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Zu vermieten

John Galsworthy: Zu vermieten - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleZu vermieten
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1925
translatorLuise Wolf
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectide6cc6f7a
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Viertes Kapitel

Das Mausoleum

Es gibt Häuser, deren Seelen in die Hölle der Zeit eingegangen sind, ihre Körper aber in der Hölle Londons zurückgelassen haben. Dies war nicht ganz der Fall bei Timothys Haus in der Bayswater Road, denn Timothys Seele stand noch mit einem Fuße in Timothy Forsytes Körper, und Smither sorgte mit Kampfer und Portwein dafür, daß die Atmosphäre unverändert blieb in dem Haus, dessen Fenster nur zweimal täglich geöffnet wurden, um zu lüften.

In der Vorstellung der Forsytes war das Haus jetzt eine Art von chinesischer Pillenschachtel, eine Serie von Lagern, auf deren letztem Timothy lag. Er war nicht zu erreichen, so wurde wenigstens von Familienmitgliedern berichtet, die aus alter Gewohnheit oder Zerstreutheit eines schönen Tages vorfuhren, um sich nach ihrem überlebenden Oheim zu erkundigen. So zum Beispiel von Francie, die sich jetzt völlig von Gott emanzipiert hatte (sie bekannte sich offen zum Atheismus), von Euphemia, die sich von dem alten Nicholas, und Winifred, die sich von ihrem »Mann von Welt« emanzipiert hatte. Schließlich war aber jedermann jetzt emanzipiert, oder sagte, daß er es sei – was vielleicht nicht ganz dasselbe war!

Als Soames daher am Morgen nach jener Begegnung auf seinem Wege zur Paddingtonstation dort vorsprach, geschah es kaum in der Erwartung, Timothy leibhaftig anzutreffen. Er spürte eine leise Regung im Herzen, während er in vollem Sonnenschein auf der frisch geweißten Schwelle des kleinen Hauses stand, wo einst vier Forsytes gelebt hatten und jetzt nur noch einer darin wohnte wie eine Winterfliege; des Hauses, wo Soames unzählige Male ein und aus gegangen, seiner Bündel von Familienklatsch beraubt oder damit beladen; des Hauses der »Alten« eines andern Jahrhunderts, eines andern Zeitalters.

Der Anblick Smithers – die immer noch bis an die Achselhöhlen geschnürt war, weil die neue Mode, die 1903 aufkam, von den Tanten Juley und Hester nie »anständig« gefunden wurde – rief eine blasse Freundlichkeit auf Soames' Lippen hervor. Smither, die in jeder Einzelheit noch getreu nach dem alten Muster ausgestattet war, ein unschätzbarer Dienstbote – wie es keine mehr gab – erwiderte das Lächeln mit den Worten: »Ach, das ist ja Mr. Soames, nach so langer Zeit! Wie geht es Ihnen denn, Sir? Mr. Timothy wird sich freuen, zu hören, daß Sie hier waren.«

»Wie geht es ihm?«

»Oh! er hält sich ziemlich für sein Alter: aber natürlich, er ist ein wunderbarer Mann. Wie ich schon Mrs. Dartie sagte, als sie zuletzt hier war: Es würde Miß Forsyte und Mrs. Juley und Miß Hester sicher freuen, zu sehen, wie ihm ein Bratapfel noch schmeckt. Aber er ist ganz taub. Und ein Glück ist das, denke ich immer. Denn was wir bei den Luftangriffen mit ihm angefangen hätten, weiß ich nicht.«

»Was habt ihr dabei denn mit ihm angefangen?«

»Wir ließen ihn ruhig in seinem Bett und hatten die Klingel bis in den Keller hinuntergeleitet, so daß die Köchin und ich hören konnten, wenn er klingelte. Es wäre unmöglich gewesen, ihn wissen zu lassen, daß Krieg war. Ich sagte zu der Köchin: ›Wenn Mr. Timothy klingelt, mögen sie tun, was sie wollen, ich gehe hinauf.‹ Meine lieben Damen hätten einen Anfall bekommen, wenn sie gesehen hätten, daß er klingelte und niemand zu ihm ging. Aber er schlief während aller Angriffe wunderschön. Und bei dem einen am Tage nahm er sein Bad. Es war wirklich ein Glück, denn er hätte all die Leute auf der Straße bemerken können, die alle in die Höhe schauten – er sah oft aus dem Fenster.«

»So ist es!« murmelte Soames. Smither wurde schwatzhaft! »Ich wollte mich nur umschauen und sehen, ob etwas zu tun ist.«

»Ja, Sir. Ich glaube, es ist nichts als ein Geruch von Mäusen im Speisezimmer, den wir nicht zu beseitigen wissen. Merkwürdig, daß er da ist, denn es ist kein Krümchen darin, da Mr. Timothy seit Anfang des Krieges nicht mehr herunterzukommen pflegt. Aber es sind garstige kleine Dinger, man weiß nie, wo sie einen das nächste Mal fassen.«

»Verläßt er sein Bett zuweilen?«

»O ja, Sir; er macht morgens fleißig Bewegung zwischen Bett und Fenster, um keinen Luftwechsel zu riskieren. Und er fühlt sich ganz behaglich, nimmt jeden Tag regelmäßig sein Testament vor. Es ist ihm ein großer Trost.«

»Nun, Smither, ich möchte ihn gern sehen, wenn ich kann, für den Fall, daß er mir etwas zu sagen hat.«

Smither errötete über ihrem Schnürleib.

»Das wird aber ein Ereignis sein!« sagte sie. »Darf ich Ihnen das Haus zeigen, Sir, während ich die Köchin hinaufschicke, es ihm zu sagen?«

»Nein, gehen Sie zu ihm«, sagte Soames. »Ich kann mir das Haus allein ansehen.«

Man durfte vor andern seine Empfindungen nicht zeigen, und Soames fühlte, daß er anfing sentimental zu werden, während er durch die Räume ging, die so vollgesogen mit Vergangenheit waren. Als Smither aufgelöst vor Aufregung ihn verlassen hatte, trat Soames ins Speisezimmer und schnupperte; seiner Meinung nach waren es nicht Mäuse, sondern beginnende Holzfäule, und er untersuchte die Täfelung. Ob es sich lohnte, sie streichen zu lassen bei Timothys Alter? Das Zimmer war immer das modernste im ganzen Hause gewesen, und ein leises Lächeln kräuselte Soames' Lippen und Nasenflügel. Wände von reichem Grün über dem Eichengesims, ein schwerer Metallkronleuchter hing an einer Kette von der Decke herab, die durch imitierte Balken geteilt war. Die Bilder hatte Timothy vor sechzig Jahren einmal spottbillig bei Jobson gekauft – drei Snyders' »Stilleben«, zwei schwach kolorierte Zeichnungen von einem Knaben und einem Mädchen, sehr hübsch, die mit »J. R.« gezeichnet waren – Timothy hatte immer geglaubt, sie würden sich als Werke von Joshua Reynolds entpuppen, aber Soames, der sie bewunderte, hatte entdeckt, daß sie nur von John Robinson waren, und ein zweifelhafter Morland, ein weißes Pony, das beschlagen wird. Tiefrote Plüschvorhänge, zehn hochlehnige dunkle Mahagonistühle mit tiefroten Sitzen, ein türkischer Teppich und ein Mahagonitisch, der so groß war wie das Zimmer klein, das war die Einrichtung, deren Soames sich, unverändert an Körper und Seele, seit seinem vierten Jahr erinnern konnte. Er betrachtete hauptsächlich die beiden Zeichnungen und dachte: »Ich werde sie aus dem Nachlaß kaufen.«

Aus dem Speisezimmer ging er in Timothys Arbeitszimmer. Er erinnerte sich nicht, jemals in dem Raume gewesen zu sein. Er war vom Boden bis zur Decke mit Büchern angefüllt, und Soames betrachtete sie mit Neugierde. Eine Wand schien Erziehungsbüchern gewidmet, die Timothys Firma vor zwei Generationen veröffentlicht hatte – mitunter zwanzig Exemplare desselben Buches. Soames las ihre Titel und schauderte. An der Mittelwand standen genau dieselben Bücher, die in der Bibliothek seines Vaters in Park Lane zu stehen pflegten, woraus er schloß, daß James und sein jüngster Bruder eines Tages wohl zusammen ausgegangen waren und einen Haufen kleiner Bibliotheken aufgekauft hatten. Der dritten Wand näherte er sich mit größerer Spannung. Hier würde sich doch wohl Timothys eigener Geschmack finden. So war es. Die Bücher waren Attrappen. Die vierte Wand nahmen nur die mit schweren Vorhängen versehenen Fenster ein. Und davor stand ein großer Lehnstuhl, an dem ein Mahagonipult befestigt war, auf dem gelblich und zusammengefaltet die »Times« vom 6. Juli 1914, dem Tag, an dem Timothy zum ersten Male nicht heruntergekommen war, wie in Vorbereitung auf den Krieg noch auf ihn zu warten schien. In einer Ecke stand ein großer Globus von der Welt, die Timothy nie betreten hatte, weil er die tiefe Überzeugung hegte, daß außerhalb Englands alles unreell sei, und er einen wahren Abscheu vor der See empfand, auf der er an einem Sonntagnachmittag im Jahre 1836 in einem Vergnügungsboot in Brighton mit Juley, Hester, Swithin und Hatty Cheßman sehr krank gewesen war; und zwar hatte er das Swithin zu verdanken, der sich immer solche Dinge in den Kopf setzte, zum Glück aber ebenfalls krank gewesen war. Soames kannte die Geschichte ganz genau, da er sie mindestens fünfzigmal gehört hatte. Er trat an den Globus und ließ ihn sich drehen; ein leises Knarren war zu hören, er bewegte sich etwa einen Zoll weiter und brachte dabei ein langbeiniges Insekt in seinen Gesichtskreis, das auf dem vierundvierzigsten Breitengrad verendet war.

»Mausoleum!« dachte er. »George hat recht!« Dann ging er hinaus und die Treppe hinauf. Auf dem halben Absatz blieb er vor dem Kasten mit den ausgestopften Kolibris stehen, die ihn in seiner Kindheit entzückt hatten. Sie sahen nicht einen Tag älter aus, wie sie da an Drähten über dem Pampasgras hingen. Öffnete man den Kasten, würden die Vögel nicht zu summen anfangen, sondern das ganze Ding würde wohl zerfallen, nahm er an. Es hatte keinen Wert, ihn mit in den Nachlaß aufzunehmen! Und plötzlich fiel ihm Tante Ann ein – die liebe alte Tante Ann –, die ihn vor dem Kasten bei der Hand hielt und sagte: »Sieh her, Soamey! Sind sie nicht hübsch und lustig, die summenden kleinen Kolibris?« Und Soames erinnerte sich seiner eigenen Antwort: »Sie summen ja nicht, Tantchen.« Er mußte damals sechs Jahre alt gewesen sein, in einem schwarzen Samtanzug mit hellblauem Kragen – er erinnerte sich des Anzugs noch ganz gut. Tante Ann mit ihren Ringellocken, ihren gütigen hageren Händen und ihrem ernsten alten Lächeln – eine feine alte Dame, diese Tante Ann! Er ging weiter an die Tür des Wohnzimmers. Da hingen zu beiden Seiten davon die Gruppen der Miniaturen. Die allerdings würde er mit einkaufen! Die Miniaturen seiner vier Tanten, eine seines Onkels Swithin als junger Mann und eine seines Onkels Nicholas als Knabe. Sie waren alle von einer der Familie befreundeten jungen Dame zu gleicher Zeit gemalt, etwa um 1830, wo Miniaturen als etwas sehr Feines und auch Haltbares angesehen wurden, da sie auf Elfenbein gemalt waren. So manches Mal hatte er die Geschichte der jungen Dame gehört: »Sie war sehr begabt, mein Lieber, sie hatte geradezu eine Schwäche für Swithin, und sehr bald danach wurde sie schwindsüchtig und starb: ganz wie Keats – wir sprachen oft davon.«

Ja, das waren sie! Ann, Hester, Juley, Susan – als ganz kleines Kind; Swithin, mit himmelblauen Augen, rosigen Wangen und gelben Locken, in einer weißen Weste, die viel zu groß für ihn war, und Nicholas, wie Kupido, mit Augen, die gen Himmel blickten. Jetzt erst fiel es ihm ein, Onkel Nick hatte immer etwas davon gehabt – ein wundervoller Mann bis zuletzt. Ja, sie mußte Talent besessen haben, und Miniaturen hatten immer ihr eigen unvergängliches Gepräge und waren wenig abhängig von dem Wettringen an der Börse der Ästhetik. Soames öffnete die Wohnzimmertür. In dem Zimmer war alles abgestaubt, die Möbel unbedeckt, die Vorhänge zurückgezogen, genau, als weilten seine Tanten noch geduldig wartend darin. Und ihm kam ein Gedanke: »Wenn Timothy starb – weshalb nicht? Wäre es nicht beinahe eine Pflicht, dieses Haus zu erhalten – wie Carlyles –, eine Tafel anzubringen und es zu zeigen? ›Muster einer Wohnung aus der viktorianischen Zeit. – Eintritt ein Schilling, mit Katalog.‹« Es war eigentlich die vollkommenste Sache und vielleicht die toteste im heutigen London. Vollkommen hinsichtlich des speziellen Geschmacks und der Kultur, das heißt, wenn er die vier Barbizons, die er ihnen geschenkt, herunternahm und sie in seiner eigenen Sammlung unterbrachte. Die noch himmelblauen Wände, die grünen, mit roten Blumen und Farnen gemusterten Vorhänge, der gestickte Wandschirm vor dem gußeisernen Kaminrost, der Mahagonischrank mit Glasscheiben, voll kleiner Nippsachen, die mit Perlen gestickten Fußbänke, Keats, Shelley, Southey, Cowper, Coleridge, Byrons »Korsar« (sonst nichts von ihm) und die Dichter der viktorianischen Zeit in einer Reihe auf dem Bücherbrett, der eingelegte Schrank, mit stumpfem rotem Plüsch ausgelegt, voll von Familienreliquien, Hesters erstem Fächer, den Schnallen von ihres Vaters und ihrer Mutter Schuhen, drei Skorpionen in Flaschen und einem sehr gelben Elefantenzahn, den ihr Großonkel, Edgar Forsyte, der in Jute gehandelt, aus Indien geschickt hatte, einem Stück gelben Papiers mit spinnenähnlicher Schrift darauf, die Gott weiß was enthielt! Und die vielen Bilder an den Wänden – alles Aquarelle, außer jenen vier Barbizons, die wie Fremdlinge darunter wirkten, die sie auch waren, und zweifelhafte Kunden dazu – heitere, illustrative Bilder, »Bei den Bienen«, »Juchhe, da kommt die Fähre!« und zwei im Stile von Frith, alle mit Taschenspielern und Krinolinen, die Swithin ihnen geschenkt. Ach! Viele, viele Bilder, die Soames tausendmal voll überlegenen Entzückens angeschaut, eine wunderbare Sammlung glatter, matt vergoldeter Rahmen.

Und das Boudoirpiano, schön abgestaubt, hermetisch verschlossen wie immer, und Tante Juleys Album mit gepreßten Seenesseln darauf. Und die Stühle mit den vergoldeten Beinen, die stärker waren, als sie aussahen. Und an einer Seite des Kamins das Sofa, aus karmesinfarbener Seide, wo Tante Ann und nach ihr Tante Juley zu sitzen gewohnt war, dem Licht gegenüber und gerade aufrecht. Und an der anderen Seite des Kamins der einzige wirklich bequeme Armsessel, mit dem Rücken zum Licht, für Tante Hester. Soames blickte umher, er meinte sie dort sitzen zu sehen. Ah! Und die Atmosphäre – selbst jetzt noch, von allerlei Stoffen, gewaschenen Spitzen und Gardinen, Lavendel in Beuteln und getrockneten Bienenfiügeln. »Nein«, dachte er, »dergleichen gibt es nicht noch einmal, das müßte bewahrt bleiben.« Und mochten sie darüber lachen, aber als Standard schlichten vornehmen Lebens, von dem man niemals abwich, als Muster des Geschmacks für Auge, Nase und Gefühl trug es den Sieg davon über das Heute – das Heute mit seinen Untergrundbahnen und Automobilen, seinem unaufhörlichen Rauchen, seinen jungen Mädchen mit den bis zur Taille entblößten Nacken, den übereinandergeschlagenen Beinen, die bis zu den Knien sichtbar waren (eine Augenweide für den Satyr in jedem Forsyte, aber kaum seine Vorstellung von einer Dame), mit ihren Füßen, die sie beim Essen um die Stuhlbeine schlangen, ihrem Gekicher und albernen Redensarten – Mädchen, die ihn schaudern machten, wenn er sich Fleur in Kontakt mit ihnen dachte; und mit den streng blickenden tüchtigen älteren Frauen, die selbständig waren und ihn ebenfalls schaudern machten. Nein! Seine alten Tanten hatten, wenn sie auch niemals ihre Herzen, ihre Augen oder sehr viel ihre Fenster öffneten, doch wenigstens Manieren und einen Standard und Ehrfurcht vor der Vergangenheit und Zukunft.

Mit einem beklemmenden Gefühl schloß er die Tür und ging auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf. Er schaute unterwegs in einen Raum hinein: Hm! in vollkommener Ordnung seit den achtziger Jahren, mit einer Art von gelbem Ölpapier an den Wänden. An der Treppe oben zögerte er zwischen vier Türen. Welche von ihnen war Timothys? Und er lauschte. Ein Geräusch, als wenn ein Kind langsam sein Steckenpferd hinter sich herzöge, traf sein Ohr. Das mußte Timothy sein! Er klopfte, und eine Tür wurde von Smither geöffnet, die sehr rot im Gesicht war.

Mr. Timothy mache seinen Spaziergang, und sie sei noch nicht imstande gewesen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wenn Mr. Soames in das Hinterzimmer kommen wolle, könne er ihn durch die Tür sehen.

Soames ging in das Hinterzimmer und beobachtete ihn.

Der Letzte der alten Forsytes schritt mit nachdrücklichster Langsamkeit und einer Miene vollkommenster Hingabe für sein Unternehmen zwischen dem Fußende seines Bettes und dem Fenster, einer Entfernung von etwa zwölf Fuß, hin und her. Den unteren Teil seines eckigen Gesichts, das nicht mehr glatt rasiert war, bedeckte ein schneeiger Bart, der so kurz wie möglich geschnitten war, und sein Kinn sah so breit aus wie seine Stirn, wo das Haar ebenfalls ganz weiß war, während Nase, Wangen und Stirn eine gute gelbliche Farbe hatten. In einer Hand hielt er einen dicken Stock, und die andere faßte in die Falten seines Jägerschlafrocks, unter dem seine Knöchel in Bettsocken und die Füße in Jägerpantoffeln sichtbar waren. Der Ausdruck in seinem Gesicht glich dem eines eigensinnigen Kindes, das erpicht auf etwas ist, das es nicht bekommen hat. Jedesmal, wenn er sich umwandte, stieß er mit dem Stocke auf und zog ihn dann hinter sich her, wie um zu zeigen, daß er ohne ihn fertig wurde.

»Er sieht noch kräftig aus«, sagte Soames leise.

»O ja, Sir. Sie sollten ihn sein Bad nehmen sehen – es ist wunderbar; er genießt es so.«

Diese ganz lauten Worte waren eine Bestätigung für Soames' Annahme, daß Timothy völlig kindisch geworden war.

»Nimmt er irgendein Interesse an den Dingen im allgemeinen?« fragte Soames ebenfalls laut.

»O ja, Sir, an seinem Essen und an seinem Testament. Es ist ganz erstaunlich, ihn es immer wieder umwenden zu sehen, nicht um es zu lesen, natürlich; und alle Augenblick fragt er nach dem Preis von Konsols, und ich schreibe es dann sehr groß für ihn auf eine Tafel. Natürlich schreibe ich immer dasselbe, wie sie waren, als er im Jahre 1914 zuletzt Notiz davon nahm. Wir veranlaßten den Arzt, ihm das Zeitungslesen zu verbieten, als der Krieg ausbrach. Oh! er war zuerst außer sich darüber. Aber bald gab er nach, weil er wußte, daß es ihn ermüdete; und er ist wunderbar in dem Bemühen, seine Energie zu bewahren, wie er es zu nennen pflegte, als meine lieben Damen noch lebten; Gott segne sie! Wie ärgerlich er oft über sie gewesen ist; sie waren immer so geschäftig, wenn Sie sich erinnern, Mr. Soames.«

»Was würde geschehen, wenn ich hineinginge?« fragte Soames. »Würde er mich erkennen? Ich setzte sein Testament auf, wie Sie wissen, als Miß Hester im Jahre 1907 starb.«

»Ach, Sir«, erwiderte Smither zweifelnd, »darüber kann ich nichts sagen. Ich glaube, es wäre möglich, er ist wirklich ein wundervoller Mensch für sein Alter.«

Soames ging in die Türöffnung und wartete, bis Timothy sich umdrehte, dann sagte er mit lauter Stimme: »Onkel Timothy!«

Timothy stapfte den halben Weg zurück und hielt inne.

»Eh?« sagte er.

»Soames«, rief Soames mit hoher Stimme und streckte die Hand aus, »Soames Forsyte!«

»Nein!« sagte Timothy, und mit seinem Stock laut auf den Boden stoßend, setzte er seinen Gang fort.

»Es scheint nicht zu wirken«, sagte Soames.

»Nein, Sir«, erwiderte Smither ziemlich verzagt; »Sie sehen, er hat seinen Spaziergang noch nicht beendet. Ihn beschäftigt immer nur eine Sache zur selben Zeit. Ich bin überzeugt, daß er mich heute nachmittag fragen wird, ob Sie wegen des Gaslichts gekommen wären, und es wird schwer sein, es ihm verständlich zu machen.«

»Glauben Sie, daß er einen Mann um sich haben müßte?«

Smither hob abwehrend die Hände. »Einen Mann! O nein! Die Köchin und ich werden vollkommen fertig mit ihm. Ein Fremder um ihn würde ihn in kürzester Zeit wahnsinnig machen. Und meine Damen hätten den Gedanken, einen Mann im Hause zu haben, nicht gemocht. Außerdem sind wir so stolz auf ihn.«

»Ich nehme an, daß der Doktor zu ihm kommt?«

»Jeden Morgen. Er gibt seine bestimmten Anweisungen, und Mr. Timothy ist so gewöhnt daran, daß er es gar nicht beachtet, außer daß er die Zunge herausstreckt.«

Soames wandte sich ab. »Es ist sehr traurig und schmerzlich für mich«, sagte er.

»Oh, Sir!« erwiderte Smither besorgt, »so dürfen Sie nicht denken. Jetzt, wo er sich über nichts mehr ärgern kann, genießt er sein Leben so recht, wirklich, das tut er. Wie ich schon zu der Köchin sagte, Mr. Timothy ist zufriedener, als er je gewesen. Wenn er nicht badet, sehen Sie, oder seinen Spaziergang macht, ißt er, und wenn er nicht ißt, schläft er; so ist es. Er hat keine Sorgen und keinen Schmerz.«

»Nun«, sagte Soames, »das ist wahr. Ich will hinuntergehen. Übrigens, lassen Sie mich das Testament sehen.«

»Dazu muß ich meine Zeit abwarten, Sir; er hat es unter seinem Kopfkissen, und er würde mich sehen, solange er noch auf ist.«

»Ich möchte nur wissen, ob es dasjenige ist, das ich aufgesetzt habe«, sagte Soames, »sehen Sie irgendwann einmal nach dem Datum und lassen Sie mich's wissen.«

»Ja, Sir, aber ich bin sicher, daß es dasselbe ist, weil die Köchin und ich Zeugen waren, wenn Sie sich erinnern, und da stehen noch unsere Namen, und wir haben es nur einmal getan.«

»Ganz recht«, sagte Soames. Er erinnerte sich. Smither und Jane waren richtige Zeugen gewesen, aber es war ihnen nichts in dem Testament vermacht, so daß sie kein Interesse an dem Tode Timothys haben konnten Es war – das sah er völlig ein – eine fast ungebührliche Vorsicht gewesen, aber Timothy hatte es so gewünscht, und übrigens hatte Tante Hester reichlieh für sie gesorgt.

»Sehr gut, Smither«, sagte er, »leben Sie wohl. Sehen Sie nach ihm, und wenn er irgendwann etwas sagen sollte, schreiben Sie es auf und lassen Sie es mich wissen.«

»O ja, Mr. Soames, das werde ich sicher tun. Es war eine so angenehme Abwechslung, Sie zu sehen. Die Köchin wird ganz aufgeregt sein, wenn ich es ihr erzähle.«

Soames schüttelte ihr die Hand und ging hinunter. Er blieb volle zwei Minuten an dem Hutständer stehen, wo er seinen Hut so viele Male aufgehängt hatte. »So geht alles dahin«, dachte er, »vergeht und beginnt aufs neue. Armer alter Kerl!« Und er horchte, ob vielleicht das Geräusch von Timothys Nachschleppen seines Steckenpferdes die Treppen herunter zu hören war oder der Geist eines alten Gesichts sich über dem Geländer zeigte und eine alte Stimme sagte: »Ach, das ist ja der liebe Soames, und wir sprachen gerade davon, daß wir ihn seit einer Woche nicht gesehen!«

Nichts – nichts! Nur der Geruch von Kampfer und Staubkörnchen in einem Sonnenstrahl durch das fächerartige Fenster über der Tür. Das kleine alte Haus! Ein Mausoleum! Dann riß er sich los und ging, um einen Zug noch zu erreichen.

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