumentöpfen ein Käfig mit einem schlafenden Zeisig, der jedesmal, wenn ein Baumzweig im Garten, vom Winde gepackt und geschleudert, schärfer an der Glasscheibe herkratzte, oder wenn ein Regenstoß heftiger an der Scheibe trommelte, fester und behaglicher im Gefühle seiner Sicherheit sich in eine Federkugel zusammenzog.

Eine Eckschenke mit allerlei Tassen, bunten Töpfen und Gläsern und auf ihr eine ausgestopfte Wildkatze in einem Glaskasten dürften in der Inventaraufnahme nicht zu vergessen sein. Ein vordem recht blumiger, aber nunmehr längst verblaßter und abgetretener Teppich bedeckte den Boden; von der Decke hing eine künstlich geflochtene Graskrone, ein Staub- und Fliegenfänger herab; und wenn wir nun noch den Bildern an den Wänden einige Worte gewidmet haben werden, so hindert uns weiter nichts, fürderzugehen und interessanter zu werden.

Die Bilder an den Wänden freilich waren schon an sich interessant. Ihre Anzahl allein mußte jeden eintretenden Betrachter höchlichst in Erstaunen setzen und für eine geraume Zeit in ein mundoffenes Umherstarren an allen vier Wänden, nach allen vier Himmelsgegenden. Hatte er sich von seiner Überraschung erholt, so konnte er anfangen zu zählen oder die Zahl wenigstens annähernd zu schätzen. Beides war aber schwer, denn die Bilder und Bildchen unter Glas und Rahmen bedeckten in kaum zu berechnender Menge die Wände von oben bis unten, das heißt so weit nach unten, als es nur irgend möglich war. Alle Arten und Formate in Kupferstich, Stahlstich, Lithographie und Holzschnitt, alle Gegenstände und Situationen im Himmel und in der Hölle, auf Erden, im Wasser, im Feuer und in der Luft, schwarz oder koloriert.

Viele Rambergsche und Chodowieckische Kunstschöpfungen, unzählige Szenen aus dem Leben Friedrichs des Zweiten und Napoleons des Ersten, die drei alliierten Monarchen in drei verschiedenen Auffassungen auf dem Leipziger Schlachtfelde, die am Palmbaum hängende Riesenschlange, an welcher der bekannte Neger hinaufklettert, um ihr die Haut abzuziehen, Szenen aus dem Korsar, »ein Gedicht von Lord Byron«, Modebilder, ein Porträt von Washington, ein Porträt der Königin Mathilde von Dänemark und des Grafen Struensee und, verloren unter all der bunten, kuriosen Nichtsnutzigkeit, zwischen zwei Straßenszenen aus dem Jahre 1848, ein echter alter Dürerscher Kupferstich: Melancholia!

Wir beendigen die Katalogisierung. Dreißig Jahre hatte der während dieser dreißig Jahre fest an seine Offizin gebundene Apotheker Philipp Kristeller gebraucht, um seine Bildergalerie zusammenzubringen; es war ihm also gar nicht zu verdenken, wenn er auf seine Galerie hielt, auf seine Kunstliebhaberei und seinen Geschmack sich etwas zugute tat. Sein Hinterstübchen war wohlgeziert, und er hatte außerdem noch einiges andere, worauf er sich etwas zugute tun durfte.

Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Mann am Tische. Er mochte ein Alter zwischen den fünfziger und sechziger Jahren erreicht haben, war von Leibesbeschaffenheit mehr hager als dick, von Farbe mehr gelb und grau als rot und braun und von Statur mittlerer Größe. Er trug einen grauen Schlafrock, niedergetretene, dunkelrote Pantoffel und auf dem silbergrauen, schlichten Haar eine dunkelgrüne Hauskappe mit abgegriffener Goldstickerei, einen Kranz von Eicheln und Eichenblättern darstellend. Er rauchte aus einer langen Pfeife, auf deren Kopf ein Maikäfer gemalt war, und stützte nachdenklich die Stirn mit der Hand, den Blick auf den großen, leeren, bequemen Lehnstuhl ihm gegenüber gerichtet.

Zum ersten Male blickte er empor, als die Tür, welche aus dem Hinterzimmer nicht in die Offizin, sondern auf die Hausflur führte, leise geöffnet wurde und ein alter Frauenzimmerkopf sich hineinschob:

»Aber Bruder, welch ein Wetter!«

»Freilich ein bewegtes Wetter, liebe Schwester.«

Ob die alte Dame die Antwort noch vernommen hatte, muß zweifelhaft bleiben, denn sie hatte die Tür ebenso rasch und leise, wie sie dieselbe geöffnet hatte, wieder zugezogen.

»Ein vernehmbar bewegtes Wetter, in der Tat«, murmelte der Apotheker ›Zum wilden Mann‹ lächelnd und nach dem bestürmten Fenster horchend. In demselben Moment klang die Glocke der Haustür, und es wurde an das Schiebfenster der Offizin gepocht. Herr Philipp Kristeller erhob sich, stellte die Pfeife an den Stuhl und ging gebückt in seine Werkstatt. Kopfschüttelnd kam er nach einer viertelstündigen Arbeit im Berufe zurück; die Haustürglocke erklang von neuem, und eiligen Laufes entfernte sich jemand, durch die Wasserlachen der Landstraße dem Dorfe zuplatschend, ohne im geringsten auf seinen Weg Obacht zu haben.

Kopfschüttelnd nahm der Alte seinen Sitz wieder ein, zündete seine Pfeife von neuem an und sagte:

»Eine ungesunde Jahreszeit – ein Apothekerherbst. Gute Kasse, aber doch ein schlechtes Geschäft.«

Er seufzte dabei, und das Wort wie der Seufzer zeugten unstreitig von einem guten Herzen.

Nun saß er wieder einige Minuten, bis er plötzlich zusammenschrak:

»Mein Gott – ja aber – ist es denn so?!«

Er erhob sich von neuem hastig, schritt diesmal eilig in die Offizin, schloß ein Stehpult am Fenster auf, nahm ein Buch hervor und blätterte darin. Seine Finger zitterten, seine Lippen zuckten, er sah sich mehrere Male wie zweifelnd in dem aromatisch durchdufteten Raum um: es war kein Zweifel, jede Büchse und jedes Glasgefäß, mit oder ohne Totenkopf, befand sich noch auf seinem Platze. Der Apotheker Kristeller schloß das Buch, legte die Hand darauf und rief:

»Es ist wahrhaftig so! Es ist richtig; heute ist der Tag oder vielmehr der Abend. Es sind dreißig Jahre auf die Stunde – ein Jubiläum –, und ich hatte das vollständig, vollständig vergessen. Dorothea, Dorothea!«

»Lieber Bruder?« klang es draußen schrill.

Der Alte schritt in seiner Aufregung fünf Minuten lang auf und ab; dann war seine Geduld zu Ende. Er öffnete die Tür:

»Dorette, Dorette!«

»Was gibt es denn, Philipp?« ertönte es aus der Ferne. »Ich höre den Wind wohl; aber was kann man dagegen tun – Tür und Fenster sind verwahrt, und das übrige steht in Gottes Hand.«

»Ei, ei«, murmelte Herr Philipp und rief dann: »Es handelt sich nicht um Wind und Wetter. Komm doch einmal einen Augenblick herein, Dorothea!«

Es dauerte noch verschiedene Augenblicke, ehe das möglich war; aber zuletzt geschah es doch. Da war das Altjungfergesicht wieder und jetzt die ganze übrige Figur, und zwar mit einem über jeden höflichen Zweifel erhabenen Buckel zwischen den Schultern.

»Wir haben es augenblicklich ziemlich eilig in der Küche, lieber Philipp. Wünschest du etwas, bester Bruder?«

»Nein; aber heute vor dreißig Jahren um diese Stunde verkaufte ich in diesem Hause für den ersten Groschen Wundspiritus. Den Altvater Zimmermann – Gott habe ihn selig! – hatte der Gaul an die Hüfte geschlagen. Ich habe es mir notiert vor dreißig Jahren, und ich hatte es gänzlich vergessen – dem Lehnstuhle dort zum Trotz!«

»O du meine Güte!« rief das alte Fräulein und verschwand nach einigem, wie es schien, ratlosen Zögern, schlug dann aber die Tür um so heftiger hinter sich zu. Schon auf dem Hausflur wußte Fräulein Dorette Kristeller ganz genau, was sie zu tun habe, und man hatte für den ferneren Abend es noch um ein Bedeutendes eiliger in der Küche der Apotheke ›Zum wilden Mann‹.

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